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Jahrgang 2016 Nummer 21

Die Seeschlacht am Skagerrak 1916

Aus dem Tagebuch von Rupert Berger - Teil I

Das Bild aus dem Bundesarchiv Freiburg zeigt das in der Skagerrakschlacht beschädigte Vorschiff der S.M.S. Nassau. Die in die Bullaugen gesteckten Holzbalken sind für eine Reparaturplattform bestimmt. Das durch den rechtwinkligen Rammstoß eines englischen Zerstörers entstandene große Loch, in dem noch die Bugspitze des Zerstörers steckte, ist außerhalb des rechten Bildrands. Auf dem rammenden Zerstörer explodierten zwei Torpedos neben der Bordwand der S.M.S. Nassau. Diese unverdämmten Detonationen rissen das Deck bis zu einer Tiefe von 3,5 Metern auf. Neben den großflächigen Schäden ist das aus dem Rumpf der S.M.S. Nassau gerissene, und um einen Decksträger gefaltete Metallteil, das noch mit einem Metallstreifen am Rumpf hängt, besonders bemerkenswert.
Rupert Berger zu Beginn seiner Zeit in der Kaiserlichen Marine.
Das Bug-Wappen der Nassau (an der vorderen Säule links) war in der Garnisonskirche Wilhelmshaven aufbewahrt.

Das größte Ereignis der Kaiserlichen Marine im Ersten Weltkrieg war ohne Zweifel die Seeschlacht vor dem Skagerrak vor 100 Jahren am 31. Mai/ 1. Juni 1916. Die beiden jungen Traunsteiner Rupert Berger, der spätere Bürgermeister, der 1913 als Freiwilliger zur Marine ging, und Sepp Schlager, der 1912 zur Marine einberufen wurde, waren bei der Seeschlacht auf dem gleichen Schiff, der S.M.S. Nassau. Der Teisendorfer Sepp Eisl wurde 1915 einberufen und erlebte die Skagerrakschlacht an Bord von S.M.S. Großer Kurfürst.

Dem gebürtigen Teisendorfer und jetzigen Traunsteiner, Ernst Lahner, ist es zu verdanken, dass er das einmalige Geschichtsdokument, das zweibändige Tagebuch von Rupert Berger digitalisiert und in Kleinstauflage in Buchform herausgebracht hat. In diesen beiden Bänden schildert Berger seine Beobachtungen über den Kampf. Derzeit bereitet Ernst Lahner ein weiteres Buch vor mit den Aufzeichnungen von Sepp Schlager, Sepp Eisl, Teisendorf, und Otto Thomas, Wilhelmshaven, einem jungen Rekonvaleszenten aus Kiel von der S.M.S. Schleswig-Holstein, der im Lazarett der Kongregation der Barmherzigen Schwestern vom heiligen Vinzenz von Paul in Adelholzen gepflegt wurde. Lahner liegen weitere Original-Berichte vor und er hofft, auf diesem Weg Hinweise von Menschen zu bekommen, die ebenfalls etwas dazu beitragen können.

Die deutsche Flotte plante einen Vorstoß gegen die Handelsschifffahrt an der Südküste Norwegens, um dabei einzelne britische Einheiten wie das Schlachtkreuzergeschwader aufzuspüren. Das Skagerrak ermöglichte dabei einen alternativen Rückzugsweg in die Ostsee. Der britische Nachrichtendienst hatte die deutschen Befehle mitgelesen und plante daraufhin, die deutsche Flotte zwischen der Grand Fleet und dem Schlachtkreuzergeschwader einzuschließen. Am Nachmittag des 31. Mai trafen die Schlachtkreuzergeschwader aufeinander. Der Kampf verlagerte sich nach Süden, bis es zum Zusammentreffen mit dem deutschen Hauptverband kam. Das britische Geschwader wendete daraufhin nach Norden zur britischen Hauptstreitmacht. Zwischen 19.30 Uhr und Einbruch der Dunkelheit um 21.30 Uhr bekämpften sich dann beide Flotten mit zusammen etwa 250 Schiffen. Im Schutz der Dunkelheit gelang der deutschen Flotte der Durchbruch durch die britische Formation und anschließend der Rückzug in die Heimathäfen.

