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Jahrgang 2004 Nummer 9

Die Gräfin Adelheid von Marquartstein

Welchem Adelsgeschlecht entstammte sie wirklich?

Die Burg Marquartstein

Die Burg Marquartstein
Die Harburg über dem Wörnitztal (nördlich von Donauwörth), vielleicht der Ausgangspunkt des Geschlechts der Lechsgemünder

Die Harburg über dem Wörnitztal (nördlich von Donauwörth), vielleicht der Ausgangspunkt des Geschlechts der Lechsgemünder
Bereits 1953, also vor genau 50 Jahren, veröffentlichte der Historiker Dr. Franz Tyroller einen Aufsatz, den er für den Historischen Verein Neuburg an der Donau verfaßt hatte. Er erschien in der Jahresschrift des Vereins und behandelte das Thema »Die grafen von Lechsmünd und ihre Verwandten«. Der damalige Vorstand des Vereins, Dr. Josef Heider, Staatsarchivdirektor und selber aktiv forschender Historiker, würdigte in einer Einleitung enthusiastisch den Rang und Wert dieser Arbeit. Und tatsächlich hat sie in vielem ganz neue Zusammenhänge aufgedeckt. Sie ist dabei durchaus auch von grundlegender Bedeutung für die Geschichte unseres Gebietes im Hochmittelalter, vor allem des Achentals während der Zeit der Erbauung und Frühgeschichte der Burg Marquartstein. Jne Arbeit Tyrollers und seine Erkenntnisse sind aber »bei uns« bis heute vollkommen unbekannt geblieben. Den Namen »Lechsgemünd« sucht man in den einschlägigen heimatgeschichtlichen Büchern vergebens -sei es nun in dem altvertrauten Heimatbuch der Anna Kroher »Im Bannkreis der Großen Ache« (1917, 1921, 3. überarbeitete Aufl. 1971), in der Überseer Chronik von Max und Adelheid Brunner (1967) oder aber auch in der Schrift des früheren Heimatpflegers von Staudach-Egerndach, Franz Gaukler, »Die Edlen von Hohenstein, Egerndach und Marquartstein« (1975). Tyroller hat sich besonders durch seine Forschungen zur Abstammung (Genealogie) der bedeutenden bayrischen Adelsgeschlechter im Mittelalter einen Namen gemacht. Diese »Genealogie des altbayerischen Adels im Hochmittelalter« (1962-1969), obwohl in manchem umstritten und auch öfters im detail korrigiert, ist längst zu einem anerkannten und geschätzten Standartwerk geworden. An diese Forschungen Tyrollers hat in unserer Zeit auch Prof. Heinz Dopsch (Universität Salzburg) in seinen Arbeiten zur Gründungs- und Frühgeschichte des Klosters Berchtesgaden angeknüpft, wobei er seinerseits dessen Ergebnisse in wichtigen Punkten berichtigt und erweitert. Diese Erkenntnisse betreffen unmitelbar auch das Achental und die früheste Geschichte der Burg Marquartstein. Die Gründung von Berchtesgaden erfolgte ja in engstem Zusammenhang mit der von Baumburg durch ein und dieselben Adelsfamilien. Hierbei stiftete bekanntlich die Gräfin Adelheid von Marquartstein das Kloster Baumburg als Vermächtnis ihres an den Folgen eines Überfalls verstorbenen Mannes, des Grafen Marquart.

