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Jahrgang 2008 Nummer 35

Die Schöne vom Königsplatz

Eine Frau verdreht jetzt den Münchnern den Kopf

Sie ist, der Sage nach, eine Nymphe. Eine Halbgöttin, die aus der Art schlägt. Ihre Eltern: Gaea und Peneus. Über alle Maßen schön ist sie. Und männerscheu. Gern streift sie allein durch die Wälder. Von Zweisamkeit, zumal vom Heiraten hält sie nichts. Dabei wirkt sie auf Männer geradezu elektrisierend. Ist aber nicht auf sie aus. Im Gegenteil: Sie läuft von ihnen davon. Apoll, Sohn des Zeus, ist entzückt, als er sie sieht. Der Dichter Ovid lässt ihn der reizenden Jungfrau nachrufen, die nichts will, als eine solche bleiben: »Warte, o Nymphe! So flieht ja das Lamm vor dem Wolfe, die Hirschkuh / Flieht den Löwen, die Tauben mit zitternden Schwingen den Adler. / So flieht jeder den Feind; doch ich, ich folge aus Liebe.«

Von der Daphne des Mythos…

Apoll bedauert sich selber, weil sie, die überaus Schöne, ihn nicht einmal beachtet. Kaum kann er diese Vermeidung – oder ist es gar Zurückweisung? – ertragen. Er, der Gott der Schönheit, des körperlichen Ebenmaßes. All seine Vorzüge zählt er auf. Er wirft sich in Pose: Keine raue Bergdohle sei er, kein ruppiger Schafhirt, kein stinkender Kuhtreiber. Unerhört findet er es, dass ein Mädchen vor ihm wegrennt. Unglaublich!

Daphne – von ihr ist die Rede – rennt von Apoll weg, tut das Gegenteil dessen, was bei ihren Geschlechtsgenossinnen die Regel wäre. Die gäben was drum, von Apoll begehrt zu werden. Doch Daphne verschließt sich dem Entflammten, hält sich Ohr und Schoß zu. Lässt sich von ihm nicht, mir nichts, dir nichts, »catchen«, geschweige denn beschwatzen, beschlafen. Amor, der Liebesgott, eilt Apoll zu Hilfe, so dass er Daphnes Flucht stoppt. Am liebsten möchte die Maid in die Erde versinken. Doch der Boden tut sich ihr nicht auf. Bei Ovid ruft sie in Verzweiflung aus: »Vernichte die allzu begehrte Gestalt durch Verwandlung!«

Und Daphne wird zum Lorbeerbaum.

…über die Daphne des Markus Lüpertz

So wie sie sich im Mythos dem Gott verweigert, verweigert der 1941 im nordböhmischen Reichenberg (Liberec) geborene, seit 40 Jahren im Rheinland beheimatete, hier als Maler und Bildhauer arbeitende und lehrende Markus Lüpertz sich der literarischen Tradition. Das ist nichts Neues bei ihm. Das ist man von ihm gewöhnt. Das erwartet man sogar von ihm, der erst kürzlich die Augsburger Bürgerschaft zu einem Tumult erregte und die Räte auf den Plan rief, die verhindern sollte, dass seine, wie sie es empfanden, missgebildete Aphrodite partout der Öffentlichkeit zugemutet würde.

Lüpertz liegt es fern – wie er einmal äußerte – sich unmittelbar auf den Mythos einzulassen, ihn »direkt zu bearbeiten«. Von Winden würde er sich tragen lassen, »die aus den unteren Regionen des Mythos wehen«. Das sei für ihn als zeitgenössischen bildenden Künstler attraktiv. Das mache für ihn Sinn. Aus dem, was er sprachlich nur nebelhaft und verrätselt vernehme und kaum so richtig verstehe, entstünden Ausbeulungen und Verdichtungen, Mulden und Verdickungen. Geschähen Verletzungen, »die manchmal einen Ausgleich fordern oder ein Mehr an Zerstörung«.