Der Ausgang der Schlacht ist differenziert zu beurteilen: Die Briten hatten deutlich höhere Verluste an Menschenleben und Schiffen zu beklagen, obwohl sie stärkere Kräfte in die Schlacht führten. Der Erfolg der deutschen Seite bestand de facto jedoch nur darin, ein Unentschieden erreicht zu haben. Darüber hinaus änderte die Schlacht nichts an der strategischen Ausgangslage, was es der Royal Navy ermöglichte, die Seeblockade bis zum Ende des Krieges aufrechtzuerhalten, da die deutsche Hochseeflotte keine Entscheidungsschlacht mehr wagte.

Rupert Berger vertraute seinem Tagebuch folgende strategische Einschätzung an: »In Wirklichkeit stand nur so viel fest, daß sich an der norwegischen Küste ein englisches Kreuzergeschwader von sechs Schiffen befinde, welches wir abfangen und abschießen sollten. Am 31. Mai 1916 vier Uhr morgens liefen wir mit nördlichem Kurs aus, um unseren Plan zur Ausführung zu bringen. Gleichzeitig nahmen wir auch die beiden Hilfskreuzer »Möwe« und »Wolf« mit hinaus. Der Engländer erhielt aber durch Spionage über Dänemark oder Holland von unserem Vorhaben Kenntnis… Himmelfahrt an Himmelfahrtstag?

Dies war die Lage, als wir am Mittag des 31. Mai nach Norden dampften und wohl mancher dachte, daß er heute am Himmelfahrtstag vielleicht seine Himmelfahrt machen werde. Um halb sechs abends ging ich nochmal an Deck um nach dem Feinde Ausschau zu halten. Es war noch nichts von ihm zu sehen. Ich ging daher ins Zwischendeck, um mich für die Nacht umzuziehen. Eben setzte ich meinen Fuß von der Treppe aufs Batteriedeck, als »Klar Schiff« angeschlagen wurde und der Generalmarsch durch alle Räume des Schiffes tönte. Es war genau 5.30 Uhr abends.

Schnell lief ich noch an meinen Spind, steckte mein Geld und mein stehendes Messer in die Tasche und begab mich dann auf meine Gefechtsstation, in den Ruderraum. Die Panzerkreuzer und kleinen Kreuzer befanden sich bereits seit 4.30 im Gefecht. Sie hatten das englische Schlachtkreuzergeschwader gefunden und trieben es auf uns zu. Ein eigentümliches, beklemmendes Gefühl bemächtigte sich eines jeden. Außer mir befand sich noch ein Steuermannsmaat, ein Maschinistenmaat und ein Heizer im Ruderraum. Keiner sagte ein Wort. Jeder war mit sich selbst beschäftigt. Minute um Minute verrann und noch war kein Schuß gefallen.

Diese drückende Schwüle vor dem Gefecht ist unerträglich. Ich zwang mich, an nichts zu denken, es half mir aber nichts. Ich betete einige Vaterunser für unseren Sieg und eine glückliche Heimkehr. Die Zeit verging nur ganz langsam. Um die quälenden Gedanken los zu werden, begann ich, eine Wilhelmshavener Zeitung zu lesen, welche zusammengeknüllt in einer Ecke lag. Es war bereits 6.40, der Feind war schon in Sicht, »Queen Mary« war schon gesunken, aber für uns war die Entfernung noch zu groß um feuern zu können.

Ich wollte schnell noch einmal austreten. Nach oben konnte ich nicht. Alle Lüks, Schotten und Panzertüren waren dicht geschlossen. Ich begab mich daher ins Wellentunnel um von hier aus durch die Mittelmaschine nach oben zu kommen. Ich befand mich in der Mittelmaschine, alles tropfte von Öl und Fett, das ganze Deck war mit Öl bedeckt. Ein scharfer Knall drang bis herunter, das Schiff legte sich auf die Seite, wir hatten unsere erste Salve geschossen. Es war genau 6.43. Ich begab mich nun sofort auf meine Gefechtsstation zurück. Mit dem ersten Schuß war das beklemmende Gefühl gewichen und auch die anderen wurden wieder gesprächig.

Nach der Schlacht konnte ich von jedem bestätigt finden, daß die Zeit von Klarschiff bis zum Fallen des ersten Schusses die schrecklichste ist. Hier unten konnte man von der Schlacht nichts sehen und da begab ich mich denn wieder nach oben. … Ich erfuhr, daß wir die erste Salve auf eine Entfernung von 185 hm auf einen englischen Panzerkreuzer gefeuert hatten. Als er merkte, daß er schon auf so große Entfernung beschossen wurde, suchte er die Entfernung noch zu vergrößern, vielleicht, weil er nicht soweit schießen konnte oder aus irgendeinem anderen Grund. Durch verzweifelte Anstrengungen suchte er uns das Einschießen so schwer wie möglich zu machen. Die erste Salve lag kurz, Mitte, die nächste weit Mitte und die nächste deckend. Nun stoppte er seine Fahrt ab und ließ unsere Granaten wieder ins Wasser schlagen.

