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Jahrgang 2012 Nummer 2

Die Geschichte der Aubrauerei und des Aubräukellers

Simon Weidenschlager errichtete im 19. Jahrhundert eine kleine Brauerei in der Au

Aubräukeller in der Wegscheid 1910

Aubräukeller in der Wegscheid 1910


Im dritten Viertel des 19. Jahrhunderts lebte in der Salinengemeinde Au (heute Stadt Traunstein) ein unternehmungslustiger Bürger namens Simon Weidenschlager, Besitzer einer kleinen Gastwirtschaft. Die Au war damals eine selbstständige politische Gemeinde, welche außer verschiedenen Gewerbetreibenden und Salinenbeamten fast nur aus Salinenarbeitern bestand.

Weidenschlager war angesehen und lange Jahre Bürgermeister der Gemeinde Au. Anfangs der achtziger Jahre fasste Weidenschlager den Entschluss, eine kleine Brauerei zu errichten. Er gab ihr den Namen »Zum Aubräu«. Das Bier musste er zum Ausreifen in den Keller der Gastwirtschaft hinüber bringen. Durch den steigenden Bierumsatz in seiner Brauerei wurde sein Keller zu klein, und so entschloss er sich im Jahre 1897, einen eigenen Lagerkeller zu bauen. Er kaufte in der Wegscheid (in der ehemaligen Gemeinde Haslach) ein Grundstück und grub in den Berg hinein einen Lagerkeller mit zwei Abteilungen. Obenauf erbaute er eine Kellerwirtschaft (Aubräukeller). Das Bier musste mit Fuhrwerken von der Braustätte in die Wegscheid gefahren werden. Zu gleicher Zeit kaufte er noch eine Wiese, am Mühlbach gelegen, und ließ dort einen Eisweiher ausheben, damit er im Sommer stets genug Eis hatte.

Nun florierte das Geschäft weitaus besser. Beide Gaststätten wurden von den Städtern und der Landbevölkerung gerne besucht und auch viele Bauern holten sich das benötigte Bier bei ihm. Als er in die 70er Jahre kam, verkaufte er, da er kinderlos war, 1904 den Besitz an Josef Weinberger. Dieser übergab ihn dann seinem Sohn Andreas, welcher aber für das Geschäft nicht viel Interesse hatte. Er verkaufte es im Jahre 1909 an Josef Schmuck, Schwoberbauer am Hochberg. Auch dieser hatte es nur ein Jahr in Besitz, dann starb er an einer schweren Krankheit am 31. Mai 1910, erst 50 Jahre alt.

Als im Mai 1910 die Brauereibesitzer den Bierpreis um 2 Pfennig je Liter erhöhten, brach hauptsächlich unter den Bauern in vielen Gegenden Oberund Niederbayerns ein allgemeiner Bierstreik aus. Auch die Gegend um Traunstein wurde davon betroffen. Nachdem alle Proteste bei den Brauern keine Wirkung erzielen konnten, schritt man zur Selbsthilfe. Einige angesehene Bauern und Geschäftsleute erließen gegen Ende Mai einen öffentlichen Aufruf zu einer großen Versammlung für Sonntag, den 19. Mai im »Gasthaus zum Angerbauerhof«, zu welcher über 100 Bauern und Gewerbetreibende erschienen. Nach stürmischer Debatte wurde ausgemacht, eine Genossenschaft zu gründen, und da die Brauerei zum »Aubräu« wegen schwerer Erkrankung des Besitzers gerade verkäuflich war, zu erwerben. Zu diesem Kauf wurden abgeordnet die drei Herren Michael Schrankl, Kaufmann von Vachendorf, Johann Reiterberger, Bergerbauer von Seiboldsdorf, und Franz Helmberger, Bauer von Nußdorf. Diese Kommission sollte sich sofort am anderen Tage zu Herrn Schmuck begeben, den Ankauf der Brauerei samt allem Zubehör, also Gebäulichkeiten, Gasthaus und Sommerkeller, Vorräten, besorgen und der auf Dienstag, den 31. Mai festgesetzten 2. Versammlung im »Aubräu-Sommerkeller « Bericht erstatten. Es wurde nämlich für diesen Tag eine zweite Versammlung festgesetzt, zu welcher alle erscheinen sollten, welche willens waren, sich an der zu gründenden Genossenschaft zu beteiligen. Als stärkste Befürworter für die Genossenschaft waren: Michael Schrankl von Vachendorf, Peter Mayer, Kunstmühle- und Sägewerksbesitzer von Traunwalchen, Johann Reiterberger, Bauer von Seiboldsdorf, Sebastian Wimmer, Bauer und Bürgermeister von Reichsberg (Kammer).

