Jahrgang 2010 Nummer 2

Die Parkschlösser im Schloßpark von Nymphenburg

Eine Begegnung mit Kunstwerken des Barock und der Gartenarchitektur

Das Parkschloss Badenburg

Das Parkschloss Badenburg
Amalienburg

Amalienburg
Das heizbare Hallenbad in der Badenburg

Das heizbare Hallenbad in der Badenburg
Die bayerische Landeshauptstadt, von Traunstein aus mit dem Zug im Stundentakt zu erreichen, ist nicht nur als Einkaufsstadt von Interesse; München ist auch reich an Kunst in Kirchen, Bauwerken und Museen, die nicht nur aus der bayerischen Geschichte erzählen, sondern auch für sich selbst das hohe künstlerische Niveau demonstrieren, das dieser Stadt eigen ist.

Seit 1503 Landshut in Folge des Landshuter Erbfolgekrieges den Sitz als Hauptstadt an München abtreten musste, war es ein Anliegen der bayerischen Landesherren, München auch in künstlerischer Hinsicht als Residenzstadt aufzuwerten. Ein eindrucksvolles Beispiel dafür ist die Münchner Residenz, die von den Wittelsbachern zunächst zum Schutz gegen Feinde wehrhaft ausgebaut und später in mehreren Bauabschnitten erweitert wurde. Kurfürst Maximilian ließ für seine Residenz einen Schlosspark anlegen.

Nymphenburg, die Parkresidenz der Wittelsbacher

Der Reputation der Barockfürsten dienten die außerhalb der Stadt gelegenen, mit einem Park umgebenen Sommerresidenzen. Für sie war Versailles das Vorbild. Für den Bau des Barockschlosses Nymphenburg gab es einen besonderen Anlass: Kurfürst Ferdinand Maria (1636 - 1679) hatte den außerhalb der Stadt zwischen den Dörfern Neuhausen und Obermenzing gelegenen Grund erworben. Er schenkte ihn der Kurfürstin Henriette Adelaide zur Geburt des Kurprinzen Max Emanuel. 1664 erfolgte die Grundsteinlegung für das Schloss. Schloss und Park wurden von den Nachfolgern vielfach erweitert und der Mode der Zeit angepasst.

Berühmte Künstler haben sich der Gestaltung von Schloss und Park angenommen. Dominique Girard, ein Schüler von Le Notre, Ludwig Sckell, Joseph Effner und Francois Cuvilliès d. Ä. stehen auf der Liste der Künstler. Die Gestaltung des Schlossparks ist als Kunstwerk eigener Art zu sehen. Englischer Landschaftsgarten und Barockgarten sind harmonisch aufeinander abgestimmt. Die Parklandschaft ist durch weitläufig angelegte Grünflächen und vor allem durch Wasserkanäle und Seen, deren Zufluss aus der Würm abgeleitet wird, aufgelockert. Der Baumbestand lässt immer wieder Sichtachsen frei, so dass der Betrachter gezielt an die Wasserkaskaden, die Figuren an den Wegen und an die Schlösser herangeführt wird.

Wenn wir uns heute eine nähere Betrachtung des Nymphenburger Schlossparks vorgenommen haben, so kommen wir doch nicht an dem, den Park beherrschenden, kurfürstlichen Schloss vorbei. Nach Lösung einer Eintrittskarte kann sich der Besucher, ohne an eine Führung gebunden zu sein, im Schloss der Betrachtung der Räume widmen. Das Geburtszimmer Ludwigs II., die von König Ludwig I. in Auftrag gegebene Schönheitsgalerie sind ebenso von kunsthistorischem Interesse wie das Marstallmuseum mit der nie benutzten Hochzeitskutsche für Ludwig II.

Wie sehr das Schloss mit dem Park verbunden ist, ist am ehesten in dem von J. B. Zimmermann mit Stuckdekor und farbigen Fresken geschmückten Festsaal in der Mitte des Schlosses nachzuvollziehen. Von hier aus schweift der Blick dem großen, den Park teilenden Schlosskanal mit der Fontaine entlang und lud schon im Barock die höfische Gesellschaft ein, die kunstvolle Gestaltung des Parks und der darin versteckten Schlösschen zu entdecken.

