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Jahrgang 2008 Nummer 51

Die Gedanken wandern an Hl. Abend

Besonders in der Weihnachtszeit erinnern wir uns gerne an die Kindheit

Dass der Hl. Abend lange Zeit noch ein richtiger Bauernfeiertag gewesen ist, an dem nur die allernötigsten Arbeiten getan worden sind, geht mir an diesem Morgen beim Aufstehen durch den Sinn, denn auch heute ist ja Heilig Abend.

Später, wie ich mit meinem Mann zusammen in der geräumigen Küche sitz, im Ofen die Holzscheiteln knistern und krachen, und für jeden ein großes Haferl Tee am Tisch steht, wird es langsam Tag draußen und langsam fängt es zu schneien an.

Kurz nach neun Uhr ist es, wie der Postbote vor dem Haus hält. Schnell gehe ich hinaus, nehme ein paar Briefe, die er für uns dabei hat und drücke ihm ein kleines »Christkindl« in die Hand. Wir wünschen uns frohe Weihnachten; er meint noch, dass es heute spät werden wird bei ihm und steigt wieder ins Auto. Wie ich mit den Weihnachtskarten in der Hand wieder die Haustüre hinter mir zumache, da muss ich auf einmal daran denken, wie früher einmal der Postbote immer mit dem Radl, vorne dran die große Posttasche »gstecktvoll«, unserem Haus »zuagschnauft« ist. Hinten auf dem großen Gepäckträger hat er, besonders vor Weihnachten, auch noch ein paar Packerl dabei gehabt, aber so vollgeladen er auch gewesen ist, für ein Packerl Guatel oder a kloans Stückerl »Gselchtes«, hat er allerweil noch Platz gefunden. Zwar hat er jedes Mal gejammert und geschimpft, besonders, wenn bei dem Schnee auf der Straße eh kaum mehr zu fahren gewesen ist, es auch noch zu schneien angefangen hat, aber gegen ein Stamperl »Christkindlschnaps« hat er nie etwas dagegen gehabt. Mit einem »Gelt’s Gott und guade Feiertag« ist er dann auf sein Radl gestiegen und hat fest »angetaucht«, damit er nicht auch noch im Neuschnee steckenbleibt.

Es ist schon seltsam, welche Gedanken mir heute schon seit dem Aufstehen in der Früh durch den Kopf gehen, denke ich bei mir und breite die Briefe auf dem Küchentisch aus. Auch von meinen Enkeln sind Weihnachtsgrüße dabei, über diese freue ich mich besonders.

Nun muss ich mich aber schicken, denke ich bei mir, dass ich mit dem Kochen fertig werde, denn um halb Zwölfe ist’s zum Essen, dann ist der Nachmittag recht lang. So trage ich schon bald nach dem Essen das kleine Bäumchen, das mein Mann schon vor etlichen Tagen aus unserem Holz heimgebracht hat, vorsichtig von der Tenne in die Küche und hole die alte Schachtel, in der alles drin ist, was ich zum Herrichten des Christbaumes brauche – Kugeln, ein Vogel, drei rote Glöckerl, Kerzen, Lametta – vom Kasten herunter. Aus dem Radio klingen leise, schöne Weihnachtslieder, wie ich langsam anfange, die altrosafarbenen und weinroten Kugeln an das Bäumchen zu hängen.

Es hat wieder ein bisserl zu schneien angefangen. Und während ich eine Weile sinnend den Flocken zuschaue, sind meine Gedanken unweigerlich wiederum dort angelangt, wo sie jedes Jahr an Heilig Abend lange verweilen. Es ist das einsame, verschneite Gehöft meiner Großeltern. Die Großmutter und die jüngste meiner Tanten haben es in der Kuchl draußen recht »gnädig« (eilig), damit für den Abend, wenn das Christkind kommt, auch alles fertig ist, und die Teller mit den Guateln für jeden müssen ja auch noch hergerichtet werden.

