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Jahrgang 2004 Nummer 28

Die geheimen Bunkeranlagen des Obersalzberg

Florian Beierl aus Berchtesgaden erforschte die Alpenfestung Hitlers

Florian Beierl steht mit einer alten Karte in einem Bunker unter dem Obersalzberg bei Berchtesgaden. Er hat die 5,7 Kilometer la

Florian Beierl steht mit einer alten Karte in einem Bunker unter dem Obersalzberg bei Berchtesgaden. Er hat die 5,7 Kilometer langen Stollen unter Hitlers Berghof und den Häusern von Bormann und Göhring erforscht. Sein Buch »Hitlers Berg« wurde erst kürzlich in München vorgestellt.
Als Florian Beierl gerade mal 20 Jahre alt war, sprach er mit dem Kammerdiener des deutschen Diktators Adolf Hitler, mit dessen Hausverwalter und mit der Zofe Eva Brauns. Er las die Tagebücher des Hitler-Stellvertreters, Martin Bormann, suchte dessen Kinder auf und befragte sie ebenso wie die Tochter Hermann Görings nach ihren Erinnerungen an die Kindheit im Krieg auf dem Obersalzberg bei Berchtesgaden. Heute ist Beierl ein gesuchter Experte in Fragen der Nazi-Führung, die sich auf dem Obersalzberg zunächst ein Ferienidyll eingerichtet und später im Krieg eine Festung gebaut hatte. 15 Jahre lang hat der junge Berchtesgadener den Obersalzberg erforscht - bis 1999 im Geheimen. Am Anfang war es die unbedarfte Neugierde eines Teenagers, dessen Vater schon Höhlerforscher aus privater Leidenschaft gewesen war. In Berchtesgaden kein Wunder: Der Obersalzberg wird seit einem halben Jahrtausend auf der Suche nach dem »weißen Gold«, dem Salz, durchlöchert. Nach dem Zweiten Weltkrieg umrankten den Berg ungezählte Geheimnisse und Mythen, Geschichten wie aus einer anderen Welt. Vor den Augen der Berchtesgadener Bevölkerung war in 900 Meter Höhe im Bombenhagel der Amerikaner die Bergfestung der Nazis untergegangen. Die Geschichten und Sagen bezogen sich vor allem auf die Unterwelt des Berges, in die sich die Anführer Hitler, Bormann, Goebbels und Göring mit ihren Familien eingegraben hatten. Und natürlich waren auch Schätze zu heben, die den Plünderern entgangen waren.

Für den 13-jährigen Florian Beierl und seine Kameraden war das die große Herausforderung. »Wir wollten wissen, was ist da eigentlich passiert und was existiert da unterirdisch noch«, erzählt der heute 32-jährige Forscher. »Da haben wir uns die Unterwelt des Obersalzbergs vorgenommen.« Anfangs geheim und später, von 1999 an, im öffentlichen Auftrag untersuchte Beierl die gesamten Bunkeranlagen des Obersalzbergs. 5,7 Kilometer lang sind die Stollen und Kavernen des Berghofstollens unter dem Haus Hitlers, des Bormann-Bunkers, des Göring-Bunkers, des Vordereckstollens. Tiefer im Berg entdeckte er ein noch größeres Bunkersystem, das aber nicht fertig gestellt wurde.

Er vermaß die Stollen, fertigte Lagepläne an, fotografierte die Zimmer Eva Brauns, die Küche der Familie Bormann, die Kinderzimmer, den Flakabwehrstand mit der großen Glaswand, die in Tausende Teilchen zerstückelt auf dem nassen Boden lag, die Funk- und Fernmeldezentrale. Und er suchte die Erbauer auf, die Arbeiter, die Konstrukteure, die Bergleute, die Handwerker, die Zeitzeugen in Deutschland, in den USA und anderen Ländern. Sie hatten geschwiegen, bis der junge Mann aus Berchtesgaden kam. Heute leben die meisten von ihnen nicht mehr, doch dank der Interviews von Beierl existieren ihre Stimmen und Aussagen auf Bändern, die er alle archiviert hat.

Die Amerikaner besetzten den Berg nach dem Krieg und sie nahmen an sich, was ihnen wichtig erschien. Die Schallplattensammlung Hitlers, seine Bücher und Bilder gerieten so auf die andere Seite des Atlantiks. »Mit 16 bin ich schon das erste Mal ins Nationalarchiv nach Washington hinübergefahren und daraufhin jährlich«, sagt Beierl nicht ohne Stolz. Denn die Tätigkeit des Hobby-Historikers, der vor wenigen Tagen die wohl umfangreichste Darstellung des Obersalzbergs in Buchform vorlegt, fand nicht überall Anklang. Das Institut für Zeitgeschichte in München, das eine inzwischen sehr gut besuchte Dokumentationshalle auf dem Obersalzberg betreibt, nahm den jungen Berchtesgadener zunächst nicht ernst. Doch seit ZDF, ARD und das Nachrichtenmagazin »Der Spiegel« das ungeheure Wissen von Florian Beierl für ihre historischen Dokumentationen anzapften, seit aus den USA und England bedeutende Professoren kamen, um mit Hilfe von Beierl den Obersalzberg kennen zu lernen, konnten die Akademiker den »Nichtstudierten« nicht mehr ignorieren. Gelernt hat der aus dem Hotelfach kommende Beierl übrigens die Herstellung von Schnäpsen. Da sein Vater Chef einer traditionsreichen Enziandestille in Berchtesgaden ist, sollte er eines Tages in dessen Fußstapfen treten. Doch der Berg hat noch viele Geheimnisse und Florian Beierl will Geschichte studieren. Für den Enzian hat er noch keine Zeit.

FS



28/2004