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Jahrgang 2004 Nummer 9

Die Welt des Nibelungenliedes

Erstmals sind alle drei Handschriften der Dichtung zu sehen

»Ritteraquamanile« aus dem 13. Jahrhundert

»Ritteraquamanile« aus dem 13. Jahrhundert
Ritterkampf, Illustration aus einer Trierer Handschrift um 1200

Ritterkampf, Illustration aus einer Trierer Handschrift um 1200
Topfhelm eines Ritters, 13. Jahrhundert

Topfhelm eines Ritters, 13. Jahrhundert
»Uns ist in alten Mären wunders viel geseit / von Helden lobebären, von grosser Arebeit« mit diesen Worten hebt das Nibelungenlied an, eine der größten Dichtungen des Mittelalters, das an der Wende vom 12. zum 13. Jahrhundert von einem unbekannten Dichter niedergeschrieben worden ist. Sein Auftraggeber war mit großer Wahrscheinlichkeit der Passauer Bischof Wolger von Erla. Viele Indizien sprechen nämlich dafür, dass das Nibelungenlied von seiner Entstehung her mit Passau bzw. dem Großraum der mittelalterlichen Diözese Passau, in Verbindung zu bringen ist, die damals unter anderem auch Wien einschloss.

Das Nibelungenlied ist keine Originaldichtung, sondern die Bearbeitung eines Erzählstoffes, der damals schon Jahrhunderte alt war. Möglicherweise stützte sich der unbekannte Autor, wohl ein Kleriker, auf eine ältere Buchfassung zumindest des zweiten Teils – der Erzählung vom Untergang der Burgunden am Hofe König Etzels-, deren Entstehung auf die Zeit um 1160 angesetzt wird. Bis zur endgültigen schriftlichen Fassung ist das Nibelungenlied ausschließlich mündlich überliefert worden – ein beachtliches Beispiel für die hoch entwickelte Gedächtnisleistung der fahrenden Sänger. In gesprochener Form beansprucht die Dichtung als Ganzes acht bis zehn Stunden, in rezitativer oder gesungener Form würde sich die Vortragsdauer wesentlich erhöhen.

Die große Zahl erhaltener Handschriften des Nibelungenlieds lässt erkennen, dass sich die Dichtung um 1200 und in den nachfolgenden Jahrhunderten allgemeiner Beliebtheit erfreut haben muss. Doch zu Beginn der Neuzeit geriet sie fast völlig in Vergessenheit, bis sie im Jahre 1755 in einer Handschrift in Hohenems (Vorarlberg) wiederentdeckt wurde. Sie wird als die Handschrift C bezeichnet und befindet sich heute in der Badischen Landesbibliothek Karlsruhe. Die zwei weiteren wichtigsten Handschriften sind in München (A) und in St. Gallen (B).

Das Badische Landesmuseum in Karlsruhe bietet bis Mitte März die einmalige Gelegenheit, bei der Ausstellung »Das Nibelungenlied und seine Welt«. Die drei Handschriften an einem Ort bewundern zu können. Ergänzend zu den Handschriften wird die Zeit um 1200, die Entstehungszeit des Nibelungenliedes, die hochmittelalterliche Kultur und die höfische Lebenswelt mit vielen Exponaten veranschaulicht. Leihgeber sind namhafte Museen und Bibliotheken in Deutschland, der Schweiz, Tschechien, Österreich, Ungarn und Norwegen.

Die Ausstellung beschäftigte sich auch mit der modernen Rezeptionsgeschichte des Nibelungenliedes, das im 19. Jahrhundert zum deutschen Nationalepos schlechthin hochstilisiert wurde. Immer wieder mißbrauchten es verschiedene Gruppen für ihre politischen Zwecke. Siegfried und Hagen gerieten zu Identifikationsfiguren, die sogenannte Nibelungentreue wurde als besondere deutsche Tugend propagiert. Und natürlich dient der Nibelungen-Stoff bis in die Gegenwart als Inspirationsquelle für Theater, Musik und Film, angefangen von Richard Wagners »Ring des Nibelungen« bis zum Theaterstück »die Nibelungen« von Moritz Rinke.

Was erzählt das Nibelungenlied? Bei der stiefmütterlichen Stellung der Literaturgeschichte im Schulunterricht von heute kann man nicht voraussetzen, dass der Inhalt des Nibelungenliedes allgemein bekannt ist, so dass es angezeigt erscheint, ihn kurz in Erinnerung zu rufen: Siegfried wirbt um Kriemhild, die schöne Schwester der Burgunderkönige Gunther, Gernot und Giselher. Er erhält sie erst, nachdem er Brünhild, die Königin von Island, mit Hilfe der Tarnkappe im Kampfspiel überwunden und für Gunther zur Frau erworben hat.

Als Brünhild in einem Streitgespräch mit Kriemhild erfährt, dass Siegfried und nicht Gunther sie besiegt hat, veranlasst sie Hagen, Siegfried auf der Jagd zu ermorden. Kriemhild, der Hagen auch den Nibelungenhort nimmt, um ihn im Rhein zu versenken, verschiebt ihre Rachepläne, bis der Hunnenkönig Etzel um ihre Hand wirbt. Als dessen Gemahlin lädt sie ihre Brüder und Hagen zu einem Fest nach Ungarn ein.

Am Hofe von Etzel kommt es zu einem furchtbaren Saalkampf. Auf beiden Seiten fallen alle Helden bis auf Gunther und Hagen, die durch Dietrich von Bern gefangen genommen werden. Noch einmal fordert Kriemhild die Herausgabe des Nibelungenhortes. Als ihr das verweigert wird, lässt sie erst Gunther töten, dann schlägt sie selbst Hagen mit Siegfrieds Schwert das Haupt ab. Voll Zorn durchbohrt daraufhin der alte Hildebrand, Dietrichs Waffenmeister, das in seiner Rache furchtbare Weib.

JB

Literatur: »Uns ist in alten Mären ... Das Nibelungenlied und seine Welt«, 240 Seiten mit 260 Abb. Primus Verlag, Darmstadt.



9/2004