Jahrgang 2001 Nummer 43

Die Römer in Bedaium, dem heutigen Seebruck

Das Römer-Museum erlaubt einen Einblick in den Alltag am Chiemsee vor fast 2000 Jahren

Das Römer Museum in Seebruck. Eine Begegnungsstätte mit der römischen Kultur am Chiemsee.

Das Römer Museum in Seebruck. Eine Begegnungsstätte mit der römischen Kultur am Chiemsee.
Mauerreste, sogenannte Spolien des Römerkastells im Bedaium.

Mauerreste, sogenannte Spolien des Römerkastells im Bedaium.
In der Darre wurden Fisch und Fleisch mittels einer römischen Hypokaustfeuerung geräuchert und gebraten.

In der Darre wurden Fisch und Fleisch mittels einer römischen Hypokaustfeuerung geräuchert und gebraten.
Wer denkt schon an die Römer, wenn vom Chiemsee und seiner Umgebung die Rede ist. Können wir uns in Seebruck ein Römer-Kastell und eine lebhaft frequentierte römische Überlandstraße mit einer Raststätte für die Wegzehrung der Durchreisenden vorstellen? Die Rede ist nicht von den Kulissen für einen Römer-Film aus unseren Tagen, sondern von der Zeit von 150 bis 400 n. Chr., als die Römer am Chiemsee lebten.

Die Entdeckung des römischen Bedaiums

Archäologen haben 1843 die Fundamente des römischen Kastells unter dem Turm der Kirche von Seebruck entdeckt. Als der vorher abgebrochene Kirchturm wieder aufgebaut werden sollte, gab es mit der Statik Probleme. Bald merkten die Bauleute, daß sie das neue Fundament nicht so exakt auf das bestehende des römischen Kastells aufgesetzt hatten, wie dies ihre Vorfahren offensichtlich getan hatten. daß frühere heidnische Bauten für christliche Nachfolgebauten Verwendung fanden, hatte durchaus nicht nur praktische Zwecke. Damit sollte auch zum Ausdruck gebracht werden, daß die neue Religion die alte heidnische überwunden hatte und ihre Kirche an die Stelle heidnischer Heiligtümer setzte.

Seit der Entdeckung des Römer-Kastells förderten Grabungen immer wieder Relikte der römischen Siedlung in Seebruck zu Tage. Bei der Ausbaggerung der Alz um 1900 stieß man auf den Unterbau der römischen Fernstraße von Salzburg nach Augsburg mit einer Brücke. Grabsteine ließen die Lokalisierung des römischen Friedhofes südlich von Seebruck in der Nähe des Ortsteiles Graben zu. Schließlich wurde bei der Verlegung der örtlichen Kanalisation 1985 das Fundament eines unterteilten Gebäudes ausgegraben, das seiner Hypokaust-Heizung wegen als römische Darre bezeichnet wurde. Die ca. 50 cm hohen Steinmauern begrenzen Kammern, durch die einst Heißluft zirkulierte, die von einem Feuer außerhalb des Bauwerkes zugeleitet wurde. So wurden im Altertum allgemein Wohnungen und Bäder beheizt. Im römischen Seebruck legt der nahe fischreiche See die Vermutung nahe, daß die über dem Hypokaust frisch geräucherten Fische den Durchreisenden angeboten wurden. Das unmittelbar an der Fernstraße gelegene Gebäude mag daher zur Römerzeit als Rasthaus gedient haben.

Neben den bei öffentlichen und privaten Bauten gefundenen Mauern aus der Römerzeit gab es noch eine Vielzahl von Einzelfunden, die sorgfältig zusammengetragen und in dem 1988 eröffneten Römer-Museum in Seebruck einen würdigen Platz fanden. Das Museum bietet dem Besucher vielfältige Anregungen, sich selbst ein Bild vom römischen Alltag zu machen. Die Exponate geben dem Betrachter die Möglichkeit, sich in die Lebenssituation der Römer in Seebruck bzw. in Bedaium zu vertiefen. Bedaium, der Name des römischen Seebrucks, ist schriftlich nicht überliefert. Er ist vielmehr von Bedaius, einem keltischen Gott abgeleitet, dessen Verehrung von den Römern übernommen wurde und dem hier ein Tempel geweiht war.

