Jahrgang 2009 Nummer 38

Dr. Eduard Hamm, ein aufrechter Demokrat

Er wurde 1944 in Reit im Winkl von den Nazis verhaftet und starb in Berlin

Das Bild (aus Familienbesitz) zeigt Eduard Hamm und stammt aus dem Biographienband »Das Gewissen entscheidet«.

Das Bild (aus Familienbesitz) zeigt Eduard Hamm und stammt aus dem Biographienband »Das Gewissen entscheidet«.
Eduard Hamm, rechts, neben seiner Frau Maria, seinem Sohn Hans und Tochter Gertrud. Aufgenommen hat das Bild Tochter Fride. Die

Eduard Hamm, rechts, neben seiner Frau Maria, seinem Sohn Hans und Tochter Gertrud. Aufgenommen hat das Bild Tochter Fride. Die Familie ist 1931 beim Bergwandern am Immenstädter Horn unweit des Alpsees.
Das Bild von Ernst Hahn wurde an der Stelle aufgenommen, wo ihm als zehnjährigen Buben sein Fußball auf die Straße rollte und de

Das Bild von Ernst Hahn wurde an der Stelle aufgenommen, wo ihm als zehnjährigen Buben sein Fußball auf die Straße rollte und deshalb die Limousine der Gestapo anhalten musste.

Fride Krug ist eine zierliche, kleine Frau, eine »Dame der alten Schule«, wie eine ihrer Töchter sie beschreibt. Zum Gesprächstermin hat sie sich ein klein wenig verspätet, sie bittet höflich um Nachsicht deswegen, schnell könne »sie die Treppe nur noch rückwärts herunter gehen«. Nur für ein paar Tage ist die 95-Jährige zu Besuch im Reit im Winkler Ortsteil Oberbichl, ihrer »Heimat« wie sie sagt, obwohl sie nur von 1932 bis 1938 hier durchgängig gelebt hat. Und doch hat sie an diesen Ort tiefgreifende Erinnerungen: An das Bauernhaus, durch das bis zum Jahr 1844 genau in der Mitte des Gebäudes die Grenzlinie zwischen Tirol und Bayern verlief. An die manchmal lange und anstrengende Arbeit auf dem Hof, den die Familie 1932 erworben hatte, an das Familienleben mit der älteren Schwester und dem kranken Bruder, besonders an »wunderbare Weihnachtsfeste, als wir mit der Stalllaterne durch tiefen Schnee in die Christmette gegangen sind«.

Die wohl schmerzlichste Erinnerung aber geht zurück auf das Jahr 1944. Damals, Anfang September, half sie wie so oft auf dem elterlichen Bauernhof mit. Auf einer Wiese auf der anderen Seite des Tals jenseits der Lofer hatte sie zu tun, ehe sie sich auf den Heimweg machte. Es war dies der Tag für ihre Familie, »mit dem wir lange schon gerechnet hatten und doch immer hofften, er würde nie kommen«. Als sie unweit des elterlichen Bauernhauses, des »Boarhofs« auf ihre Mutter traf, »sah meine Mutter aus wie um Jahre gealtert«. Eine schwarze Mercedes-Limousine mit vier schwarz gekleideten Männern habe ihren Mann abgeholt, erzählte die Mutter völlig aufgelöst. Kein Wort hätten sie mehr wechseln dürfen, keine Umarmung, keinen Händedruck hätten diese Gestalten erlaubt. Diesen Mann sollte die Familie nicht mehr wiedersehen. Es war Dr. Eduard Hamm, der Vater von Fride Krug.

Innerhalb kürzester Zeit habe es sich »wie ein Lauffeuer« im Ort herumgesprochen, dass »sie den Hamm abgeholt haben«, wie sich der Nachbar Anton Speicher erinnert, er war damals 18 Jahre alt. Hoch respektiert sei dieser Mann gewesen. Wohl auch deshalb, weil er sich für die Anwohner in Birnbach und Oberbichl sehr einsetzte bei Fragen der Almwirtschaft etwa oder als es galt, die maroden Wasserleitungen zu erneuern. »Der Hamm hat uns neue Eisenrohre besorgt«, und es war in diesen Zeiten bekanntermaßen nicht gerade einfach, derartige Materialien zu organisieren. Von seinem politischen Hintergrund dagegen habe man »nichts Genaues« gewusst.

