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Jahrgang 2013 Nummer 11

Die Traunsteiner Jahre eines Nobelpreisträgers

Der Chiemgau war die Wahlheimat des Physikers Johannes Stark – Teil II

Das Gut Eppenstatt hatte Stark für seinen Sohn Hans erworben. Nun ging er daran, für sich und seine Frau in Traunstein auf der Wartberghöhe ein Haus zu bauen. Traunstein gefiel ihm, weil es nach seinen Worten »die angenehmen Seiten des Lebens einer Kreisstadt und Schnellzugstation mit einer reizvollen Umgebung verbindet«. Und natürlich in erster Linie wegen der Nähe zu Eppenstatt, das man vom Bauplatz aus in der Ferne sehen konnte.

Aber bereits mit dem von ihm selbst entworfenen Bauplan gab es Probleme. Dem »noch ziemlich jungen Bezirksbaumeister« gefiel der Plan nicht, er verlangte eine Reihe von Änderungen. Stark weigerte sich mit der ihm eigenen Entschiedenheit und sagte, er wolle das Haus nach seinen eigenen Bedürfnissen bauen, schließlich baue er mit seinem Geld. Der Bezirksbaumeister blieb hart. Stark fuhr nach München zur Regierung – und der zuständige Oberbaurat fand den Plan des Nobelpreisträgers voll in Ordnung und genehmigte ihn.

Im Haus auf der Wartberghöhe wohnte nur das Ehepaar Stark. Hans bewirtschaftete Eppenstatt, der zweite Sohn war früh verstorben, alle drei Töchter waren verheiratet. »Es waren alles glückliche Ehen, aus denen gesunde, schöne und begabte Kinder hervorgingen«, schreibt Stark in den Erinnerungen. »Meine Frau und ich konnten also mit Befriedigung dem Lebensabend in Traunstein entgegensehen.«

Kampf gegen Parteibonzen

Ein ruhiger Lebensabend sollte es allerdings nicht werden. Stark war eine Kämpfernatur. Beim Lesen seiner Erinnerungen gewinnt man den Eindruck, dass er immer wieder Gegner brauchte, denen er seine Überlegenheit demonstrieren konnte. Früher waren das seine akademischen Berufskollegen gewesen, bei denen er als streitsüchtig und als »Nervensäge« gegolten hatte, nun im Ruhestand in Traunstein waren es die örtlichen und überörtlichen Funktionäre der Partei, vom Traunsteiner Kreisleiter bis zum Gauleiter in München. So trägt ein ganzes Kapitel seiner Erinnerungen die Überschrift »Kampf gegen Parteibonzen«.

Dem Streit mit dem Kreisleiter lag eine Lappalie zugrunde. Starks Hofnachbar, der Bürgermeister der damals noch selbstständigen Gemeinde Hochberg, bat ihn um Hilfe, weil sich der Kreisleiter unrechtmäßig in die finanziellen Angelegenheiten der Gemeinde einmische. Stark intervenierte, der Kreisleiter reagierte wütend, Stark konterte mit dem Hinweis, er werde die Gauleitung informieren. Im Gegenzug drohte der Kreisleiter mit einem Verfahren gegen Stark vor dem Gaugericht, weil er bei seinem Hausbau die Arbeiter unter Tarif bezahlt und schlecht behandelt habe. Stark fühlte sich zu Unrecht beschuldigt und kündigte an, gegen den Kreisleiter eine förmliche Beschwerde einzureichen. Das Gaugericht gab Stark recht, der Kreisleiter sollte abgesetzt werden, was aber durch höhere Parteistellen verhindert wurde.

Zum Konflikt mit dem Gauleiter Wagner von München kam es wegen des Ortsgruppenleiters von Bergen. Dieser war wegen Körperverletzung zu einer längeren Freiheitsstrafe verurteilt worden. Wagner gab beim Justizminister Gürtner um Begnadigung ein. Der Minister, der Stark kannte, fragte ihn um seine Meinung, er kenne die Traunsteiner Verhältnisse aus der Nähe. Stark riet, den Mann 14 Tage einzusperren und dann laufen zu lassen. Als Wagner von Starks Einschaltung beim Justizminister erfuhr, geriet er in furchtbare Rage und ließ durch die Kreisleitung in Traunstein bekanntmachen, Stark werde im Schnellverfahren aus der Partei ausgeschlossen. Darauf antwortete Stark mit einer Beschwerde gegen den Gauleiter wegen des Eintretens für einen zu Recht bestraften Ortsgruppenleiter und appellierte an das Oberste Parteigericht. Dem Gericht war die ganze Angelegenheit offensichtlich peinlich. Nach Wochen erhielt Stark die Mitteilung, das Verfahren gegen ihn werde eingestellt, seine Beschwerde gegen den Gauleiter sei unter den Gerichtsakten nicht auffindbar.

