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Jahrgang 2004 Nummer 40

Die Mehltruhe war Mittelpunkt des Bauernhauses

Von »Roggenmuhme«, Gebildebroten und »Goldenem Schnitt« – Erntedankbräuche erinnern an frühere Zeiten

Erntedank wird jedes Jahr in den Kirchen begangen; auch die Bäckerläden schmücken noch immer für diesen Tag ihre Schaufenster festlich, und mancher alte Bauernbrauch ist auch heute noch nicht völlig in Vergessenheit geraten. Erntedank ist aber fast überall nur noch ein Überbleibsel aus der Zeit, als man unter – manchmal anhaltenden – Hungersnöten im Land zu leiden hatte.

Gedächtnistafeln in manchen Städten weisen heute noch darauf hin, dass vor allem im 19. und im vorigen Jahrhundert auch bei uns durch Witterung und Ernteschäden Hungersnöte nicht unbekannt waren. Vor allem Kriegsereignisse trugen immer wieder dazu bei und veranlassten den Bauern, Jahr für Jahr dankbar dafür zu sein, was die Natur ihm als Ernte bescherte.

Dabei stand das Brot, und zuvorderst die Sorge um das Getreide, an erster Stelle. Brot war Hauptnahrungsmittel. Vorraussetzung dafür war eine wohlgefüllte Mehltruhe, die den Mittelpunkt des Bauernhauses bildete und von der Bäuerin verwaltet wurde. War die Truhe nach der jährlichen Reinigung gut gefüllt, konnte in der übrigen Zeit des Jahres eigentlich nicht mehr viel passieren.

Zum Dank wurden nach der Ernte für den Festgottesdienst besondere Gebildebrote im hauseigenen Backofen hergestellt, die einst den Göttern geopfert werden mussten. Die Bauern ließen auch einige Halme des Getreides für die »Roggenmuhme« stehen, damit sie überwintern und im nächsten Jahr wieder gnädig ihre schützenden Arme über der Saat ausbreiten konnte.

Gebete vor und nach der Ernte, der »Goldene Schnitt«, Aufheben der ersten geschnittenen Garben oder Weihe des Getreides sind heute noch manchenorts verbindliche Bräuche. Auch kleidet man sich in vielen Gegenden wie früher besonders festlich mit der typischen Tracht, wenn der Tag der Ernte gekommen ist, um mit diesem Sonntagsstaat die Freude über den reichen Segen zum Ausdruck zu bringen.

An den Blüten von Aronstab und Schlehe konnte der Bauer orakelhaft das Ernteergebnis frühzeitig ablesen, und nur wenn das Orakel zutraf und die Ernte gut ausfiel, wurden Gänse geschlachtet, Tänze aufgeführt, Bier getrunken und Kirchweih gefeiert.

Wer zu gierig war und sein Feld vollständig aberntete, wurde bestimmt im nächsten Jahr vom Unglück verfolgt. Das zu »Puppen« aufgestellte Getreide erinnert an eine Menschenform, die einstmals als erster Schnitt unter Glockengeläut und mit Bändern geschmückt als »Erntegeist« hoch auf dem Wagen eingefahren und verehrt wurde.

Kreuzweis zum Erntedank an den Giebel genagelte Getreidehalme sollten das Haus vor Blitzschlag schützen, und bevor man sich zum Erntedankmahl niederlassen konnte, mussten »Spreu vom Weizen« getrennt und die Körner vermahlen sein, »damit das Korn nicht zurücklaufen« konnte. Auch die Tiere wurden zum Erntedank geschmückt und bekamen ihre besondere Hafergarbe.

Die den »Geistern« nachgebildeten Brote wurden verzehrt, damit deren Kraft in die Menschen übergehen konnte. In erster Linie war Erntedank aber ein fröhlicher Feiertag und Festtag, an dem es alles im Überfluss gab und an dem auch die Knechte und Mägde mit Geschenken bedacht wurden. Vor allem aber sollten die überirdischen Mächte aufgerüttelt und gütig gestimmt werden, um die Ernte im darauf folgenden Jahr wieder so reich ausfallen zu lassen.

NT



40/2004