Zurück zu den Grafen von Lechsgemünd, einem mächtigen Hochadelsgeschlecht. Der Name verweist auf ihren ursprünglichen Sitz auf der Nordseite der Donau gegenüber der Lechmündung; später verlegten sie ihn ins nahe Graisbach. Sie nannten sich aber auch nach anderen ihrer Burgen, vor allem nach Horburg (der -noch heute bestehenden- Harburg über dem Wörnitztal, nördlich von Donauwörth) und nach Frontenhausen (Niederbayern, Lkr. Vilsbiburg), sowie Taisbach (Lkr. Dingolfing). Lechsgemünder waren dann aber auch Grafen vom Pinzgau, Grafen von Sulzau (nahe Krimml), Grafen von Mittersill, Grafen von Matrei (Osttirol, am Felbertauern) und von Rattenberg (Inntal). Mit diesen Namen ist die Weite ihres Aktionsbereiches schon angedeutet. Sie kamen aus demselben Stamm wie die Grafen von Scheyern, die späteren Wittelsbacher; Kuno von Lechsgemünd war ein Bruder des Grafen Otto von Scheyern (= 1072).

Gräfin Adelheid von Marquartstein »zählt zu den bekanntesten Frauengestalten der bairischen Geschichte.«

Durch ihr persönliches Schicksal, aber auch durch die drei prominenten Gatten, mit denen sie vermählt war -wie Prof. Dopsch diese Feststellung begründet. Einzelheiten hierzu sind in der Gründunggeschichte des Klosters Baumburg überliefert. Demnach war der Vater Adelheids, ein mächtigedr Graf Kuno von Frontenhausen, zunächst ständig mit dem Grafen Marquart in Fehde, wobei dieser stets der Schwächere war. Deshalb unterwarf sich Marquart schließlich seinem Gegner und diente ihm auf dessen Kriegszügen; dabei soll sich zwischen ihnen ein geradezu freundschaftliches Verhältnis entwickelt haben. Marquart hatte aber ein Auge auf die noch blutjunge Tochter Kunos, Adelheid, geworfen, deren besorndere Schönhiet und sonstigen Vorzüge gerühmt wurden. Mit ihrem Einverständnis entführte und heiratete er sie. Der Vater enterbte sie zwar, sah aber von einer Verfolgung ab. Doch schon nach nur wenigen Monaten starb Marquart an den schweren Verletzungen, die ihm die Söhne einer Adeligen, mit der er vorher ein Verhältnis hatte, bei einem Überfall (wohl in der Nähe der Burg Hohenstein am nördlichen Fuß des Hochgern) zufügten. Er machte Adelheid noch zu seiner Erbin, mit der Bedingung, auf der Baumburg, dem alten Sitz des Geschlechts, ein Kloster zu Ehren der Hl. Margaretha zu errichten. Bereits die Eltern marquarts, Sighard VII. und Judith, hatten hier eine Kirche und wohl auch ein erstes, kleines, nur sehr bescheiden dotiertes Kloster gestiftet. Die junge Witwe heiratete dann den Grafen Ulrich von Passau, der »Vielreiche« genannt, von dem sie eine Tochter namens Uta hatte. Graf Ulrich starb 1099 in Regensburg -übrigens nicht, wie bei Brunner und Gaukler zu lesen – durch einen Turnierunfall, sondern durch eine Seuche, die dort ausbrach, während Kaiser Heinrich IV. mit zahlreichen Fürsten in der Stadt weilte. Hierauf ging Adelheid eine dritte Ehe mit dem Grafen Berengar von Sulzbach ein, die kinderlos blieb. Sie starb 1104/1105.

Soviel hier -in wenigen dürren Worten- zum Lebenslauf und Schicksal der Gräfin Adelheid.

Wer war aber nun eigentlich ihr Vater, jener mächtige Graf Kuno von Frontenhause, von dem in dem Baumburger Bericht die Rede ist? In Riezlers großer Geschichte Baierns (Ersterscheinungsjahr: 1878), einem Standardwerk der älteren bayrischen Geschichtswissenschaft, war dies Pfalzgraf Kuno von Rott-Frontenhausen. In unseren heimatgeschichtlichen Büchern liest man durchweg von einem Grafen (auch »Gaugrafen« oder »Pfalzgrafen«) Kuno von Mögling (-Frontenhausen) als dem Vater der Adelheitd (übrigens nicht Mögling bei Trostberg, wie Kroher und Brunner meinen, sonder Mögling (auch Mödling) bei Gars auf dem linken Hochufer des Inn). Ihre Mutter soll demnach seine Frau Irmgard, die Tochter des Pfalzgrafen Kuno von Rott, gewesen sein.