Bei der nächsten Salve nahm der Feind wieder große Fahrt auf und 30 Sekunden später schickten wir ihm auf 209 hm die letzte Salve hinüber. Die Entfernung war nun zu groß geworden und man konnte nur noch die äußersten Mastspitzen sehen. Bis jetzt hatten wir es nur mit den Panzerkreuzern zu tun gehabt, aber nun wurden auch die Schiffe der »Queen Elisabeth-Klasse« sichtbar. Jetzt kann es schlimm werden, dachte ich bei mir, denn diese Schiffe sind die neuesten, die der Engländer aufzuweisen hat und sind außerdem mit 38 cm Geschützen bestückt. Der Ruf »Achtung Torpedoboote « schreckte mich aus meinen Betrachtungen. Hart Backbord voraus kam ein großer Zerstörer der Laertes-Klasse »Tipperary« auf uns zu, ohne sich um uns zu kümmern. Wir ließen ihn ziemlich nahe an uns herankommen und schickten ihm auf 86 hm (hm = Hektometer, 1 hm = 100 Meter) die erste Salve entgegen.

Auf 81 hm bekam er einen Treffer am Heck, der ihm den Flaggenstock wegriß und ihm wahrscheinlich Schrauben und Ruder beschädigte, denn er begann langsam nach Steuerbord auszuscheren, so daß er uns seine Backbordseite zudrehte. In diesem Augenblick bekam er eine neue Salve von fünf Schüssen. Mächtige Feuersäulen schlugen in die Höhe und mit dem Heck zuerst schoß er in die Tiefe. Nur die Back hielt sich noch einige Sekunden über Wasser und nur zwei Boote von ihm bezeichneten die Stelle, wo er gesunken war.....

…..Kurz darauf um 7.26 bekamen wir wieder einen Zerstörer Angriff. Wir beschossen sie auf 70 - 80 hm, konnten aber den Enderfolg nicht ganz feststellen, da sie in dichte Rauchwolken eingehüllt waren und nur der Feuerschein zeigte uns an, daß unsere Granaten gut saßen. Es wurde jetzt nach und nach dämmrig. Dunst, Rauch und Wasserdampf vermischten sich zu einem eigenartigen Gebilde und zog in dichten Schwaden auf dem Wasser dahin. Überall, wohin man sah, blitzte Mündungsfeuer auf und schlugen Feuerflammen zum Himmel.

»Für mein Leben keinen Pfifferling mehr«

Um 8.08 abends, als es bereits stark dämmerte, wurden wir plötzlich unter furchtbar schweres Artilleriefeuer genommen. Links und rechts, vor uns und hinter uns schlugen schwere Granataufschläge ins Wasser. Über masthohe Wassersäulen stiegen hoch, standen minutenlang und fielen dann wieder in sich zusammen, ihre Wassermassen bei uns auf das Deck werfend. Näher und näher kamen die Aufschläge, der Feind schoß sich mit einer unheimlichen Genauigkeit ein. Ich gab für mein Leben keinen Pfifferling mehr, aber jetzt wurde mir doch etwas schwummelig und ich wünschte die Nacht herbei, damit uns der Feind nicht mehr sehen konnte. … Da kam Von der Tann angebraust. Er war unser Retter. Er legte sich vor unsere Backbordseite und nahm uns das Feuer ab. Nach kurzer Zeit bekamen wir den Feind zu fassen. Wir waren bis auf 100 hm an ihn herangekommen. Es war eine unabsehbare Reihe von Schiffen, seine ganze Flotte war auf den Kriegsschauplatz gekommen. Nassau wurde von zwei Seiten, von »Queen Elisabeth-« und »Marlborough-«Klasse ins Gefecht verwickelt. Die folgende Kanonade war furchtbar. Salve auf Salve krachte, Hören und Sehen konnte einem vergehen. Dicht bei uns schlugen die 38 cm aufs Wasser.

