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Jahrgang 2008 Nummer 46

Die Chiemgau-Therme in Bad Endorf

Vom Werden des Thermalbades und zur Geschichte des Ortes

Wer von Wasserburg aus auf der Bundesstraße 305 zum Chiemsee oder in die Chiemgauer Berge fährt, kommt an Bad Endorf nicht vorbei. Die fast immer verkehrsreiche Ortsdurchfahrt mit mehreren Verkehrsampeln erfordert vom Autofahrer ein hohes Maß an Geduld. Die Barockkirche mit ihrer Zwiebelhaube markiert die Mitte des Ortes. Bad Endorf ist die Eingangspforte zur Chiemgauregion, die von dem harmonischen Dreiklang von Seen, Bergen und einer noch weitgehend unberührten Natur bestimmt wird. Der Chiemsee, das bayerische Meer, ist das Zentrum des Chiemgaus. Gleich nach dem Ortsende von Halfing grüßt schon die vielgezackte Kampenwand den sich auf eine ansprechende Bergtour einstellenden Wanderer. Und wer sich nur einen erholsamen Spaziergang an einem Seeufer vorgenommen hat, braucht nicht einmal bis zum Chiemsee zu fahren. Während im Westen der Simssee als Badesee lockt, breitet sich im Osten das Naturschutzgebiet der Hemhofer Seen mit 17 kleinen Naturseen aus.

Die Suche nach Erdöl förderte heilkräftiges Thermalwasser

Endorf wäre eine rührige, ihrer landschaftlichen Umgebung wegen beliebte Gemeinde in der Chiemgauregion geblieben, wenn nicht 1962 das bayerische Bergamt auf Grund eines geologischen Gutachtens südlich des Marktes Versuchsbohrungen angelegt hätte, die der Erschließung eines hier vermuteten Erdöl- oder Erdgasvorkommens dienten. Zwar erbrachte die Bohrung nicht das an sich erwartete Ergebnis; ein Fehlschlag war das Unternehmen aber durchaus nicht. In einer Tiefe von 4800 m stieß die Bohrung auf 115 Grad heißes Thermalwasser, das mit einem Druck von 830 bar zu Tage gefördert werden konnte. Untersuchungen erbrachten einen Jodgehalt von 50 mg und von 16 g Kochsalz je Liter. Die daraufhin erstellten balneologischen Gutachten ergaben, dass mit der Bohrung die stärkste Jod-Thermalsolequelle Europas entdeckt worden war.

Die Suche nach Erdöl in Endorf war durchaus kein einmaliges Unternehmen. Auch Bad Füssing hat seine Entstehung einer Versuchsbohrung nach Erdöl zu verdanken. Ursprünglich bestand auch hier die Absicht, durch Erdölförderung die Energieversorgung des Landes zu sichern. Infolge der Faltung der Alpen entstand in tiefer liegenden Erdschichten des bayerischen Voralpenlandes durch Ablagerung und Zersetzung organischer Substanzen Faulschlamm, der schließlich durch weitere chemische Reaktionen in Erdöl und Erdgas verwandelt wurde.

In anderen Bereichen ist das im Gestein eingeschlossene Wasser als Rückstand eines urzeitlichen Meeres mit Mineralien angereichert, von Gesteinsschichten überlagert und unter Druck gesetzt worden. Eine ursprünglich auf die Erschließung von Erdöl angesetzte Bohrung konnte so auch auf einen unterirdischen Einschluss von Thermalwasser stoßen. Vielleicht wäre es den Endorfern gar nicht so unrecht gewesen, wenn am Ortsrand eine Ölförderanlage entstanden wäre. Mit Maschinen und Bohrtürmen, die anstelle des Kurzentrums gestanden wären, hätte sich die Hoffnung auf wirtschaftlichen Reichtum verbunden.

