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Jahrgang 2001 Nummer 27

Die Sonnenuhren in der Heimat von Peter Anich

Er baute auch Globen und fertigte eine autentische Karte von Tirol an

Als Armbanduhren noch nicht sekundengenau die Zeit anzeigen konnten, gab es nur wenige Möglichkeiten, sich unter freiem Himmel zu orientieren. War man gerade bei der Feldarbeit, wartete man das Mittagsläuten ab. War man im Dorf, schaute man zur Kirchturmuhr hinauf. Manchmal half auch eine Sonnenuhr weiter: Doch zeigte sie meist die Ortszeit an, ehe 1894 weltweit die Zeitzonen eingeführt wurden. Ein wahrer Künstler, Sonnenuhren zu bauen, war Peter Anich /1723-1766) aus Oberperfuß, einem 17 Kilometer südwestlich von Innsbruck in Tirol gelegenen Dorf.

»Es gibt insgesamt noch neun Sonnenuhren in Oberperfuß und Umgebung, welche Peter Anich konstruiert und teilweise selbst gemalt hat«, weiß Karl Schwarzinger aus Sistrans, der gerade für den Österreichischen Astronomischen Verein den landesweiten Katalog über Sonnenuhren für die dritte Auflage überarbeitet. 1993 waren 3009 Sonnenuhren in Österreich registriert worden, 538 davon in Tirol. Anichs Verdienst war, daß es ihm gelang, im Alter von 19 Jahren solche Zeitmesser ohne jahrelange Schulausbildung an Haus- und Kirchenwände hängen zu können. In seinem Heimatort Oberperfuß sind insgesamt noch drei bekannt.

Dafür benutzte er komplizierteste Formeln. Zum Beispiel am Brangerhof in Unterperfuß: »Die Wand steht noch im Zenit, nicht senkrecht, sondern etwas verschoben«, berichtet der frühere Leiter des Peter-Anich-Museums in Oberperfuß, Ernst Madersbacher. »Er mußte also mathematische Berechnungen machen, damit der Schatten des Stabes irgendwie stimmte.«

Schon an seinem Geburtshaus in der Völsesgasse in Oberperfuß hatte Anich eine Sonnenuhr angebracht. »Sie zeigt ein paar Engel«, sagt Peter Feller, ein Kunstmaler aus Zirl, der diese Uhr für einen Kunden in Mieders im Stubaital kopierte. Feller, der drei Sonnenuhren schuf, verrät, wie schwierig es ist, so eine Uhr bauen zu können. Für seine Uhr in der Mühlgasse in Zirl blätterte er in Büchern und studierte Skalen. »Ich kann sie berechnen«, sagt Feller. Bei der Uhr am Gasthaus Schwarzer Adler in Zirl half ihm der Stand der Sonne. »Ich bin jede Stunde rausgegangen und habe auf einen aufgehängten Karton einen Strich gemacht.«

Über die Sonnenuhren öffnete sich für Peter Anich ein ungewöhnlicher Weg. Mit 25 Jahren schrieb er sich an der Universität Innsbruck ein. Dort erhielt er an den Wochenenden von seinem Professor Ignaz Weinbrenner vier Jahre lang Privatunterricht in Mathematik und Astronomie. In dieser Zeit baute Anich in dem kleinen verträumten Ort Globen, die die Erde und den Himmel so zeigten, wie man sie sich damals vorstellte. Sie hatten einen Durchmesser bis zu 1,10 Meter und waren aus Pappmaché. »Sie wurden in der Drechslerwerkstatt seines Vaters hergestellt. Er bekam das alleinige Patent für ganz Österreich«, sagt Madersbacher. Auf einem bildete er Australien als »Nova Hollandia« ab, zu einer Zeit, als James Cook den Fünften Kontinent noch gar nicht entdeckt hatte.

Doch Anichs eigentliches Lebenswerk war die erste authentische Karte seines Heimatlandes Tirol. Zwischen 1750 und 1752 stieg er auf Berge, vermaß Täler und Gipfel, hielt Pulvermühlen und Seen fest. Und zwar so detailgenau, daß Napoleons Armee später das Kartenwerk zu ihrem Vormarsch nutzte. Zuvor hatten die Experten an der Pariser Sorbonne sie als »die beste Karte des Jahrhunderts« gelobt und dann kopiert. Nach dem Erfolg seiner ersten Tirolkarte nahm Anich gemeinsam mit seinem Assistenten Blasius Hueber das damals zu Tirol gehörende Gebiet zwischen Brenner und Gardasee auf.

Gezeichnet von den Strapazen, starb Anich, noch mit der Goldenen Verdienstmedaille von Kaiserin Maria Theresia geehrt, am 4. September 1766 in seiner Heimat. In der Pfarrkirche Hl. Margreth ist er in einem Ehrengrab beigesetzt. In dem daneben liegenden Peter-Anich-Museum, das von 1. Juli bis 1. September freitags von 17 bis 18 Uhr geöffnet ist, sind seine Arbeitsgeräte, Globen und Karten zu sehen. Weitere Globen stehen im Zeughaus in Innsbruck und im Kunsthistorischen Museum Wien.

Über die Sonnenuhren ging die Zeit. »Sicher gab es einmal eine Zeit, in der sie auf Haus- und Kirchwänden übertüncht wurden«, sagt Karl Schwarzinger. »Die meisten sind wohl in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts verschwunden. Man hat in den letzten zehn Jahren etlliche schöne, historische Sonnenuhren im Zuge von Renovierungen von Kirchen unter dem Verputz gefunden und wieder frei gelegt. Weitere schlummern sicher noch hinter dem Verputz.«



27/2001