Die keltischen Alaunen wurden in das Römerreich eingegliedert

Wer waren nun die Bewohner des römischen Bedaium, deren Aussehen und häusliche Gepflogenheiten hier im Museum so anschaulich vor Augen geführt werden? Bedaium gehörte zur römischen Provinz Noricum, die in diesem Bereich von den keltischen Alaunen besiedelt war. In Stöffling ca. 4 km nordöstlich von Seebruck ließen Funde römischer Münzen einen Rückschluß auf eine Besiedlung dieses Gebietes schon in keltischer Zeit zu. Vier von einer Umzäunung umgebenen Blockhütten veranschaulichen recht eindrucksvoll die keltische Siedlungsform vor der Römerzeit. Es ist zu vermuten, daß die vorrömische Siedlung in Stöffling und Seebruck miteinander in Verbindung standen.

Es war ein zentrales Anliegen römischer Siedlungspolitik, neu eroberte Provinzen so in das Reich zu integrieren, daß Religion, Sitte und Brauchtum der Urbevölkerung unverändert erhalten blieben und so eine Übernahme der römischen Kultur ermöglicht wurde. Ein Blick auf die Landkarte aus dieser Zeit, die uns gleich im Eingangsbereich des Museums gezeigt wird, führt uns die riesige Ausdehnung des römischen Reiches vor Augen, das fast alle am Mittelmeer angrenzende Länder umfaßte. In den römischen Provinzen im heutigen Marokko, Tunesien, Ägypten und Syrien regierten römische Statthalter ebenso wie in Noricum, der für Bedaium zuständigen Verwaltungsprovinz. Sie hatten Steuern zu vereinnahmen, Streitigkeiten zu schlichten und neue Siedlungsvorhaben zu fördern.

Das Militär mußte zur Grenzsicherung und zum Straßenbau- und Unterhalt eingesetzt werden. In regelmäßigen Abständen waren Berichte an den römischen Senat angezeigt, die reitende Boten nach Rom zu übermitteln hatten. Dazu war ein gut ausgebautes Straßennetz als Rückgrad des römischen Reiches notwendig. Nur so war die Gewähr gegeben, daß durch die Übermittlung von Nachrichten und durch den Austausch von Gütern auch die umfassende Herrschaft des römischen Reiches gewährleistet war. So ist es auch verständlich, daß die Römer zur Sicherung und Unterhaltung ihres Straßennetzes auf bestehende Ansiedlungen zurückgreifen mußten.

Am Beginn der damals schiffbaren Alz in den Chiemsee trafen sie geradezu ideale Voraussetzungen an. Die Siedlung der keltischen Alaunen in Verbindung mit der Siedlung in Stöffling war ein günstiger Ansatzpunkt für einen Verkehrsknotenpunkt zwischen Inn und Salzach. Hier überquerte die Römerstraße auf einer Brücke die Alz. Von Süden her kam eine Straße über den Paß Thurn, die weiter über Töging nach Regensburg führte. Am Chiemsee gab es einen regen Schiffsverkehr.

Das Römerkastell, ein Stützpunkt an der Fernstraße

Die Anhöhe in Seebruck, auf der heute die Kirche steht, bot offensichtlich für das römische Kastell den idealen Standort, um die Brücke über die Alz zu sichern. Von der Anhöhe aus waren der See und das Hinterland gut zu überblicken. Wie mag nun dieses Römer-Kastell ausgesehen haben? Ein phantasiebegabter Maler hat uns in einem Bild im Museum das mögliche Aussehen des Kastells so übermittelt: Um den wuchtigen, quadratischen Festungsbau an der Brücke über die Alz gliedert sich eine Ansiedlung römischer Privathäuser. Ob Bedaium tatsächlich so ausgesehen hat, ist nicht überliefert. Dennoch ist es hilfreich, sich auf diese Weise eine realistische Vorstellung der römischen Siedlung Bedaium vor Augen zu führen, für die die ergrabenen Grundmauern römischer Bauwerke ein Anhaltspunkt sind. Archäologie fordert eben immer auch die Phantasie mit heraus.

Mit Hilfe der Exponate im Römer-Museum ist es uns ein Leichtes, uns in den Alltag der Römer am Chiemsee hineinzudenken. In Bedaium, das auf die Fernstraße bezogen war, ja von ihr lebte, herrschte offensichtlich ein reger Verkehr, der mit dem Austausch von Waren aus vielen Ländern in Verbindung stand. Importgüter aus Spanien und Frankreich, Teile von Wagen, Hufschuhe der Zugtiere und Beschläge von Pferdegeschirren sind als Zeugnisse eines regen Handelsverkehrs auf der Fernstraße zu bewundern. Neben einer Waage und den aus römischen Reise-Handbüchern entnommenen Entfernungsangaben in Meilen sind die Münzfunde ein Beleg für das im römischen Großreich geltende einheitliche Währungssystem. Auf der Vorderseite garantierte der Kaiser mit seinem Bild den Wert des Zahlungsmittels. Auf der Rückseite standen politische Parolen, mit denen die Menschen in den entferntesten gelegen Teilen des Reiches angesprochen werden konnten. Hier liegt ein Vergleich mit dem Euro nahe, der nun als einheitliche Währung ein weit weniger umfangreiches Gebiet erfaßt, als dies zu zur Römerzeit mit der damals geltenden Währung der Fall war.

