Jahrgang 2001 Nummer 18

Die »Wiesenfeuerwehr« in Traunstein

Von 1893 bis 1969 gab es für die untere Stadt eine eigene Feuerwehr

Eine Feuerwehrübung 1930 am Maxplatz unter Beteiligung der »Wiesenfeuerwehr«. Auf dem Bild erkennt man drei Balanceleitern.

Eine Feuerwehrübung 1930 am Maxplatz unter Beteiligung der »Wiesenfeuerwehr«. Auf dem Bild erkennt man drei Balanceleitern.
Abprotzbare Saug- und Druckspritze auf Karren aus der Zeit um 1870.

Abprotzbare Saug- und Druckspritze auf Karren aus der Zeit um 1870.
Fahrbare zweirädrige Balanceleiter aus einem Prospekt um 1900.

Fahrbare zweirädrige Balanceleiter aus einem Prospekt um 1900.
Der verheerende Stadtbrand vom April 1851 veranlaßte den Buchdruckereibesitzer und Feuerversicherungsagenten Anton Miller sen., die Gründung einer Feuerwehr für Traunstein anzuregen. Zusammen mit anderen einflußreichen Bürgern der Stadt erreichte er dann, daß in Traunstein am 13. September 1859 die erste Freiwillige Feuerwehr von Oberbayern gebildet wurde. Diese Freiwillige Feuerwehr war ursprünglich für den gesamten Stadtbereich zuständig. Eine Änderung ergab sich 34 Jahre später. Als 1893 die Mittermühle am Klosterberg zum Elektrizitätswerk ausgebaut wurde, installierte man in dieser Anlage auch eine Kolbenpumpe für die Wasserversorgung. So konnte das Wasser aus dem Tiefbrunnen am Klosterberg über eine neue Hochdruckleitung aus Eisenrohren in ein Sammelbecken auf der Wartberghöhe befördert werden. Von dort gelangte das Wasser in das neu verlegte Leitungsnetz im Stadtgebiet und versorgte auch die zahlreich errichteten Hydranten.

Dadurch hatte sich der Brandschutz erheblich verbessert und noch im gleichen Jahr, also 1893, erfolgte eine Reorganisation der Freiwilligen Feuerwehr Traunstein. Im Jahresbericht für 1893 ist hierzu erwähnt: »... Bevor jedoch auf den Bericht über die einzelnen Verwaltungs- & Dienstes Zwänge des Näheren eingegangen wird, möchten wir auf die zufolge Einführung der neuen Wasserleitung erfolgte Reorganisation hinweisen; dieselbe bezweckt unter der einheitlichen Oberleitung des ersten Commandanten zwei in sich ganz selbstständige, technische Compagnien zu bilden, wovon die erste aus Bewohnern der hochgelegenen Stadttheile, mit dem Feuerhaus am Maxplatz; die zweite aus Bewohnern des Vorberges und der Wiese, mit dem Feuerhaus in der Wiese, rekonstiert ...«. Die »Wiesenfeuerwehr«, so nannte sie der Volksmund, war gebildet worden. Korrekt hieß sie II. Compagnie und später Löschzug Wiese. Sie bestand 1893 aus insgesamt 85 Wehrmännern unter der Führung von Spenglermeister Conrad Neu jun. und war wie folgt aufgebaut: 7. Steigerrotte mit einer 16 Meter hohen Schubleiter auf Karren, 8. Steigerrotte mit einer 15 Meter hohen Anstelleiter auf Karren, 9. Steigerrotte mit einer 15 Meter hohen Anstelleiter auf Karren, 3. Spritzenrotte mit einer Kirchmeier Saug- und Druckspritze, 4. Spritzenrotte ebenfalls mit einer Kirchmeier Saug- und Druckspritze, 5. Spritzenrotte mit einer Metz Saug- und Druckspritze, Extinkteurrotte mit zwei Beihl’schen Feuerlöschern und zwei Handspritzen. Außerdem waren ein zweirädriger Karren und zwei Schlauchwagen vorhanden.

