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Jahrgang 2013 Nummer 36

Die Wohltäterin mit der Sichel

Vor 700 Jahren starb die heilige Notburga

Der Notburga-Brunnen in der Altstadt von Rattenberg, rechts das Notburga-Geburtshaus.
Der Seitenaltar in der Pfarrkirche von Rattenberg mit der heiligen Notburga und dem heiligen Isidor.
Erker am Malerwinkl mit Notburga-Relief, 16. Jahrhundert.
Ein Werbezettel für das Notburga-Museum in Eben, 2004.
Ölbild im Dorfmuseum von Aldein bei Auer, Südtirol, um 1850.
Glasfenster in der Notburgakapelle in Rattenberg.
Andenkenbild, Innsbruck, 19. Jahrhundert.

»Sie starb am 14. September 1313. Auf dem Sterbebett soll sie der Graf gefragt haben, wo sie begraben sein wolle. 'Das soll der Himmel entscheiden', sagte sie. 'Legt meinen Sarg auf einen Wagen, und wo die Ochsen stehenbleiben, da begrabt mich.' Als der Trauerzug zum Inn kam, teilte sich das Wasser wie dereinst das Rote Meer, und alle kamen ungefährdet ans andere Ufer. Der Zug ging weiter, bis die Ochsen in Eben vor dem Altar im Rupertikirchl, der heutigen Pfarrkirche – sie ist seit 1434 der hl. Notburga geweiht – anhielten. Engel sollen den Sarg aus dem Wagen gehoben haben.«

So schrieb der legendengläubige Geistliche Ludwig Penz in seinem Notburga-Büchlein, das er 2006 herausbrachte. Die Feierlichkeiten zum 700. Notburga-Todestag – am 15. September 2013 feiert Salzburgs Erzbischof Alois Kothgasser in der Ebener Notburga-Kirche einen Festgottesdienst; Diözesanbischof Ivo Muser von Bozen-Brixen hält eine Söllerpredigt – sollte »der Kaplan« Ludwig Penz nicht mehr erleben. Wenige Tage vor seinem 100. Geburtstag ist er am 11. März dieses Jahres in Rotholz gestorben. Als wohl ältester Jugendseelsorger war er einer der luzidesten Notburga-Verehrer unserer Tage. Er fasste das Leben der 1265 im heute kleinsten Tiroler Städtchen Rattenberg am Inn geborenen Hutmachertochter, deren Familienname unbekannt blieb, als eine »aktuelle Botschaft an uns alle« auf. Sie lautet: »Gottes Wille hat Vorrang.«

Eine der wöchentlichen Wanderungen führte den Gymnasiasten Ludwig Penz zur Ruine Rottenburg bei Rotholz. Hierhin hatte einst Graf Heinrich die 18-jährige Notburga als Magd dienstverpflichtet, war sie doch so fleißig wie ehrbar, bescheiden und gescheit. Sie avancierte zur gräflichen Chef-Köchin, bald zur Schafferin auf Schloss Rottenburg, zuständig für Küche, Haus und Keller. Am Gürtel trägt sie schon in alten bildlichen Darstellungen oft den Schlüsselbund. Den Armen war sie herzlich zugetan. Sie gab gern und reichlich vom Abgesparten, was die Nachfolger ihrer ersten Herrschaft missbilligten, bis diese ihre bald verhasste Dienstmagd, die eine große Wohltäterin war, entließen. In Eben am Aachensee zur Bauerndirn geworden, ereignete sich hier das altbekannte »Sichelwunder«. Notburga, der der ihr zugesicherte Feierabend heilig war, verweigerte schwere Feldarbeit nach dem Abendgeläute. »Die Sichel, von Notburga in den Himmel gehoben, blieb in der Luft hängen. Die Sichel wandelte sich zum Mond, zum Zeichen des sich monatlich erneuernden Lebens«, schreibt Penz. Für ihn war die Sichel das Zeichen von Mut und Gottvertrauen.

Auf volkstümlichen Darstellungen schwebt die Sichel, Hauptgerätschaft der Feldarbeit verrichtenden Notburga von Rattenberg, über Mensch und Landschaft. So etwa auf dem Deckenfresko der Himmelfahrtskapelle von Oberhofen bei Bayrischzell oder dem Auszugsbild des rechten Seitenaltars der Pfarrkirche von St. Johann in Tirol, das Jakob Zanusi 1741 malte. Bildhauer und Stecher von Andachtsbildchen und Gebetszetteln gaben der zur Tiroler Landesheiligen aufgestiegenen Rattenbergerin meistens die Sichel in die Hand. Wie zum Beispiel Christian Jorhan in seiner anmutigen, vergoldeten Notburga- Büste für die St. Michaelskirche im bayerischen Reichenkirchen oder der als Schöpfer der bukolisch-wonnigen Georgs-Altarfigur in der Wallfahrtskirche zu Halfing im Chiemgau vermutete Meister Felix Pis von Frauenchiemsee.