Eine halbe Stunde dauerte dieser mit größter Erbitterung und über alle menschlichen Vorstellungen hinausgehende Kampf. Der Feind war schwer zerschossen, Feuerschein färbte den Horizont rot. Infolge der Dunkelheit und der zwischen uns und dem Gegner befindlichen Wolke, die vom Auge nicht durchdrungen werden konnte, riß der Kampf ab. Das Ziel des Gegners, unsere Einkreisung, war nicht erreicht. Wir selbst auf Nassau waren nach wie vor unverletzt.

Aber andere Schiffe wie König, der als Spitzenschiff fuhr und unsere Panzerkreuzer, besonders Lützow, hatten schwer gelitten. Auf unser Deck waren nur Sprengstücke von im Wasser krepierenden Granaten geflogen. Wir gingen jetzt auf Ostkurs, dann auf Südost und schließlich auf Süd. Die Schlacht war bis jetzt auf Backbordseite, also im Norden und Osten von uns gewesen. Um uns nicht zur Ruhe kommen zu lassen, setzte der Feind wieder Zerstörer zum Angriff an. Er scheiterte aber an unserer Wachsamkeit, einer verschwand in den Wellen und ein anderer leuchtete als brennende Riesenfackel seinen Kameraden auf dem Rückweg.

Die Schlacht begann plötzlich wieder aufzuleben. Es schien nur eine kurze Feuerpause gewesen zu sein, um die Kämpfer hüben und drüben verschnaufen zu lassen. Neuer Mut und neue Energie schien sich angesammelt zu haben. Dieser Wutausbruch schien die Kanonade von vorher noch übertreffen zu wollen. Mit aller Gewalt schien der Engländer sein Ziel erreichen zu wollen. Lützow hatte die Kampflinie bereits verlassen müssen. Mit Macht brachen jetzt unsere Panzerkreuzer und Torpedoboote zum Angriff vor. Wir unterstützten sie mit einem rasenden, über das Trommelfeuer gesteigerten Schnellfeuer. Bis auf sechs Kilometer an den Feind stießen die Panzerkreuzer und bis auf 2 km die Torpedoboote vor.

Detonation auf Detonation erfolgte. Der ganze Himmel und die Wasserfläche waren rot und spiegelten den Feuerschein wider; unbekümmert des konzentrierten feindlichen Feuers hielten unsere Panzerkreuzer stand und mit Todesverachtung suchten sie den Feind abzudrängen, der bereits unsere Spitze umfaßt hatte. Aber auch dieser wußte, was von diesen Augenblicken für uns abhing und hielt mit einer Zähigkeit, die einen schaudernd machen konnte, stand. Abermals brachen Torpedoboots-Flottillen um Torpedoboots-Flottillen zum Angriff vor. Den Gegner nach Norden vertrieben Der kritische Moment war gekommen. Die ganze Flotte brach nun mit aller Wucht vor. Unbekümmert um alles andere wurde das Feuer der ganzen Flotte auf die feindliche Spitze vereinigt. Was in diesen Augenblicken an den Geschützen, an den Kesseln, im Kommandostand überhaupt überall geleistet wurde, ist unbeschreiblich. Solche Leistungen hätte man nie für möglich gehalten. Niemand sagte ein Wort, alle hatten nur eines im Auge, den Feind. Diesem Anprall konnte der Gegner nicht widerstehen und mit schwer beschädigten, teils brennenden Schiffen dampfte er nach Norden ab. Ein Aufatmen ging durch das ganze Schiff.

Diese Kraftanstrengung war zu groß gewesen und diese Augenblicke hatten übermenschliche Anforderungen gestellt. Ermüdet ließ sich alles neben den Geschützen an Deck nieder. Es war ungefähr 9 Uhr abends. Nochmals stieß unsere ganze Macht zum Angriff vor, aber als die Qualmwolke durchdrungen war, war vom Gegner nichts mehr zu sehen. Ich dachte, daß jetzt die Schlacht zu Ende wäre, ging durchs Schiff und tauschte mit diesem und jenem das Geschehen aus. Ich ging wieder in den Ruderraum und erzählte das Geschehene. Sie hatten hier unten bange Stunden verlebt. Nicht wissend was oben vorging und wie die Schlacht für uns stand, nur das Krachen der Geschütze und das Krepieren der Granaten hörend, fraß die Ungewißheit an ihrer Nervenkraft.«


Klaus Oberkandler


Teil II in den Chiemgau-Blättern Nr. 22 vom 28. 5. 2016

 

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