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Jahrgang 2013 Nummer 47

Die rätselhafte Bilderwelt der Eiszeitkünstler

Höhlenmalereien in der Archäologischen Staatssammlung in München

Wisente aus der Höhle von Niaux in Südfrankreich.
Felsbild in der Höhle von Lascaux.
Negativabdruck einer Hand aus Pech Merle (Frankreich).

Tiefes Dunkel herrscht derzeit in den Räumen der Archäologischen Staatssammlung in München. Man sieht die Hand vor den Augen nicht. Doch keine Sorge. Mit der Eintrittskarte erhält der Besucher – leihweise – eine Taschenlampe. Damit ist er in der Lage, sich im Raumlabyrinth zurechtzufinden und die Ausstellung »Bilder im Dunkeln – Höhlenkunst der Eiszeit«, die noch bis 19. Januar 2014 geöffnet ist, zu betrachten.

Die eiszeitliche Höhlenmalerei gilt als die älteste Kunst der Menschheit, entstanden in der jüngeren Altsteinzeit, vor 40 000 bis 14 000 Jahren. Infolge der stark gesunkenen Temperatur bedeckten damals riesige Eismassen weite Teile des europäischen Festlands. Bis zu einem Drittel der Erdoberfläche lag unter Eis (heute etwa vier Prozent), die Gletscher schoben sich von den polaren Gebieten und von den Alpen je nach Jahreszeit vor und zurück und banden enorm viel Flüssigkeit, sodass der Meeresspiegel im Vergleich zu heute um über hundert Meter tiefer lag.

Die damaligen Menschen glichen anatomisch dem heutigen Menschen (»homo sapiens«) und lebten als Jäger und Sammler in den klimatisch gemäßigten Zonen, wo sich wärmere und kältere Perioden abwechselten. Hier glich die Vegetation der heutigen Grassteppe mit kühlen Sommern und schneearmen Wintern. Die Tierwelt bestand aus Großtieren wie Wisent, Mammut, Wollnashorn und Bär, dazu kamen Hirsch, Rentier, Wolf, Elch, Wildpferd, Polarfuchs und Schneehase. Die Familien lebten in Gruppen von mehreren Dutzend Personen in zeltähnlichen Behausungen in einer Art Basislager, von hier brachen Teile der Gruppe als Jagdgesellschaft auf und kehrten nach erfolgreicher Jagd wieder zurück. Ihre Jagdtechniken waren gut entwickelt, sie benutzten bereits Pfeil und Bogen, Fangnetze und Lasso, Wisente und Mammuts wurden mit Hilfe von Fallgruben zur Strecke gebracht.

Die bekanntesten Höhlenmalereien finden sich in Südfrankreich und Nordspanien, und zwar in Lascaux, Niaux und Altamira. Sie können aus konservatorischen Gründen nicht allgemein besichtigt werden. Dem deutschen Fotografen Heinrich Wendel war es durch Vermittlung des bekannten Felsbildforschers Heinrich Kühn möglich, zahlreiche Höhlenbilder zu fotografieren und mit einer speziellen Raumprojektion die original großen Aufnahmen in einer Art künstlichem Labyrinth so anzuordnen, dass der Besucher meint, er wandere selbst durch die Höhle. Der Höhlennachbau, der sich im Besitz des Neanderthal- Museums bei Düsseldorf befindet, ist bis zum 19. Januar 2014 in München zu Gast, ergänzt durch Kunstobjekte der Eiszeit aus Bayern.

Das zentrale Motiv der Höhlenkunst sind die Jagdtiere des Menschen. Dabei hat jede Höhle ihre Besonderheit. In Niaux überwiegen die Wisente, in Rouffignac die Mammute, in Ekain im Baskenland die Pferde. Dabei nutzten die Künstler geschickt den Felsuntergrund, um dem Tier Kontur, Volumen und im flackernden Lichtschein außergewöhnliche Helligkeit zu verleihen. Dargestellt sind nur die Tiere, Landschaft, Pflanzen und Berge sucht man vergebens. Menschenabbildungen sind die große Ausnahme, gelegentlich findet man einzelne Körperteile wie Hände oder Kopf. Für Kopfzerbrechen sorgen die vielen abstrakten Zeichen, Punkte, geometrische Figuren, Schraffuren, pfeil- und speerartige Zeichen, teils isoliert, teils in Kombination mit den Tierdarstellungen.

