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Jahrgang 2016 Nummer 22

Die Seeschlacht am Skagerrak 1916

Aus dem Tagebuch von Rupert Berger / Teil II

Die SMS Nassau in voller Fahrt. Sie war eines der Schiffe, die am 31. Mai 1916, also vor genau hundert Jahren, an der Seeschlacht am Skagerrak teilnahm.
Mit der S.M.S. Vineta war Rupert Berger als junger Matrose auf den Weltmeeren unterwegs, ehe er vor 100 Jahren auf der Nassau an der Seeschlacht am Skagerrak teilnahm.

Der spätere Traunsteiner Oberbürgermeister Rupert Berger beschreibt in seinen Tagebüchern die größte Seeschlacht des I. Weltkriegs, die Schlacht am Skagerrak. Sie fand vor genau 100 Jahren, am 31. Mai 1916, statt. Drei Männer aus Traunstein und Teisendorf waren damals dabei. Die Schlacht war das größte Ereignis der Kaiserlichen Marine im Ersten Weltkrieg. Die beiden jungen Traunsteiner, Rupert Berger und Sepp Schlager, waren bei der Seeschlacht auf dem gleichen Schiff, der S.M.S. Nassau. Der Teisendorfer Sepp Eisl wurde 1915 einberufen und erlebte die Skagerrakschlacht an Bord von S.M.S. Großer Kurfürst. In der ersten Folge wurde das Kampfgeschehen geschildert. In diesem zweiten Teil beschreibt Berger die Situation im Rudermaschinenraum:

»Das verbrannte Öl und Fett verpestete die Luft, die nicht erneuert werden konnte, da die Ventilation bei Klarschiff abgestellt werden muß und noch nicht wieder angestellt werden durfte. Es herrschten hier über 50˚ und ich hatte einen unheimlichen Durst. Im Torpedoraum soll sich noch ein Kessel voll Kaffee befinden. Ich gehe hin und setze den Kessel an den Mund. Aber der Kaffee ist nicht zu trinken, die halbe Kanne ist voll Öl und ich habe einen ganz ekeligen Geschmack bekommen. Ich gehe wieder in den Ruderraum zurück und strecke mich in einer Ecke aus. Der Schlaf will aber nicht kommen, es ist alles nur Träumerei und Phantasieren. Plötzlich wieder Kanonendonner. Wie elektrisiert springe ich auf. Wir hatten gehofft, die Nacht würde dem Kampf ein Ziel setzen und nun ging es wieder von neuem los. Mit gespannter Aufmerksamkeit und weit geöffneten Augen horchten wir auf den Donner der Kanonen. Jedesmal, wenn bei uns wieder eine Salve krachte, fiel es mir wie ein Stein vom Herzen. Eine halbe Stunde lang hatten die Kanonen wieder gesprochen, die Salvenfolge wurde immer langsamer, verlor sich in Einzelschüssen und hörte schließlich ganz auf. Englische Panzerkreuzer hatten sich wieder blutige Köpfe geholt. Es war 10.30 nachts. Das Schiff stand mit einem Male still, das Geräusch der Wellen verstummte. Ein Angstgefühl überkam mich. Sollten unsere Maschinen versagen? Nein, bald machten wir wieder Fahrt. Aber bald fiel die Geschwindigkeit auf 12, ja sogar auf 9 Meilen.«

Die Probleme der Nassau mit heißgelaufenen und brennenden Wellenlagern – diese waren damals aus dem sehr harten tropischen Pockholz – hat der Traunsteiner Ernst Lahner, der Bergers Tagebücher transkribiert hat und in Kleistauflage drucken ließ, nur bei Berger gelesen. Das Zurückfallen des Schiffes aus der Linie – für das es keinen anderen Grund gab – wird durch den Funkspruch der Nassau vom 1. Juni 1916 bestätigt:

»F.T. Meldung an Hochseechef. Ein Kreuzer mit 4 Schornsteinen abgeschossen, ein Zerstörer übergelaufen. Bin angehängt an das zweite Geschwader. Höchstfahrt 15 sm. Nassau«

