Jahrgang 2009 Nummer 25

Die Landshuter Hochzeit von 1475

Alle vier Jahre spielt eine Stadt Mittelalter

Das diesjährige Brautpaar in historischem Gewand (Alle Fotos: Gemeinnütziger Verein »Die Förderer« e.V.)

Das diesjährige Brautpaar in historischem Gewand (Alle Fotos: Gemeinnütziger Verein »Die Förderer« e.V.)
Die beiden Turnierkämpfer in ihren schweren Rüstungen reiten an einer Planke entlang einander entgegen.

Die beiden Turnierkämpfer in ihren schweren Rüstungen reiten an einer Planke entlang einander entgegen.
Die Fahnenschwinger

Die Fahnenschwinger
Am letzten Sonntag im Juni und an den drei ersten Juli-Sonntagen 2009 zieht der Zug der Landshuter Hochzeit durch die Straßen der Stadt Landshut. Mehr als 2000 Mitwirkende in historischen Kostümen begleiten den Hochzeitswagen mit der polni-schen Braut und werden von mehreren Tausend Besuchern bewundert. Die Landshuter Hochzeit ist das größte Historienspiel in Deutschland, das seit 1903 alle vier Jahre aufgeführt wird. Im Gegensatz zu anderen, historischen Schauspielen bedarf es in Landshut keiner Kulisse, weil sich das Stadtbild aus dem 15. Jahrhundert noch soweit erhalten hat, dass sich ein Hochzeitsgast von 1475 noch heute in den Gassen der Stadt zurechtfinden würde.

Die Geschichte der Landshuter Hochzeit

Bevor wir auf das farbenprächtige Schauspiel des Hochzeitzuges eingehen, seien einige historische Anmerkungen vorweggenommen: Im 15. Jahrhundert regierten in Landshut die Reichen Herzöge, deren Herzogtum sich von Ingolstadt bis ins Salzkammergut erstreckte und im Süden das »Land im Gebirg’« um Kufstein mit reichen Bodenschätzen einschloss. Silber und Salz wurden zur Grundlage des Reichtums der Landshuter Herzöge. Heinrich der Reiche festigte das Herzogtum durch Gebietserweiterung; Ludwig der Reiche, der Vater des Hochzeiters, konnte für seinen Sohn die Tochter des Polenkönigs Kasimir IV. als künftige Herzogin gewinnen. Das Königreich Polen erstreckte sich damals von Litauen bis zur Krim und genoss im Kaiserreich hohes Ansehen. Die Tochter des Polenkönigs Jadwiga oder Hedwig zu Deutsch war gerade 18 Jahre alt, als sie im November 1475 mit ihrem Gefolge in Landshut eintraf. Hier sah sie ihren zwei Jahre älteren, zukünftigen Gatten zum ersten Mal. Da die Braut der deutschen Sprache nicht mächtig war, be-durften ihre ersten Liebesbezeugungen eines Dolmetschers.

Die Heirat entsprach machtpolitischem Kalkül und nahm auf die persönlichen Empfindungen der Betroffenen keine Rücksicht. So währte das gemeinsame Eheglück in der Landshuter Burg nicht lange. Dann hatte der Herzog für seine Gattin die Burg in Burghausen als Residenz ausersehen. Dass sie dorthin abgeschoben wurde, hört man in Landshut nicht gerne. Aus der Ehe ging kein überlebender, männlicher Nachfolger hervor. Wegen der Erbfolge kam es zum Landshuter Erbfolgekrieg, dessen Ende 1503 auch das Ende des selbstständigen Herzogtums Bayern-Landshut bedeutete. Der Sitz wurde nach München verlegt. Der am Friedensschluss maßgeblich beteiligte Kaiser Maximilian konnte das bisher zu Landshut gehörende »Land im Gebirg’« um Kufstein dem Habsburger Reich einverleiben.

Obwohl die bei der Hochzeit ausgesprochenen Wünsche für eine glückliche Zukunft des Herzogtums nicht in Erfüllung gegangen waren, blieb das Spektakel der Hochzeit von 1475 den Landshutern noch auf Dauer in Erinnerung. Als sie Ende des 19. Jahrhunderts einen passenden Bilderschmuck für das Rathaus suchten, erinnerte man sich an die Landshuter Hochzeit und beauftragte Historienmaler, den Hochzeitszug an den Wänden des Rathaussaales darzustellen. Der Rathausprunksaal diente schon bei der Landshuter Hochzeit als Festsaal und wurde später mit einer reichen, gotischen Holzarchitektur ausgestattet.