Die Sichel fehlt auf Bildern der Heiligen sehr selten. Im Südtiroler Aldein prangt sie im Dorfmuseum auf einem spätbiedermeierlichen Tafelbild, das »Nothbürg Dienstmagd zu Eben« als Armenspeisende und Brotsegnende zeigt. Die »Wahre Abbildung des gefassten hl. Leibes der hl. Jungfrau Nothburga zu Eben im Innthale« (wo Notburga ihre letzte Ruhestätte fand) produzierte Joh. Kravogls Innsbrucker Lithographische Anstalt als makabres Andenkenbildchen.

Vier Attribute sind der nobel bekleideten Figur eigen: Schlüsselbund, Ährenbündel, Zinnhenkelkanne, dazu die unverzichtbare Sichel. Oft treten noch bäuerliches Arbeitsgerät, Feldund Wiesenblumen, Brot, Bettler, Arme und Kranke, manchmal auch Weide- oder Stallvieh hinzu. Gelegentlich sehen wir Notburga als Dienstmagd mit einem brennenden Herzen in der ausgestreckten Hand, wie im vor neun Jahren eröffneten sehenswerten Notburga-Museum in Eben. In zahlreichen Tiroler und bayrischen Landkirchen, bis nach Oberitalien, auch ins Piemont hinein, taucht St. Notburga mit ihrem männlichen Pendant St. Isidor auf.

Legenden ranken sich um die sowohl in Tirol als auch im benachbarten Bayern seit alters verehrten hl. Notburga von Rattenberg. Mitten in der in den letzten Jahren prächtig renovierten, von Sommerfestspiel-Besuchern auf dem Burgberg mit dem alten, verfallenen »Castello« und Glaskunstliebhabern gleichermaßen geschätzten Innstadt zwischen Kufstein und Innsbruck fällt Notburgas Geburtshaus auf. Eine sechsteilige Fassaden-Bildleiste unter einem Fenster lässt in naiver Malweise Szenen aus dem legendären Leben der hl. Notburga betrachten. Das Sichelwunder darf nicht fehlen. Was es mit den Ochsen, Schweinen und guten und bösen Menschen auf den anderen Tafeln auf sich hat, erschließt sich dem Legendenleser.

Im Jubiläumsjahr besinnt man sich auf die Gestalt der Landesheiligen von Tirol. Ist sie historisch denn überhaupt festzumachen? Geschichtliche Verifizierungen fehlen. An schon frühen schriftlichen Zeugnissen der Verehrung Notburgas ist kein Mangel. Die »kleinen Leute« hielten sie seit jeher hoch – als ihre Anwältin und Patronin. Sie stand für das Leben der »Geringen« ein. Sie traute sich, gegen adelige Macht aufzutreten, gegen Unrecht und Unterdrückung vorzugehen, unerschrocken und beherzt.

Seit 150 Jahren hat die hl. Notburga von Rattenberg auch den päpstlichen Segen aus Rom. Die seit gut 15 Jahren in Eben am Achensee lebende Religionspädagogin Sieglinde Mali bekennt sich als Notburga-Fan: Die »Burgl«, wie sie oft mundartlich liebevoll genannt wird, habe sich gegen ihre Vorgesetzten gestellt, sie habe ihre eigene Existenz aufs Spiel gesetzt, sie beharrte auf der Wirkung von Gebet und Gottvertrauen, sie setzte sich für andere selbstlos ein, habe Geduld bewiesen und ein offenes Herz, habe Mut und Furchtlosigkeit gezeigt. »Wir brauchen heute Menschen, die sich trauen, zu ihrem zu Glauben stehen«, sagt die junge Hauptschullehrerin. »Dass Notburga heute noch die Menschen so berührt, würde sie wohl selber wundern. Aber für mich hat sie eine Strahlkraft über die lange Zeitspanne hinweg« - von immerhin fast sieben Jahrhunderten.

Die an Notburgas Gestalt abzulesende Gleichung »Gottesliebe = Nächstenliebe« ist das Motto der Notburga- Gemeinschaft. Notburga als Vorbild rückte im Jahr 2000 der damalige Innsbrucker Bischof Alois Kothgasser ins Bewusstsein der Gläubigen. Er gründete die Notburga-Gemeinschaft, deren »treibende Kraft« Schwester Konstantia Auer zugeschrieben wird. Die der Gemeinschaft angehörenden Frauen finden sich in österreichischen, bayerischen und Südtiroler Diözesen. Ihr Ziel: Gottesliebe als Nächstenliebe zu leben und Liturgie und Diakonie zu vereinen – eine Idee, die durchaus in die Urkirche zurückführt. Praktisch gelebtes Christentum lebte den Mitgliedern der Gemeinschaft niemand anderes so augenfällig und überzeugend vor wie Notburga von Rattenberg.


Dr. Hans Gärtner


Literatur zu diesem Beitrag: »St. Notburga. Mutige Magd auf der Rottenburg« von Ludwig Penz, Innsbruck, 2006. – »Notburga. Mythos einer modernen Frau«, Ausstellungskatalog, Reith i. A., 2001. - »Moment«, Sonderbeilage der »Tiroler Tageszeitung« Nr. 97/2013 (Redaktion: Christa Hofer). Internet-Seiten: www.notburga-museum. at, www.rattenberg.at, martin.reiter@tirol.com Notburga-Gemeinschaft: Ebener Str. 98, A-6212 Maurach, E-Mail: notburgagemeinschaft@dibk.at

 

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