»…..Wir mußten aus der Linie ausscheren, blieben immer mehr und mehr zurück und bald hatten wir die Flotte außer Sicht. Wir waren in einer Lage, die alles andere als beneidenswert war und können von Glück sagen, daß der Gegner unsere Lage nicht bemerkte. Die Lager in der Mittelmaschine waren heiß gelaufen, hatten zu brennen angefangen und sich festgefressen, sodaß die Maschine ausfiel. Mittlerweile bekam auch eine der beiden Seitenmaschinen einen Brandenburger, und wir konnten nur noch 9 Meilen laufen. Mit fieberhafter Hast wurde an die Beseitigung der Schäden gegangen, die Lager herunter gerissen und ausgetauscht. Wie es uns ergangen wäre, wenn der Engländer uns entdeckt hätte, kann man sich denken, genauso wie Blücher am 24. Januar. Wir wurden dauernd von 'Ostfriesland' angerufen, konnten aber keine Antwort geben, da wir sonst dem Feind unseren Aufenthaltsort verraten hätten. Wie mir später erzählt wurde, hatte man uns schon verloren gegeben, weil uns niemand mehr sah und wir keine Antwort gaben. Unsere Störung war bald wieder beseitigt und wir konnten bald wieder erhöhte Fahrt laufen. Gegen 1.00 hatten wir wieder Anschluß an die Geschwaderlinie.

Um 1.30 kam wieder 'Achtung, Torpedoboote', und im gleichen Augenblick 'Salve, feuern; Salve, feuern' und nochmal 'Salve, feuern'. Der Navigationsoffizier gab die Kommandos, aber es fiel kein Schuß, weil kein Geschützführer die Torpedoboote sehen konnte. Das letzte Feuerkommando war noch nicht verklungen, als das Schiff einen furchtbaren Stoß bekam und sich sofort auf die Seite legte. Ich hatte an der Wand gelehnt und wurde gegen die Tür zum Torpedobereitschaftsraum geschleudert. Sämtliche elektrische Birnen löschten aus und wir standen im Dunkel. Das ist ein Torpedotreffer, war mein erster Gedanke; das Schiff lag noch immer auf der Seite. Auch die anderen dachten so. Mit einem Male wurde es wieder hell und das Schiff begann, sich allmählich wieder aufzurichten. Ich verließ den Ruderraum um nachzusehen, was eigentlich los war. Die ganze Kasematte (Längsgänge innerhalb des Schiffes auf beiden Seiten, von denen aus die 15-cm-Geschütze zugänglich waren) war voll Rauch und Qualm. Der Stoß war von einem betäubenden Krach begleitet gewesen und augenblicklich schlugen Feuer, Qualm und Splitter zu den Geschützpforten herein. Woher war der Stoß gekommen? Rauch, Splitter und Qualm gaben uns die Gewißheit einer Torpedierung. Dem war aber nicht so, sondern wir hatten gerammt und waren gerammt worden. Der Navigations- Offizier sah nämlich plötzlich einen großen, englischen 4-Schornstein-Zerstörer kaum 200 m von uns ab und gab die drei Feuerkommandos durchs Schiff. Der Zerstörer wollte unseren Bug passieren und auf Derfflinger einen Angriff fahren…..«

»…..Aber unser Kommandant ließ die Nassau hart Backbord drehen, sodaß an ein Durchkommen für den Zerstörer nicht mehr zu denken war. Beidrehen konnte der Zerstörer auch nicht mehr, da er bereits auf 50 m an uns heran war. So sah er sein Schicksal vor Augen und rannte mit 38 - 40 sm (Anm.: diese Geschwindigkeitsangabe ist zu hoch) bei uns auf. Die Wirkung war grauenhaft. Sein Bug drang gut 2 m in unser Vorschiff; seine Brücke und alles, was nicht bombenfest an ihm war, flog bei uns aufs Deck. Er selbst zerschellte vollständig und brach in der Mitte durch. Das Achterschiff sank sofort. Bei diesem Rammstoß bekamen wir die ersten Verluste. Der Vorderteil des Zerstörers wurde herumgedrückt, riß ungefähr 15 m von unserer Bordwand weg, prallte mit furchtbarer Gewalt gegen das Backbord erste 15-cm-Geschütz, warf es herum und schleuderte 3 Mann der Bedienung mit ungeheurer Gewalt gegen den Panzer. Zwei Mann waren sofort tot. Der dritte, U…, lag mit auseinandergeklafftem Schädel und bloßem Gehirn an Deck und lebte noch. Aber nur noch für kurze Zeit, denn in der Hand des Arztes starb er. Bei dem ungeheuren Anprall explodierten die feindlichen Torpedos des Zerstörers und daher kamen die furchtbaren Feuergarben und die dichten Rauchwolken…..«

Am anderen Morgen sah sich Berger auf dem Vorschiff genau um.

