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Jahrgang 2015 Nummer 31

Die Synode in Mühldorf anno 1553

Die Salzburger Kirchenprovinz wehrt sich gegen reformatorische Ideen

Mühldorf, Aquarell um 1750.
Stadtansicht von Mühldorf um 1760 von Balthasar Mang.
Herzog Albrecht V., von Hans Mielich (1545).
Reformatorisches Flugblatt: Luther führt die Menschen aus der ägyptischen Finsternis. Oben: Der Papst und sein Anhang.
Der Nagelschmiedturm aus dem 13. Jahrhundert mit den Wappen Bayern, Mühldorf und Salzburg.

Fast neunhundert Jahre lang gehörte Mühldorf politisch wie kirchlich zum Erzstift Salzburg und war damit als Enklave ein ärgerlicher »Dorn im Fleische Bayerns«, ehe es im November 1802 in das Königreich Bayern eingegliedert wurde. An die Salzburger Zeit erinnert der massige Haberkasten, der ehemalige Getreidespeicher, heute Kulturzentrum und Stadtbücherei sowie das Pflegschloss, ehemals Sitz des höchsten Salzburger Verwaltungsbeamten und beliebter Aufenthalt des Salzburger Erzbischofs, in dem heute das Finanzamt untergebracht ist. Nicht nur die Stadt, sondern auch Ländereien in ihrem Umland, dem sogenannten Isengau, waren Salzburger Besitz, etwa Felder und Wälder um die Orte Ampfing, Altmühldorf, Mödling, Gars und Buchbach.

Während der Salzburger Zeit war Mühldorf mehrfach Tagungsort von Synoden der Salzburger Kirchenprovinz. Diese umfasste die Diözesen Freising, Passau, Regensburg und Brixen. Der Salzburger Erzbischof war ihr Metropolit und durfte sich mit dem Titel »Primas Germaniae« schmücken. Eine der wichtigsten Synoden tagte vom 17. bis 22. Dezember 1553 und beriet, was man gegen das bedrohliche Vordringen der evangelischen Lehre unternehmen könne. Neben dem Salzburger Erzbischof Ernst nahmen daran teil der Bischof von Regensburg, Vertreter der Bischöfe von Freising und Passau, Bevollmächtigte des österreichischen Königs Ferdinand und des bayerischen Herzogs Albrecht V. Die Einladung zur Synode ging vom Erzbischof von Salzburg aus, einem Onkel des Bayernherzogs Albrecht V. Der Herzog selbst nahm nicht an der Synode teil, aber sein Kanzler Simon Eck war mit den nötigen Instruktionen seines Herrn ausgestattet. Die beiden Wittelsbacher waren entschlossen, die vor allem aus Böhmen und Oberösterreich eindringenden Einflüsse des Luthertums in ihrem Gebiet zurückzudrängen und auszuschalten.

Neben der Abwehr der reformatorischen Ideen hatte sich die Synode zum Ziel gesetzt, nach Wegen zu suchen, um die Disziplin der Kleriker zu verbessern, deren oft anstößiger Lebenswandel für viele Gläubige ein Grund war, der katholischen Kirche den Rücken zu kehren und sich der Reformation zuzuwenden. In einem Vorbereitungspapier aus München zur Synode heißt es, man müsse »die alte, wahre und lang hergebrachte christliche Religion« als einziges Bekenntnis erhalten, die »religiöse Verirrung und Gärung steuern« und die Geistlichen zu einem mehr priesterlichen Leben anhalten.

Als hauptsächlichste Irrtümer, wie sie damals in Stadt und Land unter dem Volk grassierten, wurden aufgeführt:

❍ dass die Untertanen beim hochw. Sakrament des Altares, was unter jeder Gestalt begriffen, nit verstehen noch glauben wollen;

❍ dass sie die Mess´ spöttisch verachten und nach der Predigt und vor der Wandlung aus der Kirche laufen;

❍ wollen sie die Eucharistie nur unter beiden Gestalten empfangen;

❍ halten sie die Ohrenbeichte für unnötig, vermeinen vielmehr, dass man auf allgemeine Beicht absolvieren soll;

❍ ebenso halten sie auf die Genugtuung für begangene Sünden nichts;

❍ verwerfen die Anrufung und Fürbitt´ der Heiligen;

❍ verwerfen die Fürbitte für die Verstorbenen;

❍ verlangen die Priesterehe;

❍ essen an verbotenen Tagen Fleisch und arbeiten an Festtagen;

❍ Kreuzgänge und Wallfahrten verachten sie und ebenso die übrigen Zeremonien der Kirche;

❍ sie unterlassen das Sakrament der Letzten Ölung ganz.

