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Jahrgang 2004 Nummer 49

Die ehrwürdige Gestalt im Bischofsornat

Um den Nikolaus ranken sich viele Legenden – Schutzpatron und Wundertäter – Überall kennt man ihn anders

Der Nikolaus als gütiger Gabenbringer mit und ohne Gefolge ist fast auf der ganzen Welt bekannt. Er mag zwar in Indien und Afrika ein wenig anders aussehen, er gilt aber überall dort, wo Christen zu finden sind, als einer der bekanntesten Heiligen der römischen und griechischen Kirche.

Die Gestalt des Gabenbringers Nikolaus geht eigentlich auf zwei historische Persönlichkeiten zurück: einen Bischof Nikolaus, der um 350 in Myra in Kleinasien lebte, und einen Abt Nikoluas von Sion, Bischof von Patara, der im 6. Jahrhundert in Myra ein Kloster gründete.

Die Legenden und Wundertaten der beiden sind so miteinander verwoben, dass man sie als eine einzige Heiligengestalt ansieht, Myra ist längst meterhoch verschüttet und unter anderem Namen in der heutigen Türkei neu besiedelt worden.

Die Verehrung, die Nikolaus überall genoss, führte dazu, dass ihm geopfert wurde, dass er einst der Gabenempfänger war. Seine Güte kehrte sich, nach alter Überlieferung, in Verzicht; er war sehr anspurchslos und verschenkte all das wieder, was ihm überreicht wurde und was er besass. Anfangs waren das goldene Kugeln, heute erinnern noch vergoldete Nüsse daran.

Ihm zu Ehren wurden Altäre errichtet und Kirchen (wieviele Nikolauskirchen gibt es doch!) gebaut, Denkmäler, Brücken und Plätze gestaltet. Aus dem gütigen Bischof in Kleinasien wurde der Schutzpatron vieler Berufe, der Seeleute, Apotheker, Bäcker, Kaufleute, Tuchmacher und nicht zuletzt der Schüler und Kinder allgemein, die seinen Ehrentag am 6. Dezember feiern.

Die wenigen geschichtlichen Überlieferungen aus seinem Leben boten übrigens für die phantasiereiche Ausschmückung seiner Wundertaten breiten Spielraum. Die schönste und zugleich bedeutendste Erzählung berichtet von der Ausstattung der drei verarmten Jungfrauen. Ein vornehmer Mann, der alle seine Mittel verloren hatte, wollte seine drei Töchter verkaufen und der Schande preisgeben. Als der junge und reiche Nikolaus davon hörte, beschloss er, die Mädchen zu retten. Nächtlicherweile warf er dreimal einen Klumpen Gold in die Schlafkammer der Jungfrauen und machte es so dem Vater durch die großzügige Gabe dieses Heiratsgutes möglich, die Jungfrauen rechtmäßig zu verehelichen. Das Motiv des Schenkens ist hier von entscheidender Bedeutung. In Kanada kommt der Nikolaus schon um die Mitte des Novembers im Rentierschlitten über die weiten Schneeflächen vom hohen Norden hergefahren. Er heißt je nach dem Sprachgebiet »Santa Claus« oder »Père Noël«. Statt der guten alten Lodenpelerine trägt er ein leuchtend rotes Gewand mit weißer Pelzverbrämung, hohe Stiefel und eine rote Mütze. Sein freundliches Gesicht ist über dem weißen Bart meist etwas rot angelaufen, als ob er sich soeben mit einem guten Tropfen gewärmt hätte.

Am letzten Donnerstag im November beginnt in den Vereinigten Staaten die »Christmas-Season«, die bis Neujahr dauert. Überall in den großen Warenhäusern steht von diesem Zeitpunkt ab »Santa Claus« persönlich allen Kindern zur Verfügung und nimmt ihre Wünsche entgegen. Da sich der Ärmste in den größeren Städten des Anstrums von allen Seiten her oft kaum mehr erwehren kann, stehen ihm dort allerlei Hilfsmittel wie Fernsehapparate und Mobiltelefone zur Verfügung, mit denen er die Wünsche von Klein und Groß aufnehmen und weiterleiten kann.

Unmöglich, dass der wundertätige Bischof, der von so weit herkam, überall gleichzeitig sein konnte. Daher fand er Stellvertreter und »Nachfolger« auf der ganzen Welt, die ins Bischofsornat schlüpften, eine »weite Reise« vom Himmel, über Dächer oder durch Kamine antreten, um mit ihren Helfern Arme und Kinder zu beschenken.

Und wenn der heilige Nikolaus in früheren Zeiten die Kinder besuchte, so kam er in Begleitung von Poltergeistern und anderen finsteren Gesellen, wobei diese lärmenden Kumpane an den vorchristlichen Dämonenglauben erinnern. Überhaupt ist die Begleitung des Heiligen je nach Landstrich eine andere.

In Österreich heißt der Geselle Krampus, in den Niederlanden kommt der Nikolaus im November zu Schiff im Hafen an in Begleitung eines Mohren, in der Schweiz hat der Samichlaus mehrere Kläuse dabei, woanders sind es Pelzmärtel, Dämonen, Drachen, Hexen, Gespenster und Gestalten, die Waldschraten ähneln. In Spanien und Italien ist es die »gute Fee Befana«, die dem Nikolaus assistiert, und auch Frau Holle ist in manchen Gegenden als »Nikolausfrau« bekannt.

Aus altem Aberglauben heraus, dass nur das beständig ist, was man immer sehen und festhalten kann, gibt es unzählige Darstellungen des Nikolaus. So wurde die abendländische Kunst vom Nikolauskult grosßartig befruchtet: denken wir nur in Italien an de Luca in Neapel, Botticelli in Rom, Andrea del Sarto in Florenz und an Tizian (Altarbild in S. Sebastiano in Venedig).

Am wohl schönsten für Kinder aber sind die aus Teig, Lebkuchen und Schokolade nachgebildeten Nikolaus-Gestalten, und in den Gebäcken Spekulatius, Weckmann und Pfefferkuchen wird der Heilige auch heute noch leibhaftig und gegenwärtig.

FL



49/2004