Die dicht besiedelte untere Stadt hatte nun eine eigene Feuerwehr, es fehlte aber vorerst noch ein geeignetes Feuerwehrgerätehaus zur Unterbringung der neun fahrbaren Geräte. 1894 stellte der Stadtrat dann die früheren Schießstände in der Schützenstraße als provisorisches Feuerwehrgerätehaus zur Verfügung. Das war aber wirklich nur eine Notlösung. Das Gebäude war zwar 15 Meter lang, aber nur 1,87 Meter breit und die Tore hatten nur eine lichte Weite von 1,50 Metern. Bei Feueralarm, wenn also größte Eile geboten war, mußten die Geräte mühevoll ins Freie geschafft werden. Zwischen den einzelnen Fahrzeugen und den Seitenwänden des Hauses waren nur insgesamt 37 Zentimeter durchschnittlicher Freiraum. Es war wirklich eng und die Männer konnten sich nur mit größter Mühe in den Freiraum zwängen. Ein neues, den Bedürfnissen der Freiwilligen Feuerwehr angepaßtes Gerätehaus war dringend notwendig. Dies bestätigte auch ein Gutachten vom 15. Februar 1900. Hier ein Auszug: »... es ist dringend geboten ein den Zwecken und den Anforderungen, welche an die Feuerwehr gestellt werden, entsprechendes praktisches Feuerhaus zu errichten. In demselben sollen 3 Fahrzeuge für 9 m lange Schubleitern und weitere 6 Fahrzeuge untergebracht werden. ... In Anbetracht dessen aber, daß in dem Feuerhause außer den Feuerlöschgeräthen auch 2 ca. 7m lange und 1,30 m breite Boote, welche stets in dem unteren Stadtteile für plötzlich eintretendes Hochwasser in Bereitschaft stehen sollen, unterzubringen sind, dürfte eine Breite von 8 m für das Feuerhaus zu empfehlen sein. ... Die Baukosten würden sich auf circa 3 - 4000 Mark belaufen. ...«.

Der Stadtrat sah ein, daß ein neues Feuerwehrgerätehaus für die »Wiesenfeuerwehr« unbedingt notwendig war und erteilte am 3. August 1900 die Baugenehmigung auf der Grundlage eines Bauplanes des Zimmerers Josef Sellhuber von Traunstein. Das neue Feuerwehrgerätehaus hatte ein Innenmaß von 9,10 Meter auf 8,10 Meter, umfaßte also 74 Quadratmeter und ein etwa 11 Meter hoher Turm zum Trocknen der Feuerwehrschläuche war auch vorhanden. Das Problem Feuerwehrgerätehaus für die untere Stadt war gelöst.

Die untere Stadt war seit jeher durch Hochwasser der Traun gefährdet. Große Überschwemmungen gab es zum Beispiel am 22. August 1887, am 13. August 1896, am 31. Juli 1899 und besonders schwer traf es diesen Stadtteil in den Tagen vom 12. bis 14. August 1899. Dies führte noch 1899 zur Bildung einer Wasserwehr, die der »Wiesenfeuerwehr« angegliedert war. Die Wasserwehr verfügte über zwei je neun Meter lange Boote auf Karren mit dem erforderlichen Tauwerk. Die Boote waren auch im Feuerwehrgerätehaus untergestellt. Aufgaben der Wasserwehr waren: Uferschutz, Verbauung von überschwemmten Wegen, Bau von Notverbindungen, Sicherung gefährdeter Gegenstände und Handhabung der Boote. Aufgrund der in den Jahren nach 1899 erfolgten Traunregulierung konnte die Wasserwehr wieder aufgelöst werden. Der letzte bekannte Einsatz war bei dem Hochwasser am 7. August 1905. Damals trat der Mühlbach über seine Ufer und überschwemmte die Scheiben- und die Schützenstraße und der Sparzerbach brachte so große Wassermengen, daß die Heiliggeiststraße und das dort gelegene Krankenhaus überflutet wurden. Zum Hochwasser vom August 1899 ist noch nachzutragen, daß der Wehrmann Alois Peteranderl von der 9. Steigerrotte der »Wiesenfeuerwehr« wegen seiner besonderen Verdienste die Bronzemedaille des Ordens vom Heiligen Michael verliehen bekam.