Dr. Eduard Hamm war ein hagerer, zart wirkender, kleiner Mann. Er wurde am 16. Oktober 1879 in Passau geboren, sein Vater war Oberamtsrichter. Er war einer der besten Abiturienten seines Jahrgangs und konnte so als Stipendiat im Maximilianeum zu München das Studium der Rechtswissenschaften absolvieren. Seit 1906 war er im Staatsdienst tätig, erst als dritter Staatsanwalt, dann als Rechtsrat in Lindau. 1911 kam er ins Bayerische Innenministerium, 1916 wurde er Vorstandsmitglied der Zentralen Einkaufsgesellschaft. In der Zeit nach dem Ende des 1. Weltkriegs, in der Zeit der politischen Verwirrung und der anfänglichen Orientierungslosigkeit, fiel den Demokraten dieser Eduard Hamm auf. Er galt als »klug und kenntnisreich« und verfügte über ein »klares Urteil«, wie in dem Biographienband »Das Gewissen entscheidet« über den Beamten zu lesen steht. Er habe seine »Rede auf sachliche, ernsthafte Gründe zu stützen gewusst und sich angesichts wachsender Gegentendenzen vorbehaltlos zu den Prinzipien der Rechtsstaatlichkeit« bekannt. Nach der Revolution in Bayern übernahm der Jurist und Volkswirt auf Vorschlag der an der Koalition beteiligten Bayerischen Demokratischen Partei am 31. Mai 1919 das Bayerische Ministerium für Handel und Verkehr. Doch sein politischer Weg sollte ihn noch höher führen. So wurde Eduard Hamm im November 1923 unter Reichskanzler Cuno Reichswirtschaftsminister. Nachdem allerdings die demokratische Partei, der Dr. Hamm als Reichstagsabgeordneter angehörte, vom Mai 1924 an im Kabinett nicht mehr vertreten war, übernahm der Familienvater als Generalsekretär und erstes geschäftsführendes Präsidialmitglied des Deutschen Industrie- und Handelstags wieder eine leitende Stelle im deutschen Wirtschaftsleben. Als Präsident des Bundes Deutscher Verkehrsverbände und damit als prominenteste Persönlichkeit des deutschen Fremdenverkehrs hielt er im Hotel »Zur Post« in Reit im Winkl am 22. Januar unter der Überschrift »Fremdenverkehrsförderung als Dienst an Land und Heimat« eine mit großem Beifall aufgenommene Rede.

Im Frühjahr 1933 allerdings fand die umfangreiche Tätigkeit in Politik und Wirtschaft ein jähes Ende. Mit Misstrauen und kritischer Distanz hatte Hamm das Erstarken der Nationalsozialisten nicht nur beobachtet, sondern sich auch mit den ihm zur Verfügung stehenden Mitteln dagegen gewehrt. In der Deutschen Wirtschaftszeitung, deren Herausgeber er war, hatte er wiederholt das Wirtschaftsprogramm der Nationalsozialisten kritisiert. Einen für seine weitere Karriere vorteilhaften Beitritt zur NSDAP lehnte er strikt ab. 1933 musste er schließlich erkennen, dass er als Präsident des Industrie- und Handelstages sein Werk nicht vor der Gleichschaltung würde retten können. Eine mehrstündige Unterredung mit dem neuen Reichskanzler Adolf Hitler, dem er seine wirtschaftlichen Grundsätze darstellte, ließen seinen Entschluss reifen, sich von Politik und Wirtschaft zurückzuziehen. Als überzeugter Demokrat sah er sich seinem Gewissen verpflichtet, er konnte und wollte die systematische, die konsequente Ungleichbehandlung der Menschen nicht mittragen.

So zog er sich mit seinen drei Kindern und Ehefrau Maria in die Abgeschiedenheit Reit im Winkls zurück, ohne freilich sein großes Interesse an den Vorgängen in seinem Heimatland und auch nicht die Verbundenheit zu kritischen Vertrauten zu verlieren. 1940 schließlich nahm er Kontakte zur Widerstandsbewegung auf. So beriet er mit Professor Dr. Georg Hohmann aus Bergen und dem früheren Reichskanzler Dr. Hans Luther, beheimatet auf dem Gut Feichten bei Traunstein brennende wirtschaftliche Probleme, die sich nach einem erhofften Umsturz ergeben würden.
Kontakte unterhielt er aber auch zum ehemaligen Reichsminister Dr. Otto Geßler, einem engen Freund seit gemeinsamen Jugendjahren und dem früheren bayerischen Gesandten in Berlin Franz Sperr. Über Sperr erhielt Eduard Hamm Verbindung zu Carl Friedrich Goerdeler. Dieser war maßgeblich an der Planung des Hitlerattentats vom 20. Juli 1944 beteiligt. Goerdeler sollte, so hatte man in dieser Widerstandsgruppe geplant, nach dem Sturz Hitlers Reichskanzler werden und Dr. Eduard Hamm in Bayern die wirtschaftspolitische Ordnung wieder herstellen. Allerdings scheiterte der Attentäter Claus Graf Schenk von Stauffenberg, den Hamm als »jungen Hitzkopf« bezeichnete, mit seinem Anschlag, was Eduard Hamm nach Aussagen seiner Tochter Fride tief erschütterte: »Jetzt sind wir alle verloren«, soll er kurz nach dem Attentat geäußert haben.