Diese Angaben gehen durchweg auf die bereits genannte, langezeit zu diesem Thema maßgebliche »Geschichte des Landgerichts Traunstein« von Joh. Jos. Wagner zurück. Aber auch dieser bezieht sich hier auf einen anderen, nämlich Koch-Sternfeld (1778-1866), einen weiteren großen Namen der einschlägigen älteren Geschichtsforschung. Von dem vorhin inhaltlich kurz skizzierten Baumburger Gründungsbericht zitiert Wagner einen längeren Auszug Koch-Sternfelds. Darin ist vom Vater Adelheids als »dem Kaiseer eifrig ergebenen Grafen Cuno von (Frontenhausen und) Moegling« die Rede. Dass dieser Graf Cuno der von Moegling gewesen sein soll, hat aber erst Koch-Sternfeld dem Baumburger Bericht hinzugefügt; dort heißt es nur, dass sich der Graf Cuno nach Frontenhausen benannt habe.

Darüberhinaus kann die Behauptung Koch-Sternfelds, Kuno von Moegling sei »dem Kaiser eifrig ergeben« gewesen, klar widerlegt werden. Hintergrund des Zwistes zwischen Marquart und Kuno war ja der Investiturstreit zwischen Kaiser Heinrich IV. und Papst Gregor VII. um das bisherige Recht des Königs, Bischöfe einzusetzen, das nun vom Papst kategorisch abgelehnt wurde. Der Erzbischof von Salzburg, zuerst Gebhard, war auf Seiten des Papstes. Ebenso zunächst Marquart als Vasall Salzburgs, Graf Kuno als Anhänger des Kaisers war deshalb sein Gegner. Kuno von Mögling -auch Vogt der Salzburger Eigenköster Gars und Au am Inn- war aber in Wirklichkeit ein treuer Parteigänger des päpstilichen Lagers und des 1090 von der päpstlichen Seite eingesetzten Erzbishcofs Thiemo; wahrscheinlich war dieser ein Bruder eines der schärfsten Gegner Heinrich IV. in Bayern, des Grafen Eckbert I. von Formbach. Dem päpstlichen stand jahrelang der kaiserliche Gegenerzbischof Berthold v. Moosburg gegenüber. Abwechselnd behielt jeder zeitweise über den Gegner die Oberhand. 1097 kam es zu einem größeren Gefecht bei Saaldorf (nahe Salzburg), das mit einem Sieg Bertholds endete, so dass Thiemo Hals über Kopf aus der Stadt flüchten mußte. Zu den Gefallenen, die auf der Seite Thiemos gekämpft hatten, gehörten Kuno von Mögling und sein Sohn Aribo!

Schon aufgrund dieser Fakten kann also der von Koch-Sternfeld, bzw. Joh. Jos. Wagner, hier ins Spiel gebrachte Kuno v. Mögling keinesfalls der Vater der Adelheid gewesen sein. Überdies: Weder Pfalzgraf Kuno v. Rott noch Kuno v. Mögling hatte eine Tochter namens Adelheid, wie aus den von Tyroller auch für diese beiden Geschlechter erarbeiteten Stammtafeln hervorgeht. Auch weist er nach, dass die Pfalzgrafen v. Rott -entgegen der Meinung Riezlers- sich nur »von Rott« und nicht auch nach Frontenhausen nannten. Tyroller macht plausibel, dass es sich bei dem fraglichen Kuno nur um den bereits genannten Kuno von Lechsgemünd handeln kann. Dessen Frau und damit die tatsächliche Mutter Adelheids war Mathilde von Achalm (bei Reutlingen/Württemberg), aus einem ebenfalls sehr mächtigen Geschlecht, das auf die alemannischen Unruochinger noch aus der zeit der Karolinger, dem Geschlecht Karls des Großen, zurückgeht. Mathilde von Achalm hatte übrigens zwei Brüder, die 1089 das Kloster Zwiefalten stifteten (nördlich der Donau zwischen sigmaringen und Ulm), dessen herrliche Kirche -eines der Hauptwerke des großen Barockbaumeisters Hoh. Michael Fischer, neben ottobeuren und Rott am Inn- Kunstfreunden ein Begriff ist! Durch die Heirat mit Mathilde von Achalm -ihre Mutter hieß ebenfalls Adelheid- kam 1091/95 noch die große Herrschaft Wülflingen bei Winterthur in der Schweiz in den Besitz der Lechsgemünder.