Für jede Feuerwehr sind geeignete Einrichtungen zur Alarmierung von größter Bedeutung und die Stadt Traunstein hat in dieser Hinsicht seit jeher viel geleistet. Bezeichnend ist, daß die Stadt, obwohl sie erst 1897 an das öffentliche Telefonnetz angebunden werden konnte, bereits 1892 eine Telefonverbindung vom Feuerhaus zum 1. Kommandanten installierte. 1896 konnten in der oberen Stadt vier Wehrmänner und 1902 schon 35 durch elektrische Signalglocken alarmiert werden. Die »Wiesenfeuerwehr« verfügte 1909 über 14 Signalglocken in der Brunnwiese, in der Schützenstraße und in der Gasstraße. Diese waren auch bis zur Einführung der Funkalarmierung im Jahre 1963 betriebsbereit. Vermutlich war es nicht einfach, die vielen Wehrmänner der »Wiesenfeuerwehr«, die keine Signalglocken hatten, zeitgerecht zu alarmieren. Zeitzeugen berichteten, daß zum Beispiel der Löschzugführer Ludwig Steinberger, über den noch näher berichtet werden wird, von verschiedenen Standorten der unteren Stadt aus mit einer Trillerpfeife und den ständigen Rufen »Feurio« die Wehrmänner und, notgedrungen, auch die gesamte Anwohnerschaft alarmierte. Zu erwähnen ist hierzu noch, daß alle elektrischen Alarmanlagen seinerzeit durch den städtischen Maschinenmeister Nussbaumer installiert wurden.

1906 erhielt die »Wiesenfeuerwehr« als Ersatz für die alte Anstelleiter eine 15 Meter hohe, fahrbare Balanceleiter der Firma Braun mit den neuesten Verbesserungen wie Radbremse und Schlauchwelle. Der Wehr stand nun folgendes Gerät zur Verfügung: Zwei Schubleitern, eine Balanceleiter, 2 abprotzbare Saug- und Druckspritzen der Firma Kirchmeier, eine abprotzbare Saug- und Druckspritze der Firma Metz, zwei drehbare Hydrantenaufsätze, zwei Leiterkarren, zwei Hydrantenkarren, ein zweirädriger Karren, zwei Schlauchwagen, dazu Schlauchmaterial mit Zubehör und Schanzzeug. Die gesamte Mannschaft war uniformiert und mit Messinghelmen ausgerüstet. Aus einer Bestandsliste von 1909 ergibt sich, daß die beiden Boote der ehemaligen Wasserwehr nicht mehr vorhanden waren.

Der Mannschaftsstand der »Wiesenfeuerwehr« war beachtlich hoch. In den ersten Jahrzehnten standen im Durchschnitt 80 Wehrmänner zur Verfügung. 1925 waren es dann nur noch 59. Der stärkste Einbruch war dann bedingt durch den zweiten Weltkrieg und den Zusammenbruch. Aber immerhin gab es am 1. Juni 1945 , also drei Wochen nach Kriegsende, bereits 15 Bürger, die in diesen schweren Zeiten bereit waren, sich bei der »Wiesenfeuerwehr« für das Allgemeinwohl einzusetzen. Diese Männer verdienen es, hier genannt zu werden: Brun Fritz, Deisenseer Josef, Egner Alois, Eisenreich Josef, Fenis Hans, Fertsch Fritz, Fischer Ludwig, Lackenbauer Josef, Lögler Johann, Maier Oswald, Meier Heinrich, Rainer Konrad, Schwenk August, Wagnerberger Josef und Wurm Franz. Die Leitung hatte Sinzinger Josef. 1957 war die Wehr dann schon wieder 28 Mann stark.

In diesem Zusammenhang muß eines Mannes gedacht werden, der 38 Jahre lang aktiv für die »Wiesenfeuerwehr« tätig war. Die Rede ist von Ludwig Steinberger, dem »Luck«. Er war von Beruf Seilermeister mit einer eigenen Seilerei in seinem Haus am Kniebos und einer weiteren Werkstätte an der Ettendorfer-Straße. 1926 trat er der »Wiesenfeuerwehr« bei, deren Kommando er als Löschzugführer am 1. Juni 1946 übernahm und bis zu seinem Ausscheiden aus dem aktiven Dienst im Jahre 1964 behielt. 1974 wurde er zum Ehrenmitglied der Freiwilligen Feuerwehr Traunstein ernannt. Insgesamt war Ludwig Steinberger 38 Jahre lang aktives Mitglied der »Wiesenfeuerwehr«, davon 18 Jahre als Löschzugführer. Nach den Informationen, die der Verfasser sammeln konnte, war Ludwig Steinberger bei der Bevölkerung hoch angesehen und bei seinen Feuerwehrkameraden beliebt; sie gingen mit ihrem »Luck« buchstäblich durchs Feuer.