Um auf eine harte Haftzeit vorbereitet zu sein, unternahm er lange Fußmärsche, er aß nur spärlich. »Er hat gewusst, was ihn in einem Konzentrationslager erwarten würde«, sagt die Tochter, die ihren Vater des öfteren begleitete. Dabei wurde ihr auch die Tragweite seiner Situation und seine Entschlossenheit bewusst: »Über mein Leben entscheide ich noch immer mit meinem Herrgott selber,« habe er bei einer 16-stündigen Wanderung über Kössen zum Stripsenjochkopf mehrfach erklärt.

So dauerte es nur knapp sechs Wochen, ehe sich jener schwarze Mercedes mit den vier Gestapo-Männern nach Reit im Winkl aufmachte. Dr. Hamm war wie so oft in den Bergen unterwegs an diesem 2. September.

Die Möseralm unterhalb des Taubensees hatte er an jenem Samstag aufgesucht, am Nachmittag kehrte er zurück. Er wird wohl sofort gewusst haben, wem dieser unangemeldete Besuch galt und was er für ihn bedeutete.

Nachdem er sich weder von seiner Frau verabschieden durfte und auch seine Tochter Fride nicht mehr sah, setzte sich der Wagen Richtung Dorf in Bewegung. Vor der Einfahrt zur Tiroler Straße musste die schwere Limousine noch einmal unfreiwillig und abrupt anhalten: Einem kleinen Buben war sein Fußball auf die Straße gerollt. »Plötzlich stieg einer der mit einem schwarzen Ledermantel gekleideten Männer aus und ging auf mich zu«, erzählt Ernst Hahn heute, der Bub von damals. »Diesen Tag werde ich nie vergessen«. Auf seiner Schirmmütze sah der damals zehnjährige Bub einen silbernen Totenkopf und im Heck des Wagens Dr. Eduard Hamm, den er vom Sehen her gut kannte. »Hamm hat mir zugewunken, gerade so, als wolle er sagen, es sei alles in Ordnung«.

Man bringt Eduard Hamm per D-Zug nach Berlin ins Reichssicherheitshauptamt. Im Zug sitzt auch Gertrud Sperr, die Ehefrau von Franz Sperr. Eduard Hamm begrüßt sie, aber ein Gespräch lassen die Gestapo-Männer nicht zu, man wechselt das Abteil.

Schließlich bringt man den Häftling ins Lehrter Zellengefängnis nach Berlin. Dort wird er verhört und wohl auch misshandelt.

Drei Wochen nach der Verhaftung, am 23. September 1944 wird Dr. Eduard Hamm das Todesurteil vorgetragen. »Mein Vater hat nach dem verheerenden Richterspruch gesagt, er müsse auf die Toilette und täuschte so den Wärter«. Fride Krug ist auch heute noch tief bewegt, als sie nach 65 Jahren von diesen Ereignissen erzählt. Ihr Vater wollte nicht, dass die Nationalsozialisten über sein Schicksal verfügen konnten: »Über mein Leben entscheide ich noch immer mit meinem Herrgott selber«. Eduard Hamm springt aus dem Fenster des Gefängnisgebäudes, der 64-Jährige überlebt den Sturz aus dem 3. Stock nicht.

Beerdigt werden konnte der hochrangige Politiker und Widerstandskämpfer erst genau ein Jahr später, am 23. September 1945, als man der Familie endlich die Urne übereignete. Beigesetzt wurde er im Familiengrab im Waldfriedhof in München.

Ein einziger Satz, der auf seinem Grabstein steht, fasst die Geschichte eines aufrechten und beharrlichen Demokraten zusammen: »Er starb für seine Überzeugung«. Und auch in der jungen Nachkriegsdemokratie scheint die Standhaftigkeit des Dr. Eduard Hamm seine Spuren hinterlassen zu haben. Zweimal besucht der 1. Bundespräsident des jungen Nachkriegsdeutschland, Theodor Heuß, die Witwe Maria Hamm. Einmal auch im Reit im Winkler Boarhof, dort, wo die Familie eigentlich ihre Zuflucht finden wollte.

Hanns Ostermaier



38/2009