Kleidung und Handwerk der Römer

Bei einem Besuch im Römermuseum erfährt man einiges über die Kleidung der Frauen in Bedaium. Die erhaltenen Fibeln und Broschen lassen zusammen mit den Darstellungen auf den Grabsteinen eine recht anschauliche Rekonstruktion der Kleidung vor allem der Frauen aus dem 2. nachchristlichem Jahrhundert zu.

Bei einem Spaziergang in Bedaium etwa um das Jahr 170 n.Chr. wird man mit einer Tunika bekleideten Römern begegnen. Die Tunika war ein kragenloses, aus zwei rechteckigen Stoffbahnen zusammengenähtes Hemd mit angesetzten Ärmeln, das bis zum Knie reichte. Darüber trug der Römer als Obergewand die Toga, die ebenfalls aus mehreren Stoffbahnen zusammengesetzt war und in kunstvoll gelegten Falten am Oberkörper getragen wurde. Gegen die Unbilden der Witterung schützte sich der Römer durch einen Mantel aus Wolle, der nach Art eines Ponchos auch mit einer Kapuze versehen war. Die Kleidung der Römerin glich weitgehend der der Männer, wobei die Stola, eine Art Brusttuch, die weibliche Note hervorhob.

Der nahe Chiemsee, der lacus bedaius, legte den Fischfang nahe. Zahlreiche Angelhaken aus Kupfer und Eisen sowie Harpunen sind in Vitrinen im Römermuseum zu sehen. Die ausgestellten Knochen vermitteln die Erkenntnis, daß als Haustiere Schweine und Rinder als Zugtiere gehalten wurden. In den Auwäldern am Seeufer gaben Rotwild und Elche eine lohnende Jagdbeute her.

Während der Mann als Fischer oder Jäger unterwegs war, sorgte in der Küche die Römerin für die Zubereitung der Malzeit. Mit ein wenig Phantasie kann man an Hand der ausgestellten Gegenstände ein recht anschauliches Bild einer römischen Küche gewinnen. Bevor sich die Köchin an die Arbeit machte, schaute sie zunächst in den großen Amphoren aus Ton nach, was an Vorräten zur Bereitung eines Prandiums, des Mittagessens, noch verfügbar war. Die hungrigen Männer würden Fleisch, Früchte und mit Wasser verdünnten Wein zum Mal erwarten. Das Mittag-essen war eher kärglich, weil die Cena, die Hauptmalzeit, dem Abend vorbehalten war. Dabei konnte man sich bei drei Gängen an Eiern, Fisch oder Fleisch laben. Käse und Obst gab es zum Nachtisch.

Das im Museum gezeigte Handwerkszeug der Köchin, Kessel, Kannen, Krüge, Löffel und Messer, wäre in etwas verfeinerter Form auch noch in der modernen Küche verwendbar. Als Besonderheiten der römischen Küche sind die Reibeschalen und die Steinmühle hervorzuheben. Die Innenfläche der Reibeschale war mit kleinen Steinchen aufgeraut, so daß darin Wurzelwerk, verschiedene Pflanzen und Gewürze verrieben werden konnten. Mit Öl wurde so eine schmackhafte Soße bereitet. Die Getreidemühle besteht aus zwei aufeinander gelegten Steinplatten, die durch einen nach unten gerichteten Kegel drehbar gehalten wurden. Über diesen Kegel wurde Getreidekorn eingefüllt, das zwischen den Mühlsteinen zu Mehl gemahlen wurde. Das Mehl gab wieder den Teig her, aus dem Brotfladen gebacken wurden.

