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Jahrgang 2004 Nummer 53

»Diesmal haben wir aber Schwein gehabt!«

Von Glückssymbolen und Zaubermitteln – Blick in die Zukunft an der Jahreswende

Der einfältige, aber verständliche und verzeihliche Wunsch des Menschen, in die Zukunft zu sehen, tritt besonders stark an der Jahreswende in Erscheinung. Gleichzeitig möchten die Menschen dem Schicksal etwas nachhelfen und das Glück zwingen, ihnen im kommenden Jahr freundlich gesinnt zu sein.

Als besonderes Glückssymbol zur Jahreswende gilt schon seit Jahrhunderten das Schwein. Warum das so ist, lässt sich leicht erklären: In einem Haus, in dem früher Schweine gehalten wurden und wo diese gut gediehen, herrschte in alter Zeit Wohlstand und die Familie war vor Hunger geschützt. Man darf ja nicht vergessen, dass in früheren Jahrhunderten Hungersnöte oft an der Tagesordnung waren.

Schon bei den halb-bäuerlichen Menschen der Pfahlbauzeit war das Schwein ein Glückssymbol, denn es wurden Schweineknochen in die Lehmwände der Häuser gemauert. Später wurde das Schwein auch noch ein Heilmittel für alles und gegen jedes, und zwar von der Borste bis zum Rüssel. In manchen ländlichen Gegenden glaubt man noch heute, dass man das ganze Jahr über gesund bleibe, wenn man am Neujahrsmorgen auf nüchternen Magen Blutwurst esse.

Vierblättriges Kleeblatt als Zaubermittel

Auch das vierblättrige Kleeblatt galt schon vor Jahrhunderten als Glückssymbol dem auch noch zusätzlich Zauberkräfte zugeschrieben wurden. Wenn es aber seine Wirkung voll entfalten sollte, durfte es nicht mit der Hand, sondern musste mit den Zähnen aus den Blumentöpfchen mit Kleeblättern gepflückt werden.

Legte man das Kleeblatt heimlich in den Schuh einer Person, die man gewinnen wollte, dann musste diese, ob sie wollte oder nicht, immer wieder zu uns kommen. In den Rocksaum einer Ehefrau genäht, brachte es angeblich Kindersegen, einem jungen Mädchen in den Ärmel geheftet, verschaffte es Glück in der Liebe, in die Seiten eines Lehrbuches gelegt, erweckte es sogar Geistesgaben.

Die Frage, warum dem Kleeblatt derartige Kräfte zugemessen wurden, wird in christlichen Begründungen mit der Kreuzesform des Kleeblattes erklärt. Allerdings findet man das Kleeblatt auch schon in der vorchristlichen Ornamentik als Symbol.

Ein Hufeisen vom Wilden Heer

Das Hufeisen als Glückssymbol geht bis auf die Zeit zurück, in der die Pferdehufe erstmals mit Hufeisen versehen wurden. Wurde ein Hufeisen irgendwo gefunden, nahm der Aberglaube an, es sei von einem Pferd des Wilden Heeres, das in Sturmnächten durch die Lüfte brauste, verloren worden und bringe deshalb seinem Finder Glück.

Merkwürdigerweise galt aber das Hufeisen auch in den nicht germanischen Ländern als Glückssymbol. Allerorts sollte es gegen Unfälle, Feuersbrünste, Wetterschlag und Krankheiten schützen. Es sollte sogar Mondsüchtige heilen, wenn man ein Hufeisen über das Bett nagelte.

Der Kaminfeger als Glückssymbol ist jüngeren Datums. Der Ursprung dürfte darin zu suchen sein, dass der Kaminfeger in einsamen Bauerngehöften oft buchstäblich heiß herbeigesehnt wurde, wenn der Kamin nicht mehr recht ziehen wollte. Ein gut brennendes Herdfeuer war früher ja lebenswichtig für die bäuerliche Familie. Und der Besen, das Arbeitsgerät des Kaminfegers, war ja zudem ein Requisit der Hexen, die ohnehin an der Jahreswende an den Kreuzwegen auf einsame Wanderer lauerten, um sie zu behexen.

Schießen und Knallen gegen Geister

Das Schießen, Knallen und Lärmen am Jahresende ist in seiner Bedeutung einfach zu erklären: der Lärm sollte die bösen Geister vertreiben, die die Menschen im neuen Jahr bedrohen und schädigen könnten. Dieser Aberglaube geht bis in früheste Urzeiten zurück. Und er findet heute noch seine Fortsetzung, nicht nur in abgelegenen (Ur)-Wäldern Afrikas, wo die Eingeborenen ebenfalls versuchen, der bösen Geister durch Lärm und Tam-Tam Herr zu werden.

Im Wallis in der Schweiz opferte man an der Jahreswende Brot für die Toten. In anderen bäuerlichen Gegenden ließ man am Tisch einen Platz für einen lieben Toten frei. In Ostpreußen heizte man in der Neujahrsnacht den Ofen besonders stark, damit die Toten nicht froren.

In den Vogesen verteilte man an die Tiere des Haúuses Brot und Salz; sie standen stellvertretend für die Toten des Hauses. In Westfalen machte man Lichterumgänge durch das Haus, um die Geister zu vertreiben. In Mecklenburg mussten in der Neujahrsnacht alle Tiere im Haus sein, und die Türen und Fenster mussten fest verschlossen werden. Dieser Brauch erinnert zweifellos an die germanische Zeit, als in den Rauhnächten (eigentlich »Rauchnächte«, den 12 Nächten zwischen dem 25. Dezember und dem 6. Januar) sich niemand aus dem Haus wagte, weil das Wilde Heer draußen sein Unwesen trieb.

Mummenschanz als »Dämonenspuk«

Die Sitte, am Jahresende eine greuliche Verkleidung anzulegen und darin allerhand harmlosen Unfug anzustellen, dürfte auf das alte Rom zurückgehen, wo diese vermummten Gestalten sich dem »Festbettel« hingaben, das heißt, sie forderten Gaben von den Wohlhabenden. Die Maskierten stellten natürlich Dämonen dar, die mit Gaben besänftigt werden mussten.

In Ostpreußen nahm der abergläubische Bauer von allem Getreide etwas mit in die Kirche, wo er während der Predigt darin wühlte. Das sollte ihm im neuen Jahr eine gute Ernte bringen. Überhaupt spielte der so genannte Fruchtbarkeitszauber am Jahresende eine große Rolle.

So sollte man auf die Bäume einschlagen, über der jungen Herbstsaat Schüsse auslösen oder Blut und Knochen eines Lammes vergraben. Die Bäuerin schaute in der Neujahrsnacht nach den Sternen. Standen sie klar am Himmel, legten die Hühner im kommenden Jahr besonders gut.

Auch der Festschmaus am Jahresende hatte seine symbolische Bedeutung: so wie man am Jahresende tafelte, so sollte der Tisch das ganze Jahr über bestellt sein.

Nach all dem darf man wohl behaupten, dass es an der Jahreswende mehr Aberglauben gab als ansonsten im ganzen Jahr. Und es ist erstaunlich, wie viele Menchen auch heute noch dem Aberglauben anhängen. Auch wenn sie es nicht offen zugeben, im Geheimen sind sie dennoch überzeugt: »Ein bisschen Aberglaube kann nicht schaden!«

GG



53/2004