Jahrgang 2020 Nummer 42

Die Pest in Traunstein

Einer der geheimnisvollsten Orte ist das Pesthaus: Brandruine, Spukort und historische Stätte in einem

Bild vom Pesthaus bei Heilig Geist in Traunstein.

Vor 385 Jahren wurde Traunstein vom Schwarzen Tod – der Pest – heimgesucht, die 10 Prozent der Stadtbevölkerung dahinraffte, dass damals die Seuche nicht weiter im Umland um sich griff, hatte man vor allem konsequenten Isolationsmaßnahmen zu verdanken, auch wenn manch einer glaubte, dass andere (Wunder-)Mittel geholfen hätten.

Wir schreiben das Jahr 1635. Seit 17 Jahren herrscht Krieg im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation. Ein Krieg um die rechte Religion, aber auch ein Krieg um Macht und Ländereien. Vor drei Jahren waren die Schweden in Bayern eingefallen. Marodierende Söldnerheere der unterschiedlichen Kriegsparteien ziehen plündernd, vergewaltigend, brandschatzend und tötend durch Deutschland, in ihrem Gefolge die apokalyptischen Reiter Hunger, Krankheit und Seuchen, insbesondere die Pest und das Fleckfieber.

Das Land rechts des Inns, der Chiemgau blieb jedoch von der feindlichen Soldateska verschont und es gelang Kurfürst Maximilian I. nicht einmal, verbündete Regimenter für den Winter 1633/34 hier einzuquartieren, da sich die Chiemgauer Bauern mit Waffengewalt dagegenstellten, wobei Traunstein eines der Zentren des Aufbegehrens war. Dem bayerischen Herrscher konnten die Traunsteiner erfolgreich die Stirn bieten, aber nicht der Pest, die schon seit Jahren die Stadt umschlich.

1625 hatte die Pest in Salzburg gewütet, 1630 gab es einen Ausbruch der Seuche in Waging und 1631-32 in der Hofmark Au. Vereidigte Torwachen hatten in Traunstein den Verkehr in und aus der Stadt streng und bisher erfolgreich kontrolliert und selbst als die Pest in der Au 32 Tote forderte, konnte die Seuche aus der Stadt herausgehalten werden. Im April 1635 erkrankten dann aber die ersten Traunsteiner innerhalb der Stadtmauern an der Pest, epidemisch wurde die Situation am Ende des Sommers und der Höhepunkt der Seuche wurde im Spätherbst erreicht, danach begann die Abflachung der Infizierungen und am 2. Januar 1636 wurde der letzte Pesttote verzeichnet. Innerhalb dieser Zeit hatte es in der Stadt 117 an der Seuche Verstorbene gegeben, wobei häufig ganze Familien dahingerafft wurden. 10 Prozent der Gesamtbevölkerung waren ausgelöscht, ein schlimmes, aber letztlich glimpfliches Ende, wenn man bedenkt, dass der Münchner Pestausbruch von August 1634 bis März 1635 mit 15 000 Menschenleben fast die Hälfte der dortigen Einwohner in den Tod riss.

Schon in den Jahren zuvor hatten Stadt und Umland an den Folgen von Hungersnöten, die sowohl durch Missernten als auch durch die Verknappung der Lebensmittel in Folge des Kriegs ausgelöst wurden, zu leiden. Die Armen und Schwachen waren daher auch besonders stark von der Krankheit betroffen.

