Jahrgang 2010 Nummer 1

Die deutsche Schrift – nur wenige können sie noch lesen

Joh. Neudörfer d. Ä. war bei der Einführung als Druck- und Schreibschrift entscheidend beteiligt

Alphabet in Fraktur und Schreibschrift um 19OO

Alphabet in Fraktur und Schreibschrift um 19OO
Glückwunsch zum ersten Schulgang 1927 – natürlich in deutscher Schrift.

Glückwunsch zum ersten Schulgang 1927 – natürlich in deutscher Schrift.
Richtformen der deutschen Schrift für Schulen in der ehemaligen Bundesrepublik aus den 60er Jahren.

Richtformen der deutschen Schrift für Schulen in der ehemaligen Bundesrepublik aus den 60er Jahren.
Die Abbildungen auf alten Ansichtskarten können uns noch genau sagen, wohin unsere Vorfahren in die Sommerfrische gefahren sind: in den Schwarzwald, nach Berchtesgaden, in den Harz, ins Riesengebirge oder an die See. Was sie den Daheimgebliebenen mitgeteilt haben, dürfte den meisten unserer Zeitgenossen aber verborgen bleiben, weil sie die, noch in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts übliche, deutsche Schrift nicht mehr lesen können.

Nicht jeder wird sich für alte Schriftstücke interessieren. Wer aber in alten Tagebüchern lesen, Familienforschung betreiben oder aus dem von einer längst verstorbenen Verwandten zusammengestellten Kochbuch Anregungen entnehmen will, der kommt nicht umhin, sich mit der alten deutschen Schrift zu beschäftigen, in der im deutschen Sprachraum seit Jahrhunderten der größte Teil der handschriftlichen Aufzeichnungen abgefasst ist. Fast alle bedeutenden Persönlichkeiten haben ihre Werke in deutscher Schrift geschrieben. Insofern ist sie auch ein Stück unserer Kultur und Kulturgeschichte.

Im Gegensatz zu der heute als Druck- und Schreibschrift üblichen lateinischen Schrift ist die deutsche Schrift gotischen Ursprungs. Gemäß dem Stil der Gotik wurden die in den Büchern gemalten und geschriebenen Buchstaben schmaler und in die Höhe gestreckt. Dadurch ergab sich eine deutliche Betonung der Vertikale. Von besonderer Bedeutung für das Schriftbild war es, dass die alten romanischen Rundbogen (z.B. beim o,c,e ) gebrochen und dadurch eckig wurden. Aus dieser Brechung der runden Elemente ist auch der Name »Fraktur« (lat. Bruch) abzuleiten, der letztlich für alle »gebrochenen« Schriften gilt. Als nach Gutenbergs Erfindung gedruckt werden konnte, wurden die bisher mit der Hand geschriebenen Buchstaben als Drucktypen geschnitten und beim Druck weiterverwendet.

Die frühesten Formen der »Fraktur« im eigentlichen Sinne sind die bibliophilen Prachtausgaben Kaiser Maximilians I., die er durch seinen Hofbuchdrucker herausgeben ließ. An der praktischen Einführung als Druck- und Schreibschrift war der berühmteste Schreibmeister seiner Zeit, der Nürnberger Johann Neudörfer d. Ä. (1497-1563), entscheidend beteiligt. Er hat für die Schrift jene Form gefunden, die als besonders vollkommen galt und sich deshalb durchsetzte. So wurde sie auch für den Druck der theoretischen Schriften Albrecht Dürers verwendet. Neudörfer war es auch, der den Grund zur deutschen Schreibschrift legte, indem er die Buchstaben seiner Fraktur vereinfachte und verband. Schon sehr bald wurde diese zügig geschriebene Schrift als »Kurrentschrift« (lat. currens »laufend«) bezeichnet.

So fand die Fraktur, für die sich im Laufe der Zeit natürlich zahlreiche Varianten herausbildeten, ab dem 16. Jahrhundert in Europa weiteste Verbreitung. Zur gleichen Zeit verbreitete sich von Oberitalien aus die Schrift der italienischen Renaissance, die Antiqua, die »lateinische« Schrift, die zunächst vor allem die Schrift der Wissenschaft und der Gelehrten wurde. Im Laufe der Zeit wurden die gotischen Schriften zunächst in Süd- und Westeuropa von der Antiqua verdrängt. In Mittel- und Osteuropa sowie in Skandinavien hielten sie sich bis ins 19., im deutschen Sprachraum bis ins 2O. Jahrhundert. So wurden in Deutschland, in Österreich und in der Schweiz 1928 noch 57 Prozent der deutschsprachigen Bücher in Fraktur gedruckt. Für den Gebrauch der deutschen Schreibschrift dürfte die Prozentzahl deutlich höher gelegen haben, da in den Schulen in der Regel diese Schrift gelehrt wurde.

Um einem allgemeinen Verfall der Schreibschrift entgegenzuwirken, gab es Ende des 19. Jahrhunderts verschiedene Versuche, den Schreibunterricht neu zu gestalten und normierte Schriftformen einzuführen. Hier ist vor allem der Graphiker Ludwig Sütterlin (1865-1917) zu nennen, der fälschlicherweise gern für den Schöpfer der deutschen Schrift gehalten wird. Er war aber nur ein Schreibreformer, allerdings der bekannteste, dessen Buchstabensatz 1924 an den preußischen Schulen eingeführt und später auch von den meisten anderen deutschen Ländern übernommen wurde. Da seine Buchstaben alle senkrecht stehen und nahezu geometrisch aus Geraden und Kreisformen zusammengesetzt sind, wirkt seine Schrift etwas steif und ungelenk. Der Vorwurf ist aber zu relativieren, da er seine Buchstabenformen nur als Lernschrift für Schulanfänger sah, aus der sich dann eine eigene Handschrift, auch im Hinblick auf die Schreibrichtung, entwickeln sollte.

Das Ende der deutschen Schrift als Schreibschrift und als Frakturdruckschrift trat am 3. Januar 1941 durch einen Erlass der Reichsleitung der NSDAP ein. Darin wurde mitgeteilt, dass es falsch sei, die sogenannte gotische Schrift als eine deutsche anzusehen und sie so zu bezeichnen. Mitten im Krieg wurden so die alten Buchstabentypen auf allen Anwendungsgebieten durch die Antiqua ersetzt, die nach Anordnung der Regierenden dann »Normal-Schrift« hieß. Auch in den Schulen musste die neue Schrift umgehend eingeführt werden. Nach anfänglich positiver Bewertung der deutschen Schrift durch die Nationalsozialisten hatte sich also ein Gesinnungswandel eingestellt. Dieser könnte darauf beruht haben, dass die gotische Schrift von fremdsprachigen Lesern nicht oder nur schwer gelesen werden konnte, was der Verbreitung der nationalsozialistischen Herrschaftsideologie natürlich nicht dienlich war.

In den ersten Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Schüler vielerorts durch Lese- und Schreibübungen mit der deutschen Schrift bekannt gemacht. Inzwischen spielt sie in den Lehrplänen längst keine Rolle mehr. Auch Frakturdrucke sind, abgesehen von einigen Zeitungstiteln, Werbezeilen oder Sonderdrucken, nicht mehr üblich. Zwangsläufig ist dadurch die Zahl derer, die mit der deutschen Schrift umgehen können, kontinuierlich zurückgegangen.

Wer sich für das Thema interessiert, findet auf dem Büchermarkt und im Internet entsprechende Informationen und Lernprogramme.

Hans Feist



01/2010