Das Jagdschloss Amalienburg und der Kronprinzengarten

Als erstes Schloss liegt die Amalienburg auf dem Weg durch den Park. Bevor wir das Schlösschen erreichen, halten wir im Kronprinzengarten auf einer Bank eine kurze Rast. Der vom Hauptpark durch einen Zaun getrennte Kronprinzengarten wurde als Rückzugsort für den Kronprinzen, den späteren König Ludwig I. angelegt. Ludwig Sckell hat mit diesem Englischen Garten im Kleinformat eine Probe für sein Können abgegeben und sich für die spätere Gestaltung des Nymphenburger Parks als Meister empfohlen. Der in Beeten gegliederte Park wird von einem Bach durchflossen, der aus einer künstlich angelegten Grotte hervortritt. Auch heute noch kann der Besucher des Kronprinzengartens die intime Atmosphäre nachempfinden, die den kleinen Park und das später so genannte »Hexenhäuschen« prägt. Über die außen angebrachte Holztreppe erreichte der Kronprinz die nur ihm vorbehaltenen Räume, in denen er nur für sich selbst leben konnte. Wenn man bedenkt, dass der König später in der Öffentlichkeit nur selten solche Rückzugsräume finden wird, kann das ihm eigene Parkhäuschen sogar unter pädagogischen Gesichtspunkten betrachtet werden.

Doch nun zum Parkschloss Amalienburg: Kurfürst Karl Albrecht (1726 – 1745) hat Amalienburg für seine Gemahlin Maria Amalia von 1734 bis 1739 durch den Baumeister Francois Cuvilliès errichten lassen. Kurfürst Karl Albrecht ging es darum, seinen Gästen in der reichen, künstlerischen Ausschmückung seine Machtstellung als Fürst eines auch im Deutschen Reich angesehenen Landes zu demonstrieren. Schließlich strebte er die Kaiserkrone an. Schon drei Jahre nach der Fertigstellung des Schlosses 1742 wurde Karl Albrecht zum Kaiser gekrönt.

Für die Amalienburg konnte Karl Albrecht mit Francois Cuvilliès und J. B. Zimmermann die bedeutendsten Künstler seiner Zeit gewinnen. Der Spiegelsaal mit der Stuckdekoration von J. B. Zimmermann ist das Glanzstück des Schlosses und gleichzeitig ein Ideal auf dem Höhepunkt des höfischen Rokoko, zu dem sich das schwere Barock im 18. Jahrhundert gewandelt hatte.

Im Spiegelsaal empfing der Kurfürst und spätere Kaiser seine Gäste. Den Fenstern sind die in Stuckdekor gerahmten Spiegel gegenübergestellt. So wurde die Trennung von Parklandschaft und kunstvoll gestalteter Innenarchitektur zu einer Einheit. In spielerischer Eleganz schwingen sich die natürlichen Gewächsen nachgebildeten Stuckaturen zur Decke, wo sie sich mit den dort gestalteten Allegorien der Jagd und der Musik treffen.

Im anschließenden Schlafzimmer sind die in Silber gehaltenen Stuckformen einer goldgelben Tapete vorgelegt, so dass der Raum als Ruheraum mit seinen warmen Farbtönen gekennzeichnet ist. Auf seinem Rundgang durch die Amalienburg wird der Besucher in der Küche noch den für diese Zeit modernen Herd mit einem Dunstabzug und einem geschlossenem Feuerkasten sowie die Wanddekoration aus blauen Fließen mit Vogelmotiven bewundern. Vom blauen Kabinett aus sind auch die Hundekammern zugänglich.

Auf dem Dach konnte sich die höfische Gesellschaft in einer aufgesetzten Kanzel dem Spiel der Fasanenjagd hingeben. Zu den im Barock üblichen Lustbarkeiten, die der Schlossherr seinen Gästen zu bieten hatte, gehörte in Nymphenburg speziell die Fasanenjagd. Dabei sollte die Jagd nicht aus weidmännischer Sicht unserer Tage betrachtet werden. Von der von einem Gitter umgebenen Kanzel auf dem Dach aus schossen die hohen Herrschaften auf die ihnen zugetriebenen Fasanen.

Badenburg und Pagodenburg, Schlösser der Lebenslust und Sinnlichkeit

Ein kurzes Wegstück vor der Badenburg sind wir am Ufer des südlichen Parkkanals an den sechs Häusern des »Dörfchens« vorbeigekommen. In diese, dem einfachen, bäuerlichen Landleben gewidmeten Gebäude zogen sich die fürstlichen Herrschaften zurück, wenn sie sich in die Welt von Hirten und Bauern versetzt, der Illusion eines einfachen Landlebens hingeben wollten. Der von Rousseau geprägte Gedanke »zurück zur Natur« war der Grund für diese fürstliche Gepflogenheit, die im »Hameau de la Reine« im Schlosspark von Versailles ein Vorbild hatte.