Heilung durch Aderlass und Blutegel im früheren Endorf

So ist es wohl nicht uninteressant, wie sehr geologische Gegebenheiten die Geschichte einer Gemeinde verändern können. Heute hat sich Endorf, das 1972 zum Markt erhoben und 1987 als staatliches Heilbad anerkannt wurde, als eine der Gesundheit fördernde und Kranken Heilung gewährende Einrichtung etabliert. Es ist wohl kein Zufall, dass sich die Endorfer schon vor der Entdeckung der heilkräftigen Thermalquelle der Gesundheitsvorsorge verschrieben hatten. An einem Moorweiher nordöstlich von Endorf wurden mehrere hölzerne Badehütten aufgestellt, von denen aus von Rheuma und Gliederschmerzen Geplagte unmittelbar in das Moor eintauchen konnten.

Mit dem heilkräftigen Moorbad wurden auch noch weitere, damals zeitgemäße Heilbehandlungen angeboten. Das Ansetzen von Blutegeln und der Aderlass gehörten dazu. Für die fachgerechte Verabreichung der Heilbehandlungen war der Bader zuständig. Der letzte, namentlich bekannte Bader, der zur Ader ließ, Glieder einrenkte, Zähne zog und Wunden zu heilen verstand, verstarb erst 1967. Das ehemalige Moorbad an der Moorbadstraße wird übrigens noch heute als Schwimmbad, allerdings nicht mehr mit Moorwasser genutzt.

Dass Endorf auch vor der Zeit als staatlich anerkanntes Heilbad sich der Gesundheitsvorsorge angenommen hat, beweist das 1923 von Dr. Zeileis eingerichtete Sanatorium auf dem Gelände des heutigen Kurzentrums, in dem die Patienten von geistlichen Schwestern betreut wurden. Im Sanatorium wurde eine damals noch außergewöhnliche Elektrotherapie angewandt. Das im Zweiten Weltkrieg als Reservelazarett genutzte Gebäude war bis zu seiner Auflösung 1952 Versorgungskrankenhaus.

Die Chiemgau-Thermen als attraktive Bäderlandschaft

Ein Kurgast wird bei seinem Spaziergang durch den Kurpark vielleicht auch an die historischen Voraussetzungen denken, die den Ruf von Bad Endorf als staatlich anerkanntes Heilbad im Chiemgau begründet haben. Die Endorfer verstanden es, das Thermalwasser als Geschenk der Natur zur Heilung und Rehabilitation der Patienten sinnvoll zu nutzen. Eingebettet in die prächtige Kulisse der Landschaft mit den Chiemgauer Bergen im Hintergrund, entstand eine Thermenlandschaft, die architektonisch anspruchsvoll gestaltet, alle für eine Kur notwendigen Einrichtungen mit einbezieht.

Das der Tiefe der Erde entspringende Thermalwasser bietet dem Kurgast in der Chiemgau-Therme eine Badelandschaft mit Innen- und Außenbecken von zusammen 1800 m2. Das beim Auslauf 35 Grad warme Wasser enthält als Jod-Thermalsole eine Reihe wertvoller gesundheitsfördernder Mineralstoffe. Die Behandlung von Erkrankungen des Bewegungsapparates und die Nachbehandlung nach orthopädischen Operationen stehen im Vordergrund.

Ein vielfältiges und einfallsreiches Angebot ergänzt das zentrale Thermalbecken. Nach dem Eintauchen in das Sprudelbecken kann man sich in dem 125 m langen Strömungskanal vom Wasser treiben lassen. Ein Kalttretbecken nach Kneipp dient dem Training der Gefäße. Bei Atemwegserkrankungen bringt das Gradierwerk Linderung. Das ambulante Reha- und Gesundheitszentrum setzt seinen Behandlungsschwerpunkt auf Orthopädie und Traumatologie, wobei ein ganzheitlicher Therapieansatz Ursache und Umfang einer Erkrankung berücksichtigt. Abgerundet wird das Gesundheitsangebot durch einen Wellness- und Beauty- Vitalbereich, in dem gezielte medizinische Behandlungen Körper, Geist und Seele wieder in Einklang zu bringen versuchen. Eine Wohltat für Körper und Geist verspricht auch der Sauna- und Wohlfühlbereich in den Chiemgau-Thermen.

