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Jahrgang 2020 Nummer 16

Die Leonhardikapelle in Weiher

Eingebaut wurde dabei auch die Geschichte der Bruderschaften in Grassau

1810: Landkarte Weiher und Au mit Namen der Bauernhöfe.
Innenraum bei der Einweihung 2001.
Einweihung durch Pfarrer Voggenauer.
Leonhardikapelle in Weiher 2009.
Handbüchlein der Herz-Jesu-Bruderschaft in der Pfarrkirche zu Grassau circa 1900.
Leonhardiritt 1949.

Auf der Kreisstraße von Übersee kommend durchfährt man in Richtung Grassau den Ortsteil Mietenkam und erreicht dann den kleinen Weiler Weiher. Der Ortsteil war früher schon aus der Ferne an der großen freistehenden Weide erkennbar. Neben der Kreisstraße fließt hier von Grassau kommend der Gänsbach, der im Norden vor Weiher in die Au abbiegt und dann nach Mietenkam weiterfließt. Neben einigen wenigen Bauernhöfen, wie dem Oberauer und dem Maschtl, ist Weiher vor allem durch eine kleine Feldkapelle bekannt geworden, welche jedes Jahr Ziel einer Pferdewallfahrt aus Grassau ist.

1658 ließ Georg Ertl, Bürger und Wagner aus Wasserburg diese kleine Feldkapelle in Weiher am Eingang der Au errichten. Möglicherweise befand sich an dieser Stelle bereits vorher eine Kapelle, von der aber heute nichts mehr bekannt ist. Das älteste Votivbild von 1655 gibt Zeugnis vom Dank eines christlichen Bauern namens Andre Hitter aus Prantriten, der sich wegen der Genesung seines Rosses beim heiligen ›Lienhard‹ bedankte.

Im Kreisarchiv München (fasc. 2352, Nr. 49) befinden sich Akten zur Gründung der Bruderschaft zur Unbefleckten Empängnis in Grassau. Darin berichtet Pfarrer Christoph Niederhauser an den Chiemseer Generalvikar am 29.9.1672: »Hieryber ich diss berichtlich anfiegen wollen, das ungeue vor 14 Jahren Georg Ertl Burger vnd Wögner zu Wasserburg a alt abgangne Velt Capell zu Weyer, alwo er gebürtig, auf seinen Kosten aufmauern lassen, darein ich ain alt geschnitn nun mer aber neugefastes S: Leonardi bildt gesetzt, zu wellchen bej disser Orthen mermahlen Einreissenden rdo. Viechfählen die althiesige Paurschafft Ihr Andacht gesetzt vnd hi suecht und ain Geltopfer gethan, warzue ich mit dieser Intention ainen Stockh gethan, damit das khonfftige Zeit da fahlens erfundne Gelt auf Interesse gelögt, vnd bei s weit erwachsendem Capital, das zu Einstöllung ainer Bruederschafft hergenomen werden möchte ...« Hierüber ich dies anfügen wollte, dass ungefähr vor 14 Jahren Georg Ertl, Bürger und Wagner zu Wasserburg eine alte Feldkapelle zu Weiher, wo er gebürtig war, auf seine Kosten aufmauern ließ, wo er ein altes aber neu gerahmtes des heiligen Leonhard aufgestellt hat. Zu dem sollten die mehrmals Einreisenden und auch die hiesige Bauernschaft zur Andacht komme solle und auch ein Geldopfer geben könne. Dafür habe ich einen Stock aufgestellt und hoffe, dass in künftiger Zeit das eventuell gespendete Geld bei wachsendem Kapital zur Gründung einer Bruderschaft verwendet werden könnte.

Der Wunsch erfüllte sich schon bald, wie der Bericht des Pflegeverwesers Georg Wilhelm Feuri am 6. November 1672 an den Kurfürsten zeigte: »...von der Capeln Weyr/: alsß welche ain blosße claine Rechnung gleichwollen 193 Gulden 26 Kreuzer im Vermigen:/« 150 Gulden zur neugegründeten Bruderschaft zur Unbefleckten Empfängnis hergeschossen.«

Bruderschaften in Grassau

Die Bruderschaft zu Ehren der unbefleckten Empfängnis Mariä, die weiße Bruderschaft, wurde auf Bitten des damaligen Pfarrers Christoph Niederhauser von Bischof Johannes Franziskus von Chiemsee bereits am 6. Oktober 1672 errichtet.

