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Jahrgang 2004 Nummer 8

Die Grafen Marquart von Marquartstein

Hat es einen Marquart II. überhaupt gegeben?

Der Ritter-Marquart-Brunnen in Marquartstein

Der Ritter-Marquart-Brunnen in Marquartstein
Auf dem Marquartsteiner Dorfplatz steht der von Christian Dögerl und Fritz Häringer geschaffene Marquart-Brunnen. Die bekrönende bronzene Brunnenfigur stellt wie eine Tafel angibt Marquart II. von Marquartstein und Hohenstein dar. Ihn sieht man allgemein als den ersten Erbauer der Burg an wenn auch Siegfried Moll in diesen Blättern 2001 (Chiemgau-Blätter Nr. 45) einschränkend bemerkte, es sei nicht sicher, ob Marquart I. oder Marquart II. der Gründer von Marquartstein sei. Nun wird in diesem Zusammenhang immer wieder in der heimatgeschichtlichen Literatur ein bestimmtes Zitat angeführt so in der Übersee Chronik von Max und Adelheid Brunner (1967) oder in der Studie des früheren Heimatpflegers von Staudach-Egerndach, Franz Gaukler, »Die Edlen von Hohenstein, Egerndach und Marquartstein« (1975) und noch in o. Artikel von Moll, aber auch schon in dem Standardwerk der älteren Geschichtsforschung von Johann Josef Wagner (1796-1871) »Die Geschichte des Landgerichts Traunstein«. Das besagte Zitat stammt aus einem Bericht über die Einweihung der Klosterkirche von Michaelbeuern im Jahre 1072, in dem auch die adeligen Gäste aufgeführt werden. Dort heißt es nämlich: »et Marchwart und sein Sohn Marchwart und Freund Gerchrant«). Diese Stelle scheint klar zu belegen, dass Marquart (I.) einen Sohn hatte, eben Marquart II. Als ich Prof. Heinz Dopsch (Universität Salzburg), der selber eine Geschichte des Klosters Michaelbeuern verfaßt hat, in einem Gespräch auf diese Textstelle ansprach, verwies er sogleich darauf, dass es sich bei diesen Marchwarten nicht um Sighardinger handelt, sondern um Eppensteiner. Aus dem Adelsgeschlecht der Sighardinger waren die Marquartsteienr; das Geschlecht der Eppensteiner stellte von 1012 an jahrzehnteland die Herzöge in Kärnten. Der Name »Marchwart« sei so Dopsch durch Judith von Ebersberg, die Mutter Marquarts von Marquartstein, zu den Sighardingern gekommen durch eine doppelte Heiratsverbindung zwischen den Grafen von Ebersberg und denen von Eppenstein. »Marchwart« (=Markwwart oder Marquart) war bei den Eppensteinern einer der für diese alten Adelsgeschlechter des frühen und hohen Mittelalters so charakteristischen Leitnamen. sie wiederholen sich über manchmal viele Generationen hin, und häufig sind diese Geschlechter danach benannt (wie z.B. die Sighardinger nach Sighart).

Das obige Zitat aus dem Michaelbeurer Bericht, das vermeintlich ganz eindeutig zu beweisen schien, dass es einen Marquart I. und II. gegeben habe, war ganz und gar aus dem Zusammenhang gelöst, und dieser wurde völlig ignoriert. Nur dadurch wirkte es so überzeugend. Die beiden Kärntner Markwarte und ihr Freund Gerchrant werden aber zusammen mit einer ganzen Gruppe von Adeligen genannt, die alle von weit aus dem Süden und dem äußersten Südosten des damaligen Reiches kamen. War es doch ein Sohn der Sighardinger Stifterin des Klosters, Pilhilde, Sighart IX., der als patriarch Syrus von Aquilea (an der nördlichsten Adria) die Weihe der Kirche vornahm. Um dessen hohe Position zu verdeutlichen: Dem Patriarchen von Aquileja unterstanden nicht weniger als 16 andere Bistümer als Suffraganbistümer. Diese herausragende kirchliche Stellung war mit sehr bedeutender weltlicher Macht verbunden. Gerade unter dem Patriarchen Syrus wurde di3ese noch enorm vergrößert, als 1077 weite Teile des herzogtums Kärnten Krain, Istrien und Friaul zum Patriarchat Aquileja kamen; der Patriarch starb allerdings noch im selben Jahr.

Zurück zu der falschen Auslegung der besagten Textstelle: Brunner und Gaukler zitieren sie nach der »Geschichte des Salzburgischen Benediktinerstiftes Michaelbeuern« des Michael Filz von 1833. Ob der Irrtum bereits auf diesen zurückgeht oder auf Spätere, die von ihm das Zitat einfach übernahmen, darüber läßt sich hier momentan nichts sagen (das Werk von Filz war mir bisher nicht zugänglich). Oder be-»nennt« zuerst Joh. Jos. Wagner in seiner Geschichte des Landgerichts Traunstein Marquart I. und II. so? Er führt sie mit den Worten ein: »Dieses Marquart’s, ich nenne ihn den I. – ältester oder einziger Sohn hieß ebenfalls »Marchwart«...« Jedenfalls: Es hat also in Wirklichkeit weder einen Marquart I. noch II., sondern nur einen Grafen Marquart von Marquartstein gegeben!