Bei einer Heilkur oder einer Rehamaßnahme sollte man nicht nur die heilende Wirkung des Thermalwassers alleine berücksichtigen; Vielmehr ist auch die Psyche des Patienten mit in den Heilungsprozess eingebunden. Der gefühlte Reiz des Wassers sollte dabei mit allen Sinnen nachvollzogen werden. Das Wissen um die Grundlagen und die Wirkung der neben der Badekur angebotenen Heilmaßnahmen fördert deren Wirksamkeit. Für das Wohlbefinden des Kurgastes spielt auch die engere und weitere Umgebung, in die das Thermalbad eingebunden ist, eine beachtliche Rolle. Die Chiemgau-Therme und die Simsseeklinik sind von einem Park umgeben. Die Badebecken der Chiemgau-Therme sind zur freien Landschaft des Chiemgaus hin offen. Der Kurgast genießt das Bad mit dem Blick auf die Weite der von Laubwäldern gesäumten Wiesen mit den Chiemgauer Bergen im Hintergrund.

Endorf und seine Umgebung hat dem Kurgast viel zu bieten

Das Kurzentrum ist räumlich an den Markt Endorf angebunden, der mit seinen Geschäften und Lokalitäten dem Kurgast alle Annehmlichkeiten des täglichen Lebens bietet. Dazu gehört auch ein reichhaltiges Veranstaltungsprogramm. Der in der Ortsmitte gelegene Bahnhof hat für den Aufschwung von Endorf historisch eine eminent wichtige Bedeutung. 1860 wurde die Eisenbahn von München nach Salzburg gebaut und in Endorf eine Bahnstation eingerichtet. Wenn man bedenkt, dass die erste Eisenbahn in Deutschland von Nürnberg nach Fürth 1835 ihren historischen Anfang nahm, ist der für Endorf so frühzeitig eingerichtete Bahnanschluss nicht hoch genug einzuschätzen. Ein Blick auf den Fahrplan zeigt, dass Bad Endorf von Hamburg, Berlin und Frankfurt in Direktverbindungen erreichbar ist. Diese günstige Anbindung an das Bahnfernverkehrsnetz ist für die gesamte Region von Bedeutung.

Dem Kurgast bietet auch die weitere Umgebung von Bad Endorf vielfältige Möglichkeiten von Ausflügen in das Land vor den Chiemgauer Bergen, in dem historisch bemerkenswerte Sehenswürdigkeiten und landschaftlich reizvolle Gebiete in den Wäldern um die Hemhofer Seen zu erwarten sind. Der örtliche Prospekt gibt eine Reihe von Anregungen, um die nähere und weitere Umgebung von Bad Endorf kennen zu lernen. Neben dem Chiemsee mit der Herren- und der Fraueninsel bieten drei Bergbahnen dem Kurgast die Möglichkeit, bequem die Gipfel von Kampenwand, Hochries und Hochplatte zu erreichen und die prachtvolle Talsicht zu genießen.

Eine reizvolle Wanderung in der Ebene führt in die Wälder um die Hemhofer Seen. Der Wanderweg von Pelham am gleichnamigen See zum Hartsee berührt die ehemalige Römerstraße, die als Fernstraße von Salzburg nach Rosenheim überörtliche Bedeutung hatte. Eine südlich von Eggstätt in den Wald abzweigende Feldstraße heißt heute noch Römerstraße. Es ist wohl etwas gewagt, auf dem am Südufer des Hartsees verlaufenden Waldweg Radspuren römischer Fahrzeuge zu erkennen.

