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Jahrgang 2008 Nummer 19

Die vorläufig letzte Gelegenheit, eine Trift zu erleben

Sie findet am 18. Mai von der Röthelmoos-Klause bis zur Gründberg-Stube statt

Triftmeister Johannes Kecht aus dem Jahre 1746

Triftmeister Johannes Kecht aus dem Jahre 1746
Spießer leiten die Hölzer aus der Traun in mehrere Auffangbecken

Spießer leiten die Hölzer aus der Traun in mehrere Auffangbecken
Holzarbeiter bei der Trift um 1900

Holzarbeiter bei der Trift um 1900
Viele am Ende des 19. Jahrhunderts völlig alltägliche und damals noch Existenz sichernde Erwerbszweige wie Fuhrwesen, Müllnerei, Schmiedehandwerk oder auch die Trift sind in der Zeit vor und nach dem Ersten Weltkrieg binnen weniger Jahrzehnte aus dem dörflichen Alltagsleben verschwunden und heute oft nur noch aus Lüftlmalereien an Hausfassaden oder im Museum an Hand alter Bilder und, so weit vorhanden, auch an alten Filmen nachzuempfinden. Was an Museumstagen in Mühlen, Schmieden und ähnlichen Einrichtungen wenigstens noch zeitweise zugänglich und beobachtbar ist, das ist bei der Trift, die den Holztransport in früherer Zeit maßgeblich bestimmte, trotz teils noch gut erhaltener Klausen kaum mehr möglich, zumal sie für viele der jüngeren Generation heutzutage kaum mehr in vollem Ausmaß vorstellbar ist. Genau das dürfte der Grund für ein ganz besonderes Vorhaben des Holzknechtvereins um den Vorsitzenden Georg Pichler gewesen sein, eine Jubiläumstrift von der aufwändig renovierten Röthelmoos-Klause bis zur Gründberg-Stube im Jahr 2007 durchzuführen, denn genau vor 111 Jahren fand am 15. Juni 1896 die letzte Trift nach Traunstein statt, knapp 300 Jahre, nachdem das Triftwesen mit der Eröffnung der Soleleitung Reichenhall – Traunstein seinen Anfang genommen hatte. Dann aber hatte der Sturm Kyrill 2007 den Männern um Georg Pichler einen Strich durch die Rechnung gemacht und so ist nun die Trift vorläufig für Sonntag, den 18. Mai 2008 vorgesehen.

Die Trift als Holzbeförderungssystem war in unserer Heimatregion seit alters her bis in das Industriezeitalter hinein weit verbreitet. Sie war die einfachste, billigste und wegen fehlender oder nur schwer zugänglicher Wege oft die einzig mögliche Art, Holz in ungebundenem Zustand vom Einschlag im Gebirge zu den Sudpfannen vor den Toren Traunsteins zu transportieren und den Salinen in ausreichendem Maß zur Verfügung zu stellen. Holz war über Jahrhunderte bis zu Beginn des Industriezeitalters die einzige Energiequelle, wovon große Mengen für die Eisenverhüttung und für den Salinenbetrieb verbraucht wurden. Deshalb war die Trift im oberbayrischen Salinenwesen für lange Zeit von ganz entscheidender Bedeutung. Sie war gekennzeichnet von flächendeckenden historischen Strukturen, einer heute kaum mehr vorstellbaren Vielfalt, einer beeindruckenden Kunstfertigkeit beim Erstellen von Verbauungen, Klausen und Riesen, aber auch von einer ausgezeichneten Organisation, welche in der Lage war, alle erforderlichen Arbeitsgänge zeitlich genau aufeinander abzustimmen. Da die meist recht schmalen Gebirgsbäche oft eine zu geringe Wasserführung für einen gesicherten Holztransport aufwiesen, mussten diese sogenannten Klausbäche durch Sperren oder Klausen aufgestaut und die Triftflächen zusätzlich verbaut werden, damit die Hölzer die Ufer nicht aufrissen oder an Steinen und Sandbänken hängen oder liegen blieben. Der Sinn und der Zweck der Klausen oder Schwellwerke bestand darin, in den ansonsten meist seichten Flüssen oder Bächen eine ausreichende Wassermenge aufzustauen, um sie dann zusammen mit den darin schwimmenden Hölzern im richtigen Moment durch die Klaustore in den Wehren zu Tal schießen zu lassen. Eine Abbildung aus dem Salinenbilder-Zyklus hat diesen Vorgang an der Seeklause am Seehaus bei Ruhpolding sehr anschaulich festgehalten, die neben der Eschelmoos- und der Röthelmoos-Klause zu den wichtigsten der Traunsteiner Triftklausen zählte. Sie war bereits 1619 in Betrieb genommen und das ursprünglich in Holz errichtete Wehr 1769 in Stein ausgeführt worden.