Die falsche Textauslegung und die davon abgeleitete Leseart von einem Marquart I. und II. hat freilich auch die ganze weitere Interpretation in eine falsche Richtung gelenkt. So ist bei Gaukler von dem Freund der Marchwarte, Gerchrant, als »Schwager marquarts I. Gerant von Egerndach, die Rede. marquart II. habe ihm nach dem Bau von Marquartstein seine Burg Hohenstein überlassen (dies auch nach Filz (1833) – bei Brunner/Überseer Chronik). Ferner soll Marquart II. eine Schwester namens Gisela gehabt haben, die mit Otto von Egerndach verheiratet war. Wie dieser vermeintliche »Schwager Marquarts I.« und die »Schwester Marquarts II.« geschichtlich wirklich einzuordnen sind, muss hier zunächst offen bleiben.

Das Todesjahr des Grafen Marquart wird, wie das seiner Frau Adelheid, heute etwas früher angenommen, um 1085, als in der älteren Literatur (1095). Um diese Zeit (1080/90) gab Adelheid bereits Güter in Hörpolding und am Simsee an den Altar der Hl. Margaretha in Baumburg zum Seelenheil ihres verstorbenen Mannes.

Eine Stammtafel des ursprünglich fränkischen Geschlechts der Sighardinger, die den heutigen Forschungsstand wiedergibt, findet sich bei Dopsch/Geschichte von Berchtesgaden I, 1991. Der früheste in den Quellen faßbare Vertreter des Geschlechts ist dort ein Sighart 858-861 Graf im Kraichgau (das Gebiet etwa von Bad Wimpfen rheinwärts, heute Baden-Württemberg). Als Parteigänger bereits des Prinzen, dann des ostfränkischen Königs Karlmann kam er 861 nach Bayern. Ein Enkel heiratete in eine einheimische Adelssippe ein. Danach waren Sighardinger über rund zwei Jahrhunderte Grafen vor allem im Salzburggau bzw. Pinzgau und im Chiemgau, aber auch im Isengau, Inntal, Pustertal. Ebenso spielten sie im Wiener Becken, an der Donau, überhaupt im heutigen Niederösterreich und bis weit in den Süden (Aquileja!) eine bedeutende Rolle. Schon etwa vor 900 entwickelten sich aus dem Stamm als eigenes Geschlecht die Grafen von Ebersberg dann eines der mächtigsten Adelsgeschlechter in Bayern bis zu ihrem Aussterben 1045. Sighardinger waren aber auch die Grafen von Burghausen un die von Tengling, sowie von Peilstein-Schala (bei Melk an der Donau) usw.

Ein überraschender und außerhalb der Fachwelt recht unbekannter Befund sei hier noch angefügt: In einem Beitrag im Katalog der großen Staufer-Ausstellung 1977 in Stuttgart hat der Historiker Hans-Martin Decker-Hauff, aufbauend auch auf andere Forscher, den Nachweis erbracht, dass die früher Staufer mit den Sighardingern eng verwandt waren, ja dass sie eigentlich Sighardinger waren! Neben »Sighart« soll sogar auch der Name »Friedrich«, also der Name der bekanntesten Stauferkaiser Friedrich I. Barbarossa und Friedrich II. Über die Sighardinger zu den Staufern gekommen sein! Wegen der Ungarneinfälle verlagerten sie im 9. Jahrhundert ihren Schwerpunkt vom Wiener Becken westwärts ins salzburgische und bayrische Alpenvorland. Ein Friedrich aus ihrer Sippe war 958 – 991 Erzbischof von Salzburg. Durch zwei reiche Erbheiraten brachten die staufischen Stammväter die Familie dann nach Schwaben. Dort zunächst als Grafen im Ries- erfolgte dann der weitere Aufstieg.

Bereits 1936 hatte ein schwäbischer Historiker bei einer Vortragsdiskussiion auf die Möglichkeit hingewiesen, aufgrund der bei den Riesgaugrafen charakteristischen Namen Sighart und Friedrich staufischen Besitz auch in Salzburg und Niederösterreich zu suchen. »Barsch, ja geradezu drohend« habe ihn der damals »allmächtige« Historiker Karl Weller zum Schweigen gebracht: »Die Staufer sind und bleiben Schwaben. Das deutsche Volk verbittet sich österreichische Hohenstaufen.«

WR

Literatur (Auswahl):
Marquart und Sighardinger:
Franz Tyroller, Genealogie des altbayerischen Adels im Hochmittelalter, in: Genealogische Tafeln zur mitteleuropäischen Geschichte, hg. von Wilhelm Wegener, Göttingen 1962-1969, S. 95, Nr. 26 und Stammtafel 5/1. Heinz Dopsch, Zur Vorgeschichte der Berchtesgadener Stiftsgründung in: Geschichte von Berchtesgaden, Bd. I, hg. von Walter Brugger, Heinz Dopsch, peter F. Kramml, Berchtesgaden 1991, S. 201-228. Hans-martin Decker-Hauff, Das Staufische Haus, in: Die Zeit der Staufer. Katalog der Ausstellung im Württembergischen Landesmuseum Stuttgart 1977, Bd. 3, S. 339-344.
Eppensteiner:
Handbuch der bayerischen Geschichte, Bd, I, hg. von Max Spindler, 3. verbess. Nachdruck, Müchen 1975, S. 242 ff.
Heimatgeschichtliche Literatur:
Anna Kroher, Im Bannkreis der Großen Ache, überarb. Neuauflage des 1917 u. 1921 ersch. Werkes, Marqaurtstein 1971. Max u. Adelheid Brunner, Übersee am Chiemsee. Seine Geschichte, Übersee 1967. Franz Gaukler, Die Edlen von Hohenstein, Egerndach und Marquartstein, Staudach 1975. In Verbindung mit diesen: Johann Josef Wagner, Geschichte des Landgerichts Traunstein, Wiederaufl., Grabenstätt 1981, S. 29 ff.



8/2004