Jahrgang 2001 Nummer 11

Die singenden Botschafter Österreichs

Seit über fünfhundert Jahren gibt es die Wiener Sängerknaben

In Kadettenuniform mit Degen: Die K. u. K. Hofsängerknaben 1912.

In Kadettenuniform mit Degen: Die K. u. K. Hofsängerknaben 1912.
Die Wiener Sängerknaben im Goldenen Saal des Wiener Musikvereins.

Die Wiener Sängerknaben im Goldenen Saal des Wiener Musikvereins.
Seit 1918 treten die Sängerknaben in Matrosenanzügen auf.

Seit 1918 treten die Sängerknaben in Matrosenanzügen auf.
Man nennt sie die »Singenden Botschafter Österreichs«, die Wiener Sängerknaben, die in Berlin, München oder Zürich ebenso bekannt sind wie in Tokio und New York. Seit fünfhundert Jahren gehören sie schon zu den Wahrzeichen Wiens, ähnlich wie die Hofburg oder der Stephansdom. Ausgedehnte Tourneen haben sie in alle Teile der Welt geführt. In vielen Filmen, bei Opernaufführungen und auf Schallplatten und CDs waren und sind sie zu hören. Und wer Wien besucht, sollte daran denken, daß sie traditionsgemäß an jedem Sonntag den Gottesdienst in der Kapelle der Hofburg mit ihren klaren Stimmen verschönern.

Insgesamt zählen die Wiener Sängerknaben einhundert Buben, eingeteilt in vier Chöre. Ihre Ausbildungsstätte steht im prachtvollen Augarten. Viele Eltern betrachten es als Auszeichnung, wenn ihr Sohn bei den Wiener Sängerknaben Aufnahme findet. Voraussetzung dafür ist eine gute Stimme und ein ausgezeichnetes musikalisches Gehör.

Die grundlegende musikalische Ausbildung erhalten die Kinder zunächst im hauseigenen Kindergarten und in der Grundschule. Erst dann entscheidet es sich, wer in einen der vier Chöre, ins Internat und in das Privatgymnasium kommt. In den Kindergarten und in die Grundschule werden auch Mädchen aufgenommen und erhalten hier die gleiche Ausbildung, während die Chöre seit alters her nur Buben offenstehen.

Die älteste Nachricht über eine Kapelle mit Singknaben in Wien findet sich in dem im Jahre 1477 verfaßten Testament der Kaiserin Maria von Burgund, der ersten Gemahlin von Maximilian I. Darin heißt es, Seine Majestät habe sich vorgenommen, in Wien eine Kapelle zu gründen, für diese sechs Knaben als Sopransänger bestimmt und »ernstlich befohlen«, den jungen Sängern Sold und Unterhalt zu geben. Die Singknaben, so heißt es weiter, sollten »besonderes Tuch für Röcke und Hosen sowie Studentenkappen« erhalten. Fast könnte man meinen, in dieser Kleidervorschrift eine Art Vorläufer der Matrosenuniform der heutigen Wiener Sängerknaben zu sehen.

In einem Dokument aus dem Jahre 1498 sind bereits die Namen von achtzehn »Singknaben« überliefert. Der erste Leiter der Singkapelle war der aus Laibach stammende Domherr Georg von Slatkonia, der auf Betreiben Kaiser Maximilians im Jahre 1513 Bischof von Wien wurde und dessen prachtvolles Marmorgrab sich an der Nordwand des Stephansdoms befindet. Wie Zeitgenossen berichten, genoß am kaiserlichen Hof die Musik hohe Wertschätzung, sowohl die weltliche Unterhaltungsmusik wie die Kirchenmusik. Den Hofsängerknaben fiel dabei eine wichtige Rolle zu, so daß sie aus dem Leben am Kaiserhof bald nicht mehr wegzudenken waren.

Die blau-weißen Matrosenanzüge tragen die Wiener Sängerknaben erst seit dem Ende der Österreichisch-Ungarischen Monarchie im Jahre 1918. Vorher traten sie in der kaiserlichen Kadettenuniform auf, zu der auch der Degen gehörte. Aus dem früheren Namen »Kaiserliche Hofsängerknaben« wurden die »Wiener Sängerknaben«, eine Bezeichnung, die Weltgeltung erlangte.

Es kann nicht verwundern, daß aus den Reihen der Sängerknaben eine Reihe hochbegabter Musiker hervorgegangen ist. Joseph Haydn, der ursprünglich zum Domchor St. Stephan gehörte, sang gemeinsam mit den Sängerknaben sowohl in der Kapelle der Hofburg wie in der Schloßkapelle in Schönbrunn. Franz Schubert schrieb seine ersten Kompositionen im Kreis der Hofsängerknaben. Dem als Lehrer tätigen Hofkapellmeister Antonio Salieri war Schuberts Begabung schon bei der Aufnahmeprüfung aufgefallen. Die hervorragende Gesangsausbildung bei den Sängerknaben hat sicher eine wesentliche Grundlage für Schuberts empfindsame Liederkompositionen gebildet. Ehemalige Sängerknaben waren auch Karl Zeller, der Komponist des »Vogelhändlers«, Hans Richter, der langjährige Hauptdirigent der Bayreuther Festspiele und die Dirigenten Joseph Sucher, Felix Mottl, Clemens Krauss und Lovro von Matacic.

Konsequentes Training und harte Übung sind bei einem Chor wie den Wiener Sängerknaben unabdingbare Voraussetzung, um den großartigen Standard zu erhalten. Anspornend wirkt sicher auch die Zusammenarbeit mit bedeutenden Lehrern, Dirigenten und Komponisten. Neben Salieri waren das früher Joseph und Michael Haydn sowie Anton Bruckner, der mit den Sängerknaben seine Meßkompositionen einstudierte und den Buben dann süße Mehlspeisen spendierte, wenn eine Aufführung besonders gut gelungen war. In neuerer Zeit haben viele bekannte Dirigenten mit den Sängerknaben zusammengearbeitet, unter ihnen Claudio Abbado, Wilhelm Furtwängler, Leonard Bernstein, Karl Böhm, Herbert von Karajan, Nikolaus Harnoncourt, Carlos Kleiber, Georg Solti und Ricardo Muti.

Um einen Einblick in ihre Arbeit zu geben und neue Interessenten zu werben, veranstalten die Wiener Sängerknaben im Augarten-Palais jedes Jahr einen »Tag der Offenen Tür«. Außerdem laden sie Grundschullehrer zu Seminaren ein, besuchen aber auch selbst Schulen, um Anregungen für das Musizieren mit Kindern zu geben. Man braucht übrigens nicht Wiener zu sein, um Mitglied dieses traditionsreichen Chores zu werden, die Sängerknaben nehmen Buben aus allen österreichischen Bundesländern auf.

Julius Bittmann



11/2001