Die Bruderschaft ›Unserer Lieben Frau vom Berge Karmel‹ (Skapulierbruderschaft), die blaue Bruderschaft, wurde an der Pfarrkirche zu Grassau auf Bitten des Pfarrers Matthias Winkler vom General der Karmeliten zu Rom am 2. Januar 1700, also bereits vor 220 Jahren errichtet. Bereits am 30 Juli 1699 hatte Bischof Sigmund Karl von Chiemsee die Zustimmung zur Einführung dieser Bruderschaft gegeben. Sie existiert bis heute in der Gemeinde Grassau.

Im Handbüchlein von 1906 für die Mitglieder der weißen und der blauen Bruderschaften ist zu lesen:

»Zweck und Aufgabe der Bruderschaften

Die Bruderschaft zu Ehren der Unbefleckten Empfängnis Mariä will die Gläubigen anleiten, die gnadenvolle Mutter unseres Heilandes besonders zu ehren in dem Geheimnis ihrer Unbefleckten Empfängnis.

Die Skapulierbruderschaft aber will den Gläubigen den ganz besondern mütterlichen Schutz Mariens im Leben, im Tode und nach dem Tode verschaffen.«

Dazu werden in dem Handbüchlein die Verpflichtungen und die Ablässe der Bruderschaften genau aufgeführt.

Verpflichtungen der Bruderschaften

A. Die Mitglieder der Bruderschaft der Unbefleckten Empfängnis Mariä sollen

1. Täglich ein Ave Maria zu Ehren der unbefleckt empfangenen Jungfrau und Gottesmutter Maria beten und demselben die Anmutung beifügen; »O Maria, ohne Sünde empfangen, bitte für uns und beschütze uns, die wir unsere Zuflucht zu dir nehmen!«

2. Dieselben sollen auch nach Möglichkeit den Bruderschaftsandachten und den Quatembergottesdiensten beiwohnen, sowie

3. Die Leichen der verstorbenen Mitglieder der Bruderschaft unter frommem Gebete zu Grabe begleiten.

B. Die Mitglieder der Skapulierbruderschaft müssen vor allem (bei Tag und Nacht in gesunden wie in kranken Tagen und besonders in der Todesstunde) das (zum ersten Male vom Bruderschaftsvorstande oder von dessen Stellvertreter ihnen aufgelegte) heilige Skapulier tragen, denn wer frommen Sinnes dieses »Zeichen des Heiles« trägt und »darin stirbt«, der darf vertrauensvoll hoffen, daß ihm Maria das Glück erlangen werde, im Stande der Gnade zu sterben und darum »das ewige Feuer nicht zu erleiden.« Wollen aber die Mitglieder der Skapulierbruderschaft auch des sogenannten Samstags- Privilegiums teilhaftig werden, das heißt, durch Mariens mütterliche Liebe im Reinigungsorte getröstet und durch ihre Fürbitte möglichst bald, besonders am Samstage, aus dem Fegfeuer befreit werden, so müssen dieselben nicht bloß stets das Skapulier tragen, sondern auch die standesmäßige Keuschheit bewahren.…

Rote Bruderschaft

Im Handbüchlein für die Mitglieder der Herz-Jesu-Bruderschaft in der Pfarrkirche zu Grassau, veröffentlicht um 1900, kann man zur Geschichte der Bruderschaft lesen: »Im Jahre 1879 wurde die Pfarrei Grassau auf die Bemühungen des damaligen Cooperators Joh. B. Vordermayer (jetzt P. Benedict O. St. B. in Scheyern) dem Gebetsapostolate aggregiert. Zahlreiche Pfarrkinder wurden auch durch eben denselben frommen Priester in die Erzbruderschaft vom heiligsten Herzen Jesu in Rom aufgenommen.

