Jahrgang 2010 Nummer 28

Die Salzsieder von Traunstein

Zur Saline in der Hofmark Au floss die Sole aus Reichenhall

Die Saline in Traunstein-Au: Für sie kommt am 30. April 1910 eine schlechte  Nachricht. An diesem Tag beschließt der Landtag näm

Die Saline in Traunstein-Au: Für sie kommt am 30. April 1910 eine schlechte Nachricht. An diesem Tag beschließt der Landtag nämlich die Konzentration der Salinen Reichenhall und Traunstein und damit das Ende der Traunsteiner Saline.
Alte Salinenhäuser am Karl-Theodor-Platz

Alte Salinenhäuser am Karl-Theodor-Platz
Salinenkapelle Traunstein

Salinenkapelle Traunstein
Heute besuchen wir die Salzsieder in Traunstein, die früher in der Hofmark Au, dem heutigen Karl-Theodor-Platz und seinem Umgriff, die Saline betrieben. Ein wenig müssen wir bei diesem Besuch unsere Phantasie zu Hilfe nehmen, wenn wir den Betrieb der historischen Traunsteiner Saline, sein Personal und die Bedeutung der Salzproduktion im 17. Jahrhundert etwas näher betrachten wollen. Die Traunsteiner Saline war neben der in Reichenhall die bedeutendste Salzproduktionsstätte in Bayern. In vier Sudhäusern wurde die Sole in riesigen Eisenpfannen erhitzt und nach dem Verdampfen des Wassers das am Boden verbleibende Salz »ausgezogen«.

Unser Auto haben wir am Karl-Theodor-Platz geparkt und sind über die Treppe zum Stadtplatz hinaufgestiegen. In einem Restaurant bestellen wir ein Gericht, das wir, ohne weiter nachzudenken, mit dem Salzstreuer kräftig nachwürzen. Salz ist heute eine wenig beachtete Alltäglichkeit. Ich denke dabei an meinen Arzt, der mir wegen meines hohen Blutdrucks einen Vortrag über die Schädlichkeit des Salzverbrauchs in unserer Zeit gehalten hat. Der durchschnittliche Salzverbrauch bei uns bis zu täglich 15 g liege erheblich über der Toleranzgrenze von 10 g, wobei Salz in vielen Lebensmitteln versteckt sei. »Zuviel ist eben ungesund«, hat der Herr Doktor gesagt.

Bevor wir auf dem Rückweg zum Karl-Theodor-Platz die Treppe hinuntersteigen, betrachten wir den Platz, der einst Zentrum der Salinen-Hofmark war. Dabei ist an Hand des historischen Bildes aus dem Heimatmuseum deutlich die Struktur der auf die Salzproduktion ausgerichteten Bauwerke zu erkennen, um die sich weitere Betriebs- und Wohngebäude gruppierten. Im Zentrum stand die Salinenkirche. Die heute als Wohnhäuser genutzten Gebäude am Karl-Theodor-Platz Nr. 2 bis 8 dienten einst als Harthäuser zur Trocknung des Salzes. Am gleichen Platz wurde 1630 der Marienstock als Arbeiterwohnhaus erbaut. Auch der aus Eisenschlacke erbaute Rupertistadel – Salinenstraße 10 bis 14 – ist als ehemalige Soleeinlauf- und Verteileranlage erwähnenswert.

1614 wurde in der Au, dem heutigen Karl-Theodor-Platz, die Salzproduktion aufgenommen, die fast vier Jahrhunderte lang dem Land mit dem weißen Gold zu Wohlstand verhalf, viele einträgliche Arbeitsplätze sicherte und in der Hofmark Au eine eigenständige Gesellschaftsordnung begründete.

Die Bedeutung des Salzes in historischer Zeit

Bevor wir den Arbeitern in den Sudhäusern bei ihrem Tagwerk zuschauen, wollen wir uns kurz die Bedeutung des Salzes im Mittelalter vor Augen führen. »Ohne Gold kann man leben, ohne Salz nicht«, hieß es in einem gängigen Sprichwort. Salz war im Mittelalter nicht nur als Speisezusatz sondern vor allem als Konservierungsmittel unentbehrlich. Salz galt als Luxusgut, das die Kaufleute in viele Länder exportierten. An den Tafeln der Fürsten wurde es den Gästen in kostbaren Gefäßen gereicht. Das Einlegen von Fisch und Fleisch in Salz machte dieses haltbar und war so Voraussetzung für die Seefahrt. Ohne Salz wäre Amerika nicht entdeckt worden.

