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Jahrgang 2016 Nummer 30

»Die Wikinger - diese Schlangenbrut«

Ein neuer Blick auf die berüchtigten Seeräuber im Lokschuppen Rosenheim

Siebzehn Meter lang und fünf Meter breit ist das Wikingerschiff, das vor dem Lokschuppen in Rosenheim die Besucher der Wikinger-Ausstellung empfängt. Der 14 Tonnen schwere Zweimaster mit Drachenköpfen und weiß-rotem Segel stammt aus dem Kinofilm »Wickie auf großer Fahrt« und musste mit einem Tieflader in Begleitung einer Polizei-Eskorte zum Lokschuppen gebracht werden.

Das Bild von den Wikingern als Räuber und Plünderer hat sich in den letzten Jahrzehnten gewandelt und neue Facetten bekommen. Natürlich stimmt es, dass sie seit dem 8. Jahrhundert immer wieder raubend und plündernd von Norden her Städte, Handelsplätze und Klöster heimsuchten. Aber sie betrieben auch Fernhandel, waren Landwirte, Handwerker, Künstler und Dichter. Der aus Filmen und Büchern so beliebte Hörnerhelm stammt nicht von ihnen, sondern ist eine Erfindung von Opernkostümbildnern – die Wikinger trugen Wollmützen und Lederkappen. Nur ganz Wohlhabende brachten es zu einem wertvollen Eisenhelm. Sie nannten sich auch nicht Wikinger, sondern Nordmänner oder Waräger (Gefolgsleute), während man später unter Wikingern die Bewohner von ganz Nordwesteuropa verstand.

Die in zehn Themenbereiche gegliederte Ausstellung vermittelt ein buntes Bild der Wikingerzeit. Neben Objekten aus neuen Fundstätten aus allen Teilen Skandinaviens sieht man herrliche Schmuckstücke, Gurtbeschläge, Schwerter und Schiffszubehör sowie Rekonstruktionen von Schiffsteilen, interaktive Stationen und Filme.

Die Beutezüge der Wikinger richteten sich einerseits gegen England und Irland, andererseits gegen das Frankenreich der Karolinger mit Bonn, Köln und Koblenz. Weil sie auch so versteckte Klöster wie Prüm in der Eifel und Kornelimünster bei Aachen heimsuchten, nimmt man an, dass sie sich vorher auf Erkundungs- und Handelsreisen erst einen Einblick in die wirtschaftliche Lage der Zielorte verschafften. Später drangen sie auch immer weiter nach Osten vor. Hier legten sie Stützpunkte an, wurden sesshaft und brachten es durch Heirat mit einheimischen Geschlechtern zu führenden Positionen im byzantinischen Großreich. Dem mittelalterlichen Sprachgebrauch folgend nennt man diese Gruppen, die im Gebiet des heutigen Russland und im ganzen Territorium zwischen Finnischem Meerbusen, Onegasee und Schwarzem Meer siedelten, nicht Wikinger, sondern Rus, dem Grundwort für den Namen Russen und Russland.

Über die nautischen Fähigkeiten der Wikinger, die ohne Zweifel ganz außerordentlich waren, sind phantastische Übertreibungen in die Welt gesetzt worden. Tatsache ist, dass sie weder einen Kompass oder ein ähnliches Navigationsinstrument kannten noch mit ihren Schiffen vor- und rückwärts navigieren konnten. Sie orientierten sich auf ihren Fahrten nach dem Sonnenstand und nach den Sternen, nach Landmarken und nach dem Vogelflug. Doch ihr wichtigstes Kapital war ihre große seemännische Erfahrung, die sie allerdings nicht vor schlimmen Katastrophen bewahren konnte. So wird in einer Chronik berichtet, dass von einer Grönlandexpedition mit 25 Schiffen nur neun ihr Ziel erreichten.

Die Gesellschaft der Wikinger war hierarchisch gegliedert. Ganz oben standen die Könige, unter ihnen die aristokratischen Sippen und die Familien der Anführer. Die Mehrzahl waren Bauern mit eigenem Hof. Persönliches Ansehen und Reichtum entschieden über den gesellschaftlichen Aufstieg. Bei regelmäßigen Zusammenkünften wurden Rechtsfälle und Angelegenheiten von öffentlichem Interesse beraten. Oft diente zu diesem Zweck eine große Halle, in der auch Festmähler aus Anlass von Familienfesten oder Vertragsabschlüssen stattfanden. Ganz unten rangierten die Sklaven, meist Gefangene von Beutezügen. In dänischen Männer- und Frauengräbern wurden enthauptete Personen mit gefesselten Händen und Füßen gefunden, bei denen es sich offenbar um Sklaven handelt, die ihren Dienstherrn mit ins Grab gegeben worden waren. Gefolgschaftstreue bis ins Grab, aber wohl nicht ganz freiwillig.

Nur bruchstückhaft sind wir über die religiösen Vorstellungen der Wikinger unterrichtet. Einzige Quellen sind die Gedichte der Skalden (Hofdichter) und Inschriften. Neben den Hauptgottheiten Thor, Odin und Freyr genossen eine Menge weiterer Nebengötter und Helden Verehrung. In den Götter- und Heldengesängen geht es um Kampf und Sieg, List und Betrug – nicht anders als im diesseitigen Leben der Menschen.

Mutig müssen sie jedenfalls gewesen sein – darin stimmen die Berichte von Freund und Feind überein. In Fränkischen Chroniken werden sie wechselweise Schlangenbrut, Räuberbanden und Satanskinder genannt. Erst die Christianisierung beendete ihr Seeräuberleben. Von da an änderten sich auch die Grabsitten. Der Tote wurde nicht mehr verbrannt, sondern erhielt eine Körperbestattung und zwar mit dem Kopf nach Osten, »von wo Christus am Tag des Gerichts wiederkommen wird«, wie es in einem liturgischen Text heißt.

Die Ausstellung »Wikinger« ist noch bis 4. Dezember im Lokschuppen Rosenheim zu sehen.


Julius Bittmann

 

30/2016