Damit nun dieser Eifer für die Verehrung des allerheiligsten Sakraments und des göttlichen Herzens Jesu in der Pfarrei Grassau nicht erlösche, sondern noch mehr angeregt und belehrt werde, hat am 31. Januar 1890 das hochwürdigste Capitular-Vikariat München und Freising die Bruderschaft vom heiligsten Herzen Jesu in der Pfarrkirche zu Grassau errichtet, kraft besonderer päpstlicher Vollmacht mit allen Ablässen und Privilegien der römischen Erzbruderschaft ausgestattet und die nachstehenden Statuten approbiert.«

Eine der wichtigsten Übungen der Herz-Jesu-Bruderschaft war das »sogenannte rothe Konsilium, welches sich fortan nur mehr aus Mitgliedern der Herz-Jesu-Bruderschaft ergänzt, wird auch in Zukunft, wie es bisher schon Sitte war, bei feierlichen Prozessionen das hochheilige Sakrament in rother Pilgerkleidung begleiten.«

Wegen dieser roten Pilgerkleidung wurde die Vereinigung auch als Rote Bruderschaft und ihre Mitglieder als »Rote Brüder« bezeichnet.

Weitere Geschichte der Leonhardi-Kapelle in Weiher

In einem um 1800 verfassten Repertorium aller Akten des Klosters Herrenchiemsee (Hauptstaatsarchiv München, Kl. Lit. Herrenchiemsee Nr. 107) findet sich bezüglich der Leonhardikapelle in Weiher folgender Eintrag: »Die Kapelle zu Weyer ward ca. anno 1654 errichtet und 1699 noch keinem Gotteshause beygelegt«.

Die Kapelle war über viele Jahre Ziel der Leonhardiritte von Grassau aus. Unter der Losung »Mit dem Ross, dem Pferde, Gott gelobet werde!« wurde um die Hilfe des heiligen Leonhard gebeten.

Mitte des letzten Jahrhunderts schlief dieser Brauch ein, da die Pferde bei den Bauern des Ortes immer mehr durch die Traktoren ersetzt wurden.

Auf Initiative des Trachtenvereins, insbesondere Hans Hornberger und Hias Egart, wurde der Brauch um 1980 wieder belebt. Seither ist die Kapelle jedes Jahr Ende Oktober wieder Zielpunkt eines Leonhardirittes.

1991 erstellte das Landesamt für Denkmalpflege auf Anregung des direkten Nachbarn Alfons Baumgartner ein Gutachten über die Kapelle. Darin wurde ihr eine überörtliche Bedeutung zuerkannt. Dabei wurden aber auch schwere Schäden an der Bausubstanz und am Dach festgestellt. Für die notwendige Renovierung wurde ein Zuschuss gewährt.

Durch freiwillige Spenden aus der Bevölkerung, Zuschüsse des Landesamts, des Erzbischöflichen Ordinariats und der Gemeinde war es möglich, die Kapelle zu renovieren. Der Putz wurde abgeschlagen, die Feldsteine freigelegt und ein neuer Putz aufgezogen. Die großen Risse im Mauerwerk wurden verschlossen und auch der Dachstuhl ausgebessert. Das Dach und auch der kleine Glockenturm wurden mit handgespaltenen Lärchenschindeln neu eingedeckt.

Seitdem erstrahlt die kleine Kapelle als Ausdruck bäuerlicher Frömmigkeit und Baukunst in altem Glanz. Zwar wurde sie bereits zum Leonhardiritt 2000 der Öffentlichkeit vorgestellt, doch erfolgte die offizielle Einweihung am 10. Juni 2001 mit dem Mietenkamer Kirchenchor, den Weisenbläsern der Grassauer Trachtenkapelle und der Marienbruderschaft Grassau.

Seit dieser Einweihung stellt der Leonhardiritt jedes Jahr einen Höhepunkt im Jahresablauf von Weiher und der Au dar. Damit sich der Ritt auch zu einem wichtigen gesellschaftlichen Ereignis in Mietenkam weiter entwickelt, bieten die aktiven Frauen aus dem Ort nach dem Ritt ein Treffen bei Kaffee und Kuchen im neuen Veranstaltungssaal in Mietenkam mit zunehmender Beteiligung der Mitbürger an.

 

Olaf Gruß

16/2020