Von der Amalienburg führt der ausgeschilderte Rundweg weiter zur Badenburg am Ufer des Badenburger Sees. Die Badenburg, 1718 nach den Plänen von Joseph Effner erbaut, war im Barock das erste Schloss, das ein beheizbares Hallenbad beherbergte. Das Badebecken mit einer Fläche von 8,70 mal 6,10 m und einer Wassertiefe von 1,45 m ist mit blauen Fließen ausgekleidet und am Beckenrand durch ein Ziergitter begrenzt. Darüber reichen die Wände aus braunem Stuckmarmor bis an die Decke.

Das Deckenbild darüber zieren Nymphen und Najaden. Kurfürst Max Emanuel legte auch großen Wert auf eine perfekte Technik. So ließ er im Untergeschoss eine Kesselheizung installieren, mit der das Badewasser erwärmt werden konnte. Von einem gemauerten Ofen aus sind Rohre unter dem Boden und den Wänden des Beckens verlegt. Aufwändige Technik war dem Kurfürsten ebenso ein Anliegen wie die künstlerische Gestaltung seines Badeschlosses. Die zum Bad gehörenden Ruhe- und Ankleidezimmer sind dem barocken Zeitgeschmack entsprechend mit chinesischen Tapeten ausgestattet. Im Empfangssaal in der Mitte des Schlosses strömt von den drei Fensterachsen Licht auf die mit Stuck und Farbe verzierten Wände und lässt das farbenfrohe Deckengemälde mit zum Thema passenden Motiven im frischen Glanz erstrahlen.

Beim Betrachten der mit chinesischen Tapeten verzierten Nebenräume der Badenburg denken wir über die Zweckbestimmung des Schlosses aus der Sicht des Barock nach. Sicher war das Bedürfnis nach körperlicher Hygiene oder gar nach einer sportlichen Betätigung beim Schwimmen kein Beweggrund für das aufwändige Bauwerk. Puder und Parfum waren in dieser Zeit weitgehend Ersatz für körperliche Reinlichkeit. So liegt es nahe, die Badenburg mit ihrem Bad und den Gemächern als einen den individuellen Empfindungen und Lüsten der höfischen Gesellschaft dienenden Bereich zu sehen.

Wer die Badenburg über die weit ausladende, von zwei Löwen begrenzte Freitreppe verlässt, ist von der Theaterkulisse gefangen, die sich vor ihm ausbreitet. In dem mit geschwungenen Ufern der Parklandschaft angepassten See erhebt sich auf einer vorspringenden Halbinsel der Apollotempel, den Leo Klenze 1865 geschaffen hat. Der runde Monopteros wird von zehn korinthischen Säulen gesäumt. Ludwig I. ließ in dem Tempel eine Stele aufstellen, deren Inschrift an Max Emanuel und an Max I. Joseph erinnert.

Für die Pagodenburg, unserem nächsten Ziel auf unserem Rundweg, hat Kurfürst Max Emanuel 1719 Joseph Effner einen eigenhändig gefertigten Entwurf vorgegeben. Der doppel geschossige Schlossbau auf kreuzförmigem Grundriss spiegelt sich im See an seinem Ufer. Der Kurfürst hatte die Absicht, sich in seinem Park eine Bühne gestalten zu lassen, auf der er den Alltag vergessen und sich ganz seinen Träumen hingeben konnte. »Vergiss nicht, dass das Leben Schauspiel ist und diese Welt die große Bühne,« heißt es in einem Gedicht aus dieser Zeit. In heißen Sommertagen fand sich die Hofgesellschaft beim Mailspiel unter schattigen Bäumen. Die hufeisenförmige Bahn für das mit einem Minigolfspiel vergleichbare Ballspiel konnte in der Nähe der Pagodenburg noch gefunden werden. Drinnen im Schloss war das sogenannte Salettl der von einer hellen Fensterfront beleuchtete zentrale Raum. Um den Rundtisch in der Mitte mit dem Wappen des Kurfürsten sind an den Wänden Sitzgruppen eingerichtet.

Stellen wir uns in diesem Rahmen den kurfürstlichen Hausherrn mit seinen Gästen vor. Während einige Herrschaften sich beim Kartenspiel ereifern, sind andere auf den Ruhebänken in Gespräche vertieft oder einfach nur der Ruhe oder vielleicht auch der Langeweile hingegeben. Über allem mag der Kurfürst den Ton angegeben haben, die Gespräche gelenkt und die Spieler zu höherem Einsatz ermuntert haben, Bei hereinbrechender Dunkelheit wurden die Kerzen im Kristallkronleuchter angezündet, was der Szene einen mystischen Glanz verliehen hat.