Was die Stifterin von Berchtesgaden, Irmgard von Rott, anbetrifft, die noch brunner und Gaukler (wieder nach Joh. Jos. Wagner) für die Frau Kunos von Mögling und die Mutter adelheids hielten, so ist der ganze Wirrwarr von Versionen ihrer Heiraten und deren Reihenfolge mittlerweile durch Dopsch mit überzeugenden Argumenten doch wohl endgültig geklärt worden. Demnach war sie in erster Ehe mit dem Sighardinger Engelbert, einem Bruder Marquarts, verheiratet, dann mit Gebhard von Sulzbach und schließlich mit Kuno von Horburg, dem Älteren. Aus dem Witwengut der ersten -kinderlosen- Ehe mit Engelbert stammte das Waldgebiet von Berchtesgaden, das Kernstück der Klosterstiftung. Der Sohn aus der zweiten Ehe, Berengar von Sulzbach, wurde dann der dritte Ehemann der Adelheid. Sein Halbbruder Kuno von Horburg der Jüngere war ihm beim Vollzug der Stiftung der Mutter behilflich und gilt deshalb als Mitstifter von Berchtesgaden. Nun nannten sich, wie schon erwähnt, die Lechsgemünder auch nach Horburt (Harburg); Kuno von Horburg der Ältere war also ein Lechsgemünder, ja nach den angaben Tyrollers wäre er sogar ein Sohn des Kuno von Lechsgemünd und damit ein Bruder der Adelheid gewesen!

WR

Literatur (Auswahl):
Adelheid und Lechsgemünder: Franz Tyroller, Die Grafen von Lechsgemünd und ihre Verwandten, in: Neuburger Kollektaneenblatt 107 (1953), S. 9-56. Heinz Dopsch, Zur Vorgeschichte der Berchtesgadener Stiftsgründung, in: Geschichte von Berchtesgaden, Bd. I, hg. von Walter Brugger, Heinz Dopsch, Peter F. Kramml, Berchtesgaden 1991, S. 211-221, 224-228.
Ulrich von Passau:
Gerold Meyer von Knonau, Jahrbücher des Deutschen Reiches unter Heinrich IV. und Heinrich V., Bd. 5, Leipzig 1904, S. 60 ff.
Kuno von Rott und seine Tochter Irmgard:
Heinz Dopsch, siehe oben, S. 211-228, besonders S. 211-215.
Kuno von Mögling:
Günther Florschütz, Die Vögte von Mödling und ihr Gefolge, in: Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte, 38 (1975), S. 5-10 Heinz Dopsch, Salzburg im Hochmittelalter, in: Ders., Geschichte Salzburgs I/1, Salzbureg 1981, S. 251 f.
Heimatgeschichtliche Literatur:
Anna Kroher, Im Bannkreis der Großen Ache, überarb. Neuauflage des 1917 und 1921 ersch. Werkes, Marquartstein 1971. Max und Adelheid Brunner, Übersee am Chiemsee. Seine Geschichte, Übersee 1967. Franz Gaukler, Die Edlen von Hohenstein, Egerndach und Marqaurtstein, Staudach 1975. In Verbindung mit diesen: Johann Josef Wagner, Geschichte des Landgerichts Traunstein, Wiederaufl., Grabenstätt 1981, S. 29 ff.



9/2004