Das Zeichnen und Malen auf dem holprigen Fels muss die frühen Menschen vor eine harte Herausforderung gestellt haben. Ihr Können verdient Bewunderung. Ihre bevorzugte Technik war das Gravieren. Feine Linien wurden mit scharfkantigen Steinen in den Fels geritzt, der Farbauftrag erfolgte mit Erdfarben mithilfe von Pinseln aus Zweigen, kleinen Fellbüscheln oder einfach mit den eingefärbten Fingerspitzen. Flächiger Farbauftrag wurde dadurch erzielt, dass man die Farbe zu Pulver zerrieb, mit Wasser gemischt in den Mund nahm und mit gespitzten Lippen aufsprühte. Die meisten Bilder und Zeichnungen sind einfarbig schwarz oder rot, mehrfarbige Darstellungen bilden die Ausnahme. Das Arbeiten in den stockfinsteren Höhlen erfolgte wohl beim Schein von Fackeln oder fettgespeister Lampen.

Es fällt auf, dass die Bilder immer tief im Inneren der Höhlen anzutreffen sind, nachdem man eine längere Strecke zurückgelegt und Kreuzungen passiert hat. Oft dienen unscheinbare, kleine Wegmarken zur Orientierung. In manchen Fällen müssen die Eiszeit- Künstler eine Leiter oder ein Gerüst beim Arbeiten benutzt haben, denn es gibt Bilder in sechs bis acht Meter Höhe.

Bei den Höhlen unterscheidet die Forschung zwei Typen: Einerseits ausgesprochene Schauhöhlen mit großflächigen Bildern und andererseits Höhlen mit versteckt angebrachten, schwer erkennbaren, kleinformatigen Darstellungen. Dienten die unscheinbaren Bilder gleichsam als Übungsform oder Vorstufen zu den großen Arbeiten? Und die großen Höhlen mit den riesigen Wandgemälden könnte man sich als Versammlungsräume vorstellen zur Abhaltung von kultischen Handlungen, wie sie die Menschen der damaligen Zeit ohne Zweifel bereits praktizierten, beispielsweise Initiationsfeiern beim Übergang von der Kindheit zum Erwachsenenalter.

Die Weltsicht dieser Frühmenschen war ähnlich wie noch heute bei den Naturvölkern vom Schamanismus geprägt. Sie glaubten an die Wirksamkeit von Geistern, die das menschliche Geschick bestimmen, aber durch Mittelsmänner, die Schamanen, beschworen werden können. Den Schamanen ist es möglich, Kranke zu heilen, Unglück abzuwenden und Unternehmungen zu einem guten Ende zu führen. Manche Forscher deuten die Höhlenbilder mit den Tierdarstellungen als Jagdzauber. Nach dieser Theorie versammelten sich die Männer vor dem Auszug zur Jagd in einer Felshöhle, wo sie der Schamane auf das nicht ungefährliche Unterfangen einstimmte. Dabei wurden Speere und Pfeile auf die Tierbilder geschleudert oder in sie eingeritzt. Tatsächlich hat man Bison-Darstellungen mit eingeritzten Pfeilen entdeckt, ebenso das Bild eines verletzten Bären, aus dessen Mund Blut strömt.

Nach einer anderen Theorie wurzelt der Höhlenkult der Eiszeitjäger in der Vorstellung, dass auf der Jagd getötete Tiere in der Unterwelt weiterleben und dass die Höhlen Zugänge zu dieser Unterwelt sind. Durch die Felsbilder würden die Tiere gleichsam wieder sichtbar gemacht und vergegenwärtigt. Nach der Heimkehr von der Jagd hätten die Jäger dieser Theorie zufolge bei einem Fest Abbitte für die Tötung geleistet und gleichzeitig deren Einzug in die Unterwelt gefeiert.

Bei der Ausstellung in München führt eine Multimediaprojektion in die Thematik der eiszeitlichen Höhlenkunst ein, in einer Vitrine kann man eiszeitliche kleine Kunstobjekte aus Bayern bewundern, darunter die sogenannte »Rote von Mauern«, ein 7,2 Zentimeter kleines Frauenidol aus einer Höhle in der Nähe von Rennertshofen. Es ist mit seinen rund 30 000 Jahren das früheste bayerische Sexfigürchen.


Julius Bittmann

 

47/2013