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Jahrgang 2016 Nummer 34

Die ewige »Schönheitskönigin von Schneizlreuth«

Ein Porträt der Münchner Volkssängerin Bally Prell

Die Volkssängerin Bally Prell – »Schönheitskönigin von Schneizlreuth«.
Bally Prell und Vater, 1954. (Repros: Marietta Heel).
Autogrammkarte.
Bild vom 50. Geburtstag, 1972.

»Bin ich vielleicht nicht schön, ha?« Diese Suggestivfrage hat die in ihren besten Zeiten fast zwei Zentner schwere Sängerin mit dem unverwechselbaren Münchner Tonfall in der Stimme in vielen Jahren unzählige Male an ihr Publikum gerichtet.

Bally Prell, eigentlich Agnes Pauline Prell, wurde am 14. September 1922 in München geboren, wo sie bis zu ihrem Tod im Jahr 1982 in der elterlichen Wohnung an der Leopoldstraße lebte. Ihre Kindheit wurde überschattet vom frühen Ableben ihres zwölf Jahre älteren Bruders Ferdinand, der – vom Vater protegiert – es bereits zum Kinderstar in der Volkssängerunterhaltung gebracht hatte. Er war es auch, dem die Sängerin den Namen »Bally« verdankte, als er bei der Rückkehr von Mutter und Tochter aus dem Krankenhaus befand (vermutlich wegen ihres kugelrunden Aussehens und aus übergroßer Zuneigung): »Des is mei Balli, des geb i nimma her!« Der Name passte und blieb, wurde zur Festlegung und Bestimmung. 1954 ließ sie »Bally Prell« offiziell als Künstlernamen eintragen.

Ihre Lebensumstände sind schnell erzählt: Sie lebte in engem Zusammenhalt mit ihren Eltern, wobei die Mutter völlig im Hintergrund blieb, heiratete nicht und pflegte auch keine nahen Bekanntschaften außerhalb des Familienkreises. Künstlerisch trat sie in die Fußstapfen ihres Bruders und wurde zur Botschafterin ihres Vaters, den sie immer nur »Vatl« nannte. Der Vater war das Zentralgestirn in ihrem Leben, für ihn hegte sie die größte Verehrung. Ludwig Prell, Gitarrenvirtuose und Mundartdichter, schrieb ihr zum 31. Geburtstag das Lied, mit dem sie 1953 am Münchner »Platzl«, dem Epizentrum bayerischer Volkssängerunterhaltung, debütierte und das fortan ihr Markenzeichen und größter Erfolg wurde: »Die Schönheitskönigin von Schneizlreuth« – eine groteske Parodie auf die in den 50er Jahren beliebten Miss-Wahlen im Gewand einer naiv-stolzen Landpomeranze.

»Die Bally, die singt überhaupt nur Sachen von mir«, sagte der Vater 1962 in einem Interview mit großer Selbstverständlichkeit. Sein langjähriger Mitmusiker, der Akkordeonist Georg Häusler, schrieb ihm 1956: »Nun lieber Ludwig, wünsche ich Dir und Deiner lieben Frau alles Gute und der Bally recht viel Erfolg. Es freut mich, dass Du endlich auch einmal Früchte ernten kannst aus deinem langen arbeitsreichen Schaffen.« Der Vater erntete mit dem Erfolg der Tochter Früchte seines Schaffens – deutlicher und präziser kann man diese Vater-Tochter-Beziehung kaum benennen.