Dabei ergab es sich, dass der Kurfürst besonders geschätzte, weibliche Gäste über die Wendeltreppe in die obere Etage geleitet hat. Ein Kabinett und ein Salon schlossen sich dem etwas größeren Ruheraum an. Die in schwarzer Lackfarbe gehaltenen Wände stehen im Kontrast zu dem farbenfrohen exotischen Dekor. Blühende Bäume, Ziersträucher mit Vögeln besetzt und wuchernde Schlingpflanzen zaubern eine fantastische Welt aus dem Fernen Osten in den Raum, die die Künstler nur nach ihrer Fantasie den Originalen nachempfunden haben.

Die Pagodenburg war somit eine Stätte, in der die Hofgesellschaft ihrer Leidenschaft beim Spiel frönen und im Rausch von Lustbarkeit und Sinnlichkeit die Welt mit ihren dunklen Seiten vergessen konnte. Auch dieses gehörte zum barocken Theater, auf dessen Bühne der Fürst einzig sich selbst leben konnte. Heute ist Spiel und Tanz angesagt; Morgen wird er von seinen Untertanen den rückhaltlosen Einsatz in seinen Eroberungskriegen fordern. Auch diese Stellung des Herrschers seinen Untertanen gegenüber ist bei aller Bewunderung der barocken Parkschlösser angezeigt. Die Kunst war nur den Herrschern vorbehalten. Dem Volk waren die Schlösser ohnehin nicht zugänglich. Das wird sich erst mit der Aufklärung ändern.

Von der Magdalenenklause zu den Gewächshäusern

Nun führt uns der bezeichnete Weiterweg zur Magdalenenklause. In einem kleinen Wäldchen stehen wir vor einer Ruine, die als solche erbaut und mit ihrem unfertigen Mauerwerk und den zugemauerten Fenstern an die Vergänglichkeit des Zeitlichen erinnert. »Memento mori«, »Gedenke, dass du sterblich bist« war das Leitmotiv, nach dem Joseph Effner 1728 nach den gedanklichen Vorgaben des Kurfürsten Max Emanuel die Magdalenenklause gestaltet hat.

Verdichteter kann das Spannungsverhältnis im Nymphenburger Schlosspark nicht sein: Den barocker Sinnlichkeit dienenden Parkschlössern steht die zu Gebet und Meditation einladende Eremitenklause gegenüber. Hierhin zieht sich der Kurfürst zurück, der realen Welt entrückt und ohne Fragen nach den einem Regenten zukommenden Verpflichtungen. Sigmund Freud hat später diese Charaktereigenschaft als Narzissmus beschrieben.

Im Mittelpunkt der einer Ruine nachgebauten Klause steht die mit Stuck und Muscheln verzierte Kapelle mit der Statue der heiligen Büßerin Magdalena, vor der der Kurfürst in Bußübungen und im Gebet versenkt verweilen wollte. Er selbst hat die Fertigstellung der Klause allerdings nicht mehr erlebt. Angesichts der auf Sinnlichkeit und Lustbarkeit ausgerichteten Parkschlösser fällt es schwer, dem Kurfürsten die hier zur Schau gestellte, tiefe Religiosität abzunehmen.

Nachdem wir mit der Magdalenenklause unseren Rundgang zu den Nymphenburger Parkburgen beendet haben, lädt uns das Parkcafe zur verdienten Rast ein. Das Cafe ist in einem der drei alten Gewächshäuser eingerichtet, die sich, gerahmt von Blumengärten mit einer Reihe von Figuren, parallel zum Hauptkanal erstrecken, Das östliche Gewächshaus wurde bereits 1807, das anschließende Geranien- bzw. Palmenhaus 1816 bzw. 1820 von Ludwig Sckell gebaut. Letzteres wurde 1830 mit einer Heizung ausgestattet. Für die Gewächshäuser sind die vielfach in fürstlichen Parks anzutreffenden Orangerien das Vorbild. Die Fürsten liebten es, südländische Früchte zu züchten und sie als exotische Besonderheit den Gästen zu präsentieren.

So ist ein Spaziergang durch den Nymphenburger Schlosspark nicht nur eine Begegnung mit der Kunst und den Lebensgewohnheiten der Wittelsbacher, die Bayern bis zum Ende der Monarchie 1918 geprägt haben; Der Park selbst bietet sich mit seiner Gartenarchitektur als Kunstwerk an, das barocken Ziergarten mit dem Englischen Garten harmonisch vereinigt. Ein Besuch des Nymphenburger Parks ist zu jeder Jahreszeit ein unvergessliches Erlebnis.

Dieter Dörfler

Verwendete Literatur: Wikipedia Schlosspark Nymphenburg



02/2010