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Jahrgang 2008 Nummer 25

Die Siebenschläferkapelle in Rotthof in Niederbayern

Gedanken zum Ursprung einer Legende

Die Siebenschläfer-Kapelle bei Rott in der Gemeinde Ruhstorf.

Die Siebenschläfer-Kapelle bei Rott in der Gemeinde Ruhstorf.
Der Siebenschläfer-Altar von Johann Baptist Modler aus Kößlarn von 1757.

Der Siebenschläfer-Altar von Johann Baptist Modler aus Kößlarn von 1757.
An der Bundesstraße 386 in der Gemeinde Ruhstorf an der Rott liegt die Ortschaft Rotthof, in der die einzige Siebenschläferkapelle in Bayern steht. Der Siebenschläfertag steht am 27. Juni im Kalender. Während man früher die »heiligen« Siebenschläfer bei Schlaflosigkeit und Fieber anrief, steht heute mit dem Siebenschläfertag eine Wetterregel in Verbindung. Wenn es an diesem Tage regnet, hat man sich auf sieben Regenwochen einzustellen.

Die Siebenschläferkapelle in Rotthof ist aber nicht nur wegen ihrer Einmaligkeit bemerkenswert. Sie ist mit ihrem Altar auch ein beachtliches kunst- und kulturhistorisches Denkmal. So ist es nicht ohne Reiz, der Siebenschläferlegende und ihrer bildhaften Darstellung in der Kapelle in Rotthof ein wenig nachzugehen. Es ist ja nicht gerade alltäglich, dass eine im syrischen Kulturraum erstmals nachweisbare Legende im Koran an hervorragender Stelle Aufnahme fand, von Goethe in seinem Werk »Der West-östliche Divan« nachgedichtet und schließlich im Barock zum Gegenstand des Gedenkens einer Wallfahrt in der Rotthofer Kapelle geworden ist.

Der Hochaltar als barockes Szenenbild

Die »heiligen« Siebenschläfer sucht man im Heiligenkalender der Kirche vergeblich. Sie sind vielmehr als Symbolfiguren einer Legende von der Kirche übernommen worden. Der Barock hat die Legende mit neuem Leben erfüllt. Die Rotthofer Kapelle ist daher nicht den Siebenschläfern sondern den Apostelfürsten Petrus und Paulus geweiht. Die nichtheiligen Siebenschläfer zieren in einem barocken Altaraufbau den Hochaltar der Kapelle. Den mit einem Kreuzrippengewölbe verzierten Chorraum füllt der zwischen zwei Barocksäulen und zwei Langfenstern stehende Altar ganz aus.

Der Altar wurde im Jahre 1757 vom Vornbacher Abt Benedikt Moser in Auftrag gegeben und von Johann Baptist Modler aus Kößlarn ausgeführt. Der Altar ist eine Kuppelüberwölbte Felsengrotte, in der sieben Jünglinge in Rokokotracht schlafen und ihrer Wiedererweckung harren. Darüber ist symbolisch der Himmel angedeutet, in den die Siebenschläfer nach ihrer Wiedererweckung aufgenommen werden. Für den Himmel stehen die Wolken aus Stuck, in denen Engel spielen und in der Mitte das strahlenbegrenzte Dreieck als Zeichen der göttlichen Dreifaltigkeit.

Die Grotte mit den schlafenden Jünglingen ist als Theaterbühne zu verstehen, auf der ein Schauspiel in Szene gesetzt ist. Genau dies entsprach dem Denken und Fühlen der Barockzeit in der Mitte des 18. Jahrhunderts. Das ganze Leben betrachteten die Menschen dieser Zeit als ein großes Schauspiel. Nicht welche Rolle dem Menschen von Gott zugewiesen wurde, sondern wie er sie spielte, war entscheidend. »Vergiss nicht, dass das Leben Schauspiel ist und diese ganze Welt die große Bühne, dass sich im Augenblick die Szenen wandeln und wir dabei als Spieler handeln,« lesen wir in einem Gedicht von Franzisco de Quevedo aus dieser Zeit. Überall sahen die Menschen das Theater in ihr Leben einbezogen.

Im Jesuitentheater wurden die Legenden aus dem Leben der Heiligen gespielt. Vor einer aufwendigen Kulisse bestand der Heilige den Kampf gegen den Drachen des Bösen. In den Fronleichnamsumzügen wurden die Ereignisse der Heiligen Schrift in lebendigen Bildern dargestellt. Hunderte zogen als Ägypter oder als römische Soldaten mit. »Vergiss nicht, dass das Leben Schauspiel ist.« In diesem Sinne sahen sie auch die Kirche als Theater in einem prächtig ausgestalteten Raum mit einer Altarbühne, auf der das wundersame Geschehen einprägsam dargestellt war.