Auch Bally Prell betonte immer wieder die Wichtigkeit des Komponisten Ludwig Prell für ihre erfolgreiche Laufbahn als Unterhaltungskünstlerin. Das spricht allerdings eher für eine Verklärung seiner Bedeutung als für die Realität. So standen bei Bally Prells ersten öffentlichen Auftritten mehr Operettenlieder, Schlager und Wiener Lieder als Werke ihres Vaters auf dem Programm. Nach dem durchschlagenden Erfolg der »Schönheitskönigin« aber, der nicht nur Bally, sondern vor allem dem Vater zugute gehalten wurde, wurde ein offizielles Bild angefertigt, das Bally Prells Erfolg auf das Schaffen ihres Vaters zurückführte, der auch ganz wohlgefällig zu erzählen wusste: »Ich hab schon gespannt, als Kind mit zwei Jahr, dass da was ganz Großes werden wird. Und ich habs derraten.«

Tatsächlich war Bally Prells Liederrepertoire umfangreich und vielschichtig, obwohl vieles dafür spricht, dass sie keine herkömmliche Gesangsausbildung genoss. Es enthielt neben Werken des Vaters Unterschiedliches aus der Populär-Musik ihrer Zeit, dazu Arien und Volkslieder sowie eigene Kompositionen. Das geht aus ihren Tonbandaufzeichnungen hervor, mit denen sie 1955 begann. Bei der Auswahl des Materials suchte sie sich fast ausnahmslos Stücke und Lieder mit männlichem Ich; offensichtlich pflegte sie eine starke Identität als Tenor, obwohl Tenor nicht unbedingt ihre Stimmlage war. Auch ihre bayerische Aussprache legte sie nie ab, was manchmal zu unfreiwillig komischen Effekten führte. Mit Ausnahme der Mitschnitte öffentlicher Veranstaltungen und der Studioaufnahmen des Bayerischen Rundfunks entstanden alle diese Aufnahmen in ihrer Wohnung an der Leopoldstraße – begleitet vom Sound der in regelmäßigen Abständen vorbeifahrenden Straßenbahn.

Eine Besonderheit in ihrem Werk stellen ihre Interpretationen der Queri-Lieder dar. Ludwig Prell vertonte 16 Lieder der »Weltlichen Gesänge des Egidius Pfanzelter. Bayerische Geschichten, Grobheiten und Lieder« von Georg Queri. Acht davon wurden 1963 mit Instrumentalbegleitung von Josef Amann und Ludwig Prell im Studio des Bayerischen Rundfunks aufgezeichnet. Es blieben die einzigen Einspielungen.

Erfolgreich war Bally Prell vor allem bei den in der Nachkriegszeit so beliebten bunten Abenden wie »Weißblaue Drehorgel« oder »Münchner Lachparade« mit ihrer Glanznummer »Schönheitskönigin«, dem München verklärenden »Isarmärchen«, gefolgt von der »St. Anna Vorstadt«, »Granada« oder Funiculi, Funicula«, wobei sie immer Teil eines Programms war, nie einen ganzen Abend allein bestritt. Über den Zeitpunkt ihres Auftritts hatte sie präzise Vorstellungen: Sie wollte die letzte Nummer vor der Pause sein, der Höhepunkt des ersten Teils, nicht am Ende als krönender Abschluss der Veranstaltung. Ihr gefiel das lange Warten nicht, und so fehlte sie meistens auch beim Schlussapplaus, wenn alle Künstler noch einmal gemeinsam auf der Bühne standen.

Ihre Kollegin Ruth Megary sagte dazu in einem Interview mit Andreas Koll: »Sie war privat sehr ernst und ganz zurückgezogen. Sie hat eine Sologarderobe für sich beansprucht und wollte nicht unter Kollegen sein. Sie hat eine private Chauffeurin gehabt und ist sofort nach ihrem Programm wieder verschwunden. Auf irgendwelche Gespräche oder sonst was hat sie keinen Wert gelegt, das wollte sie nicht. Das war aber keine Unfreundlichkeit, sie war sehr freundlich, aber distanziert. Sie war ja schwer zuckerkrank, schwer. Ich denk, das hatte viel mit ihrer Krankheit zu tun. Sie musste sich immer spritzen, deshalb hat sie auch eine eigene Garderobe verlangt. Aber privat hatte sie keinen Kontakt zum Kollegenkreis.«

Auf Neuerungen reagierte sie ablehnend und heftig. Als in München die Olympiade beschlossene Sache war, griff sie zur Feder und schrieb zum ersten Mal selbst ein Lied: »Die Moritat von der Olympia«, in dem sie sich über die damit verbundenen Veränderungen empörte, vor allem über den Bau der U-Bahn. So dokumentierte sie mit ihrer Schmalfilmkamera die gesamte Bauzeit und fertigte daraus einen 20-minütigen Film an: »U-Bahn-Bau von A bis Z«, ein einzigartiges Dokument persönlichen Ärgers, das gleichzeitig einen hervorragenden Einblick in die enormen städtebaulichen Veränderungen an der Münchner Freiheit gibt.