»…..Das ganze Deck des Vorschiffs war mit Blut besudelt. Dicht am Turm »A« (vorderster 28 cm Zwillingsturm mittschiffs = Turm »A«) lag ein Haufen Eingeweide und daneben ein Gehirn mit einer halben Schädeldecke. Auf dem Außendeck lag ein Glacehandschuh mit einer Hand und daneben ein Brief mit einer Mädchenlocke. Das linke Rohr von Turm »F« (vorderster backbord 28 cm Zwillingsturm; die 6 Türme der Nassau wurden im Uhrzeigersinn von »A« bis »F« bezeichnet) war ganz blutig. An ihm mußten einige Engländer entlang gerutscht sein und dann gegen den Turm geschlagen haben, denn an diesem hingen noch blutige Fleisch- und Hautfetzen. Die Signalflaggen und Kriegsflaggen, die mit der Kommandobrücke an Deck geflogen waren, wurden alle zum Kommandanten gebracht und von diesem verwahrt. An der Rammstelle stak noch der Bug des Feindes mit der Ankerklüse im Schiff. Das ganze Deck war mit Splittern und Eisenteilen übersät. Die Engländer, die bei uns auf Deck geflogen waren, wurden bei der nächsten Salve wieder herunter geweht. Einige von ihnen sollen »help, help« gerufen haben, was ich aber nicht für wahrscheinlich halte, da sie meiner Ansicht nach alle tot gewesen sein müssen. Eine Minute nach diesem Vorfall, um 1.32 wurden wir wieder von feindlichen Zerstörern angegriffen. Einer sank gleich bei der ersten Salve, ein zweiter brannte lichterloh und die anderen machten sofort kehrt. Wir kümmerten uns weiter nicht mehr um sie, als zwei Treffer bei uns zwischen die vorderen Scheinwerfer schlugen…..«.

Laut Kriegstagebuch – Sonderband Skagerrakschlacht – wurden zwei 15 cm Granaten etwa eine Minute vor dem Rammstoß auf die Scheinwerferanlagen der Nassau abgefeuert. Vom zeitlichen Ablauf her stammten die beiden Granaten vermutlich von dem englischen Zerstörer, der die Nassau einige Sekunden später in Höhe des vordersten backbord 15-cm-Geschützes nahezu rechtwinklig rammte. Dabei blieb die Bugspitze des rammenden Zerstörers in der Bordwand der Nassau stecken. Das Kriegstagebuch der S.M.S. Nassau – Sonderband Skagerrakschlacht –, die Beschädigungsliste deutscher Schiffe und die Augenzeugen Rupert Berger, Sepp Schlager und Otto Thomas beschreiben übereinstimmend zwei Torpedo- Explosionen an Bord des angreifenden Zerstörers neben der Bordwand der angegriffenen Nassau.

»…..Die zwei Treffer, die sie uns beigebracht hatten, hatten bei uns große Verluste verursacht. Der erste Treffer durchschlug eine Stütze des Scheinwerferstandes, krepierte und setzte die Backbord-Scheinwerfer außer Gefecht. Die Bedienungen waren sofort tot und förmlich durchlöchert. Einer allein hatte 47 Wunden. Das ganze Deck und die Schornsteine wurden von den Geschoßsplittern durchlöchert. Der zweite Treffer krepierte dicht neben dem ersten und richtete ähnliches Unheil an. Die Splitter flogen bis zu den achteren Scheinwerfern, deren Spiegel sie zertrümmerten…..

…..Die Schornsteine sahen aus wie ein Sieb; sämtliche Scheinwerfer waren ausgefallen. Unsere Verluste durch diese zwei Treffer waren groß, 9 Mann waren sofort tot und 17 schwer verwundet. Das Deck, die Schornsteine und der Kommandostand waren mit Blut besudelt. Auf letzterem war eine große Blutlache und am Mast hing an einem Sprachrohr die blutige Kopfhaut des Leutnants M… mit Haaren und einem halben Ohr. Die Schlacht ging die ganze Nacht durch weiter. Torpedobootsruf – Torpedobootsangriff folgte und wurde abgeschlagen. Wieder kam ein Torpedobootsangriff. Die Scheinwerfer der vorderen Schiffe suchten sie zu fassen und kriegten einen feindlichen Panzerkreuzer in ihr Licht. ..... da versuchte er abzudrehen, und als er in vollem Scheinwerferlicht stand, ..... gaben wir ihm eine schwere Salve über das Heck. Als er ganz gewendet hatte, bekam er eine Salve von 3 Volltreffern in die Bordwand; achtern, mittschiffs, und vorn in die Wasserlinie. Das Schiff wurde erst rot- und dann weißglühend. Heftige Explosionen erfolgten und wie man Spreu von der Hand bläst, so schnell rutschte er unter die Wasseroberfläche.....«

Bei dem wie beschrieben unter Mitwirkung der Nassau versenkten Kreuzer handelte es sich mit ziemlicher Sicherheit um die »H.M.S Black Prince«, die von deutschen Schiffen unter Verwendung des vorher abgelesenen englischen Erkennungssignals herangelockt worden war. Auch der Berichterstatter Richard Stumpf beschreibt, wie ein Schiff erst rot- und dann weißglühend wurde.