Lüpertz, der zugibt, in der Kunst »zu aasen«, folgt nicht den in ihren Hervorbringungen geronnenen Botschaften. Vielmehr löst er sie auf. Kippt sie. Kupiert sie, kopiert sie jedoch nie. Bei ihm wird aus Vorgegebenem Abwegiges. Etwas völlig vom Vorbild Wegführendes. Vorgefundene Figuren reizen Markus Lüpertz, bringen ihn auf Fährten, die er selbst staunend aufgreift. Dem Betrachter seiner Werke ist manches an der neu entstandenen Figur bekannt. Er trifft, ihrer ansichtig, auf Vertrautes – und ist frappiert, schockiert vielleicht gar, wenn er dann doch etwas Fremdes vor sich hat.

Wer jetzt, im Sommer 2008, auf den »Königsplatz-Tempel« der Staatlichen Antikensammlungen, direkt gegenüber der Glyptothek, zuschreitet, sieht als erstes, schon von weitem, zwei parallel von der Decke hängende rostrote Stoffbahnen mit dem Aufdruck »Starke Frauen« – das Sonderausstellungs-Thema der von Raimund Wünsche geführten Antikensammlungen. Um »Starke Frauen« der Antike geht es, genau: der antiken Mythologie. Um die Amazonen hoch zu Ross. Aber auch um weniger kriegerische Weibsen, um heldenhafte Mädels, mannstolle, aber widersetzliche Damen, Heroinen fraulicher Tugenden, um – darf man so sagen? – »Mords-Weiber«, um Frevlerinnen, die ihre gerechte Strafe verdient haben. Ferner um Mänaden (rasende Dionysos-Jüngerinnen) und Hetären (Geliebte ruhmreicher antiker Helden) – Gestalten also, die den Männern, dem Mythos nach, zusetzten, die ganze Theoriegebäude ins Wanken brachten, die sich den Zumutungen, die ihnen auf Grund ihrer »zarten« Geburt entgegen gebracht wurden, entzogen oder sich ihrer kämpferisch entledigten, die zur Selbstbehauptung aus eigener Kraft gelangten, die sich – sagen wir’s rundheraus mit dem üblichen Begriff – emanzipierten. Frauen, die Stärke zeigten. Die »es« den Mannsbildern »zeigten«.

… und der »Dafne« und »Daphne« der Oper…

Zauberinnen sind unter ihnen. Beim Namen genannt: Kirke, Apolls Tochter, die des Odysseus Gefährten Schweinsköpfe aufsetzte. Atalante, die, samt Geliebtem, von Zeus in einen Löwen verwandelt wurde. Und all die Elektra, Omphale, Phyllis, Xanthippe, inklusive die legendenumwobene Ptolemäerkönigin Kleopatra, weiter: Ariadne, Iphigenie, Kassandra, Syrinx, Alcestis, Antigone… Musiktheaterkennern sind diese hehren Namen geläufig. Von Peri bis Richard Strauss: Titelheldinnen von Opern.

Der Daphne-Mythos lieferte Jacopo Peri (Musik) und Jacopo Corsi (Libretto) vor mehr als 400 Jahren den Stoff zur ersten Oper überhaupt. Heinrich Schütz war es, der die Daphne-Erzählung 1627 zur ersten deutschen Oper verarbeitete. Gut 300 Jahre später legte Joseph Gregor dem gerade in den Alpen kurenden über siebzigjährigen Komponisten Richard Strauss den Entwurf zu einer Oper »Daphne« vor. Strauss griff freudig zu. Gregor skizzierte eine »bukolische Tragödie mit Tänzen und Chören in einem Aufzug«. Das gewaltige Massiv des Olymp bildet den bühnenbildgerecht zu kreierenden Abschluss eines steinigen Flussufers mit dicht stehenden Ölbaumgruppen. Schäfer sollen auftreten, Maskierte, Mägde. Für das sinnenfreudige Dionysosfest ist ein furioser Tanz der Widder und Thyrsos-Trägerinnen vorgesehen. (Der Thyrsos-Stab ist das für den Weingott und seine Begleiter typische Attribut, gewonnen aus dem Stamm des wilden Fenchels, bekränzt mit Efeu.) Die Mänaden schwingen den Thyrsos wie einen übergroßen Phallus. Demonstrieren ihn als Zeichen ihrer Potenz. Auf attisch rotfigurigen Schalen und Amphoren aus der Zeit um 500 vor Christus sind sie – zu sehen dutzendfach in der Sonderschau der Staatlichen Antikensammlungen – in ekstatischen Tänzen mit schweifbewehrten halbnackten Satyrn mit deutlichen Erektionen dargestellt.