Die Gemälde des Hochzeitzuges im Rathaussaal nahmen die Landshuter Linnbrunner und Tippel zum Anlass, 1903 den Hochzeitszug nach historischem Vorbild einzurichten. Seither wird die Landshuter Hochzeit alle vier Jahre aufgeführt. Der schon 1902 gegründete Verein »Die Förderer« ist noch heute für die Ausrichtung der Landshuter Hochzeit zuständig. Auf der Grieserwiese steht das Zeughaus, in dem die gesamte Ausrüstung für den Festzug, Kleider, Waffen und der Fuhrpark verwahrt ist und zum Fest hergerichtet wird. Die Festwiese am Zeughaus ist eigens für die Hochzeit eingezäunt und mit einer Tribüne versehen worden. Sie ist der Schauplatz für das Turnier am Nachmittag des Festsonntages.

Altstadt und Neustadt als eindrucksvolle Kulisse für den Festzug

Wenn dann am Sonntagmittag die Glocken von St. Martin läuten, setzt sich der Hochzeitszug, hoffentlich bei strahlendblauem Himmel, in Bewegung. Sein Weg führt an St. Martin vorbei durch die Altstadt. Nach einer Wende an der Isar bei der Heiliggeistkirche geht es durch die Neustadt wieder zurück zur St. Martinskirche, von wo aus der Zug noch einmal den gleichen Weg nimmt. So ist es jedem Besucher möglich, den Zug zweimal zu bewundern. Die Altstadt wurde schon 1405 als repräsentativer Hauptplatz der Stadt angelegt. Nach einem Erlass des Magistrats waren Erker und Vorbauten vor den Kellereinfahrten verboten worden, um die Geschlossenheit des Platzes zu unterstreichen. Heinrich der Reiche hatte in einem Schreiben den Magistrat dazu gedrängt. So wurde aus der Altstadt eine »der großartigsten Straßen-Platzanlagen Süddeutschlands«. Die Altstadt ist in einem schwungvollen Bogen von St. Martin bis zur Heiliggeistkirche angelegt, deren Türme ihr einen markanten Akzent verleihen.

Die Neustadt, neben der Altstadt der zweite Schauplatz des Festzuges, war im Mittelalter der Handelsplatz der Stadt, der mit seinen barocken Häuserfassaden im stilistischen Gegensatz zu der mehr der Gotik zugewandten Altstadt zu sehen ist. Der Besucher der Landshuter Hochzeit sollte sich Zeit nehmen, sich auch in den Gassen zwischen Alt- und Neustadt umzusehen. In der Steckengasse war für die Verpflegung der Hochzeitsgäste eine Garküche eingerichtet. Der Speiseplan, der u. a. 333 Ochsen, 490 Kälber, 285 Schweine, 12 000 Gänse und 5619 Eimer Wein aufzählt, ist urkundlich überliefert. Auch die Landshuter sollten nicht leer ausgehen. Auf Anordnung des Herzogs erhielten sie eine Woche lang freie Kost.

Der nahe Salzstadel aus rohem Ziegelmauerwerk vermittelt noch einen Eindruck vom Aussehen der Häuser in Landshut, die ja erst im Barock eine Stuckverzierung erhielten. Der Salzstadel war das »Finanzamt« der herzoglichen Verwaltung. Hier wurden das von den Bürgern erhobene Salz und andere Naturalien in Empfang genommen und eingelagert. Am Hauseingang der Schirmgasse Hs. Nr. 268 fällt das Wappen mit dem Markuslöwen auf, das an Venedig erinnert. Im Mittelalter war in diesem Haus die Handelsniederlassung der Dogenrepublik etabliert, die mit den Landshuter Kaufleuten einen regen Handel abwickelten. Die Adeligen hatten hier für ihre Kleider eine begehrte Bezugsquelle.

Sicher wird der Gast der Landshuter Hochzeit auch der St. Martinskirche einen Besuch abstatten. Die gotische Kirche aus dem 15. Jahrhundert besticht durch ihren weiten, vom Licht durchfluteten Innenraum. Die Decke scheint mit ihrem filigranen Netzrippengewölbe über dem Raum zu schweben. Die Idee der mittelalterlichen Mystik hat hier einen allgemein gültigen Ausdruck gefunden. Als Herzog Georg und Jadwiga vor dem Altar vom Bischof von Chiemsee getraut wurden, war die Kirche, an der seit dem Ende des 14. Jahrhunderts gebaut wurde, noch nicht vollendet. Es fehlte noch der obere Teil des Turmes, dem erst um 1500 die Spitze aufgesetzt wurde. Mit einer Höhe von 130,6 m ist er bis heute der höchste Ziegelkirchturm der Erde. Bevor der Besucher die Kirche verlässt, wird er links vom Haupteingang das Grab des herzoglichen Kanzlers Dr. Martin Mair bewundern, ein Epitaph aus Rotmarmor, das sich mit den übrigen Grabmälern der Kirche durchaus messen lassen kann. Dr. Martin Mair, den wir auch im Hochzeitszug begegnen, war der Organisator der Hochzeit.