In dieser zweiten, eigentlichen Gründungsversammlung wurde zuerst der Bericht der Ankaufskommission entgegengenommen. Der Kaufpreis betrug 110 000 Mark. Die auf der Brauerei ruhenden Hypotheken und einige Kurrentschulden wurden übernommen und am Kaufpreis in Abzug gebracht. Die Übergabe erfolgte gleich anderen Tags am 1. Juni. Das Personal wurde wie vorhanden übernommen. Die Kommission berichtete ferner auch noch, wie mit bewegtem Herzen ihnen Herr Schmuck gedankt habe, dass er nun ruhiger sterben könne, weil er nun seiner Frau mit den Kindern außer seiner großen Landwirtschaft nicht auch noch die Last der Brauerei aufbürden müsse. Er ist dann am anderen Tag, am 31. Mai, dem Gründungstag der Genossenschaft, gestorben. Die notarielle Beurkundung des Kaufvertrages mit der Witwe, Frau Walburga Schmuck, konnte erst am 10. Juni 1910 erfolgen. Die Versammlung erhob gegen den Kauf keinen Widerspruch und es wurden gleich die ersten Wahlen vorgenommen mit folgendem Resultat: 1. Vorstand: Michael Schrankl, Kaufmann von Vachendorf, 2. Vorstand: Georg Strohmayer, Holzhändler von Traunstein, Beisitzer: Johann Reiterberger, Bauer von Seiboldsdorf, Kassier und Schriftführer: Pius Bachmaier, Bürgermeister und Bauer von Haslach.

In den Aufsichtsrat wurden gewählt: Peter Mayer, Kunstmühlen- und Sägewerksbesitzer von Traunwalchen (Vorsitzender), Michael Troger, Hammerschmiedmeister von Matzing, Johann Schneider, Bauer von Tettelham, Johann Mayer, Bauer und Bürgermeister von Haßmoning, Michael Maier, Bauer und Bürgermeister von Ischl, Sebastian Wimmer, Bauer und Bürgermeister von Reichsberg, Franz Schuhbeck, Bauer und Bürgermeister von Nußdorf, Stefan Schroll, Bauer von Nußdorf, Max Zwinger, Bauer von Axdorf.

Der Vorstand wurde beauftragt, sofort um die Statuten besorgt zu sein, welche dann in der nächsten 3. Versammlung am 26. Juni verlesen und genehmigt wurden. Der Geschäftsanteil wurde auf 500 Mark und die Haftsumme auf 1000 Mark festgesetzt. Der einzelne Genosse durfte nur bis zu 10 Geschäftsanteile erwerben. Aufnahmegebühr war 50 Mark. Der Eintrag ins Registergericht erfolgte am 11. Juli 1910. Nun heißt es »Aubrauerei eingetragene Genossenschaft mit beschränkter Haftpflicht Traunstein«.

An Personal wurde übernommen: Ein alter Brauknecht, welcher als Braumeister fungierte, ein Braubursche, ein Lehrling und ein Ochsenknecht, da nur ein Ochsenfuhrwerk vorhanden war. Mit diesem Braumeister und seinem Erzeugnis war man nicht zufrieden. Man ersetzte ihn schon nach zwei Monaten durch einen richtigen Braumeister namens Mathias Gottfried, gebürtig aus Au in der Hallertau, welcher gutes einwandfreies Bier herstellte. Das erste Geschäftsjahr vom 1. Juni bis 31. Dezember 1910 erbrachte gleich einen Reingewinn von 2804 Mark. Im Jahresschluss 1910 waren vorhanden 72 Genossen mit 69 000 Mark Geschäftsguthaben. Schon während des Sommers 1910 fragten mehrere Gastwirte an, ob sie von der Genossenschaft als Kundschaft angenommen werden könnten, unter anderem die Gastwirte Zenz in Sondermoning und Ofensberger in Matzing. Weitere Gastwirte konnte die kleine Brauerei nicht aufnehmen. Man bekam Mut und beschloss, noch im Herbst 1910 eine dritte Abteilung im Lagerkeller Wegscheid auszuheben und auszubauen. Man war auch bereit, bei gegebener Zeit das alte, baufällige Brauhaus in der Au aufzulassen und beim Sommerkeller (Wegscheid) eine neue Brauerei zu bauen.