Obwohl sie selbst in Berlin Erfolge feiern konnte, beließ es Bally Prell bei ihren Erfolgsnummern. Zwischen 1953 und 1981 erschien sie stets mit demselben Repertoire auf der Bühne, immer im gleichen Kostüm, nie schlich sich eine Veränderung ein, selbst die scherzhaften Worte zwischen ihren Vorträgen waren immer ähnlich: »Herr Kapellmeister, darf ich bitten, eine Weise voraus!« oder »Darf ich um Applaus bitten! Danke, das genügt, la rrresto fürr herrnach!«

Dies trug sicher auch dazu bei, dass sich ihre Karriere in Funk und Fernsehen nicht fortsetzte, obwohl es durchaus Versuche gab, sie zu etwas anderem als zu ihrem Auftritt als »Schönheitskönigin« zu bewegen. So wirkte sie in Joe Stöckls Film »Zwei Bayern im Harem« mit und Emil Vierlinger holte sie häufig zu seinen Sendungen in den Bayerischen Rundfunk. Aber wirklich Neues fing sie nicht an, zumindest nicht in der Öffentlichkeit. Ihr geliebtes Liedrepertoire pflegte sie ausschließlich zu Hause. Öffentlich verkörperte sie immer nur die eine – vom Vater geschaffene – Figur. Ihre Eigenart war so in fataler Weise an die vom Vater dominierte Familie gebunden. Trotz ihrer großen Begabung, trotz des großen Erfolgs ergriff sie niemals wirklich eine Chance, künstlerisch eigene Wege zu gehen.

Nach dem Tod des Vaters 1965 und der Mutter 1970 fand sie in Hedwig Gösswein eine Freundin und Lebensgefährtin. Diese begleitete sie von nun an als Chauffeurin zu allen Auftritten. Am 20. März 1982 verstarb die Künstlerin an den Folgen einer Operation in München. Sie liegt auf dem Münchner Nordfriedhof begraben (Grab Nr. 2-3-5). Im Münchner Stadtmuseum werden zu ihrem Andenken ihr bekanntes Bühnenkostüm, bestehend aus einem blumigen Rüschenkleid, dem Sonnenschirm, den Halbhandschuhen, dem gezackten Krönchen und der weiß-blauen Schärpe mit dem Aufdruck »Miss Schneizlreuth« im Original aufbewahrt. Vor dem Haus an der Leopoldstraße wurde ein von Wolfgang Sand 1992 entworfener Brunnen aufgestellt. Darüber hinaus beschloss der Münchner Stadtrat am 14. Juni 2007, in einem Neubaugebiet im Stadtteil Lochhausen eine Straße nach ihr zu benennen. Einen guten Einblick in ihr vielfältiges Schaffen vermitteln die CDs »Die Schönheitskönigin von Schneizlreuth« und »Isarmärchen« (Bogner Records) und die Doppel CD »Bally Prell. Aufnahmen 1955 - 1973 (Tricont Verlag).


Wolfgang Schweiger


Quellen:
Booklet zur CD »Bally Prell. Aufnahmen 1955 - 1973«, erschienen im Tricont Verlag. Andreas Koll »Volkskünstlerinnen«. Heike Frey/Cornelie Müller »Wer versteht was von Gemütlichkeit. Die Münchner Vortragskünstlerin Bally Prell«. Fotos mit freundlicher Genehmigung des Trikont-Verlages München.

 

34/2016