Einen Beweis, wie sehr Salz die Kulturgeschichte beeinflusst hat, finden wir im Neuen Testament: »Ihr seid das Salz der Erde. Wenn es schal wird, womit sollen wir dann salzen?« heißt es in der Bergpredigt. In Märchen finden wir das Salz als Abwehrmittel gegen Hexen und böse Geister. Wer Salz verschüttete, wurde von Unheil und Not bedroht. Das Salz, das sich in den Tränen gleichviel wie im Ozean findet, war in vielen Mythen Gegenstand ehrfürchtiger Betrachtung.

Das Tagewerk der Salzsieder

Dies mag hilfreich sein, um die Menschen früherer Zeiten zu verstehen, die ihre ganze Kraft und in Anbetracht der nicht seltenen Todesfällen an den Sudpfannen ihr Leben für das damals so unentbehrliche Produkt, das Salz, einsetzten. Die Arbeit der Salzsieder an der Sudpfanne war äußerst hart und entbehrungsreich. Im rußgeschwärzten Sudhaus sind die Arbeiter – Pfannhauser genannt – gerade dabei, das eingetrocknete Salz, dem das Feuer das Wasser entzogen hat, vom Boden der Sudpfanne »auszuziehen«.

Die eiserne Sudpfanne misst 13 mal 15 m und ist auf Ständern aus Ziegelsteinen aufgebaut. Am Deckengebälk ist sie zusätzlich durch Stangen befestigt, um eine Aufwölbung des Pfannenbodens durch die Erhitzung zu vermeiden. Unter der Sudpfanne lodert das Feuer, das vor drei Tagen angefacht und sieben Tage und Nächte lang nicht verlöschen darf. Vier Arbeiter sind damit beschäftigt, Holz nachzulegen und für eine gleichmäßige Erhitzung der Sudpfanne zu sorgen.

Die über eine Holzrohrleitung zufließende Sole wird zunächst in Vorratsbehälter geleitet, um bei Bedarf den Sudpfannen zugeführt zu werden. Das Salzsieden, durch Erhitzen der Sole das Wasser zu entziehen und das verbleibende Salz zu trocknen, ist uralt und war schon den Kelten und den Römern bekannt. In der Traunsteiner Saline wurde die Technik verfeinert und Arbeitsabläufe aufeinander abgestimmt, so dass eine beträchtliche Steigerung der Salzproduktion erreicht werden konnte.

Das aus den Sudpfannen ausgezogene Salz wurde in konisch zu laufenden Behältern, den Perkufen, eingefüllt, die an einem Eisengestänge über der Sudpfanne befestigt waren. Aus den Öffnungen der Perkufen konnte das Salz in die Sudpfanne abtropfen. Danach wurde der Salzkern aus dem Perkufen entfernt und zum Trocknen in die dafür vorgesehenen Harthäuser gebracht. Die Arbeit der »Pfannhauser«, die für den Salzsiedevorgang von der Befeuerung bis zum Ausziehen des Salzes zuständig waren, war nicht nur hart sondern auch äußerst gefährlich. Nicht selten hatte die unvorsichtige Einfüllung der Sole in die Sudpfanne schwere Verbrennungen zur Folge, die, wenn sie nicht gar zum Tode führten, den Pfannhauser zum Invaliden machte, der sich für seinen Lebensunterhalt auf das Betteln verlegen musste.

Die Saline in der Au hatte 1619 in vier getrennt gebauten Sudhäusern in Blockbauweise ihren Betrieb aufgenommen. Dazu kamen weitere für den Produktionsablauf notwendige Gebäude sowie die Wohnhäuser für die Arbeiter. Die Salzsieder zeigten sich mit ihrer Arbeitsstätte eng verbunden. Im Umgriff ihrer Häuser legten sie Hausgärten an, in denen sie auch Kleinvieh hielten.

Die historische Bedeutung der Hofmark

So entstand in der Au eine Hofmark, ein eigenständiger Verwaltungsbezirk, dem der Salzmeier als Hofmarksherr vorstand. Historisch ist die Hofmark bis ins 13. Jahrhundert zurückzuverfolgen. Als der bayerische Herzog Otto III. bei einem Abenteuer in Ungarn sein Vermögen verlor und mittellos in sein Herzogtum zurückkehrte, verlieh er Städten und örtlich begrenzten Gemeinschaften das Recht der niederen Gerichtbarkeit und hielt sich dafür an deren Subventionen schadlos. Die Hofmark Au wird erstmalig 1663 urkundlich erwähnt. Dieser Blick in die Geschichte der Hofmark erklärt die Eigenständigkeit des Traunsteiner Salinenbezirks vor allem dem Pfleggericht Traunstein gegenüber. Natürlich blieben da Kompetenzstreitigkeiten zwischen dem Pfleger und dem Salzmeier nicht aus. 1653 musste die herzogliche Hofkammer eine derartige Streitigkeit schlichten, wobei die Stellung des Salzmeiers gestärkt wurde.

