Jahrgang 2009 Nummer 36

Die ideale Sommerfrische

Wer die Stille an heiliger Stätte liebt, verbringt sie in Bad Dreikirchen, Südtirol

Der Weiler Dreikirchen: Drei uralte Kirchlein stehen dicht nebeneinander.

Der Weiler Dreikirchen: Drei uralte Kirchlein stehen dicht nebeneinander.
Lois Welzenbachers Bauhaus-Werk: Im Volksmund heißt er »Kaffeemühle«.

Lois Welzenbachers Bauhaus-Werk: Im Volksmund heißt er »Kaffeemühle«.
Der Aufstieg kostet Mühe und eine dreiviertel Stunde. Die Auffahrt kostet 13 Euro. Der Taxler hat nichts dagegen, wenn er 15 kriegt. Steckt die Scheine ein, hilft beim Aussteigen und Abladen des Gepäcks, hält die Türen seines Geländewagens, der sich steil hinauf durch den Villanderer Wald grub, aber noch für Gäste, die ins Tal wollen, nach Barbian oder zu ihrem beim Unterpalwitterhof geparkten Wagen, auf: »Bitt schean, Gnä` Frau!«

Man ist mit dem Taxi in zehn Minuten vom 830 Meter hoch gelegenen Örtchen Barbian mit seinem schiefen Kirchturm nach Bad Dreikirchen gelangt. 300 Meter Höhenunterschied. Zu Fuß nur für Geübte mit Schnürschuhen, Gehstöcken und wetterfestem Anorak ratsam. Der Waldboden des Fahrwegs, der am besten nicht verlassen wird, ist stellenweise steinig, von Baumwurzeln durchzogen und von Häuflein hinderlicher Fichtenzapfen belegt. Das Netz der Wanderwege ist vom »Bad«, einer aus Stein- und Holzbauten gefügten, die Jahreszahl 1315 tragenden 3-Sterne-Pension sowie vom dahinter liegenden, von der Familie Gafriller geführten »Messnerhof« gut erschlossen und beschildert. Einiges höher als die beiden Dreikirchner Bleiben, über weit geschwungene, buckelige Wiesen und durch kühlenden Mischwald mit reichem Lärchenbestand zu erreichen: »Briol« – nichts für Leute, für die sich was rühren soll in der Sommervakanz. Hier heißt es strikt: »Endlich einsam!«

Im Zentrum des Interesses derer, die nach Bad Dreikirchen gehen, stehen drei eng aneinander gebaute Kirchlein: St. Gertrud die größte, St. Nikolaus die leerste, St. Magdalena die am meisten frequentierte, zumal sonn- und feiertags, wenn der Pfarrer von Barbian heraufkommt – für Einheimische und Touristen, Hotelgäste und Nordic Walkers. Rätselhaft bis dato: die sakrale Dreierkonstellation an der urdenklichen Verbindung Brixen – Ritten – Bozen. Gehen die drei konsekrierten Pilger- und Reise-Heiligtümer aufs 13. zurück, weiß man von einer weiteren »Trias« seit dem 17. Jahrhundert: drei Einsiedeleien oberhalb von Dreikirchen. Ein Häusl dicht am »Bad« hat den Namen »Einsiedl« behalten, und das Brünndl, das den Eremiten einst zum Bleiben veranlasst haben mag, kühlt die mitgebrachten Wasserflaschen der Spaziergänger. Pensionsgäste belegen den mit Bänken versehenen Quellaustritt, um in intimer Gesellschaft und einem Gläschen Roten einen Dreikirchner Sommerfrische-Abend ausklingen zu lassen. Idealer geht es nicht. Ob sie wissen, dass es seit 1788 keinen Einsiedler mehr hier gibt?

Respektabel, dass beide hoch betagte prominente Ratzinger-Brüder Joseph und Georg vor fünf Jahren am 4. August mühelos Dreikirchen per pedes erreichten. Um 11 Uhr trafen sie, von Brixen inkognito unterwegs, im Mesnerhof ein. Der hohe Besuch des späteren Papstes Benedikt XVI. und seines Begleiters traf die Wirtsleute unvorbereitet. Kaiserschmarrn und Buttermilch waren jedoch rasch aufgetischt. Wären nicht zwei Münchner Studenten mit ihrem Fotoapparat so vorwitzig gewesen – der hohe Besuch aus Rom wäre nicht publik geworden. Eigentlich hätte er ja pflichtgemäß noch ein paar Meter höher hinauf steigen müssen, Richtung »Briol«. Denn knapp davor liegt das »Herrgottsbödele«…!

Die Einheimischen halten hier, in Bad Dreikirchen, noch etwas auf Liturgie und Frömmigkeit. Die seltenen Eucharistiefeiern sind jedes Mal gut besucht – nicht nur aus kunsthistorischer Neugier, um etwa das spätgotische, vor 33 Jahren durch schamlose Dieberei schmerzlich dezimierte, teils aber (durch Münchner Privatinitiative) ersetzte 500 Jahre alte Flügelaltar-Inventar zu bestaunen – sondern auch aus Sorge um den Erhalt einer katholischen Tradition im in dieser Hinsicht durchaus gefährdete Südtirol.

