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Jahrgang 2010 Nummer 8

Ein Ausflug in die Ramsau bei Berchtesgaden

Vom Hintersee zum Zauberwald und zur Kunterwegkirche

Der Hintersee schließt das bewaldete Ramsauer Tal ab

Der Hintersee schließt das bewaldete Ramsauer Tal ab
Die Ramsauer Pfarrkirche St. Sebastian

Die Ramsauer Pfarrkirche St. Sebastian
Die Kunterwegkirche wurde 1731 bis 1733 vom Salzburger Hofbaumeister
Sebastian Stumpfegger erbaut.

Die Kunterwegkirche wurde 1731 bis 1733 vom Salzburger Hofbaumeister Sebastian Stumpfegger erbaut.
Heute haben wir uns einen Ausflug in den, mit seiner Barockkirche berühmten, Gebirgsort Ramsau und zum Hintersee und zur Kunterwegkirche vorgenommen. Ramsau erreichen wir von Traunstein im Norden oder von Berchtesgaden im Süden aus jeweils über die Deutsche Alpenstraße B 305, die ihres landschaftlichen Reizes wegen besonders hervorzuheben ist. Die steilen Felswände über den Wäldern, das imposante Felsentor und die geschliffenen Felsformationen im Gletschergarten, die einen geologisch interessanten Einblick in die erdgeschichtliche Vergangenheit der Alpen bieten, bilden ein Bergpanorama von eindrucksvoller Schönheit.

10 km nach Berchtesgaden weist ein Verkehrszeichen die Straße nach Ramsau aus. Die zum Ende der Eiszeit abschmelzenden Gletscher haben die Ramsau parallel zu dem zum Königssee führenden Tal geprägt. Am Ende der Täler sind der Königssee und der Hintersee als Rückstand eiszeitlicher Gletscher verblieben.

Täler waren für die Menschen der Frühzeit als ein von Natur aus geschützter Lebensraum schon immer ein bevorzugter Siedlungsort. Auch im Tal der Ramsauer Ache ist die Ansiedlung von Menschen schon zu Beginn des 12. Jahrhunderts historisch greifbar. Sie steht im Zusammenhang mit der Gründung der Fürstpropstei Berchtesgaden 1102. Die Klostergründung der Augustiner Chorherrn war darauf angelegt, das umgebende Land urbar zu machen, d. h. durch Waldrodung und Ackerbau zu kultivieren.

Die Ramsau lieferte den Salzsiedern das Holz

Das hat sich offensichtlich auch als zukunftsträchtige Vision erwiesen. Als im Mittelalter die Salzsiederei zum einträglichen Geschäft geworden war, war Holz zum Anheizen der Sudpfannen notwendig. Der Wald im Ramsauer Tal war reich an dem für den Salinenbetrieb nötigen Rohstoff. Das Wappen der Gemeinde Ramsau zeigt den hl. Vinzenz, den Schutzpatron der Holzfäller, mit einer Axt und einem Grielbeil in der Hand. Das Grielbeil wurde beim Triften der entrindeten Baumstämme verwendet. Die Bedeutung der Holzzufuhr für die Berchtesgadener Saline ist aus mittelalterlicher Sicht nicht hoch genug einzuschätzen. Salz war ein wirtschaftlich bedeutender Rohstoff. »Ohne Gold kann man leben, nicht aber ohne Salz«, hieß es in einem Sprichwort aus dieser Zeit.

Der Weg für die Holztransporte folgte dem alten Handelsweg im Ramsauer Tal, der schon seit alters her genutzt wurde und das Tal über den Hirschbichl mit dem Pinzgau im Süden verband. Ein Vergleich mit der siedlungsgeschichtlichen Entwicklung des vom Königssee abgeschlossenen Tales lässt den Vorteil des nach Süden offenen Handelsweges erkennen,

So konnte sich die seit 1818 selbstständige Gemeinde zu einem weithin bekannten und bedeutenden Fremdenverkehrsort entwickeln. Freilich gab es auch einen bemerkenswerten Stolperstein auf diesem Weg. In den 50er Jahren ließ der Forstmeister Georg Küßwetter mit seinen Gehilfen mehrere Berghütten anzünden, um seinen Bereich vor einem unerwünschten Zustrom von Fremden zu bewahren. Nach seiner Verurteilung durch das Landgericht Traunstein sind die Berghäuser wieder aufgebaut worden und Küßwetter ist in Vergessenheit geraten.