Drinnen in der heimeligen Stube aber, da setzt sich des kleine Dirndl ganz nah zu seinem Großvater aufs Kanapee, da hat sich dieser gerade seine lange Pfeife angezündet und schaut die kleine Lisbeth schmunzelnd an. Wie ich dortmals meinen Großvater immer wieder gefragt habe, ob bei dem vielen Schnee das Christkindl schon zu uns herfinden wird, da hat dieser jedes Mal aufs neue versichert, dass es ganz bestimmt in die Stube hereinkommt. Einmal, da hat er ein dickes Lesebuch, das einstmals meine Tanten in der Schule bekommen haben, hervorgeholt, hat es aufgeschlagen und zu mir gemeint, dass es der Martl in der Gschicht da auch nicht erwarten hat können, bis ‘s Christkindl kimmt – und der Großvater hat zum Vorlesen angefangen:

»Der Heilige Abend ist ein besonderer Tag, und drum haben alle Dienstboten schon von Mittag an nach dem Abfuttern Feiertag und ihre schönen Gwanda an. – Der Jagerloisl putzt seinen Zwilling und stopft sich fünf starke Schrotpatronen, die recht krachen. – Der Riedhofer-Martl ist ein Schraz von kaum fünf Jahrl. Einen Mordsbauschen Grumetheu hat er vors Stubenfenster nausghängt, der Esel vom Christkindlfuhrwerk braucht eine kleine Stärkung in dera Nacht. Dann soll auch das Christkindl ganz gwiss bei ihm einkehren. A Goaßl hat er sich gwunschen und die zwoa Rössa zu seim Bruckenwagerl darfs ja net vergessn. – Auf dem Tisch liegen nachat die Christkindl der Dienstboten: Lederpantöffl, Fetzn, Pfoada, Schürzelstoff – schön der Reih nach geordnet für den Oberknecht, an Mitterknecht, an Dienstbuam, die Dirn, die Mitterdirn und ‘s Hausdirndl. – Nach der Mettn dampft scho d’Mettnsuppen in der Stubn. – Der Jagerloisl schickt von der Waldhüttn aus noch einen Schuss übers Donibauernholz – dann ist’s stad in dieser Heiligen Nacht.«

Ganz andächtig habe ich dortmals meinem Großvater zugehört, derweilen es draußen schon ganz finster geworden ist und die Tanten längst bei der Stallarbeit gewesen sind. Wie ich nach dem Abendessen noch mitgegangen bin in den Stall, da hat auf einmal ein feines Glöckerl geläutet und der Großvater hat »sein Dirndl« an der Hand genommen und ist mit ihm in die Stube, hin zum Christbaum, der im Schein der Kerzen hell gestrahlt hat. – ‘s Christkindl is kema. – Da ist einmal eine Puppe unterm Baum gesessen - ein Armreif aus lauter bunten Herzen - eine Puppenküche - auch einmal ein Ringlein, das ganz bunt geglänzt hat! - Ein Tabaksbeutel - Schürzlstoff - Socken - Hausschuhe und ein breites Samtbandl für die Großmutter, ja das Christkindl hat an alle gedacht.

Diese Stunden und Tage gehören zu den glücklichsten in meinem Leben. Wie ich viel zu früh von den Großeltern und allem, was mir so lieb gewesen ist, Abschied nehmen musste, da ist es unter vielen kleinen, aber lieben Andenken, auch das alte Lesebuch gewesen, das ich damals mitgenommen habe. In den Jahren, die folgten, habe ich es gar oft aufgeschlagen und darin geblättert und wehmütig daran gedacht, wie vertraut und heimelig es doch auch auf unserem Einödhof gewesen ist damals.

Viele Jahre später weit über die Kinder- und Jugendzeit hinaus, ist es immer wieder die Seite mit dieser einfachen Erzählung gewesen, die ich am Heiligen Abend aufgeschlagen habe und dabei an die eigene frühe Kindheit gedacht habe. Auch an einem Hl. Abend ist es gewesen, wie ich mich entschlossen habe, all das niederzuschreiben, was schon so lange Vergangenheit ist, in meinen Erinnerungen jedoch umso deutlicher sichtbar geworden ist. Vielleicht wird ja diese so weit zurückliegende Zeit, doch noch für meine Enkel und Urenkel ein bisschen lebendig und wer weiß, vielleicht beneiden diese dann einmal ihre Ururgroßmutter und es wird vielleicht gerade an Weihnachten, auch für die Nachfahren die Vergangenheit ein bisschen lebendig. Ja, es kann sogar leicht sein, dass einmal ein kleines Dirndl, wenn ihm die Mutter ein Weihnachtsgschichtl von ihrer Urgroßmutter an Hl. Abend vorliest, sogar das verschneite, einsame Gehöft droben auf der Anhöhe sehen kann und das Dirndl, das dort in der alten, heimeligen Bauernstube, glücklich neben dem Großvater vor dem Christbaum steht, rückt vielleicht, wenn auch nur für kurze Zeit – diesem ganz nahe.

Elisabeth Mader



51/2008