Jahrgang 2009 Nummer 1

Die Freude mit alter Volkskunst

Heute wie vor über hundert Jahren: Wintermänner fürs Wunderkerzenzimmer

Räuchermänner, Holz, handbemalt, Erzgebirge, Ende 20. Jahrhundert

Räuchermänner, Holz, handbemalt, Erzgebirge, Ende 20. Jahrhundert
Schwibbogen mit Bergmännern unter Tage, Erzgebirge, 20./21. Jahrhundert

Schwibbogen mit Bergmännern unter Tage, Erzgebirge, 20./21. Jahrhundert
Nussknacker, Holz, handbemalt, bekleidet, Erzgebirge, Ende 19. Jahrhundert

Nussknacker, Holz, handbemalt, bekleidet, Erzgebirge, Ende 19. Jahrhundert
Im Schnee konnten sie kaum Spuren hinterlassen – Nikolaus, Weihnachtsmann, Krampus & Co. Denn Schnee fiel nicht oder nur gering, als sie, wie gewohnt, Anfang Dezember von Haus zu Haus stapften, um die Kinder zu beschenken oder zu beschimpfen – je nachdem. Doch an Wintermännern fehlt es nicht. Heute nicht wie damals, vor hundert und mehr Jahren. Da gab es sie schon, die spielzeugkleinen Leuchterengel, Taschenuhrhalter und Nachtwächter, die im Schein der Wunderkerzen, die noch lange am Christbaum brennen, so verführerisch lächeln. Pausbackige Kurrendesänger reißen die Münder zum »Hosianna« weit auf. Gestählte Bergmänner in weißen langen Hosen, schwarzen Jacketts und grünen Kappen marschierten daher und traten ebenso in größeren Formationen auf wie tapfere Soldaten. Kindern steckte man hölzerne bemalte Schneemänner zum Spielen in den roten Strumpf, der am Abend vor dem Nikolaustag an die Türklinke geknüpft wurde

Leuchtende Augen, gerührte Herzen

Ins Szenario passend: die drehbaren Pyramiden mit Flügelteller obenauf, aus Holz, Zinn oder Blech. Mindestens zwei, meist aber drei Stockwerke hoch türmen sie sich auf, Miniaturen, die in der großen Architektur keine Ebenbilder haben, höchstens an den Chinesischen Turm in Münchens Englischem Garten erinnern. Doch der ist nichts gegen ihre Farbigkeit und Verspieltheit, die Kinderaugen zum Leuchten bringt und Erwachsenenherzen rührt. Brennende Wachskerzen schickten ihre Wärme hoch und schoben mit geheimnisvoller Kraft die propellerartigen Flügelteller an, so dass sich das ganze reizende Kunstgebilde langsam in Bewegung setzte.

Hergestellt wurden die hübschen Spielsachen – eigentlich nicht für Kinderhände geschaffen, sondern zur Freude der ganzen Familie – im Thüringer Wald und vor allem im Erzgebirge mit Seiffen als Mittelpunkt des »Spielzeuglandes«. Gedrechselt, gesägt, gegipst, geschnitzt, bunt bemalt, glasiert, lackiert, mit Glimmer bestreut, mit getrockneten Pflanzenteilen bestückt, verrieten diese in stundenlanger Arbeit mit Hingabe, nicht zuletzt um eines noch so geringen (Zu)Verdienstes wegen verfertigten Schaustücke, die demonstrierten, wieviel Phantasie im Kopf eines Heimarbeiters steckte und welcher Engelsgeduld ein Weihnachtspyramidenbastler fähig war. »Geduldflaschen« gab es denn auch, noch in den 1930er Jahren, im Erzgebirge zu kaufen. Heute sind es Museumsstücke. In sie war die Drehspindel mit dem Flügelrad kunstvoll eingebaut. Bei den Bergleuten im westlichen Erzgebirge waren sie seit alters beliebt. Miniaturbergwerke wurden da »eingerichtet«, die sich per Kurbel in Bewegung setzen ließen.

Aus sächsischen Spielzeugschachteln

Darin tummelten sich Männlein. Wichtelmännchen vor allem, mit roten, steif und spitz in die Höhe stehenden Zipfelmützen, manche in typischer schwarz-weißer Arbeitskleidung. Auf das Weihnachtsfest wies oben auf dem Flügelrad ein putziger Weihnachtsmann. Er und seine Kumpanen aus den sächsischen Spielzeugschachteln waren profane Kerle. Nichts Heiliges, nichts Frommes hatten die an sich. Keine Hirten, die zur Krippe eilen. Keine Verkündigungsengel. Keine Weisen aus dem Morgenland mit Schimmel, Elefant und Kamel.

Die erzgebirglerischen Wintermänner hatten Saison, auch wenn Advent und Weihnachten längst vorüber waren. Sie standen – zusammen mit den Pyramiden, auch mit den sogenannten Schwibbögen, Spinnen oder Bergmannsleuchtern aus Schneeberg – noch lange in den Zwischenräumen der eisblumengezierten Doppelfenster, auf Anrichten und Festtagstafeln. Mechanische Miniaturbergwerke in Kästen, die halbe Stuben einnahmen, zogen Nachbarn und Freunde an, die sich an den mehr figürlichen beweglichen Schauobjekten hinter einer dicken Glasscheibe erfreuten.