Ein Blick auf die historischen Sehenswürdigkeiten

Vor dem Haupttor von St. Martin schweift der Blick hinauf zur Burg Trausnitz, die schon zur Zeit der Stadtgründung 1204 erbaut wurde und um 1475 noch eine typisch romanische Trutzburg war. Wenn der Besucher vor der St. Martinskirche zur Altstadt blickt, wird er dies als Einladung sehen, die Stadt mit ihren nicht nur historisch bemerkenswerten Bauwerken näher kennenzulernen. Landshut hat viele Gesichter. Die in der Altstadt vorherrschende Gotik wird in der Neustadt vom Barock abgelöst. Ein Spaziergang der Isar entlang, wo noch Relikte der ehemals geschlossenen Stadtmauer erhalten sind, erinnert an die einst wehrhafte Bürgerstadt, die auch schon einmal gegen die Macht der Herzöge aufbegehrte und 1410 sogar einen Aufstand gegen Herzog Heinrich den Reichen inszenierte. Vielleicht findet der Besucher der Hochzeit Zeit, den Sonntagvormittag, noch vor dem Beginn des Festzuges, zu einem Bummel durch die Stadt zu nutzen und dabei die kleinen, oft unscheinbaren Nebenschauplätze der Landshuter Hochzeit zu besichtigen. Die Gaukler aus dem Zug versammeln sich vor dem Rathaus und zeigen ihre Kunststücke. Am Ländtor hat die Stadtwache ihr Quartier bezogen. An einem Eisengestell hängt ein Topf über dem Feuer, in dem eine Suppe gekocht wird. Überhaupt ist die Gelegenheit günstig, einen Blick hinter die Kulissen des mittelalterlichen Festes zu werfen. Schauen Sie sich doch einmal die Schnabelschuhe eines Adeligen genauer an oder nehmen Sie die Lanze eines Reisigen in die Hand. Man wir Sie gewähren lassen, weil ein handgreiflicher Kontakt mit dem Mittelalter auch zu den Zielvorstellungen der Veranstalter gehört. In der Altstadt werden Sie dann auch ein Ständchen der Landshuter Hofmusik mit anhören können, die auf alten Instrumenten mittelalterliche Weisen zu Gehör bringt.

Festzug und das Turnier die Höhepunkte der Hochzeit

Nun haben Sie rechtzeitig vor dem Beginn des Festzuges Ihren gebuchten Tribünenplatz eingenommen oder nur als Zaungast am Gehsteig einen noch aussichtsreichen Standplatz ergattern können. Viele Zuschauer haben sich schon am Vormittag mit Klappstühlen einen Platz in der vordersten Reihe gesichert. Kurz vor Beginn des Zuges ist die knisternde Spannung unter den Zuschauern spürbar, die mit dem Herannahen der Stadtknechte und der Pfeifer an der Spitze des Zuges ihren Höhepunkt erreicht. Die Pferdehufe auf dem Pflaster der Altstadt werden von den Klängen der Posaunen und den begeisterten Zurufen des Publikums übertönt. Das Halooo, auf drei langgezogenen »Os« endend, ist der aus dem Mittelalter überlieferte Ausruf der Hochzeitsgäste. Er gehört ebenso zum Fest wie das Buchskranzl, dessen Verwendung als Zeichen der Liebe und Verbundenheit schon von der Hochzeit 1475 überliefert ist.

Nun lassen Sie sich, von den Halooo-Rufen der Zuschauer begleitet, ganz vom Schauspiel des Festzuges einnehmen. Dem Gesamtkonzept der Förderer lag der Gedanke zugrunde, den Zuschauern die glanzvolle Hochzeit von 1475 vor Augen zu führen, die nicht nur als Schauspiel zu sehen ist, sondern auch die Machtstellung der reichen Herzöge auf dem Höhepunkt der Geschichte Landshuts demonstrieren sollte. So folgten die Fürsten, die im Reich Rang und Namen hatten, zusammen mit den geistlichen Würdenträgern dem Zug ebenso wie die Vertreter der Reichsstädte, die damit dem Brautpaar ihre Ehrerbietung zum Ausdruck brachten.