Die Aufstellung zeigt: Der alte Glaube war in eine Krise geraten, bisher als selbstverständlich bejahte religiöse Überzeugungen und Praktiken waren dabei, ihre Verbindlichkeit zu verlieren. Die Fastengebote, Wallfahrten, Heiligenverehrung, Ohrenbeichte und der Zölibat standen in der Kritik, weil sie – so die Kritiker – nicht biblisch begründet waren. Viele Laien wünschten, gleich den Priestern die Kommunion in der Gestalt von Brot und Wein (»sub utraque«) zu empfangen. Wenn ihr Pfarrer das verweigerte, gingen sie am Sonntag in solche Pfarreien, in denen sie auch die Kelchkommunion bekamen – entweder von reformatorischen Priestern oder von Geistlichen, die zwar katholisch waren, sich aber dem Wunsch der Kommunikanten nach dem Kelch nicht verschlossen. Dieses sogenannte »Auslaufen« sollte auf alle Fälle beseitigt werden.

Für die bayerischen Herzöge bedeuteten Abweichungen in Glaubensfragen auch eine Gefahr für die staatliche Stabilität. Auf einem einheitlichen religiösen Bekenntnis beruhte nach der damaligen Staatsdoktrin der Bestand des Staates. Zerbrach die konfessionelle Einheit, war auch die Einheit des Herzogtums in Gefahr. Bei dieser sehr engen Verquickung von Konfession und Politik war die Synode von Mühldorf keine rein religiöse Veranstaltung, auch wenn kirchliche Themen auf dem Programm standen.

Die Bischöfe wie der Herzog stimmten darin überein, dass die Abtrünnigen und ihre Sympathisanten zum alten Glauben zurückgeführt werden müssten. Wenn es nicht mit Belehrung ging, dann notfalls mit Gewalt. Aber am Wie schieden sich die Geister. Die Bischöfe waren für eine harte Gangart, der Herzog schreckte vor Gewaltmaßnahmen zurück. Albrecht musste Rücksicht nehmen auf die Ständevertretung in München, von der er in mehrfacher Hinsicht abhängig war. In erster Linie bei der Bewilligung neuer Steuern, die er dringend brauchte. Unter der Partei der Adeligen befanden sich zahlreiche Reformfreunde, Papstkritiker, Befürworter des Laienkelchs und der Priesterehe, die mit Argusaugen die Kirchenpolitik ihres Landesherrn verfolgten und gegebenenfalls nicht zögern würden, seine Steuerpläne scheitern zu lassen.

Kurz vor Beginn der Synode hatten die Stände beim Herzog beantragt, er solle »bei den Bischöfen darauf dringen, in allen Pfarrkirchen nur fromme Seelsorger mit einwandfreiem Lebenswandel anzustellen«; außerdem möge er gestatten, dass den Gläubigen die Kommunion unter den Gestalten von Brot und Wein gereicht werde, »wie es viele Hundert Jahre lang in der katholischen Kirche der Brauch gewesen ist«.

Tatsächlich war die Kelchkommunion bis zum Ende des 13. Jahrhunderts durchaus üblich gewesen. Doch seit den Hussitenkriegen war »der Kelch« negativ besetzt. Er wurde als ein »Symbol der Auflehnung der Laien gegen die römische Priesterkirche« gesehen und hatte sich zum Kristallisationspunkt des evangelischen Bekenntnisses entwickelt. Schließlich hatte das Konstanzer Konzil den Laien generell die Kelchkommunion verboten. Herzog Albrecht war bereit, den Ständen in der Frage des Kelchs entgegenzukommen und äußerte sich zunächst hinhaltend. Später erlaubte er die Kelchkommunion zwar nicht direkt, stellte aber sowohl ihre Spendung wie ihren Empfang straffrei, wodurch er einen wichtigen konfessionellen Streitpunkt zumindest vorübergehend aus dem Weg räumte und beim Adel Pluspunkte für seine Steuerpläne sammelte.

