Jahrgang 2009 Nummer 13

Die Darstellung der Leidensgeschichte in Altötting

Das Panorama ist das einzige im Original erhaltene mit religiöser Thematik in Europa

Mittelteil des Panoramas mit der Kreuzigungsgruppe

Mittelteil des Panoramas mit der Kreuzigungsgruppe
Von Golgatha heimreitende Pharisäer

Von Golgatha heimreitende Pharisäer
Zu allen Zeiten wollten sich Christen in das Leiden und Sterben Jesu Christi vertiefen. Die Leidensgeschichte hat immer wieder Menschen zu mannigfaltigen Darstellungen inspiriert, zu Bildern, Figuren und Fastenkrippen in Kirchen und Kapellen. In der Volkskunst entstanden Bildstöcke, Kreuze und Kreuzwegstationen an Wegen und auf Berggipfeln. Im späten Mittelalter inspirierte der Kreuzweg Christi große Künstler zu Meisterwerken, denken wir nur an Matthias Grünewald, dessen berühmten Isenheimer Altar wir im Unterlinden Museum in Colmar bewundern. Wie kein anderer stellte er den leidenden Heiland in seinem Ringen mit dem Tod dar.

Aus dem Bemühen, den Kreuzestod sinnlich erfahrbar zu machen, entstanden in der Barockzeit an vielen Orten im Alpenraum Passionsspiele, eine Tradition, die bis heute zum Beispiel in Oberammergau und Erl in Tirol lebendig ist. Die gleiche Wurzel hatten Karfreitagsprozessionen in der Zeit der Gegenreformation, zum Beispiel in Steingaden und Vilgertshofen. In Ochsenfurt und Lohr am Main wird die Tradition der Leidensumzüge bis heute gepflegt.

Betrachter mitten im Geschehen

In der vielhundertjährigen Tradition der Veranschaulichung des Leidens und Sterbens Christi ist auch das Jerusalem-Panorama in Altötting zu sehen, das 1902 in dem größten bayerischen Wallfahrtsort entstand.

»Panorama« ist ein griechisches Kunstwort und bedeutet so viel wie »allumfassender Rundblick«. Das Altöttinger Panorama ist ein überdimensionales Gemälde, das einen eigenen Zentralbau erfordert und den Betrachter in einen imaginären Bildraum versetzt, der in dieser Form einzigartig ist. Das Panorama will dem Betrachter den Eindruck vermitteln, dass er sich inmitten des Geschehens befindet. Dazu tragen ein kompliziertes Beleuchtungssystem und bühnenbildartiges Gelände vor dem eigentlichen Gemälde bei.

Das Panorama Kreuzigung Christi wurde 1903 in Altötting eröffnet, geschaffen von dem Maler Gebhard Fugel (1863-1939) in einjähriger Arbeit. Unterstützt wurde er dabei von den Malern Josef Krieger und Karl Hubert Forsch. Damit das Panorama entstehen konnte, musste eine eigenes Panoramagebäude errichtet werden. Die Pläne entwickelte der Münchner Architekt Georg Völkl. Die künstlerische Gesamtleitung hatte Gebhard Fugel, der auch den figürlichen Teil des Panoramas ausführte.

Um dem Betrachter den Eindruck zu vermitteln, dass er mitten in dem Geschehen steht, waren die Künstler um eine möglichst realistische Rekonstruktion der Stadt Jerusalem bemüht. So sollte das Panorama zu einem Ort der Besinnung und Andacht werden. Gerade hierin unterscheidet sich das Altöttinger Panorama von anderen Projekten seiner Zeit, die nur Vergnügungszwecken dienten.

Im Altöttinger Panorama werden dem Besucher, der erhöht auf die Heilige Stadt schaut, die Einzelheiten des Gemäldes über Lautsprecher erklärt, unterstützt von Blick begleitenden Lichtpunkten. Der Betrachter fühlt sich so in eine virtuelle Zeitreise in das Palästina vor 2000 Jahren versetzt. Man schreibt den 7. April des Jahres 30, ein Freitag. Um drei Uhr nachmittags stirbt Jesus am Kreuz: »Die Sonne verdunkelte sich. Der Vorhang im Tempel riss mitten entzwei.« (Lukas).

Szenen der Kreuzigung

Der Blick des Betrachters richtet sich zunächst auf das sakrale Zentrum der jüdischen Welt, den Tempelbezirk. Die Fassade des Tempels wendet sich gegen Osten dem Ölberg zu. Flankiert wird die Tempelstadt im Norden von der Burg Antonia, die der römischen Provinzregierung als Kaserne diente. Östlich der Tempelstadt erhebt sich der Ölberg mit dem Garten Gethsemani, wohin sich Jesus nach dem letzten Mahl zurückzog, bevor er von Soldaten des Hohen Rates unter Führung von Judas gefangen genommen wurde.

Man blickt hinüber auf die Oberstadt, wo sich drei wichtige Stationen auf Jesu Leidensweg befinden: das Haus des Letzten Abendmahles, die Versammlungsstätte des Hohen Rates und die Sionsburg, in der Pilatus sein Richteramt ausübte.

Der Blick geht dann über die Burgmauern hinweg, weit hinaus ins Land und auf die Straße nach Bethlehem. Palästina ist kein flaches Land. Höhenzüge säumen rings den Panorama-Horizont.

Vom Garten der Villa des Joseph von Arimathäa verfolgen die Jünger Jesu die Hinrichtung auf Golgatha. Sie haben sich verängstigt hierher zurückgezogen. Nur Johannes steht mit Maria unterm Kreuz. Im Hügel erscheint das Felsengrab, vor dem Petrus voll Reue kniet. Hier wurde Jesus bestattet, hier war seine Auferstehung.

Den Höhepunkt der dreidimensionalen Darstellung bildet die Kreuzigung. Jesus erduldet zwischen den beiden mit ihm gekreuzigten Übeltätern den Kreuzestod. Am Fuß des Kreuzes bricht Maria Magdalena zusammen, ihr zur Seite stehen Johannes und eine Verwandte. Außerhalb der Ringmauer treffen sich Anhänger Jesu, unter ihnen die Ratsherren Joseph von Arimathäa und Nikodemus, Lazarus mit Martha und Veronika.

Eine Szene erinnert an die weinenden Frauen, die Jesus auf seinem Kreuzweg begegneten. Zu ihnen sagte er: »Weinet nicht über mich, weinet über eure Kinder.« Als er starb, verfinsterte sich für drei Stunden der Himmel – ein besonders eindrucksvolles, ergreifendes Bild.

Einmalig in Europa

Das Altöttinger Panorama ist das einzige im Original erhaltene Panorama mit religiöser Thematik in Europa und das einzige historische Panorama in Deutschland. Es steht unter dem Denkmalschutz des Freistaats Bayern und unter Kulturschutz der UNESCO in Paris.

Weltweit gibt es nur noch zwei weitere Kreuzigungspanoramen, eines ist am Wallfahrtsort Maria Einsiedeln in der Schweiz, ein anderes in Ste. Anne de Beaupré bei Quebéc in Kanada.

Gebhard Fugel, der Schöpfer des Altöttinger Panoramas, wurde 1863 auf einem Bauernhof bei Ravensburg geboren und genoss als Maler religiöser Themen großes Ansehen. Er gilt als großer Meister der Historienmalerei. Für viele Kirchen schuf er große Freskenbilder, so in Wangen im Allgäu. In den letzten 30 Jahren seines Schaffens entstanden 150 Darstellungen für viele Buchausgaben der biblischen Geschichte.

Albert Bichler



13/2009