Die Gebrüder Asam hatten in ihren Barockschöpfungen in Weltenburg, Rohr und Osterhofen die Altäre nach diesen Grundsätzen gestaltet. Es ist wohl anzunehmen dass J.B. Modler diese Vorbilder kannte und die Idee des »theatrum sacrum« auch in Rotthof in der ihm eigenen Art umgesetzt hat. Die Barockzeit hatte die Legende von den sieben schlafenden Jünglingen aufgenommen und mit dem Sinn für alles Außergewöhnliche zum Gegenstand einer religiösen Verehrung gemacht. Daraus entwickelte sich eine Wallfahrt, die bald über die Grenzen Niederbayern hinaus bekannt wurde.

Die Flucht der Verfolgten in die Höhle

Die Legende, die das Barock so sehr liebte, erzählt von sieben Jünglingen, die unter dem römischer Kaiser Decius (249 bis 251) in Ephesus in Kleinasien lebten. Kaiser Decius glaubte, durch die Ausrottung der Christen die römische Götterwelt versöhnen zu können. Die Sieben, die dem neuen Glauben beigetreten waren, suchten Schutz vor Verfolgung in einer Höhle des Berges Ochlon nahe der Stadt Ephesus. Der Schäfer zeigte ihnen den Eingang zur Höhle. Ein Hund, der sie begleitete, wich nicht von ihrer Seite und blieb auch in der Höhle bei Ihnen. Über die Zahl der Eingeschlossenen gab es von Anfang an unterschiedliche Ansichten.

Dazu heißt es im Koran: »Einige sagen, es wären ihrer drei und der Hund der vierte gewesen. Andere behaupten, es wären ihrer fünf und mit ihrem Hund sechs gewesen. So raten sie herum in einer geheimen Sache. Andere wieder sagen, es seien sieben und mit ihrem Hund acht gewesen. Nur der Herr kennt ihre Zahl und nur wenige können es wissen.« Koran 18. Sure 23. Von Interesse ist diese Aussage des Korans schon deswegen, weil darin zum Ausdruck kommt, dass der inhaltliche Kern der Legende entscheidend ist und nicht die ihn umrahmenden Äußerlichkeiten. Weiters ist bemerkenswert, dass der Hund mit Nachdruck erwähnt wird. Auf die Bedeutung dieser Aussage wird noch zurückzukommen sein.

Die Legende im West-östlichen Divan

Nach dem Verrat des Verstecks wurde der Höhleneingang zugemauert. Die Höhle sollte für die Abtrünnigen zum Grabe werden.

»Aber jene schlafen immer,/ und der Engel, ihr Beschützer,/ sagt vor Gottes Thron berichtend:/ »So zur Rechten, so zur Linken/ hab ich immer sie gewendet,/ dass die schönen jungen Glieder/ nicht des Moders Qualm verletze./ Spalten riss ich in die Felsen,/ dass die Sonne steigend, sinkend,/ junge Wangen frisch erneute./ Und so liegen sie beseligt./ Auch, auf heilen Vorderpfoten,/ schläft das Hündlein süßen Schlummer.«

So schildert Goethe in seinem Werk »Der West-östliche Divan« den Schlaf der Jünglinge in der Höhle. Der Kößlarner Meister des Altars muss wohl dieses Werk gekannt haben, als er an der Rückseite der Grotte Lücken freiließ und diese mit rotem und gelbem Glas hinterlegte. So fällt auch ein Lichtschein vom Himmel in das Grab der Schlafenden.

Die zeitliche Länge des Schlafes

Als die Christenverfolgung zu Ende war, erwachten die schlafenden Jünglinge. Über die zeitliche Dauer ihres Schlafes geben die Quellen verschiedene Auskünfte. Einheitlich wird angenommen, dass die Jünglinge unter dem Kaiser Theodosius (408 bis 450) erwachten. Daher könnte aus historischer Sicht von einer Schlafenszeit von etwa 200 Jahren ausgegangen werden. Die legenda aurea rechnet eine Schlafenszeit von genau 196 Jahren vor. Die legenda aurea ist eine mittelalterliche Sammlung von Heiligenlegenden, die um 1267 verfasst und wegen ihrer volkstümlichen Verbreitung zur populärsten Legendensammlung wurde, die sich insbesondere im Barock größter Beliebtheit erfreute.