In der Frage, wie man das Vordringen der Ketzerei aufhalten könne, waren sich die Synodenteilnehmer uneinig. Nach Ansicht der herzoglichen Vertreter sollte man versuchen, die Irrenden durch gütliche Ermahnung und Belehrung zur Einsicht zu bringen. Mit aller Schärfe seien jedoch die Geistlichen unter die Lupe zu nehmen, die oftmals falsche Lehren verbreiteten und durch ihren skandalösen Lebenswandel Ärgernis erregten. Nötig sei eine genaue Visitation der Pfarrseelsorger, um die Spreu vom Weizen zu sondern. Es sei ein dringendes Anliegen des Herzogs, die Geistlichen zu einem echt priesterlichen Leben anzuhalten. »Sie sollen die hochwürdigen Sakramente würdig verwalten, sich der Wirtshäuser enthalten und das Heiraten und andere leichtfertige Beiwohnung mit Weibspersonen sein lassen«, heißt es in einem Antrag.

Die Bischöfe wollten einer Visitation zunächst nur zustimmen, wenn sie landesweit in ganz Deutschland abgehalten werde. Das wäre praktisch einer Ablehnung gleichgekommen. Nach längerer Diskussion fügten sie sich schließlich der Forderung aus Bayern und stimmten der Visitation zu. Ihre Durchführung sollte freilich noch einige Zeit auf sich warten lassen. Sehr streng war nach Ansicht der Bischöfe gegen ketzerische Laien vorzugehen. Verdächtige Personen seien vor dem zuständigen Pfarrer zu zitieren und zu vernehmen. Erwiesen sie sich als irrgläubig, sollten sie zum Widerruf aufgefordert werden und in einem öffentlichen Bußakt vor der Gemeinde Reue bekunden. Nach abgelegter Beichte konnte ihnen dann wieder die Kommunion gereicht werden, aber nur in Brotgestalt. Wer den Widerruf verweigere, sei des Landes zu verweisen. Für Bayern fanden die herzoglichen Vertreter ein solches Vorgehen »zu scharf und rauh«, es komme schon wegen der Rücksicht auf die Ständevertretung nicht in Frage. Eine strafrechtliche Verfolgung sei nur bei »kirchlichen Personen«, also bei Geistlichen angezeigt.

Ein Protokoll über die Synode von 1553 ist nicht vorhanden, doch kann man ihre Ergebnisse aus den Beschlüssen erkennen, die in Form von Mandaten von Erzbischof Ernst und Herzog Albrecht V. erlassen wurden. In einem Mandat an die Pfleger und Landrichter in Bayern erging die Weisung »ärgerliche Priester und ausgesprungene Mönche gefänglich einzuziehen«, alle Schulen zu visitieren »wie die Jugend in Glaubenssachen unterwiesen werde«. Ein noch schärferes Mandat erging an die Rentämter, sie sollten »mit aller Entschiedenheit dem Sektenwesen entgegentreten, vor allem den hochschädlichen Ketzereien der Wiedertäufer«. Erzbischof Ernst ermahnte die Geistlichen in einer »erzbischöflichen Instruktion«, nur kirchlich genehmigte Bibeln und Predigtbücher zu benutzen und die kirchlichen Zeremonien genau nach Vorschrift auszuführen.

Man muss annehmen, dass die meisten Gebote und Ermahnungen, die nach der Synode in Mühldorf ausgestellt wurden, mehr oder weniger auf dem Papier geblieben sind, denn auch in der Folgezeit gehen die Klagen über ein weiteres Vordringen der Reformation in Bayern weiter. Die Hauptursache dieser Entwicklung lag am mangelnden Einsatz der Pfarrer mit ihrer völlig ungenügenden theologischen Ausbildung und ihrem anstößigen Lebenswandel sowie an den Bischöfen, für die ihre Funktion als weltlicher Fürst oft wichtiger war als die geistliche Aufgabe. Bedeutendstes Ergebnis der Synode von Mühldorf war der Beschluss zur Visitation aller Pfarreien, die fünf Jahre später in Gang kam und die erkennen ließ, wie weit damals die Ideen der Reformatoren in Bayern in Stadt und Land bereits verbreitet waren.


Julius Bittmann


Literatur: Alois Knöpfler »Die Kelchbewegung in Bayern«, München 1891.

 

31/2015