Das berühmte Bild der Ramsauer Pfarrkirche

Dass Ramsau nicht nur in vielen Bildern von berühmten Malern im 19. Jahrhundert verewigt wurde und heute als vielfach fotografiertes und kopiertes Motiv überall bekannt ist, ist der an der ehemaligen Salzstraße gelegenen Pfarrkirche St. Sebastian zu verdanken. Das Bild der über der Ramsauer Ache stehenden Barockkirche mit dem Bergmassiv der Reiteralpe im Hintergrund vereinigt alles, was man sich als Prototyp einer idealen Gebirgslandschaft vorstellen mag.

Da steht vor der Kulisse eines gewaltigen Bergpanoramas eine Barockkirche, die mit dieser eine harmonische Einheit bildet. Die an der Kirche vorbeifließende Ramsauer Ache unterstreicht die Waagrechte im Vordergrund. Der in die Höhe strebende Kirchturm betont die Vertikale und den Kontrast zur Felswand im Hintergrund. Vielleicht haben die Bauleute diese Harmonie von Kunst und Natur erahnt, als sie dem Turm der schon 1512 erbauten, ursprünglich gotischen Kirche im Barock eine zweifache Zwiebelhaube aufgesetzt haben. Es ging ihnen wohl um die Verherrlichung Gottes in einer von besonderer Schönheit geprägten Natur.

In der Pfarrkirche St. Sebastian wirkte übrigens Pfarrer Josef Mohr, der Textdichter des Weihnachtsliedes »Stille Nacht«. Wenn auch Oberndorf bei Salzburg als Entstehungsort des bekannten Weihnachtsliedes gilt, lassen es sich die Ramsauer doch nicht nehmen, dass Pfarrer Mohr schon in ihrer Kirche die Inspiration zu dem Lied hatte.

Hintersee und Zauberwald sind durch Felsstürze entstanden

An der Ramsauer Kirche St. Sebastian vorbei, folgen wir der alten Handelsstraße, die schon von den Salzsäumern als Weg nach Süden genutzt wurde. Nach 7 km schließt der Hintersee das bewaldete Tal ab. Seine geologische Entstehung verdankt der See einem Felssturz vor ca. 3500 Jahren, durch den der Klausbach aufgestaut wurde. Später wurde der Bach um den See herumgeleitet, um eine Verlandung zu verhindern. Dennoch hat der See heute nur noch ein Drittel seiner ursprünglichen Fläche. Am Ende des Sees mündet der Klausbach in die Ramsauer Ache.

Im 19. Jahrhundert waren der See und seine Umgebung ein bevorzugtes Motiv berühmter Maler. Bei einem Spaziergang am Seeufer werden wir an 12 Plätzen durch Tafeln und Bilder an die Maler erinnert, die hier ihre Eindrücke auf der Leinwand festgehalten haben. Dem Betrachter soll so ein Vergleich der Motive der Maler mit der Natur ermöglicht werden.

Bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts mieden die Menschen die Berge, die sie mit bösen Geistern besetzt glaubten. Die steilen, in den Spitzen von Wolken umhüllten Berge schickten Felsstürze und Lawinen zu Tal und ängstigten damit die Menschen. Erst die Romantik öffnete den Menschen die Augen für die Schönheit der Berge und eben auch den Malern in der Künstlerkolonie am Hintersee.

Die aus dem See herausragenden Felsblöcke, die ein Felssturz vom Hochkalter vor etwa 3500 Jahren zu Tal donnern ließ, sind Zeugnisse der Gewalt der Natur, vor der das Leben der Menschen klein und zerbrechlich erscheint. Mit diesen Gedanken sind wir zum Ende des Sees und zu der den Zauberwald durchfließenden Ramsauer Ache gekommen. Der Zauberwald ist auf einer Fläche von 0, 75 Quadratkilometern von Felsblöcken unterschiedlicher Größe bedeckt, die von dem schon erwähnten Felssturz herrühren. Es scheint so, als hätten böse, den Menschen feindselig gesinnte Mächte die Felsen oben aus der Wand des Hochkalter herausgebrochen und ins Tal donnern lassen. War es eine Strafe für eine böse Tat? Wer weiß schon, welches Geheimnis sich hinter den Felsen im Zauberwald verbirgt?

Themenwanderweg vom Hintersee zur Kunterwegkirche

Vom Hintersee aus führt der 10 km lange Themenwanderweg nach Ramsau, auf dem auf 13 Bildtafeln geschichtliche und geologische Besonderheiten der Landschaft erklärt werden. Von dem mit Bus oder Auto erreichbaren Weiler Binderkreuz wandern wir eine knappe halbe Stunde am Ramsauer Mühlsteinweg entlang und betrachten dabei einige Tafeln am Wegrand.