Doch nehmen wir zu dieser Frage noch einmal den Koran zur Hand. In der 18. Sure heißt es dazu: »Sie waren in der Höhle 309 Jahre. Aber Allah weiß es am besten, wie lange sie hier verweilten. Denn er allein kennt die Geheimnisse des Himmels und der Erde.« Dies scheint mir die schlüssigste Antwort auf die an sich müßige Frage, wie viele Jahre ihr Schlaf dauerte.

Das Wunder der Wiedererweckung

Doch nun zur Wiedererweckung der Siebenschläfer.

»Jahre fliehen, Jahre kommen,/ Wachen endlich auf die Knaben,/ und die Mauer, die vermorschte,/ altershalben ist gefallen.« – West-östlicher Divan.

Die so Erwachten verspürten Hunger und bestimmten einen von ihnen, beim Bäcker in Ephesus Brot zu kaufen. Als dieser dem Bäcker eine längst veralterte Münze mit dem Bild des Kaisers Decius vorlegte, kam das Wunder ans Tageslicht. Eine Kommission unter dem Vorsitz des Bischofs und des Kaisers prüfte alles nach und bestätigte schließlich den Schlaf der Jünglinge und ihre wundersame Erweckung. Nachdem alles bezeugt und bestätigt worden war, entschliefen die Jünglinge friedlich und wachten nicht mehr auf.

Ein Symbol für das ewige Leben

Soweit die Legende. Was zeichnet nun diesen Stoff derart aus, dass er nicht nur im Koran, dem heiligen Buch des Isalms, Eingang fand, von Goethe in die Weltliteratur eingeführt und schließlich in der barocken Kapelle in Rotthof mit neuem Leben erfüllt wurde? Die Legende steht für die Überwindung der Zeit und für das ewige Leben. Der Schlaf und mit ihm der Tod sind nicht das Ende des Lebens, sondern der Eingang in eine neue, bessere Welt. Die Überwindung des Todes durch die Auferstehung ist das Ziel des Lebens, auf das die Religionen hinführen.

Goethe ordnet daher die Erzählung von den Siebenschläfern im Divan dem Buch des Paradieses zu. Auch nach islamischem Religionsverständnis kommt der Legende eine besondere Bedeutung zu. Sie wurde dem Propheten Mohammed auf Geheiß Allahs durch den Erzengel Gabriel geoffenbart. Die Offenbarungen Allahs wurden von Mohammed zunächst mündlich weitergegeben und später schriftlich im Koran festgehalten. Die 18. Sure mit der Bezeichnung »Die Höhle« wurde dem Propheten in Mekka geoffenbart. Wegen ihres bedeutsamen Inhaltes ist sie traditioneller Bestandteil der Lesungen am Freitag in der Moschee. Dass der Koran auch auf christliches Gedankengut zurückgreift, ist durchaus nicht außergewöhnlich. Wird doch auch Jesus vom Islam als Prophet anerkannt.

Es wurde schon angedeutet, dass in der Erzählung des Koran, dem schlafenden und wiedererweckten Hund eine besondere Bedeutung zugemessen wird. Damit ist wohl angedeutet, dass auch die nicht vernunftsbegabte Natur am Tode und an der Auferstehung Anteil hat. Der Hund wird am Anfang der Legende mit einem Schäfer in Zusammenhang gebracht, der den verfolgten Jünglingen den Zugang zur Höhle zeigt. Der Hund ist damit als der treue Begleiter und Gehilfe des Menschen dargestellt. Er folgt dem Menschen in lichten und dunklen Tagen und begleitet ihn in unverbrüchlicher Treue sogar in den Tod. – »Auch auf heilen Vorderpfoten schläft das Hündlein süßen Schlummer.« Auch ihn wird Gott, wird Allah erwecken.

Der Kerninhalt der Legende ist dem Gedächtnis der Menschen als Urmuster eingeprägt. Ebenso wie in Mythen und Märchen bestimmte Erscheinungsformen, von den Erzählern unabhängig voneinander erfunden, immer wieder erzählt werden, so ist das auch mit dem Bild von dem die Zeiten überdauernden Schlaf. Dornröschen fällt, von einer Spindel gestochen, in den Schlaf und mit ihr das ganze Schloss, um das eine Dornenhecke wächst. »Nun waren gerade hundert Jahre verflossen und der Tag war gekommen, an dem Dornröschen erwachen sollte«, heißt es im Märchen. – Auch Schneewittchen lässt der vergiftete Apfel in einen todesähnlichen Schlaf fallen. Im gläsernen Sarg überwindet sie die ihr Leben bedrohende Phase, bis der Prinz sie zu neuem Leben erweckt.

