Jahrgang 2003 Nummer 37

Die Heilige Notburga

Noch heute wird sie vielerorts verehrt

Seit Jahrhunderten verehrt das altbayerische und tiroler Bauernvolk die am 13. September 1313 in Rottenburg im Unterinntal verstorbene und im alten Rupertuskirchlein in Eben beigesetzten Notburga, die Papst Pius IX. am 27.3.1862 heilig gesprochen hat. Der Lebensgeschichte dieser fleißigen, frommen Bauernmagd entnehmen wir, dass sie im Jahre 1266 in Rattenberg (Unterinntal) als Tochter einfacher Häuslers – und Hutmacherseheleute geboren wurde. Da der Vater Grundhold des Grafen und Burgherren war, kam die 18-jährige Notburga in den Dienst der alten Gräfin Hutter im Schloss Rottenburg. Arbeitsam und sehr religiös, war sie bald allen Dienstboten der Burg ein Vorbild, zeichnete sich durch opferwillige Nächstenliebe aus und nahm sich mit Genehmigung ihrer Herrin der Armen und Bedrückten an. Als nach dem Tode der Gräfin die junge, neidige Schlossbesitzerin Ottilie nicht mehr duldete, dass sich die mildtätige Notburga um das arme Bettelvolk bemühte, musste die Magd das Schloss verlassen. Sie verdingte sich jenseits des Inns bei einem Bauern in Eben. Die Legende erzählt, dass sie dieser Dienstherr wiederholt zwang, während des abendlichen Aveläutens auf dem Felde zu arbeiten. Da trat eines Tages beim Kornschnitt ein Ereignis ein, das Notburga mit einem Male aus ihrem bisherigen unbeachteten Leben heraushob. Einer inneren Eingebung folgend, warf sie, weil sie die abendliche Feierstunde nicht entweihen wollte, die Sichel empor und zog die Hand zurück. Zur Überraschung des Bauern schwebte die Sichel als Zeichen göttlicher Zustimmung frei in der Luft. Von diesem Augenblick an hielten sich der Dienstherr und seine Familie streng an den kirchlichen Brauch des Gebetes beim Aveläuten. Dieses Erlebnis sprach sich natürlich schnell in der engeren und weiteren Umgebung herum. Auch der Schlossherr erfuhr von diesem Vorkommnis. Da seinerzeit mit Notburga der gute Geist des Hauses fortgezogen war und sich in der Burg ein Unglück nach dem anderen eingestellt hatte, holten Ritter Heinrich und seine Gemahlin die gute Magd Notburga wieder in ihren Dienst zurück. Nun konnte sich Notburga wieder der in Not geratenen Armen der Pfarrei annehmen und ihnen mit Rat und Tat beistehen. Sie erreichte nur ein Alter von 47 Jahren. Aber diese kurze Lebenszeit genügte, um ihr für alle Zeiten beim Landvolk den Ruf einer demütigen, gottesfürchtigen und gutherzigen Magd zu sichern. Längst wird sie von den Eheleuten als Schutzpatronin verehrt. In tiroler und altbayerischen Kirchen und Kapellen begegnen wir häufig Bildern und Statuen dieser volkstümlichen Heiligen. Bedeutende Künstler stellten sie mit halblangem Rock, Mieder, Arbeitsschürze und breitrandigem tiroler Trachtenhut mit der Sichel in der Hand dar. Von besonders künstlerischem Wert ist die Figur der heiligen Notburga von Ignaz Günther zu Rott am Inn. Die Verehrung dieser Heiligen ging früher so weit, dass Frauen und Mädchen kleine, silberne Notburgasicheln als Amulett um den Hals trugen.



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