Der Salzmeier, dessen Amt mit dem eines Gemeindebürgermeisters unserer Zeit vergleichbar ist, verfügte über Macht und Ansehen, vor allem durch sein Amt als Gerichtsherr über die Hofmarkangehörigen. Zur niederen Gerichtsbarkeit der Hofmark zählten kleinere Delikte des Alltags, die mit Geldbuße oder einer leichten Leibstrafe zu sühnen waren. Dazu gehörten auch der Pranger oder der Schandpfahl. Zudem war der Salzmeier Herr einer straff gegliederten Beamtenhierarchie, der die Kontrolle über das Sud-, Holz- und Personalwesen, den Salzvertrieb und das Kassenwesen oblag. Die äußerlich an ihren Uniformen erkennbaren Salzoffiziere gehörten zur Oberschicht einer straff durchorganisierten Salinenverwaltung. Nur so konnte die wirtschaftliche Effizienz der Saline funktionieren, die 1625 mit einer Salzproduktion von 4400 Tonnen Salz ein Rekordergebnis erzielte.

Die Salinenkirche, die 1631 im Auftrag des Kurfürsten Maximilian im Zentrum der Saline gebaut wurde, steht heute etwas deplatziert am Rande des Parkplatzes. Bemerkenswert sind ihr kreuzförmiger Grundriss und das Gemälde des Choraltars mit den Heiligen Rupert und Maximilian. Der sehr fromme Kurfürst wollte die ihm für das Wohl seines Landes äußerst wichtige Salzproduktion unter den Schutz des heiligen Rupert stellen. Den Gründer von Salzburg sehen wir mit dem Salzfass abgebildet. Daneben steht auch noch der Namenspatron des Herzogs, der zum Gelingen des Werkes angerufen wurde. Die Salinenkirche war für die Salinenarbeiter ein Ort, an dem sie sich ihrem Herrgott anvertrauen und im Gebet für ihr lebensgefährliches Tagewerk Kraft schöpfen konnten.

Die Soleleitung von Reichenhall nach Traunstein

In unmittelbarer Nähe der Salinenkirche steht in der Salinenstraße 14 die bereits erwähnte, ehemalige Soleeinlauf- und Verteilungsanlage. Da Traunstein selbst über keine Solequellen verfügte, musste die Sole über eine 32 km lange Leitung von Reichenhall her der Saline in Traunstein zugeführt werden. Auch in Reichenhall, wo die Sole in Quellen, die der Schichtung der Alpen folgten, zutage trat, wurde eine Saline betrieben. Für die Beheizung der Sudpfannen war zunächst in den Wäldern um Reichenhall genügend Holz vorhanden. Bald erkannte man aber, dass die Ausbeutung der Wälder nicht unbeschränkt betrieben werden konnte. Abgeholzte Waldflächen drohten zu verkarsten. Anfang des 17. Jahrhunderts wurden jährlich 265 000 Kubikmeter Holz aus den Wäldern um Reichenhall zum Betrieb der Siedepfannen benötigt.

1611 gab es Ärger mit dem Salzburger Bischof, weil Holz aus den Salzburger Waldbeständen geschlagen wurde, dessen Zugehörigkeit zur Reichenhaller Saline umstritten war. So kam es zwischen Bayern und Salzburg zum sog. Holzkrieg, nach dessen Ende der Holzeinschlag auf Salzburger Gebiet eingestellt werden musste. Als 1613 noch eine weitere Quelle in Reichenhall entdeckt wurde, war klar, dass der Holzbedarf für die Saline aus den Wäldern um Reichenhall nicht mehr zu decken war. Da die Wälder um Traunstein noch reichen Holzbestand aufwiesen, entschloss man sich, die Sole zum Holz zu führen, weil umgekehrt ein Holztransport von Traunstein zur Saline in Reichenhall zu kostspielig und aufwändig gewesen wäre.