Selbst Kaiser Friedrich III. als höchster Repräsentant des Heiligen Römischen Reiches hatte sich mit seinem Sohn Maximilian dem Hochzeitszug angeschlossen. Freilich ist nicht davon auszugehen, dass der Kaiser allein zur Huldigung des Brautpaares nach Landshut gekommen war; vielmehr war er auf seiner Reise von Köln nach Wien. Die Einkehr bei den Hochzeitern wusste er als Verpflegungsstation für sein Gefolge zu schätzen. Auch hatte es sich herumgesprochen, dass der Kaiser von finanziellen Problemen bedrängt war. Die Berater des Herzogs hatten daher Sorge, dass der Kaiser seine Gastgeber um einen Kredit bitten würde. Der kaiserliche Sohn, der spätere Kaiser Maximilian, hatte den Landshutern im späteren Erbfolgekrieg nur Unglück gebracht und das »Land im Gebirg’« um Kufstein dem Habsburger Familienbesitz einverleibt. Spötter meinen, dass schon deswegen Maximilian kein Platz im Hochzeitszug zustehe.

In der weiteren Zugfolge ist der herzogliche Hofstaat vom Hofnarren bis zum Kanzler Dr. Martin Mair vertreten. Herzog Ludwig, der Vater des Bräutigams, ließ sich seiner Gicht wegen in einer Sänfte tragen. Neben dem Kaiser mit seinem Gefolge waren die Gäste aus Polen mit dem goldverzierten Brautwagen ein Höhepunkt des Festzuges. Mit der königlichen Braut sind auch die polnischen Edelleute gekommen, die den Wagen mit dem Brautgut begleiten. Neben dem Brautwagen reitet der Bräutigam Herzog Georg.

Wie bei jedem Fest gehören Musik, Banner und Standarten der hoheitlichen Gäste dazu. Die Fahnenschwinger und die Hofmusik werden von den Businenbläsern und Musikanten mit zeitgenössischen Instrumenten abgelöst. Den Abschluss bilden die Zigeuner, die bei diesem Fest hofften, den einen oder anderen Leckerbissen von der Hochzeitstafel mit abzubekommen. Historisch sind sie beim Hochzeitszug allerdings nicht nachweisbar.

Sicher kann der Besucher an Hand eines Prospektes die einzelnen Gruppen des Zuges und ihre historische Bedeutung selbst nachvollziehen. Vielleicht begnügt er sich aber auch nur damit, die farbenprächtige Vielfalt des Schauspiels auf sich wirken zu lassen. Dabei möge er bedenken, dass die Kostüme insoweit echt sind, als sie bis ins Detail den historischen Vorbildern nachempfunden sind und dass mit dem Festzug und in den übrigen Veranstaltungen Gestalten aus dem Geschichtsbuch wieder lebendig werden. So wird dem Zuschauer die Inszenierung eines mittelalterlichen Festes vor Augen geführt.

Um den Zug der Landshuter Hochzeit rankt sich eine Vielzahl von Veranstaltungen, von denen die Reiter- und Ritterspiele am Sonntagnachmittag nach dem Hochzeitszug besonders hervorzuheben sind. Nach dem Festzug steht auf der Ringelstecherwiese am Zeughaus das große Turnier auf dem Programm. Die beiden Turnierkämpfer in ihren schweren Rüstungen reiten an einer Planke entlang einander entgegen, um sich gegenseitig mit ihren Lanzen zu attackieren. Die Lanze von vier Metern Länge ist mit zwei Haken mit der Rüstung verbunden, so dass sie auf und ab bewegt werden kann. Der Stahlpanzer des Ritters wiegt einen Zentner und zieht den Reiter vom Ross, wenn es ihm nicht gelingt, das Gleichgewicht zu halten. Ein besonders mutiger Turnierkämpfer, Christoph der Starke, ein Vetter des Bräutigams, hatte als Turnierheld einen hohen Ruf. Der Sage nach soll er einen polnischen Adeligen so sehr attackiert haben, dass dieser an den Verletzungen verstarb. Am Ende des Turniers steht die Siegerehrung. Die Braut überreicht dem Sieger eine Helmzier aus Straußenfedern als Ehrenpreis.

Nach dem Turnier begibt sich die Hochzeitsgesellschaft zum Lagerleben am Rande des Turnierplatzes. Am Lagerfeuer wird gesotten und gebraten. Humpen mit Wein und Bier machen die Runde. Gaukler zeigen ihre Künste. Wem das Lagerleben nicht zusagt, kann sich eine Karte für das Festspiel im Rathaus reservieren lassen, in dem in szenischen Bildern der historische Hintergrund der Landshuter Hochzeit beleuchtet wird. Im Ganzen sind zwölf Einzelveranstaltungen in das Programm eingebunden.

So ist die Landshuter Hochzeit ein Historienspiel, das die große Zeit des Herzogtums Bayern-Landshut im hohen Mittelalter wieder lebendig werden lässt. Dem Besucher versprechen die zahlreichen Veranstaltungen und die Verwandlung der Stadt Landshut in eine dem festlichen Ereignis angepasste Kulisse ein unvergessliches Erlebnis.

Dieter Dörfler



25/2009