Das Jahr 1911 brachte einen außergewöhnlich heißen Sommer, welcher den höchsten Bierumsatz mit 4200 Hektoliter erbrachte, der später nie mehr ganz erreicht wurde. 1911 kaufte man eine Wiese mit einem Tagwerk an der Kellerwirtschaft angrenzend um 6000 Mark. Man erbaute darauf eine Fasshalle, das Ökonomiegebäude mit Stallung, Wagenremise und Wohnung für den Pferdeknecht.

In Hörpolding bildete sich eine kleine Untergenossenschaft durch 17 Genossen der Aubrauerei. Die Brauerei kaufte den Bauplatz und die Genossen bauten sich einen kleinen Eis- und Lagerkeller auf. Die Brauerei war Eigentümer des Bodens und diese 17 Genossen Eigentümer des Gebäudes.

1911 erfolgte die Aufhebung der Saline in der Au und ihre Verlegung nach Rosenheim. Dadurch verzogen auch die Beamten und Arbeiter nach dort oder zum Teil nach Reichenhall, was die Gastwirtschaft zum Aubräu schmerzlich empfinden musste, denn zur damaligen Zeit gab es keine Wohnungsnot und somit blieben diese Arbeiterwohnungen auf längere Zeit leer stehen. Die bisher selbstständige Gemeinde Au wurde zur Stadt Traunstein eingegliedert.

Nun ging der Betrieb in ruhigen Bahnen weiter bis zum Kriegsausbruch 1914/1918. Es erfolgten alsbald Einschränkungen und Beschlagnahmen. Ein bereits gekaufter Waggon Malz durfte nicht mehr geliefert werden. Jede Brauerei erhielt ein gewisses, bestimmtes Kontingent zugeteilt. Das Kontingent der Aubrauerei war auf 3784 Hektoliter festgesetzt. Von Jahr zu Jahr wurde die Belieferung des Kontingents prozentual herabgesetzt bis man nur noch zweiprozentiges Bier herstellen konnte. Ende Oktober 1917 traf ein Schreiben des Bezirksausschusses des Landwehr-Bezirkskommandos Rosenheim ein, dass die Kriegsamtsstelle gezwungen sei, wegen Mangel an Kohle, Arbeitskräften, Ölen usw. die Zusammenlegung von Brauereien energisch zu betreiben und zwar vorerst auf freiwilligem Wege. Die Vorstandschaft aber hatte es schon lange vorausgesehen, dass so etwas wie eine Stilllegung noch kommen werde und ihre Abwehr bereits getroffen.

Die folgenden Kriegs- und Nachkriegsjahre wurden immer schwieriger. Die Zuteilung von Gerste oder Malz immer weniger und als infolge der Revolution die Zwangswirtschaft sich von selbst auflöste, stiegen die Preise rapid an. Die Inflation war in vollem Gange. Die Genossenschaft konnte ihre Außenstände nicht mehr schnell hereinbringen, und so entschloss man sich, die Gastwirtschaft in Aiging zu verkaufen, um zu Geld zu kommen. Der Erlös von 140 000 Mark war aber viel zu früh wieder verbraucht.

1922 und 1923 musste sich die Genossenschaft wieder mit Geldsorgen befassen. Zuerst wandte man sich an die Genossen. Der größte Teil war bereit zu helfen. Was aber halfen je 10, 20 oder 30 Tausend Mark, wenn schon mit Millionen gerechnet wurde?

Im Sommer 1923 war es soweit, als nur noch mit Milliarden gerechnet wurde, entschloss sich die Genossenschaft, das alte baufällige Brauhaus aufzulassen, das Biersieden einzustellen und das Bier von einer anderen Brauerei zu beziehen. Ein Vorschlag, die Genossenschaft aufzulösen, wurde sofort verworfen. Zuerst wurden Verhandlungen mit der damaligen Brauerei von Anton Knerr in Heutau aufgenommen, die aber später scheiterte. Die Brauerei Schnitzlbaumer erklärte sich darauf bereit, das benötigte Bier zu liefern gegen Überlassung des benötigten Kontingents. Brauereibesitzer Bernhard Schnitzlbaumer erklärte sich bereit, 12 Prozent des Ganterpreises an die Genossenschaft zu zahlen, wogegen sich derselbe verpflichten musste, in allen ihren Gastwirtschaften den gleichen Preis einzuhalten.