Eine größere Komplikation gab es 1956. Am 10. Februar 1956 teilte der Oberbürgermeister der Freiwilligen Feuerwehr Traunstein mit, daß die Siedlungsgemeinschaft Haidforst im Rahmen des sozialen Wohnungsbaus an der Zirnbergerstraße 20 bis 24 Wohnungen errichten wolle und daß diesem Vorhaben das alte Feuerwehrgerätehaus weichen müsse. Die Feuerwehrgeräte könnten aber im alten Gaswerksofenhaus eingestellt werden. Da ging der Ärger los. Die »Wiesenfeuerwehr« war mit der beabsichtigten Auslagerung ihrer Geräte in das Gaswerk keinesfalls einverstanden. Im Rahmen einer Unterschriftenaktion äußerten sich die Wehrmänner einstimmig dagegen. Sogar mit einem Gedicht verliehen die Männer der »Wiesenfeuerwehr« ihrem Unmut deutlichen Ausdruck: »... Koa Feuerglocken is net ganga, da rennt da Kommodore zu seine Manna, habt ihr die Kunde schon vernomma, unser Spritzenhaus soll wegakomma. ... Ins alte Gaswerk wollns uns naus verleng, des glab i, bringans do net zweng, in dem verußten alten Kowi, dafür is mei Sprizn vui zu nobi. Da Luck der tuat fast Bluat scho schwitzen, wo soll i hien mit meiner Spritzen. Ein Zirkular ging umanand, auf dem ganz klar zu lesen stand, wir fordern unsern alten Platz, für den gibt’s ja koan Ersatz. ... Es draht sich um da Wiesn sei Feuerwehrregiment. Was tan den Wiesler wens a moi brennt, den gut beinand san mir schon, mir ham a drunt a Wasserkanon. ... Dem Nächsten zu Hilfe und Gott zu Ehr.«

Am 26. April 1956 beschloß der Stadtrat, daß dem Einspruch der »Wiesenfeuerwehr« stattgegeben wird und am 18. Juli 1956 erging der Bescheid über die Errichtung eines neuen Feuerwehrgerätehauses auf städtischem Grund an der Zirnbergerstraße. Das alte Feuerwehrgerätehaus an der Schützenstraße wurde abgebrochen und statt dessen ein neues in der Zirnbergerstraße erbaut. Mit 63 Quadratmetern Stellfläche war das neue Feuerwehrgerätehaus etwas kleiner als das bisherige. Es genügte aber, denn der Gerätepark umfaßte damals nur noch einen Magirus-Mannschaftswagen mit Vorbaupumpe, eine Balanceleiter und einen Hydrantenwagen. Am 25. November 1956 fand die feierliche Übergabe des neuen Feuerwehrgerätehauses an die »Wiesenfeuerwehr« statt.

Wie bereits erwähnt, schied Ludwig Steinberger 1964 aus dem aktiven Dienst aus. Damals reduzierte man den Löschzug auf eine Löschgruppe und 1969 wurde dann die »Wiesenfeuerwehr« aufgelöst. Der Gerätepark bestand zu dieser Zeit nur noch aus einem Mannschaftsbus (Baujahr 1954) und einem Tragkraftspritzenfahrzeug (Baujahr 1957). Ein Grund für die Auflösung war die Tatsache, daß nicht mehr genügend Interesse am Dienst in dieser Löschgruppe bestand. Hauptsächlich für die Jugend gab es einfach zu wenig technische Möglichkeiten, um sich zu entfalten.

Das ist der Versuch, die »Wiesenfeuerwehr«, die rund 75 Jahre lang für den Brandschutz der unteren Stadt gesorgt hat, darzustellen und als einen Teil der Stadtgeschichte wieder in Erinnerung zu bringen.

Quellenverzeichnis:

Archiv der Stadt Traunstein, Archiv der Freiwilligen Feuerwehr Traunstein mit dem hilfsbereiten Museumswart und Chronisten Hans Bachmaier, Perktold Günther, Traunstein, Reitschuh Franz sen., Traunstein.

Hinweis:

Dies ist nur ein Auszug. Der vollständige Artikel erscheint im Jahrbuch 2002 des Historischen Vereins für den Chiemgau zu Traunstein.

Alfred Staller



18/2001