Im Kloster Heisterbach lebte im 13. Jahrhundert der Mönch Cäsarius, der sich als Schriftsteller mit allerlei wundersamen Erzählungen einen Namen gemacht hatte. Um seine Person rankt sich die Legende, dass er sich in das Wort der Schrift, dass vor dem Herrn 100 Jahre wie ein Tag seien, so sehr versenkt habe, dass er alles, was ihn umgab, vergaß. Der Mönch verfiel der Legende nach in einen tiefen Schlaf, aus dem er erst 100 Jahre später wieder erwachte. – All diese Inhalte gleichen dem Schlaf der Jünglinge in unserer Legende. Sie bringen damit wohl die tiefe Sehnsucht der Menschen zum Ausdruck, im Schlaf schwierige Phasen des menschlichen Lebens zu überbrücken und aus dem Schlaf in einer neuen, geläuterten Welt wieder zu erwachen.

Die barocke Umdeutung der römischen Grabsteine

Diese religionsphilosophischen Überlegungen waren wohl nicht der Anlass dafür, dass man Mitte des 18. Jahrhunderts in den gotischen Kirchenraum der Rotthofer Kapelle den Siebenschläferaltar stellt. Die Legende von den Siebenschläfern wurde in dieser Zeit in verschiedenen Variationen erzählt. Da sie das Bild der Sehnsucht des Menschen nach einem Weiterleben nach dem Tode zum Inhalt hatte, erfreute sie sich in dem auf eine Himmelssehnsucht ausgerichteten Barock einer besonderen Beliebtheit. Der Vorliebe des Barocks, Symbolisches sichtbar und anschaulich zu gestalten, ist auch die seltsame Umdeutung von zwei römischen Grabsteinen in eine Siebenschläfer-Darstellung aus römischer Vorzeit zuzuschreiben.

Dazu ist folgendes anzumerken: Im Tal der Rott befand sich eine römische Siedlung, zu der auch ein Friedhof gehörte. Die gefundenen Reste römischer Grabdenkmäler und Altäre waren eindrucksvolle Zeugnisse für den hohen kulturellen Stand er hier siedelnden Römer. Die römischen Grabsteine wurden nun dem Kirchenbau eingefügt.

Im einzelnen sind heute noch folgende Römersteine erhalten: In der Vorhalle der Kapelle ein Votivstein für die Siegesgöttin des Augustus mit einer Siegespalme aus dem 2. Jahrhundert und ein Grabstein, der von der Verwalterin Flora ihren Verwandten gewidmet wurde (150 bis 170 nach Christus). Unter der Empore finden wir den Grabstein der freigelassenen Sklavin Copponia aus rosafabenem Marmor (um 180). Nach Dehio – Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler – hat der Vornbacher Abt Angelus Rumpler nach dem Jahre 1501 die Einfügung der Römersteine in die Kirche veranlasst. Als ein vom Humanismus geprägter Gelehrter ging es ihm wohl darum, für wertvolle Zeugnisse römischer Kultur einen würdigen Platz zu finden.

Die barocke Begeisterung für alles Zeichenhafte und Außergewöhnliche suchte und fand in den römischen Grabsteinen ein steinernes Zeugnis für die Siebenschläfer. Zwei Grabsteine, von denen einer drei und der andere vier Relieffiguren erkennen ließ, wurden als eine Darstellung der Siebenschläfer angesehen. Historische Erklärungen waren weniger gefragt. Jedermann konnte die sieben Jünglinge auf den alten Römersteinen bewundern.

So ist die Siebenschläfer-Kapelle in Rotthof auch heute noch ein Zeugnis von außerordentlicher kunst- und kulturhistorischer Bedeutung. Sie veranlasst uns, nicht nur der im Barock aufblühenden Wallfahrt zu den »heiligen« Siebenschläfern zu gedenken. Die Betrachtung des künstlerisch vollendeten Hochaltars von J.B. Modler ruft Erinnerung wach, denen nachzugehen nicht nur für kunstgeschichtlich Interessierte eine Bereicherung bringen kann.

Dieter Dörfler



25/2008