Tafelgeschirr aus Terra sigillata und die römische Schmuckkultur

Als Tafelgeschirr wurde »Terra sigillata« genannte Keramikschalen benutzt. Die Keramikgefäße ließen in einem Stempel – Siegel – ihre Herkunft aus einer bestimmten Fabrikation erkennen. Sie waren im ganzen Römerreich beliebt und wurden so auch auf der Handelsstraße nach Bedaium gebracht. So mochten auch den Römerinnen die mit kunstvollen Relief verzierten Schalen gefallen haben. Das rote Tafelgeschirr wurde nicht nur in einer für damalige Zeiten erstaunlichen Massenproduktion vor allem in Arezzo in Italien hergestellt, es folgte als begehrter Exportartikel auch den Römerstraßen. Die Fundorte von Terra sigillate lassen daher Schlüsse auf Verkehrsverbindungen und Frequentierung der Straßen zu. Neben der Terra sigillat gab es auch Glas. Ein ungebrochen erhaltener Glasteller ist frei geblasen. Der Ringfuß wurde aus dem Boden herausgedrückt. Glas, das zur Römerzeit als Luxusgeschirrr galt, wurde zum Anrichten und Servieren von Speisen benutzt.

Natürlich sah die Römerin in Bedaium in der häuslichen Arbeit nicht die alleinige Erfüllung ihres Lebens. Da dürfte sie ihren Nachfahren von heute nicht nachgestanden sein. So traf sie sich abends und an den Feiertagen an der Seepromenade, um mit ihren Bekannten aus dem Ort die Ereignisse des Tages zu besprechen. Bei dieser Gelegenheit sollte auch ihr Schmuck nicht hinter dem ihrer Freundinnen zurückstehen. Eine Vitrine gibt unter der Überschrift »Das tägliche Leben in Bedaium« einen Überblick über die Schmuckkultur im römischen Bedaium. Die Palette der Schmuckstücke reichte von Kopf-, Ohr-, und Halsschmuck über Brust- und Armschmuck bis zu den Fingern. Es gab Haarnadeln für die kunstvolle Frisur und Glasperlen für Halsketten und Armbänder. Besonders vielfältig und abwechslungsreich waren modische Fibeln aus Bronze mit Email- und Glaseinlagen.« (Museumsführer S. 15) Schmuck ist ein beachtlicher Gradmesser für den Stand einer Kultur. Die erhaltenen Schmuckstücke der Römerinnen von Bedaium lassen den Schluß auf einen beachtlich hohen Stand zu. Der Schmuck war übrigens aus Bronze gefertigt, da Gold oder Silber wohl die Kaufkraft in Bedaium überstieg.

Zur Gestaltung der Freizeit gehörte das Spiel mit Spielsteinen aus Glas. Würfel wurden aus Knochen geschnitzt. Ein kunstvoll aus Ton geformtes Reitpferd mag einst ein Kinderspielzeug gewesen sein. Die in Bedaium gefundenen Schreibgriffeln gehören wieder dem Handfelsbereich an, der mit der Überlandstraße in Zusammenhang zu sehen ist. Mit den Griffeln wurde auf holzbeschichteten Wachstafeln geschrieben, die zusammengeklappt und verschnürt auch zur postalischen Nachrichtenübermittlung dienten. So konnte der ortsansässige Kaufmann in Bedaium Aufzeichnungen über seine Einkäufe machen und bei der Kundschaft in Italien eine neue Lieferung Terra sigillata bestellen. Abends bediente sich der Kaufmann mehrere Tonlampen. Eine oben geschlossene, längliche Schale mit Öl gefüllt war mit einem Docht versehen, der angezündet werden konnte. Daß sich in Bedaium auch eine Therme, ein römisches Bad, befunden hat, wird durch ein Paar Strigiles samt Tragegriff bewiesen. Sie dienten im Bad nach dem Schwitzbad zum Schaben der Haut. Im römischen Badehaus konnte sich der Römer in einem Warmwasserbecken, im Kaltbad und in einem Ruheraum erholen. Da das Badehaus eine beliebte Stätte der Kommunikation und dem Austausch von Nachrichten und dem Abschluß von Geschäften diente, ist auch in Bedaium ein Römerbad zu vermuten.

Das Weiterleben nach dem Tode

Neben der Sorge im Alltag bewegte die Römer in Bedaium auch die Frage nach dem Weiterleben nach dem Tode und nach der Lenkung dieser Welt durch die Götter. Ein Tempel für den keltischen Gott Bedaius, von dem auch der Name des Ortes abgeleitet wird, konnte noch nicht lokalisiert werden. Aus vielen Zeugnissen ist aber zu belegen, daß es sich um eine angesehene Gottheit gehandelt hat. Im Museum erinnert eine Vitrine an den Tempel des Gottes Bedaius. Kleine Statuen aus Bronze von römischen Göttern, wie der Juno oder des Widders als Begleiter Merkurs sind als Weihegaben für die übergeordnete Gottheit Bedaius zu betrachten. Zur handwerklichen Fertigung der kleinen Weihefiguren wurde die Figur aus Wachs modelliert, mit Ton ummantelt und gebrannt. Das erhitzte Wachs wurde zum Auslaufen gebracht. In den verbleibenden Hohlraum wurde die Bronze eingegossen. Nach dem Abschlagen des Tons verblieb die Bronzefigur.

