Jahrgang 2003 Nummer 15

Die Tage der stillen Woche

Gründonnerstag, Karfreitag und Karsamstag im Volksglauben

Nach dem Palmsonntag beginnt die »stille und schwarze Woche«, in der dem Gründonnerstag, der von der Kirche dem Gedächtnis der Einsetzung des Abendmahls gewidmet ist, und dem Karfreitag, der bereits im vierten Jahrhundert als buss- und Fastentag begangen wurde, besondere Bedeutung zukommen.

»Der Tag der grünen Kräuter«

Volkskundler nehmen an, dass der Name Gründonnerstag, der seit dem 12. Jahrhundert eingeführt ist, mit der aus jungen Kräutern bestehenden Fastenkost zusammenhängt. Folgende Erklärung können wir beid en Sprachwissenschaftlern Jakob und Wilhelm Grimm nachlesen:

»Man leitet grün, wie die lateinische Benennung des dies viridium (Tag der grünen Kräuter), von der heute noch verbreiteten Sitte, an diesem tag frisches Gemüse zu essen, einen eigenen Donnerstagskohl, wozu die eben aufgesprossten Kräuter, unter denen sich auch die grosse Brennessel befinden muss, gesucht werden. Diese Speise soll gegen Krankheiten shcützen.«

Im Volksglauben gilt der Gründonnerstag auch als Glück verheissender Saattag. Was man an diesem Tage sät, heisst es, kann nicht erfrieren und keinen anderen Wetterschaden erleiden.

Auch in die Volksliteratur ist der Gründonnerstag eingegangen. Da wird beispielsweise die Sage erzählt von einem Kind, das in einem Felsenspalt herrliche Schätze gesehen hat. Als es sich gerade etwas Shcönes herausholen will, schlägt es 1 Uhr, und der Felsen schliesst sich. Erst am nächsten Gründonnerstag bekommt die Mutter ihr Kind gesund wieder.

Passions- und Mysterienspiele

Der stillste Tag in der Karwoche ist der Karfreitag; er ist ganz dem Schmerz und der Trauer gewidmet, einer Trauer, die erhöht, nicht niederdrückt. (Das Wort Chara bedeutet im Althochdeutschen Trauer, Klage, aber auch Stille). Der Tag kennt kein Glockenläuten, kein Uhrenschlagen, keinen Weihrauch. Diese Trauer hat ihren Ausdruck gefunden in zahlreichen Legenden und Bräuchen, die sich an den Todestag des Erlösers knüpfen.

Wie tief die Menschen vom Karfreitagsgeschehen schon in früheren Jahrhunderten angerührt wurden, beweisen die Passions- und Mysterienspiele in vielen Ländern. Mitunter wurden sie durch kaiserliche und königliche Dekrete privilegiert. So hat König Karl VI. im Jahre 1398 verfügt, dass »jegliches Mysterium vor ihm selbst oder seinem Volke an erlaubten Orten, in Paris selbst oder im Weichbilde der guten Stadt« aufgeführt werden könne.

Es gab Menschen, die das Leiden Christi so eindringlich darboten, dass sie beinahe selbst den Tod erlitten. Im Jahre 1457 soll der Pfarrer von St. Victor in Metz die Passion des Heilandes »mit solcher Wahrheit dargestellt haben, dass er fast am Kreuz gestorben wäre, wenn die Umstehenden ihn nicht kurz vor dem letzten Röcheln herabgenommen hätten.«

Innige Frömmigkeit in den Gebeten und Liedern vergangener Jahrhunderte, die Aussagen der Dichter aller Zeiten, die Predigten der Geistlichen erheben den Karfreitag zum bedeutungsvollen Tag.

Verhältnismässig wenige Bräuche knüpfen sich an den Karsamstag. In einigen Gegenden steckte man kleine Holzkreuze in die Felder, um sich ein gutes Gedeihen der Frucht zu sichern. In der Pfalz verbrannte man alte Stiefel, deren Überreste das Haus vor Feuersgefahr schützen sollten.

Ausserdem galt es als Abwehrmittel gegen Unglück aller Art, wenn man geweihte Holzstückchen, die vorher leicht angebrannt wurden, am Karsamstag in die Wohnräume und Ställe legte.

Es hat sich nicht nur mancher religiöse Brauch alter Volkssitte angepasst, sondern umgekehrt auch mancher alter Aberglaube sich im lauf der Zeit mit der kirchlichen Bedeutung der Kartage gemischt. Diese Verschmelzung hat den sletsamen Zauber und die geheimnisvolle Anziehung hervorgebracht, die diese ernste, stille Woche poesievoll verschönen.

OB



15/2003
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