In den Zeiten der Pest suchten die Menschen seit jeher göttlichen Beistand und auch bei der Prävention sah man in einem gottgefälligen Lebenswandel die beste Voraussetzung. Der Medizin traute man nur wenig zu – und das wohl auch zu Recht. Die Seuchenheilige, an die man sich als Fürsprecher in den Zeiten eines Ausbruchs wenden musste, waren der heilige Sebastian und der heilige Rochus, wobei ersterer hier bei uns der Favorit war, nicht zuletzt wegen seiner im Kloster Ebersberg als Reliquie verehrten Hirnschale, welche nun auch im Kampf gegen den Schwarzen Tod zum Einsatz kam. Aus Gold oder Silber gegossene Sebastianipfeile, die mit der Reliquie in Berührung gebracht worden waren, wurden nämlich als Abwehramulette in den Handel gebracht. Manch einer und manch eine in Traunstein besaß ein ganzes Arsenal an Abwehr- und vermeintlichen Heilmitteln, wobei hier Glaube und Aberglaube nebeneinander einhergingen, findet sich doch in einem Amulettkästchen im Traunsteiner Heimathaus neben Pestkreuz und Sebastianipfeilen auch eine Kröte. Die Volksmedizin glaubte nämlich, dass getrocknete Kröten auf Pestbeulen aufgelegt eine heilende Wirkung hätten. Aber auch mit Wallfahrten, Bußübungen und Selbstgeißelungen versuchte man, den Zorn Gottes, denn als Ergebnis von eben diesem sah man die Pest, zu besänftigen.

An zweiter Stelle nach den religiösen Bemühungen kamen die politischen, die in Form landesherrlicher Pestmandate genaue Anweisungen hinsichtlich der Lebensführung, dem Verhalten von Infizierten und der Präventionsmaßnahmen gaben. Neben dem auch hier zuerst genannten, gottgefälligen Lebenswandel machten die Mandate aber auch wichtige Vorgaben hinsichtlich der Hygiene in der Stadt, insbesondere ein Verbot Fäkalien einfach auf die Straße zu schütten, faules Obst und Gemüse auf dem Marktplatz zu hinterlassen und Wein und Weißbier zu trinken. Des Weiteren war es in den Seuchenzeiten wegen des Mists und Gestanks verboten, Schweine, Stallhasen, Gänse sowie Tauben in der Stadt zu halten. Was aber auch die prekäre Versorgungslage zusätzlich verschärfte und von manchem Traunsteiner daher auch schlichtweg missachtet wurde.

Des Weiteren wurden alle öffentlichen Badestuben geschlossen und von der Krankheit Gesundete kamen in eine zweiwöchige Quarantäne, Bettwäsche und Kleider der Verstorbenen wurden verbrannt und die Stadttore äußerst streng bewacht. Maßnahmen, die wichtig und richtig waren.

Hauptproblem blieb der Kontakt zwischen Menschen, insbesondere zwischen Bürgern und Auswärtigen. Der Salzhandel und die Märkte waren – und das war den Zeitgenossen damals auch schon bewusst – Hotspots der Infizierung, jedoch benötigte man Letztere, denn sonst wäre die Versorgung der Bevölkerung zum Erliegen gekommen, außerordentliche Markttage aber setzte man aus. Im Seuchenjahr 1635 wurde in Traunstein daher der Martinimarkt abgesagt. Der Wochenmarkt hingegen wurde vom Stadtplatz auf eine Wiese vor die Tore der Stadt verlegt.

Das härteste Mittel der landesherrlichen Seuchenpräventions- und -bekämpfungspolitik war die sogenannte Bannisierung, eine totale Aus- und Eingangssperre für die Stadt, welche auch 1635 zur Anwendung kam. Durch diese Verfügung war die Stadt vollständig vom Kontakt mit der Außenwelt abgeschnitten, der Handel war unterbunden, durfte doch kein Einwohner die Mauern Traunsteins verlassen und kein Fremder in die Stadt kommen.

Die geringste Hilfe war in damaliger Zeit von der Medizin zu erwarten, fehlte es doch an entsprechenden Kenntnissen und auch an Ärzten. Es war in erster Linie die Volksheilkunde, die die Bürgerinnen und Bürger zu Rate zogen, um gegen die Seuche vorzugehen. Neben recht skurrilen Heilansätzen, wie den schon erwähnten, getrockneten Kröten, setzte man aber auch auf verschiedene Pflanzen, wie die Pestwurz, wilden Kümmel, Enzian, Wacholder und auf Kräutermixturen. Weit verbreitet und bei den praktizierenden Badern, den Medizinern für das einfache Volk, beliebt war das zu Aderlassen der Kranken. War man doch der Meinung, dass die vier Säfte im menschlichen Körper – eine Vorstellung, die Hippokrates in die Welt gesetzt hatte – in ausgewogenem Verhältnis zueinander stehen müssten. Kam es zu einem krankheitserzeugenden Ungleichgewicht, mussten schädliche Säfte durch den Aderlass aus dem Körper abfließen.