Die Idee zum Bau der Soleleitung von Reichenhall nach Traunstein setzte der bayerische Herzog Maximilian um, der nach einer Beratung in der Salzkommission 1616 den Hofbaumeister Hans Reiffenstuel mit der Planung und den Bau der Soleleitung beauftragte. Die Soleleitung galt damals als technische Sensation, die unter den Voraussetzungen des frühen 17. Jahrhunderts ein Höchstmaß an Erfindungsreichtum und technischem Geschick erforderte.

Die Hauptschwierigkeit bestand darin, dass für die Weiterleitung der Sole auf der gesamten Strecke ein Höhenunterschied von circa 1000 m zu überwinden war. Dazu waren Pumpstationen nötig, die in den Brunnenhäusern unterzubringen waren. Für die Strecke von Reichenhall nach Traunstein über 32 km waren sieben Brunnenhäuser mit Hebevorrichtungen erforderlich. Im Frühjahr 1617 begann Reiffenstuel mit seinem Werk. Schon im August 1619 konnte die erste Sole aus Reichenhall in Traunstein verarbeitet werden. Die Soleleitung von Hans Reiffenstuel, zu der auch sein Sohn mit beigetragen hatte, tat damit bis zur Einstellung des Salinenbetriebes in Traunstein fast 300 Jahre ihren Dienst.

Ein neues Konzept zur Umgestaltung der Saline

Ende des 19. Jahrhunderts kam eine Krise über die Traunsteiner Saline. Klagen über die mangelnde Qualität des Salzes führten zu Absatzproblemen. In Konkurrenz mit der Salzproduktion etwa in Hallein drohte der Traunsteiner Saline der Absturz, wenn nicht umfassende Sanierungsmaßnahmen das offensichtlich veraltete Konzept der Saline umgestalten würden.

Kurfürst Karl Theodor beauftragte daher den Salinenfachmann Sebastian Clais mit der Ausarbeitung eines Gutachtens zur wirtschaftlichen, effektiveren Nutzung der Traunsteiner Saline. Nachdem sein Vorschlag, die Saline ganz stillzulegen, von der Kurfürstlichen Hofkammer verworfen worden war, legte Clais ein bauliches Konzept zur Umgestaltung vor. Danach erhielt das neue Karl-Theodor- Sudhaus einen kreuzförmigen Grundriss. Die vier gleichlangen Flügel waren auf das Zentrum ausgerichtet, von wo aus die Sudeinrichtungen überwacht und koordiniert werden konnten. Die Arbeitsabläufe wurden rationalisiert; die weiten Wege zu den Trockenhäusern entfielen. Die vier alten Sudhäuser wurden abgebrochen.

Bald zeigte sich der Erfolg der Sanierungsmaßnahmen. Die jährliche Salzerzeugung stieg um 30 000 Zentner im Vergleich zum Vorjahr. Der Holzverbrauch für die Feuerung sank um 30 Prozent. Als 1868 das staatliche Salzhandelsmonopol aufgehoben wurde, brachte der freie Wettbewerb auch für Traunstein eine beachtliche Absatzsteigerung. Mit der Pfanne V wurde ein weiteres Sudhaus errichtet. Zwischenzeitlich wurde auch der aus den Mooren der Umgebung gewonnene Torf für die Feuerung verwendet. 1895 erhielt die Saline einen direkten Anschluss an die Eisenbahn.

Die Stilllegung der Traunsteiner Saline 1912

Trotz dieser technischen Neuerungen war zum Beginn des 20. Jahrhunderts das Ende der Traunsteiner Salzsieder nicht mehr aufzuhalten. Der bergmännische Salzabbau erwies sich als kostengünstiger. Das Konzept, durch die in Österreich bereits 1856 erprobte Wärmepumpe durch Verdampfung das aufwändige Siedeverfahren einsparen zu können, erwies sich als zukunftsträchtig. Zudem war die industrielle Revolution seit der Mitte des 19. Jahrhunderts ursächlich dafür, alte technische Verfahren auf ihre Rentabilität hin zu überprüfen. Dies führte dazu, dass der Bayerische Landtag 1910 die Stilllegung der Traunsteiner Saline beschloss. Im Juli 1912 wurde die Salzproduktion in Traunstein eingestellt. Durch die neue Verdampfungstechnik in Reichenhall wurde das alte Siedeverfahren abgelöst.


Dieter Dörfler

Verwendete Literatur: »Salz Macht Geschichte« Aufsätze zur bayerischen Landesausstellung 1995



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