Vollendet wurde die Skizze im Frühjahr 1936, die Komposition am Heiligen Abend des Jahres 1937 im sizilianischen Taormina. Am 15. Oktober 1938 dirigierte Karl Böhm die Uraufführung in Dresden, mit Margarethe Teschenmacher in der Titelpartie. »Daphne« war die vorletzte Oper, die Richard Strauss schrieb.

Bei ihm und Joseph Gregor lebt der griechische Mythos der »Flucht in die Verwandlung« textlich und musikalisch glanzvoll auf. Ovids gewaltiges antikes Werk »Metamorphosen« beschreibt das Daphne-Ereignis in lyrischer Hochform. In Strauss/Gregors Version, die auf eine Mythos-Variante zurückgeht, erscheint Phöbus Apollo als Hirt der ihn blitzartig bezaubernden jungen Nymphe, die ihm seiner Schwester Artemis ähnlich dünkt. Daphne zögert, erkennt nicht den Gott, der vor ihr steht, fühlt nur, dass diesen bildschönen Kerl übermenschliche Kräfte auszeichnen. Und der vermag die Kleine zu verwirren, indem er sie in die Arme schließt und küsst.

Und da ist auch noch Daphnes Gespiele aus Kindertagen, Leukippos. Auch er liebt Daphne heiß. Es kommt zum Streit der Rivalen. Zunächst verkleidet, geben sie sich schließlich zu erkennen. Daphne wolle, sagt sie, wohl dem Gott des Lichtes gefolgt sein, nicht auch seinen Gluten. Leukippos verflucht Apoll, dieser tötet ihn mit einem Pfeil. Daphne entwickelt Schuldgefühle, zeigt Sühnebereitschaft. Dem verehrten Leukippos will sie alles, was sie so sehr ins Herz geschlossen hat, opfern: Blumen, Schmetterlinge, Quellen, die ganze selige Kindheit. Apoll bittet Vater Zeus, er möge ihm Daphne geben. Keinen Menschen will er, dafür einen ewig grünen göttlichen Lorbeer – Symbol höchster Ehre für seine Anhänger, die friedlich um die Hand einer Geliebten anhalten. Daphne wurzelt am Ende der Strauss-Oper fest im Erdreich. Allmählich – Schauer rieseln dem Hörer der überirdischen Musik über den Rücken – wird sie zum Baum. Ihr Gesang geht über ins undefinierbare Lispeln und Säuseln des Blattwerks.

…zurück zur Frau auf dem Königsplatz

Es fällt nicht leicht, angesichts der am Eingang zu den Staatlichen Antikensammlungen stehenden, über den Besucher kühn und stolz hinweg sehenden Daphne des Markus Lüpertz an die Oper von Richard Strauss zu denken. Lüpertz’ Daphne stellt sich als ein verstümmeltes, klobiges Trumm Weib dar, ein maskenhaftes Lächeln auf den Lippen. Eine Siegerin. Der Kopf des Apoll, anscheinend von ihrer Hand vom Rumpf getrennt, liegt ihr, klein und unbedeutend, blutbeschmiert zu Füßen. Ihre mannhaft-muskulösen Schenkel und prallen Waden sind als konsequente Fortsetzung eines wie gepanzert wirkenden Ringer-Korpus zu empfinden. Das runde, fließende, weiche Weibliche fehlt. Die Brüste sind zu brötchengroßen Hügelchen geschrumpft. Das Haar starr, perückenhaft, schräg nach hinten weg stehend. Der Lorbeerbaum – als solcher nicht erkennbar – wird von patzigbraunen, dicke aus einem Stamm gestreckten Ästen mit grünen Blattkronen repräsentiert. Die Frau steht vor dem Baum. Steht sie mit ihm in Beziehung? Jedenfalls ist sie nicht die, die zum Baum mutierte. Seltsam, befremdlich steht diese Daphne auf ihrem Podest und überblickt den Königsplatz, an den Propyläen vorbei, in Richtung Glyptothek…

