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Jahrgang 2004 Nummer 19

Die ersten Juweliere gab es vor 75000 Jahren

Südafrika schmückt sich mit dem vermutlich ältesten Schmuck

Sechs durchbohrte Muscheln der Art Nassarius kraussianus, die in der Blombos-Höhle in der Nähe des Ortes Stillbai, Südafrika, ge

Sechs durchbohrte Muscheln der Art Nassarius kraussianus, die in der Blombos-Höhle in der Nähe des Ortes Stillbai, Südafrika, gefunden wurden. Insgesamt 41 dieser Muscheln, die vermutlich einst zu einer Kette aufgereiht waren, förderte ein Forscherteam um Professor Christopher Henshilwood vom Zentrum für Entwicklungsstudien an der norwegischen Universität Bergen ans Licht. Das besondere ist die Datierung, denn mit 75 000 Jahren ist der Muschelschatz rund 30 000 Jahre älter als die in Kenia, der Türkei und Bulgarien gefundenen Schmuckstücke, die als bisher älteste der Welt galten.
Vor mehr als 75 000 Jahren schlug in einer südafrikanischen Höhle die Geburtsstunde für künftige Generationen von Juwelieren und Schmuckherstellern. Das zumindest glaubt ein Forscherteam um Professor Christopher Henshilwood vom Zentrum für Entwicklungsstudien an der norwegischen Universität Bergen. Es förderte in der Blombos-Höhle nahe dem Ort Stillbai 41 durchbohrte Schneckenhäuser hervor, die es als Teile einer Kette identifizierte. Ihre Datierung erstaunte die Fachwelt: Mit 75 000 Jahren ist der Schatz rund 30 000 Jahre älter als in Kenia, der Türkei und Bulgarien gefundene Pretiosen, die bisher den Anspruch auf den Superlativ der ältesten Schmuckstücke der Welt für sich erhoben.

Die archäologische Sensation präsentieren sie in der jüngsten Ausgabe des US-Wissenschaftsjournals »Science« (Bd. 304, S. 404), in dem sie auch die Forderung nach weiterer Erforschung der Entwicklungsschritte im menschlichen Verhalten erheben. »Die Schalenperlen aus der Blombos-Höhle stellen den absoluten Beweis für die möglicherweise früheste Informationsspeicherung außerhalb des menschlichen Gehirns dar«, ist sich Heshilwood gewiss. Die erbsengroßen Tiere (Nassarius kraussianus) sind alle gleich groß und gehören zur Gattung der Netzreusenschnecken. Da sie nur in Flussmündungen existieren, dürften sie aus einem der etwa 20 Kilometer entfernten Flüsse stammen. Die Forscher sehen den Fund nicht nur als Beleg für menschliche Kreativität und ästhetisches Gespür, sondern auch für die sprachlichen Fähigkeiten unserer Ahnen.

»Als unsere Vorfahren symbolisch vermitteltes Verhalten angenommen hatten bedeutete das, dass sich die Kommunikationsstrategien schnell wandelten und zur Übermittlung individueller und weit verbreiteter kultureller Werte führten«, meint Henshilwood. Er und seine Kollegen hatten in der Höhle schon zuvor neben aus Knochen geschnitzten Werkzeugen zwei Steine mit geritztem Dekor entdeckt, die als älteste Kunstwerke der Welt gelten. Daneben lagen tausende Ocker-Stückchen, die vermutlich von einer 30 Kilometer entfernten Fundstätte stammten. Sie wurden nach Annahme der Wissenschaftler von den Künstlern für Rituale oder Zeremonien in die Höhle gebracht.

Spuren der Farbe wurden auch auf der Innenseite der Schneckenhäuser entdeckt. Ocker ist ein Tongemisch, das auch heute noch wegen seiner Assoziation mit Blut und Leben von vielen Urvölkern als Schmuck für Körper, Kleider oder Kunstwerke benutzt wird. Die Funde legen den Schluss nahe, dass sich das Kunstempfinden und das moderne Verhalten des Menschen sehr viel früher entwickelt hat als bislang bekannt. Wissenschaftler vom Kap vertreten ohnehin seit langem die Ansicht, dass auf ihrem Grund und Boden modernes menschliches Verhalten begann, als die Neandertaler noch Europa durchstreiften und die ersten Homo sapiens von Afrika nach Europa wanderten.

REK



19/2004