Wenn nun die Hölzer mit den Wassermassen ihren Weg auf der Traun oder der Achen durch das Ruhpoldinger Tal nahmen, konnte es an den Oberläufen in engen Klammabschnitten oder an sperrenden Felsblöcken im Bachbett immer wieder zu Versperrungen oder Verwerfungen kommen, in denen sich die Baumstämme in kürzester Zeit verspreizten. Hier waren die Triftknechte entlang der Triftflächen gefordert, deren Aufgabe das Entwirren derartiger Versperrungen war, indem sie, am Seil frei über dem tosenden Chaos balancierend versuchten, mit einer Spitzstange die verkeilten und widerspenstigen Stämme und Scheite wieder flussabwärts zum Treiben zu bringen und so eine geordnete und störungsfreie Schwemme zu garantieren. Das alles musste rasch und in exakter gegenseitiger Abstimmung geschehen, denn die künstlich herbeigeführte Schwemmphase war schon nach kurzer Zeit wieder vorbei und zurückgebliebenes Holz war in der Regel verloren. Die Triftknechte waren sich bei ihrer Arbeit des Risikos wohl bewusst. Nicht wenige haben diese mühevolle und gefährliche Arbeit auf den schwankenden und rotierenden Stämmen mit dem Leben bezahlt, wie früher die zahlreichen Marterl entlang der Triftbäche bewiesen.

Hatte dann das Schwemmholz mit den Stauwässern seinen Weg Tal auswärts bis zur Au vor den Toren Traunsteins gesucht, staute sich dort die Holzflut vor dem Hauptrechen nahe der Saline und bedeckte auf einer Länge von mehreren Kilometern den Fluss. Am Rechen wurden die Hölzer von »Spießern« aus der Traun in mehrere Auffangbecken (Fürschlacht) geleitet, aus denen das Wasser durch Holzroste in darunter liegende Kanäle ablief und die Stämme und Scheite von Holzknechten auf den Holzfeldern zu gewaltigen Gantern zum Trocknen »aufgezaint« wurden. Dieser Vorgang ist in dem Traunsteiner Salinenbilder-Zyklus in Bild 6 dargestellt, der die Holzfelder mit den davor befindlichen Auffangbecken nahe der Saline zeigt.

Eine wie eingangs beschriebene Trift fand in der Regel zweimal im Jahr statt, meist einmal im Frühjahr, wenn die Flüsse und Bäche nach der Schneeschmelze viel Wasser führten oder ein weiteres Mal im Sommer, wenn die Pegel der Flüsse nach heftigen Sommergewittern kurzfristig anschwollen. Für die Saline in Traunstein wurden so Jahr für Jahr bis zu 20 000 Klafter Holz getriftet. Da die Bereitstellung so großer Holzmengen mit einem beträchtlichen Arbeitsaufwand verbunden war, schlossen sich meist einige Holzmeister zu mehreren Partien zusammen und besorgten gemeinsam das Einfällen und Ablängen der Bäume sowie den Transport zum jeweiligen Triftwasser. Die Arbeiten an den Triftanlagen und entlang der Triftflächen auf den Flüssen und Bächen wurden von den Triftmeistern überwacht, die für die ordnungsgemäße Durchführung verantwortlich waren und mit den Revierförstern und den Triftbaupolieren eng zusammenarbeiteten.