».....Wieder kamen feindliche Zerstörer-Flottillen .....rücksichtslos wurden sie gegen uns vorgeschickt und wenn sie dezimiert und halb zerschossen kehrt machten, brach bereits wieder eine neue Angriffswelle hervor….. Schuß auf Schuß krachte und Zerstörer um Zerstörer sank. Eine ganze Anzahl ist schon gesunken, schätze mindestens 20 - 25 Stück. Überall am ganzen Horizont blitzt es, wenn unsere Schiffe feindliche Zerstörer abwehren, die unsere Torpedoboote angreifen. Überall, wo man hinsieht, sieht man brennende Zerstörer und zeitweise fahren wir zwischen hell erleuchteten Straßen, zu deren Seiten die feindlichen Zerstörer als Riesenfackeln treiben. Torpedo auf Torpedo wurde auf uns abgefeuert und wie uns der Kommandant erzählte, hätten uns mindestens 5 getroffen, wenn nicht im letzten Augenblick noch die Laufbahnen gesehen worden wären, so daß er noch ausweichen konnte und sie an uns, wenn auch haarscharf, vorbei gingen. Um 4 morgens bekam 'Pommern' einen Torpedoschuß. Eine mehrere 100 m hohe Säule aus Wasser, Feuer, Splittern, Rauch und Qualm wurde in die Luft geworfen und im Bruchteil einer Sekunde war sie mit Mann und Maus in der Tiefe verschwunden.....«

Sepp Schlager, Besatzungsmitglied der S.M.S. Nassau aus Traunstein, fand am Morgen des 1. Juni 1916 auf dem steuerbord Torpedonetz einen zerrissenen Offiziersgürtel, der nach seiner Überzeugung nur durch die Explosion der S.M.S. Pommern auf die Nassau geschleudert worden sein konnte.

»…..Es wurde allmählich hell und die Zerstörerangriffe ließen nach. Um 4.30 fuhr ein Zerstörer ganz allein auf uns los und wurde durch eine einzige Salve von uns erledigt. Es kam das Kommando: 'Achtung Torpedoboote, 40 hm, Schieber links vier, Salve feuern', und wie weggeblasen war der Angreifer. Um 6 h morgens wurden wir zum letzten Male angegriffen. Gegen acht sammelte sich die Flotte südlich von Hornsriff. Ein englisches U-Boot wurde entdeckt, war aber nach einigen Salven nicht mehr zu sehen. Über 14 Stunden waren wir im Gefecht und 36 Stunden auf den Beinen gewesen. Seit 21 Stunden hatten wir nichts zu essen gehabt, denn am 1. um 9 h bekam ich erst etwas. Alles atmete auf, als um 12.30 Helgoland in Sicht kam. Um 4.30 nachmittags ankerten wir auf W’haven Reede, gaben die Toten und Verwundeten an Land und gingen dann auf Vorposten. Unsere Verluste in der Seeschlacht betrugen: Linienschiff 'Pommern', Panzerkreuzer 'Lützow', die kleinen Kreuzer 'Wiesbaden', 'Elbing', 'Rostock' und 'Frauenlob' und die Torpedoboote 'W 16', 'V 29', 'S 33', 'S 35' und noch eines, das mir noch nicht bekannt ist. 'Pommern' sank mit Mann und Maus durch Torpedoschuß. Es war ein altes Schiff. Unser schwerster Verlust ist 'Lützow', da er unser neuester Panzerkreuzer war. Er wurde durch die 38 cm Geschosse der Engländer schwer zugerichtet und hatte mindestens 15 schwere Treffer…..«.

Im zweiten Band beschreibt Berger u.a. den Bürgerkrieg in München 1919 und seine Zeit in der Reichswehr. Kontaktaufnahme mit dem Herausgeber der Tagebücher, Ernst Lahner, ist unter Telefon 0861/1669213 oder unter der E-Mail: ernst.lahner@gmx.de möglich.


Klaus Oberkandler


Teil I in den Chiemgau-Blättern Nr. 21 vom 21. 5. 2016

 

22/2016