Jahrgang 2001 Nummer 6

Die Entwicklung unserer Schrift

Die älteste Form der Schrift dürfte die Bilder- und Zeichenschrift sein

In den Chiemgau-Blättern Nummer 2, vom Samstag den 13. Januar 2001, wird auf die alte deutsche Druckschrift hingewiesen. Die jüngeren Leute bekommen da schon einige Schwierigkeiten mit dieser Schrift. Erheblich mehr aber mit der alten deutschen Schreibschrift, die heute nur noch von wenigen alten Leuten geschrieben wird. Auch der Schreiber dieses kannte in den ersten Jahren des Besuches der Volksschule nur die heute sogenannte »Alte deutsche Schrift«. Mit Beginn des vierten Schuljahres kam zusätzlich das Fach Lateinschrift hinzu, um diese Buchstaben schreiben und lesen zu lernen. Mitten im Schuljahr 1941 hieß es plötzlich, ab jetzt wird nur noch die »Deutsche Normalschrift« geschrieben. Diese war nicht anders als die lateinischen Buchstaben, doch in der Nazizeit war das Latein, was auch die Sprache der katholischen Kirche war, verpönt. Diese abrupte Umstellung brachte erhebliche Schwierigkeiten mit sich. Besonders bei jenen Schülern der ersten Klassen, die mit den lateinischen Buchstaben noch nicht in Berührung gekommen waren.

Die älteste Form der Schrift dürfte die Bilder- und Zeichenschrift sein, wie sie bei Entdeckungen von Höhlen und Gräbern vorkommen. Auch die Hieroglyphen der alten Ägypter ist eine Bilder- und Zeichenschrift, sowie jene der Chinesen, Japaner und anderen. Die Uranfänge unserer Schrift sind im phönikischen (Phönizien) Alphabet zu suchen. Dieses wurde, mit Veränderungen von den semitischen Völkern (aramäisch, syrisch, häbräisch, arabisch) übernommen. Auch das griechische und altrömische Alphabet dürfte eine Weiterentwicklung des phönikischen sein. Die Germanen hatten ihre Runen Alphabet, das möglicherweise auch aus dem Vorherigen stammt.

Die in den Chiemgau-Blättern Nummer 2 abgebildete Dürer-Fraktur weicht nicht nur von der heutigen Schrift ab, sondern auch von der Rechtschreibung und Satzstellung. Dieser Druck geht auf Gutenberg zurück, um 1396 bis 1468, dem Erfinder der Buchdruckkunst mit beweglichen Lettern. Seine Erfindung, eine mechanische Vervielfältigung zum Drucken verwendbarer beweglichen Buchstaben, leitete eine neue Epoche der Buchdruckerkunst ein. Besonders bekannt von ihm ist die 42zeilige lateinische Bibel vom Jahre 1455. Die Gutenbergschrift war die Grundlage der Druckformen in den folgenden Jahrhunderten.

Im Mittelalter, wo es keine Drucke gab, waren es hauptsächlich die Klöster die Bücher per Hand schrieben. Manche Schreibschulen in Klöstern waren berühmt dafür. Solche Bücher hatten einen hohen Stellenwert und Preis. Nur wenige, meist der hohe Adel, konnte damals ein Buch erstehen oder in Auftrag geben. Manchmal entstanden dabei direkte Prachtwerke, wie das Evangelar des Welfenherzog (von Bayern und Sachsen) Heinrich der Löwe, gestorben 1195. Er ließ es, um 1173, im Kloster Helmarshausen (an der Diemel/Nordhessen) anfertigen. 1983 wurde es in London, als teuerstes Buch der Welt, um 32,5 Millionen Mark versteigert. Die sogenannte alte deutsche Schrift, auch als gotische Schrift bezeichnet, hat mit dem Volk der Goten nichts zu tun. Sie ist auch keine deutsche, sondern gelangte in allen Ländern der Lateinschrift zur Herrschaft, die unter dem Einfluß des gotischen Kunststils standen. Diese eckige und verschnörkelte Schrift im 14. und 15. Jahrhundert, behauptete sich auf Dauer nur in Deutschland wo sie angeblich als Nationalschrift der Deutschen galt.

Alte Aufzeichnungen sind ab dem 14. Jahrhundert immer mehr in deutscher Sprache und Schrift gemacht worden. Nur die Kirche selbst blieb beim Latein in Sprache und Schrift. In den katholischen Pfarreien sind die Aufzeichnung in den Matrikelbüchern (Taufen, Heiraten, Sterben) bis um 1800 in Latein gehalten. Alte deutsche Handschriften aus den vergangenen Jahrhunderten können selbst alte Leute, die ihr ganzes Leben mit der deutschen Handschrift zubrachten, kaum oder nicht entziffern. Obwohl dies damals meist berufsmäßige Schreiber waren ist zu berücksichtigen, daß jeder seine eigene Schreibweise hatte und mehr oder weniger schön schrieb. Das normale Volk dürfte, außer Ausnahmen, damals weder lesen und schreiben haben können. Als Grundlage zur Einführung der Schulpflicht in Bayern gilt die Verordnung vom 23. Dezember 1802. Es dürfte aber noch einige Jahrzehnte gedauert haben, bis der Großteil der Bewölkerung des Lesens und Schreibens mächtig war.

Siegfried Moll

Hinweis: Siehe auch den Beitrag in den Chiemgau-Blättern Nr. 2 / 2001





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