Wegen der weitläufigen und stets aufs Neue zu inspizierenden Arbeitswege mussten die Triftmeister beritten sein, um die oft viele Kilometer langen Tagesstrecken zurücklegen zu können. Um sich den Unterhalt eines guten Reitpferdes leisten zu können, wurden sie entsprechend entlohnt und genossen bei der Bevölkerung hohes Ansehen. Als äußeres Zeichen ihres Ranges trugen die Triftmeister einen Triftmeisterstab, der einerseits als Maßstab zum Messen des Holzes benutzt wurde, der aber gleichzeitig auch als Ehrensymbol für seinen Träger galt. Wie hoch diese zur Hochblüte des Triftwesens im 17. und 18. Jahrhundert in der ganzen Region in Ansehen standen, ist uns in Ruhpolding durch eine Porträttafel des Triftmeisters Johannes Kecht aus dem Jahre 1746 überliefert, die ihn in Triftmeisterrobe und mit Ehrenstab zeigt.

Auf Grund genauer Aufzeichnungen in alten Forstberichten und mit Hilfe von Abbildungen auf dem Salinenbilder-Zyklus können wir auch heute noch ein recht genaues Bild von den einstmals so wichtigen Produktionsabläufen im Forst- und Salinenwesen gewinnen. Auch alte Berichte, wie der aus der Zeitschrift »Über Land und Meer« aus dem Jahre 1894, veranschaulichen uns einen Triftvorgang aus früherer Zeit:

»Der Platz für die Klause ist geschickt gewählt. Der Bach erweitert sich hier zu einem seeartigen Becken, Klaushof genannt, und fließt dann durch ein enges Felstor donnernd durch Felsen und Klammen. Die Klause hat mehrere Öffnungen: drei Hochablässe, zwei Grundablässe und zwei Tore. Erstgenannte dienen dazu, nach dem Schlagen der Klause das Grundwasser abzulassen und das Bett im Klaushof vom Schlamm zu reinigen, die Hochablässe, um bei Hochwasser einen Teil des gestauten Wassers dem Tal zuzuführen und dadurch ein Überfluten der Klause zu vermeiden. Der Zweck solcher Klausbauten ist bekannt: Mit der Gewalt des angestauten und plötzlich abgelassenen Wassers soll das auf Holzriesen zu Tal beförderte Holz im Flussbett fortgeführt werden. Das großartige Schauspiel eines solchen Klausenschlages zieht stets eine große Zuschauermenge an den schön gelegenen Ort. Im Monat April, manchmal auch anfangs Juni, wird die Klause geschlagen, das heißt durch Aufziehen und Niederstoßen der von der Brücke nach unten führenden Schlagbalken werden die mächtigen Hebel, welche die Klaustor schließen, emporgetrieben, diese müssen der Gewalt der Wassermassen weichen und die Fluten stürzen sich mit donnerartigem Getöse durch die Klaustore in die Tiefe, alles mit sich fortreißend, was bis zum Klausenschlag angeschwemmt worden war. Ein wildes Bild, da in der Tiefe. In der weißen Gischt der in großem Bogen hinuntersausenden Wassermassen gleiten die Stämme pfeilschnell, verschwinden im tosenden Kessel sekundenlang, tauchen wieder empor, kerzengerade, sich bäumend und wälzend, wieder untertauchend, von den schrägen Wänden der Klause abprallend und auf den Strudel wieder zuschwimmend. Dieser packt sie aufs Neue, dreht und wälzt sie mit den nachstürzenden Stämmen wieder durch die zischenden und schäumenden Wassermassen, bis sie endlich von der Gewalt des Wasserdrucks fortgeschleudert werden, weiter über Felsblöcke, bis ihnen nach mehrstündiger rasender Fahrt weit draußen im Tal ein gewaltiger Rechen Halt gebietet.«

So weit die Schilderung eines Zeitzeugen von anno dazumal. Nichts von all dem vermag jedoch die unmittelbare Erfahrung und Beobachtung zu ersetzen, wie sie mit einer Schau- oder Jubiläumstrift im Sommer dieses Jahres an der Röthelmoss-Klause ermöglicht wird, wo viele Einheimische und Gäste am 18. Mai 2008 gebannt einen kulturgeschichtlich bedeutsamen Vorgang verfolgen können, der einmal über viele Jahrhunderte die Existenzgrundlage für viele Familien in unserem Dorf darstellte.

H. Weigand



19/2008