2003 ist diese Skulptur entstanden. Ein Auftragswerk der Altana AG für deren Konzern-Zentrale in Bad Homburg. Ein Lineallänge fehlt ihr auf vier volle Meter Höhe. Aus dem Gips-Model fertigte Lüpertz drei Bronzegüsse. Alle sind farbig gefasst. Die Münchner Daphne ist nur zu Gast hier – für die Dauer der Ausstellung »Starke Frauen«.

Raimund Wünsche gesteht, dass »mit etwas Phantasie Lüpertz’ Daphne im Sinne der Ovid’schen Verse« deutbar sind. Warum diese Frau, die derzeit den Münchnern den Kopf verdreht, diesen Kopf wendet? Weil sie, die Verfolgte, verzweifelt zurückblickt. Warum der Lorbeerbaum hinter und nicht neben oder gar in ihr gepflanzt ist und sie sich nicht in ihn verwandelt? Weil er die unmittelbar bevorstehende Metamorphose repräsentiert. Warum diese protzige Frauenskulptur das linke Bein auf Apolls relativ kleines Haupt setzt? Weil die Geste Sieg bedeutet und den »Triumph der Keuschheit über die sinnliche Gier« ausdrückt.

Begehrenswert ist diese Daphne, die den Blick weit über den Münchner Königsplatz schweifen lässt, jedenfalls nicht. »Hint’ und vorn greislich!«, entfuhr es einem bayerischen Beschauer, der, die Stufen hochgestiegen, sich zu der Statue umgewandt und überrascht die farbige Bemalung von Rücken und Hinterteil wahrgenommen hatte. Dieser Daphne fehlt, was ihr der Mythos andichtete: Gehetztheit, Getriebenheit, Gewandtheit einer Gazelle gleich. Furcht vor der Entjungferung verrät sie ebenso wenig wie rehartige Männerscheu…

Raimund Wünsche weiß, dass für Markus Lüpertz’ vor fünf Jahren gegossene Arbeit Michelangelos Apoll (um 1530, Museo Nationale des Bargello, Firenze) Pate stand. Eine seitenverkehrte Variation dieser männlichen Figur, die den rechten Fuß auf eine Halbkugel setzt. Doch zeigt Michelangelo einen weiblich fließenden, feingliedrigen, weich modellierten Gott von knabenhafter Anmut, während Lüpertz ins Gegenteil verfällt. Daphne macht er aber nicht zum Opfer, sondern zur Täterin. Zur kriegslüstern-militanten, klotzigen, aufmarschierten Weibsperson, die sich mit den Stümpfen ihrer bewegungsgehemmten Arme zu wehren versucht, von einem Mann vereinnahmt zu werden. Harmonie – passé! Proportionen – verschoben! Lüpertz will Spannung. Er realisiert sie durch Amputierung, Massierung, trotziges Aufstampfen einer Betrogenen, Geächteten, von der Mannespotenz Überwältigten. Diese Daphne ist nicht Besiegte, sondern Überlegene. In ihrer selbstbewussten Überheblichkeit stellt sie sich dem sie bedrohenden Mann in den Weg. Sie ist, als Frau, derart stark, dass sie dem Mann den Kopf nicht verdreht, sondern abschlägt.

Hans Gärtner

Literatur
»Starke Frauen«, Katalog zur gleichnamigen Sonderausstellung der Staatlichen Antikensammlungen, München, Sommer 2008
Rudolf Kloiber: »Handbuch der Oper«, Bd. 2, München/Kassel 1985



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