Gegen das Althergebrachte haben selbst die Sommers hier ihre weit verstreuten Besitztümer aufsuchenden Bozner, Wiener und Salzburger nichts. Im Gegenteil: sie schätzen und hüten und pflegen ihren ererbten Besitz. Alle heutigen »Häusln« auf dem »Florberg« von Dreikirchen und weiter südlich gegen das Rittner Horn zu, die einen versteckt im Tann, die anderen auf einer Lichtung mit ausladender Spiel- und Liegewiese, gehen auf das Bozner Kaufmannsehepaar Heinrich und Johanna Settari (eine geborene Ringler) zurück. Johanna erhielt zur Geburt eines jeden ihrer 15 Kinder ein Stück Grund, was sie zum Bau eines »Häusls« reizte. Um 1860 erwarb sie das »Bad«. Bald zog es Heil- und Erholungsuchende aus Kapstadt und Wien, Innsbruck und Hamburg, nicht zu reden vom nahen Bayern, an – und noch heute gehört es zu den bedeutenden Sommerfrischen Norditaliens. »Idyllische Orte« – ein Gemeinschaftsprospekt von Hoteliers und Gasthofinhabern meist südlich des Brenners führt die »Pension Bad Dreikirchen« von Matthias und Annette Wodenegg in der erlesenen Reihe erstklassiger Häuser auf.

Nicht zuletzt Dank der Tatkraft der Wodeneggs – Polla, Matthias` Mutter, eine geborene Böhler, deren Mutter eine Settari-Tochter war, lebt, 87-Jährig, mit ihrer Betreuerin im Haus »Waldheim« – ist die Sommerfrische »Bad Dreikirchen« geblieben, was sie seit 150 Jahren allmählich wurde: ein Ort der Besinnung, des Rückzugs und gepflegten, behutsam und gescheit ins Heute hinein geführten Komforts. Michaela und Gottfried Gafriller – Norbert Zanker aus Freising hat kürzlich der Mesnerhof-Fassade einen neuen hl. Petrus geschenkt, der die drei Kirchen behütet – sind für ihre Gastfreundlichkeit bekannt. Kinder spielen, Familien nützen bei den Wodeneggs das Schwimmbad (das Dolomiten-Panorama mit Geislerspitzen, Sellagruppe, Langkofel, Seiseralm und Schlern-Massiv ist das optische Highlight), Wanderlustige sind stundenlang unterwegs, ohne je auf ein Auto zu stoßen, vielmehr auf Knabenkraut und Türkenbund, im Spätsommer dann auch auf Rotkappen und Heidelbeeren.

Der Blick von Bad Dreikirchen schweift ins landschaftstriumphale Eisacktal. Nachts funkeln die Lichter der Autobahnausfahrt herauf. Bei klarer Sicht zeigen sich Großvenediger und Großglockner. Unten: das Dürerstädtchen Klausen mit dem mächtigen Klosterberg Säben, auf den viel zu viele Stufen führen, um von jedem Touristen bestiegen zu werden, die Vogelweiderhöfe (Walthers Geburtsort wird da vermutet), die Trostburg des Oswald von Wolkenstein, dem Minnesänger mit dem verschwollenen Auge. Auch nach Dreikirchen kommt nicht »jeder«. In die grüne Abgeschiedenheit und höchstens von Vogelgezwitscher erfüllte Ruhe, die nun einmal heiligen Stätten eigen ist, haben sich stets große Geister begeben, Künstler und Denker, Gelehrte und Dichter. Sigmund Freud und Christian Morgenstern etwa, vor wenigen Jahren noch der Futurist Robert Jungk, Weihbischof Kampe oder die Actrice Edith Heerdegen, die viele Jahre am Bayerischen Staatsschauspiel agierte und ein Faible für jede Art von Hand-Skulpturen hatte.

In dem vom Star-Architekten Lois Welzenbacher vor gut 100 Jahren im Bauhaus-Stil errichteten Haus »Köchl« – im Volksmund »Kaffeemühle« genannt – saß einst Elly Ney für Beethovensonaten am Klavier, und der wegen seiner Nazi-Schwärmerei wenig ehrbare, gleichwohl angesehene, erst neulich in einer Monographie gefeierte Maler Hubert Lanzinger hatte auf dem »Herrgottsbödele« sein Atelier. Das Haus träumt, seitdem die Witwe Pia Lanzinger es verlassen hat, vor sich hin. Ein verwildertes Bauerngartl, ein verfallenes Bankerl, verwittertes Gebälk. Nur mehr die fünf archaischen Lärchen halten Stand – als ewig in den Himmel wachsende Mahner. Noch ein Stück weiter droben in der Pension »Briol«, von Johanna Fink sorgsam bewahrt und einladend-schlicht gehalten, bringt der Designer Hubert Lanzinger sich – mit gelb-orangenem Maldekor und harthölzernem Mobiliar – stur in Erinnerung.

Was will man mehr als hier eine Jause genießen – mit täglich frischer Linzerschnitte und Aprikosentorte zu einer Tasse Cappuccino? Das Wasser trinkt man dann an der Quelle beim »Einsiedl«, ein Stück weiter unterhalb von »Briol«. Hier dann noch ein kurzer Blick auf die drei eng aneinander geschmiegten Kirchen… Der Abstieg – aber das ist ja von Anfang an klar gewesen – kostet Mühe. Eine, die sich allemal lohnte.

Hans Gärtner



36/2009