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Jahrgang 2008 Nummer 52

Die Kaiservilla in Bad Ischl

In der Sommerresidenz von Franz Joseph I. ist die Zeit stehen geblieben

Wer Bad Ischl im Salzkammergut besucht, kommt an der Kaiservilla nicht vorbei. Er wird zumindest von der Straße aus einen Blick auf das in tiefem Gelb gehaltene Gebäude werfen, in dem Kaiser Franz Josef I. von Österreich-Ungarn insgesamt 60 Mal die Sommermonate verbrachte, in der Regel zusammen mit Kaiserin Elisabeth (»Sisi«). Bedeutend interessanter ist natürlich eine Besichtigung der persönlichen Räume des Kaiserpaares, die nur im Rahmen einer Führung zugänglich sind.

Die Villa war ein Hochzeitsgeschenk der Kaisermutter, Erzherzogin Sophie, an das junge Brautpaar. Dass sie gerade ein Haus in Bad Ischl aussuchte, war kein Zufall. Sie hatte den Ort schätzen gelernt, denn einer Solekur in Ischl war es zuzuschreiben, dass sie nach mehrjähriger Kinderlosigkeit den lange erwarteten Thronfolger Franz Joseph – und nach ihm noch weitere zwei Söhne – zur Welt gebracht hatte. Damit war der Fortbestand der k.u.k.-Monarchie mehr als gesichert. Mit leichter Ironie bezeichnete man Franz Joseph und seine zwei Brüder als die »Salzprinzen«, hatten sie doch der Solekur der Kaiserin in Ischl ihr Leben zu verdanken!

Erbaut hatte die am Fuße des Jainzenberges gelegene Biedermeiervilla ein Wiener Notar. Für die neue Zweckbestimmung als kaiserliche Sommerresidenz wurde die Villa um zwei Seitenflügel erweitert. Das einstöckige Hauptgebäude zeigt an der Nordseite gegen den Park drei Giebelfronten mit plastisch gestalteten Jagdmotiven in den Giebelfeldern. Dazwischen liegen zwei Atriumhöfe, die vom Park durch schlanke Säulen mit darauf gelagerten Verbindungsbalkonen getrennt sind. Neben dem Hauptgebäude entstanden das Marmorschlössl als Tee- und Gästehaus der Kaiserin, eine Gärtnerei und eine Meierei, die Kaserne für die Wachen, mehrere Gartenpavillons, das Schwimmbad sowie das Hofstall- und Remisengebäude.

Bedeutende Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft und Kultur erbauten sich, um dem Kaiserhof nahe zu sein, in Ischl ihre eigenen Villen oder nahmen zumindest Sommerquartier in der Gegend. Oft trafen auch gekrönte Häupter, Staatsmänner oder Botschafter, in der Bademetropole ein, so die Staatsoberhäupter von Rumänien, Brasilien, Dänemark, Griechenland, Portugal, Schweden und Spanien. Der preußische König und spätere Kaiser Wilhelm kurte gerne in Bad Gastein und besuchte Franz Joseph in Ischl viele Male. So war die Kaiservilla jahrzehntelang, auch nach der Ermordung von Kaiserin Elisabeth im Jahre 1898, der von höfischem Leben erfüllte Sommersitz des Kaisers, wo er Ende Juli 1914 das folgenreiche Ultimatum an Serbien unterzeichnete, das den Auftakt zum Ersten Weltkrieg bilden sollte.

Nur von außen zu besichtigen ist die am westlichen Stadtrand gelegene Villa Felicitas, besser als »Schrattvilla« bekannt, der Sommersitz der Schauspielerin und engen Freundin des Kaisers, Katharina Schratt. Während seiner Ischler Aufenthalte stattete ihr der unter seiner Einsamkeit leidende Monarch fast täglich einen Besuch ab.

Kaiser Franz Joseph war ein Frühaufsteher. Wie in Wien begann sein Tag auch in Ischl schon um halb vier Uhr früh. Neben seinen amtlichen Pflichten als Monarch, denen er auch in den Ferien nicht entkam, pflegte er den Sommer über seine Jagdleidenschaft. Als passionierter Schwarz- und Hochwildjäger bevorzugte er die Jagd auf Hirsche, Gämsen und auf Wildschweine. Zur Jagd erschien der Kaiser in kurzer Gamslederhose, grauer Lodenjoppe, grüner Weste, Kniestrümpfen, derb genagelten Schuhen und dem Filzhut mit Spielhahnfeder und Gamsbart. Bis ins Hohe Alter bewältigte er ohne Schwierigkeit den Anstieg zu hochgelegenen Ständen, der oft länger als eine Stunde dauerte, und bestand darauf, sein Gewehr selbst zu tragen. Pünktlich um zehn Uhr saß er wieder in seinem Arbeitszimmer, um Akten zu erledigen. Kaiserin Elisabeth konnte in Ischl zwar nicht ihrem geliebten Reitsport huldigen. Dafür unternahm sie in der Umgebung regelmäßig stundenlange Bergtouren, unbesorgt um Wind und Wetter. Die Hofdamen, die sie dabei begleiteten, hatte die Kaiserin zuvor gründlich auf ihre Marschfestigkeit getestet.

Wenn man heute die Kaiservilla betritt, scheint es, als sei die Zeit um hundert Jahre zurückgedreht. Nach dem Tod des Kaisers anno 1916 ist an der Einrichtung der Villa nichts verändert worden. In der Empfangshalle, im Treppenhaus und in den Salons hängen neben Tier- und Jagdbildern hunderte Krickerl und Geweihe, die Jagdtrophäen des Monarchen, im Jagdzimmer steht ausgestopft die 2000. von ihm erlegte Gams.

Im Treppenhaus hält Shadow, der Lieblingshund von Kaiserin Elisabeth, als Statue in schneeweißem Marmor wie immer Wacht, einige Schritte weiter steht eine herrliche Mädchenstatue ebenfalls aus Carrara-Marmor, ein Geschenk des italienischen Königs. Kurios mutet die Sammlung von Barometern im Arbeitszimmer des Kaiser an, die er jeden Morgen studierte, um die Wetterlage zu erkunden. Auch der abgeschabte Lehnstuhl für das Mittagsschläfchen ist erhalten. Vor dem Grauen Salon, in dem der Kaiser oft mit seinen Enkeln sein bevorzugtes Abendessen aus Milchsuppe, saurer Milch und Brot verzehrte, liegt die Terrasse; hier nahm er die Huldigungen der Bevölkerung entgegen. Im Salon von Kaiserin Elisabeth steht ein Einlegeschrank aus dreißig Holzarten und ein chinesisches Schränkchen der Ming-Dynastie. Und in der Hauskapelle ist Sisis gesticktes Brauttaschentuch ebenso zu besichtigen wie das Kopfkissen, auf dem sie nach dem Attentat in Genf ihr Leben aushauchte.

Julius Bittmann



52/2008