Der Mühlstein ist nach dem Nagelfluhgestein benannt, das in Steinbrüchen abgebaut und als Baumaterial Verwendung fand. Die Gebirgsbäche in der Ramsau, die auch vom Schmelzwasser des Blaueisgletschers gespeist werden, lieferten die Wasserkraft für die 27 Mühlen, die noch im 18. und 19. Jahrhundert in Betrieb waren. In diesen Mühlen wurde das Getreide zwischen zwei aufeinander liegenden, runden Steinen gemahlen. Am Kunterweggraben belehrt uns eine Tafel über die Bedeutung des Totholzes für den Kreislauf der Natur. Die durch Pilze zersetzten, abgestorbenen Bäume bilden die Lebensgrundlage für nachwachsende Bäume und Pflanzen und halten so den Kreislauf der Natur aufrecht.

Die Kunterwegkirche, ein Juwel des Rokoko

Bald nach der Gedenktafel für einen hier verstorbenen Postboten stehen wir vor der Wallfahrtskirche Maria am Kunterweg. Der eindrucksvolle Bau mit schindelgedeckten Kuppeldächern und zwei Türmen fällt aus dem Rahmen der sonst üblichen Barockkirchen des 18. Jahrhunderts. Der Sage nach kam es an dem Waldweg, auf dem das Kleinvieh (Kunter genannt) getrieben wurde, zu »nächtlichen, furchtsamen Spukgesichtern«. Um dem Spuk ein Ende zu bereiten, wurde zunächst das Gnadenbild der Muttergottes aus der Pfarrkirche in einer Felsnische und später in einer kleinen Kapelle aufgestellt. Die Muttergottes hat, wie später bei den Gebeten der Wallfahrer, zum ersten Mal geholfen. Der Spuk war vorbei. 1731 bis 1733 wurde an Stelle der alten Kapelle vom Salzburger Hofbaumeister Sebastian Stumpfegger die heutige Barockkirche erbaut, die ihrer prächtigen Einrichtung wegen dem Rokoko zuzurechnen ist. Die sich entwickelnde Wallfahrt fand bald großen Zuspruch.

Das Barock in der Mitte des 18. Jahrhunderts liebte prächtig ausgestattete Kirchen, für die vor dem Kassensturz der Säkularisation noch genügend Geld vorhanden war. Viele Kirchen im Salzburger Umland wurden in dieser Zeit barock umgestaltet. In den von Licht, Farbe und dynamischen Stuckformen geprägten Kirchenraum wurden prunkvolle Altäre hineingestellt. Diesem Muster folgte auch der Salzburger Hofbaumeister Stumpfegger bei der Rokoko- Ausschmückung der Kunterwegkirche.


Der Hochaltar ist eine Bühne für die aus der alten Kapelle übernommene Marienstatue. Die Himmelskönigin in einem prächtigen Kleid sehen wir auf einem Thron mit dem Zepter in der Hand. Ebenso wie der Jesusknabe zu ihrer Rechten trägt sie eine Krone auf dem Haupt. Im Mittelteil des Altars halten Engel das Bild der Dreifaltigkeit, auf dem Christus mit der Rechten die Erdkugel berührt. Der bis in die Kuppel reichende Baldachin unterstreicht den Bühnenaufbau des Altars.

Die Vertreibung der Salzburger Exulanten

Bemerkenswert ist das Deckenbild, das in einem schwingenden Stuckrahmen die Immaculata über dem Stift Berchtesgaden zeigt. In zwei Chronogrammen sind die Jahreszahlen 1732 und 1733 zu sehen. Am unteren Bildrand schleudern Engel auf die auch aus der Ramsau vertriebenen Protestanten. Das Bild erinnert an die nicht gerade ruhmreiche Vertreibung der Berchtesgadener Exulanten, deren Schicksal mit dem der Salzburger Exulanten vergleichbar ist. Im Zuge der Gegenreformation vertrieben die Salzburger Erzbischöfe die Protestanten aus dem Land. Von jesuitischen Missionaren wurde auch Gewalt angewandt. Mehr als 30 000 Protestanten wurden aus Salzburg vertrieben und fanden in Preußen und Amerika eine neue Heimat. Dabei verloren viele ihr Leben. Das Deckenbild in der Kunterwegkirche ist ein Beleg dafür, dass die Salzburger Erzbischöfe die Vertreibung der Protestanten als gottgefälliges Werk betrachteten.

Mit dem Besuch der Kunterwegkirche hat unser Ausflug in die Ramsau einen krönenden Abschluss gefunden. In dem von der Natur mit Schönheit reich beschenkten Tal haben die Bewohner auch ihre Liebe zur Kunst entdeckt. In der Pfarrkirche St. Sebastian und in der Kunterwegkirche haben die Ramsauer ein die Zeiten überdauerndes Zeichen gesetzt.

Dieter Dörfler

Benutzte Literatur:
Internet Wikipedia Ramsau
Kirchenführer Kunterwegkirche
Alle Bilder Tourist-Info Ramsau



08/2010