Nach Beendigung der Inflation (November 1923) musste eine Bereinigung der Geschäftsguthaben durchgeführt werden, wegen Umstellung der Mark auf Reichsmark.

Nun kam eine ruhigere Zeit bis zum Ausbruch des 2. Weltkrieges. Dieser brachte wieder die bekannten Einschränkungen und das Dünnbier.

1937 wurde die Genossenschaft aus dem Brauwirtschaftsverband herausgenommen und der Organisation der Biergroßverteiler im Reichsnährstand zugeteilt.

Nach 20 Jahren ist man erst darauf gekommen, dass der Aubräukeller nur eine Kellerschänke, aber keine reguläre Gastwirtschaft sei. Im Februar 1943 erhielt die Genossenschaft ein Schreiben des Landratsamtes Traunstein, dass der Aubräukeller bis 10. März geschlossen werden müsse, weil die Genossenschaft selber schon lange nicht mehr Bier braut und den Bierversand schon seit 1923 eingestellt hat. Auch die Erlaubnis zum Bierausschank vom 28. August 1935 nur für selbstgebrautes Bier erteilt worden sei. Diese Erlaubnis bezog sich auf die Pachtübernahme durch den alten Linner Franz. Vorher hatte nämlich durch Einstellung des Biersiedens der Braumeister Gottfried die Wirtschaft einfach weiter geführt, ohne ein Konzessionsgesuch einzureichen. Der Vorstand beschloss, nun beim Landrat vorstellig zu werden. Es wurden drei Mann abgeordnet: Schmuck, Perreiter und Bachmaier, die mit dem Landrat verhandelten, aber nichts bezwecken konnten. Erst durch die Beziehung zu einem Parteianhänger hatte man schließlich einen Erfolg. Schon nach kurzer Zeit erhielt der Pächter Linner sen. vom Landratsamt die Konzession zum Ausschank von Bier und anderen Getränken, sowie zur Abgabe von warmen und kalten Speisen. Damit war der Aubräukeller als vollwertige Gastwirtschaft anerkannt. Immerhin war die Kellerwirtschaft drei Monate lang geschlossen.

Auch von Fliegerschäden blieb der Aubräukeller nicht verschont. Am 11. November 1944 und am 20. Januar 1945 wurde das Gasthaus von Bomben beschädigt. Am 18. April 1945, als die Bahnhofsanlage durch Bomben total zertrümmert wurde, bekam auch der Aubräukeller einen Volltreffer, wobei das Dachgeschoß schwer beschädigt wurde.

Die Währungsreform vom 21. Juni 1948 und die Umsetzung der Reichsmark auf Deutsche Mark brachte eine Herabsetzung der Geschäftsanteile von 50 RM auf 25 DM.

Im Jahre 1950 wurde das alte, baufällige Brauhaus in der Au an Herrn Hans Schmidbauer von Roding verkauft. Am 10. Oktober 1951 wurde die Genossenschaft der Aubrauerei mit der Genossenschaftsbrauerei zum Grandauer, Grafing verschmolzen. Damit hat die Aubrauerei Traunstein und die Wegscheid nach 41-jährigem Bestehen aufgehört und nur noch die Namen der beiden Wirtschaften »Gasthaus zum Aubräu« und »Aubräukeller« sind geblieben.

Am 7. Dezember 1979 wurde schließlich auch das Gasthaus »Aubräukeller« und die umliegenden Gebäude verkauft an die Raiffeisenbank Mangfalltal e.G. Bad Aibling. Diese verkauften den Besitz am 30. Juli 1988 an die »Oberland Ges. für Hausund Wohnungsbau m.b.H. Bruckmühl «. Nun war das fast hundertjährige Gasthaus zum Abbruch bestimmt. Auf dem Brauereigelände entstand eine umfangreiche Wohnanlage. Das Auslieferungslager der Brauerei Grandauer wurde auf das Industriegebiet an der Kotzinger Straße ausgelagert und später eingestellt.

Das Gasthaus Aubräukeller bot in den frühen Jahren in seinen Räumen eine gesellschaftliche Atmosphäre und war vielen Vereinen von Haslach und Traunstein für Versammlungen, Feiern und dergleichen ein Ort der Begegnung.

(Teilauszug aus der Genossenschaftschronik,
geschrieben 1954 von Pius Bachmaier,
Haslach)


Karl Rosenegger



2/2012