Beim Nachmittagskaffee wurde das Räuchermännlein in Betrieb gesetzt. Das Oberteil der schon auch exotisch bemalten Holzfiguren – als Türken, Chinesen und Mohren – wird abgehoben, ein würzig riechendes Weihrauchhütchen auf den Metallteller gestellt und entzündet, das Oberteil wieder aufgesetzt – und aus dem Pfeife schmauchenden Männlein »raucht es« und duftet es fein. Schon vor 1800 waren im Westerzgebirge handgeformte Räucherkerzen aus einem Teig gefertigt worden, der aus gemahlener Holzkohle, Rotbuchenmehl und Kartoffelstärke bestand und mit aus der Natur gewonnenen Duftstoffen getränkt war. Von den damals zunehmend in Mode gekommenen Pfeifenrauchern schaute man sich die einfache Mechanik des hohl gedrehten Räuchermännleins ab. Um 1850 kam in der Seiffener Gegend das hölzerne Räuchermännlein auf – Abbild des gemütlichen, seinen wohl verdienten Feierabend genießenden Dorfbewohners.

Fußballer als Räuchermann

Dass sich heute neben die alten Räuchermänner-Motive (Handwerker, Händler, Waldarbeiter, Pilzsammler, Nachtwächter) zeitgerechte Figuren stellen lassen, durfte nicht ausbleiben. So gibt es, auch wenn Qualmen und Leistungssport sich nicht gut vertragen, den Fußballspieler als Räuchermann auf den Weihnachtsmärkten. Solche Männlein sind dann aber nicht mehr hand-, sondern maschinengefertigt. Und: Frauen gibt es in den allerseltensten Fällen. Das trifft für die Nussknacker erst recht zu. Oder hat es je eine Nussknackerin gegeben? Harte Nüsse zu knacken ist schließlich Männersache. (Auch wenn den Frauen weder scharfe Zähne noch ein robustes Gebiss abzusprechen sind…!)

»Nussbeißer« hießen die standhaften hölzernen Gesellen im Altbairischen. Da kamen sie aus Oberammergau, wenn nicht welche aus Südtirol eingeführt wurden. Um 1870 sah man sie dann auch schon in Seiffen. 1851 erschien »König Nussknacker und der arme Reinhold, ein Bilderbuch vom »Struwwelpeter«-Hoffmann. Der Arzt Heinrich Hoffmann aus Frankfurt am Main mochte sich für seine Buchillustration einen Seiffener Nussknacker zum Vorbild genommen haben. Von da ab war der »Nussknacker-König« bei den Seiffener Drechslern zu finden, neben Husar oder Bergmann, Gendarm oder Soldat, Jäger oder Oberförster – vielfach schwingt bei den hölzernen Nussbeißern auch ein wenig Kritik an der Oberschicht mit. Das Nüsseknacken besorgt heute längst keine hölzerne Figur mehr, sondern meist ein handliches Gerät aus Metall oder Holz, das man entweder zusammendrückt oder per Schraube bedient, um an den süßen Kern der Nuss zu gelangen.

Zwetschgnmanndl und »Väterchen Frost«

Aus Dörrpflaumen (»Zwetschgen«, österreichisch: »Zwetschken«) und getrockneten Holzbirnen (»Kletzen«) wurde – und wird heute noch – ein Männlein zusammengesteckt, das mehr oder weniger als lustige Figur dient. Oder, in Gestalt eines Kaminkehrers, Glück zum Neuen Jahr bringen soll. Den (in Bayern so genannten) »Zwetschgnmanndln« werden denn auch oft Glückssymbole beigegeben, Marienkäfer, Fliegenpilz, Ferkel, Hufeisen, Kleeblatt, eine Münze – im übrigen wieder rein profane Dinge, die sich vom weihnachtlichen Geschehen rund um die Krippe von Bethlehem weit entfernt haben. Sehen die aus getrockneten Pflaumen hergestellten Männlein schwarz aus, gibt es – als Gegenstücke – die meist aus gepresster Watte hergestellten Figuren des »Väterchens Frost«. Der pausbackige personifizierte Winter mit rot gefrorener Knollennase tritt als Vetter des Weihnachtsmanns auf – insbesondere dann, wenn er mit Rutenbesen und Geschenksäckchen daherkommt. »Väterchen Frost« mutet uns als Wohlhabenheit verheißender Bote aus fernen nördlichen Eis- und Schneegefilden an. Am liebsten würden wir ihn wieder dorthin schicken, wo er herkam. Auch wenn er noch so großväterlich Vertrauen erweckend dreinschaut. Lange bleiben er und seine Wintermänner-Freunde sowieso nicht auf dem Tapet. Zwischen Dreikönig und Lichtmess verschwinden sie wieder in Schachteln und Kästen, die auf den Speicher wandern. Bis es nächstes Jahr wieder soweit ist…

Hans Gärtner



1/2009