Religiöse Kultformen waren im römischen Reich nicht einheitlich. Meist wurden die religiösen Kulte der angestammten Bevölkerung übernommen, d. h. die einheimischen Götter verwandelten sich in römische. Zunehmende Bedeutung erhielten die orientalischen Geheimkulte wie etwa der aus Ägypten übernommene Isiskult. Die im Mithraskult verehrte Tötung eines Stieres steht im Zusammenhang mit der Veränderung der Sternbilder in dieser Zeit. Daran mag man auch bei der Betrachtung des Mitras-Heiligtums im Museum denken.

Nach der Betrachtung der Ausstellung zur Alltagswelt der Römer im Obergeschoß findet man im Eingangsbereich des Museums Grabdenkmäler mit Inschriften, die einiges über das Verständnis der Römer von ihrem Leben im Jenseits aussagen. Den Manibus, den Totengöttern, wird die im Alter von 50 Jahren verstorbene Amanda empfohlen. Ein Pinienzapfen über dem Stein galt den Römern als Symbol des ewigen Lebens. Offensichtlich ging es den Menschen darum, ihren in Stein eingravierter Namen auch nach ihrem Tode für die Nachwelt festzuhalten.

Der römische Friedhof und die Feuerbestattung

Die erhalten gebliebenen Friedhöfe mit ihren Grab- und Weihesteinen wurden römischer Sitte entsprechend an den Ausfallstraßen angelegt. Das römische Gräberfeld von Bedaium wurde 1974 südlich von Seebruck bei der Ortschaft Graben entdeckt. Die Grab- und Weihesteine lassen eine Vorstellung vom einstigen Aussehen des antiken Gräberfeldes zu. Eine Schautafel erklärte Bedeutung und Anlage der Gräber. Zur Blütezeit von Bedaium, also im zweiten und dritten nachchristlichen Jahrhundert, war die Feuerbestattung der Toten üblich.

Der Grund für die Verbrennung der Toten war die Angst vor deren Wiederkehr aus dem Jenseits. Nur auf diese Weise konnte dem Toten der Weg ins Jenseits bereitet werden. Dem Toten wurden als Abschiedsgeschenke Grabbeigaben mitgegeben, die er selbst in seinem Testament festgelegt hatte. Gedenksteine römischer Provenienz sind durchaus nicht nur auf Seebruck beschränkt. Entlang der Römerstraße am Chiemsee sind vielerorts Römersteine gefunden worden und haben in den Mauern und Vorhallen der Kirchen einen Platz der Erinnerung gefunden. In den Kirchen in Mietenkam, in Truchtlaching und Chieming entdeckt der Interessierte bedeutende Zeugnisse der römischen Vergangenheit im Chiemgau.

Daß die römische Vergangenheit von Seebruck ans Tageslicht kam, ist u.a. dem Zufall der Erneuerung des Kirchturmes zu verdanken. Viele kleine Mosaiksteine fügten sich zu einem Bild zusammen, das einen gesicherten Verlauf der römischen Reichsstraße von Traunstein bis Pons Aeni, nördlich von Rosenheim ergab. Südlich von Eggstätt findet man den zur Eggstätter Seenplatte führenden Wanderweg als »Römerstraße« in der Karte eingetragen. Die Wanderwege in den Wäldern zwischen den Seen, wo der bäuerliche Pflug über die Jahrhunderte hinweg nichts verändern konnte, lassen noch genügend Spuren der Römerstraße mit durch Steine markierten Vertiefungen und den zur Befestigung der Straße angelegten Unterbau der Straße erkennen. Vielleicht könnte der dafür empfängliche Wanderer noch den Hufschlag der Pferde und das Knirschen der Eisenbeschlagenen römischen Fuhrwerke wahrnehmen. Auch in Seebruck sollte man bedachtsam den Fuß auf die Erde setzen. Wer weiß schon, ob nicht zwei oder drei Meter unter den Schuh ein römischer Tempel liegt oder der Palast des Provinzgouverneurs von Bedaium, der seine Wohnstätte vielleicht in der Erwartung eines zeitlich unbegrenzten Fortbestandes seines Lebens gebaut hat. Aber was ist schon unvergänglich in Bedaium vor beinahe 2000 Jahren oder heute in Seebruck am Chiemsee?

Dieter Dörfler



43/2001