Auch privat gab es Ärger. Die Ehe von Hans war gescheitert, Hans selbst stand als Soldat an der Ostfront. Seine geschiedene Frau hatte sich, wie Stark schreibt, auf Grund einer Intrige des Kreisbauerführers, in Eppenstatt festgesetzt. Stark wurde es sogar verwehrt, seinen geliebten Obstgarten aufzusuchen, nicht einmal das verbriefte Wohnrecht in Eppenstatt durfte er in Anspruch nehmen.

Nach dem Einmarsch der Amerikaner wurde Stark Ende Juni 1945 verhaftet und verbrachte vier Wochen im Traunsteiner Gefängnis. Er war überzeugt, dass ihn die einstigen Nazibonzen bei der Besatzungsmacht denunziert hatten. Die Amerikaner beschlagnahmten sein Haus am Wartberg, Frau Stark kam in der Nachbarschaft unter. Erst als Hans im September aus der Gefangenschaft heimkehrte, musste die Ex-Frau Eppenstatt räumen und die Eheleute Stark konnten zu ihm ziehen.

Vor der Spruchkammer Traunstein

Im Jahre 1947 wurde Stark nach zehn Monaten Ermittlung vor die Spruchkammer in Traunstein vorgeladen. Den Vorsitz führte ein pensionierter Bankdirektor. Der Kammer lagen Stellungnahmen von Starks Berufskollegen vor, u.a. von Einstein, der Stark eine »paranoide Persönlichkeit« bescheinigte. Stark wurde auf der fünfstufigen Skala, die von »Hauptschuldiger« bis »Entlastet« reichte, als Hauptschuldiger eingestuft, zu vier Jahren Arbeitslager verurteilt und sein Vermögen bis auf monatlich 200 Mark eingezogen. Für Stark bedeutete das Urteil eine Katastrophe. Er erlitt einen Tag später einen Schlaganfall und musste ins Krankenhaus eingeliefert werden. Sein Anwalt legte Berufung ein und beantragte im Hinblick auf Starks Gesundheitszustand die Aufhebung des Haftbefehls, doch die Traunsteiner Behörde lehnte den Antrag »wegen außerordentlicher Erregung der hiesigen Bevölkerung« ab. Erst auf Grund eines amtsärztlichen Attests konnte Sohn Hans die »Entlassung in häusliche Pflege« erreichen. Da das Haus am Wartberg noch beschlagnahmt war, nahm Hans die Eltern bei sich auf.

Zwei Jahre später fand in München die Berufungsverhandlung statt. Das Urteil der ersten Instanz wurde aufgehoben, Stark als Mitläufer eingestuft und zu einer Geldbuße von 1000 Mark verurteilt. Das war drei Stufen unter dem Urteil der Erstinstanz! Angesichts des gewaltigen Unterschieds fragt man sich heute, was die Traunsteiner Richter zu ihrem wirklich drakonischen Urteilsspruch veranlasst haben mag. Erschöpft durch die Aufregungen der letzten Zeit suchte Stark in Eppenstatt Ruhe und Entspannung. Als Zusammenfassung seiner physikalischen Forschungen veröffentlichte er 1951 im Verlag Anton Miller in Traunstein das Buch »Erfahrungen und Theorien über Licht und Elektron«, von dem die Fachwelt keine Notiz mehr nahm.

Starks Gesundheitszustand verschlechterte sich von Monat zu Monat. Zuletzt war er schwer gehbehindert und halbseitig gelähmt. Er übersiedelte in sein Haus am Wartberg, in dem er am 21. Juni 1957 gestorben ist. Seine Asche wurde am Friedhof in Haslach beigesetzt und später nach Berchtesgaden überführt, wo Hans seit 1960 mit seiner Mutter lebte. Gut Eppenstatt kam in fremde Hände, heute befindet sich dort ein Pferdeund Reiterhof.

 

Julius Bittmann


10/2013


Teil 1 in den Chiemgau-Blättern Nr. 10/2013 vom 9. März 2013