In Traunstein sind seit 1383 zwei Bader bezeugt und im Pestjahr 1635 musste einer von diesen die Behandlung der Infizierten übernehmen. Die beiden Bader würfelten aus, wer die Bürde auf sich nehmen sollte und es traf den kaum 20-jährigen Oswald Briglmayr, der für seine schon erkrankte Mutter die Baderstelle übernommen hatte und jetzt der Prechenbader war. Oswald betreute die Pestkranken und untersuchte Verdachtsfälle und er überlebte, während alle Erkrankten des Prechenbades verstarben.

Um die Pestkranken unterzubringen hatte die Stadt unter etwas dubiosen Umständen das Waldmeisterhäusl nahe Heilig Geist erworben, wobei an Stelle des alten, baufälligen Gebäudes ein neues errichtet wurde, als dieses dann jedoch fertig war, war die Pest längst abgeklungen und die Stadt blieb in der Folge von der Seuche stets verschont. All diejenigen, welche nicht das Bürgerrecht der Stadt hatten und an der Pest verstarben, wurden auf dem nahe des Pesthauses errichteten, eigenen Pestfriedhof bestattet.

Die Pest von 1635 hatte natürlich auch wirtschaftliche Folgen für die Stadt, jedoch konnte sie nur auf wenig Entgegenkommen des Landesherrn rechnen, große wirtschaftliche Subventionsmaßnahmen fehlten und selbst einen Steuernachlass für das Pestjahr gewährte der Kurfürst nicht. Trotzdem erholte sich die Stadt schon 1636 und in den Folgejahren stieg auch die Zuwanderung und die Lage des Handwerks in der Stadt besserte sich etwas, rosig wurde sie jedoch nicht. Und so gab es dreizehn Jahre später, als die Pest 1648-1649 erneut im Chiemgau grassierte, wöchentliche Sammlungen für die Armen der Stadt, die dieses Mal durch eine rigorose Seuchenpolitik der Obrigkeit und des Stadtrats vom Schwarzen Tod verschont blieben – es gab nur zwei Pesttote und die entstammten der städtischen Oberschicht.

Seither war es im Chiemgau zu keinem erneuten Ausbruch des Schwarzen Todes gekommen und in Europa ist er seit 1721 – damals gab es einen letzten Ausbruch mit 50 000 Toten in der Provence – verschwunden. In Afrika und Asien kam es im 19. Jahrhundert immer wieder mal zu größeren Epidemien, bei einer in China entdeckte dann auch der Franzose Yersin 1894 den Erreger der Krankheit, das nach ihm benannte Pest-Bakterium Yersinia pestis. 1900 war dann der Übertragungsweg von Ratten durch Flöhe auf den Menschen bekannt, ein effektives Behandlungsmittel kam aber erst durch Antibiotika ab der Mitte des 20. Jahrhunderts.

Die Pest ist heute immer noch nicht besiegt, in den letzten 15 Jahren gab es Ausbrüche im Kongo und in Uganda und man weiß, dass rund 200 Säugetierarten die Pest übertragen können. Jedes Jahr werden circa 2000 Menschen weltweit infiziert, von denen etwa 10 Prozent die Seuche nicht überstehen.

Wer mehr über die Pest in Traunstein erfahren will, sollte den Beitrag von Alfred Rosenegger »Als die »laidige Sucht der Pest grassierte« im Jahrbuch des Historischen Vereins für den Chiemgau zu Traunstein von 1991 lesen und wer sich für die Geschichte der Seuchen interessiert, dem sei die kompakte Darstellung von Jens Jacobsen: Schatten des Todes. Die Geschichte der Seuchen, bei Zabern erschienen, ans Herz gelegt. Und natürlich gibt es die Geschehnisse rund um die Pest 1635 auch als Podcast-Folge bei »Der Jackl erzählt – Geschichte und Geschichten aus Traunstein und dem Chiemgau«.

 

Stefan Schuch

 

42/2020

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