Spuren der Römer und wirtschaftlicher Aufschwung im Mittelalter

Sicher ist dagegen, dass im Gemeindegebiet von Endorf römische Siedlungen bestanden, die einen unmittelbaren Bezug zur römischen Fernstraße hatten. Die römischen Soldaten waren bei ihren Fernreisen auf die Versorgung mit Lebensmitteln und anderen Gütern aus dem Umland angewiesen. Die Bewohner der bäuerlichen Anwesen »villae rusticae« profitierten ihrerseits vom Tauschhandel mit den Fernreisenden. Die römische Vergangenheit von Bad Endorf ist durch eindrucksvolle archäologische Funde belegt. Nahe der zu Endorf gehörenden Ortschaft Eisenbartling wurden Fundamente, Mosaikfußböden, Heizungsrohre und Dachziegel einer römischen villae rusticae gefunden. Die Details dieser Fundstücke lassen einen Schluss auf den Besitzer eines begüterten römischen Anwesens zu, das in der angesprochenen Verbindung zur römischen Fernstraße wohl auch im Zusammenhang mit anderen Gehöften und Siedlungen an der Fernstraße zu sehen ist.

Feldarbeiten gaben bei der Ortschaft Mauerkirchen ein römisches Brandgräberfeld frei. Archäologische Funde, von denen ein Teil im Rathaus ausgestellt ist, geben Aufschluss über die Lebensgewohnheiten der Römer, die bis zum 4. Jahrhundert Bayern bis zur Donau besiedelten. Das Römer-Museum in Seebruck bietet einen interessanten Einblick in den Alltag der speziell in Bedaium, der Vorgängersiedlung von Seebruck, lebenden Römer. Ein Besuch dieses Museums könnte auch das Bild der römischen Siedlung in Bad Endorf ergänzen.

Auch das Mittelalter hat historisch interessante Spuren in Endorf hinterlassen. In einer Salzburger Urkunde von 924 ist Endorf erstmalig erwähnt. Bei der in dieser Urkunde genannten Edelfrau Rihni von Rohrdorf dürfte es sich um die für den Bestand der Siedlung maßgebliche Grundeigentümerin handeln. Einen wirtschaftlichen Aufschwung erlebte Endorf durch seine Lage an der überregional bedeutsamen Salzstraße von Reichenhall nach Augsburg. Mittelalterliche Handelsstraßen, die vornehmlich dem Salztransport dienten, folgten oft den Routen ehemaliger Römerstraßen. So hat sich der Anschluss an überörtliche Verkehrsverbindungen von der Römerzeit an bis zur Bahnreise-Fernverbindung in unseren Tagen für Endorf immer als Glücksfall erwiesen.

Eine weitere mittelalterliche Straße führte von Bernau im Süden über die Anhöhe von Hirnsberg zum Simssee und weiter ins Inntal. In Mauerkirchen kreuzte sich die Straße mit einer weiteren von Osten, von Hemhof her kommenden Straße. An diesem Straßenkreuzungspunkt entwickelte sich Mauerkirchen zu einem wichtigen Handelsplatz, der durch die Verleihung von Marktrechten eine besondere wirtschaftliche Bedeutung erlangte. Die an drei kirchlichen Feiertagen im Jahr abgehaltenen Märkte wurden schon um die Mitte des 15. Jahrhunderts als altes Herkommen erwähnt. Märkte waren im Mittelalter für einen Ort von eminent wirtschaftlicher Bedeutung, weil mit einem Markt verschiedene vom Landesherrn verliehene Rechte und Privilegien verbunden waren. Während der Markttage wurde die Sicherheit der Marktleute garantiert.

Auf Burgen in Hirnsberg und Hartmannsberg residierten die Falkensteiner

Mauerkirchen ist in Bad Endorf eingemeindet und auf der nach Prien am Chiemsee führenden Straße über die Abzweigung in Antwort zu erreichen. Das Ortsschild von Antwort mag merkwürdig erscheinen und ist keinesfalls wörtlich zu nehmen. Das an der Antworter Ache gelegene Dorf bezieht seinen Namen wahrscheinlich von einem alten Stauwehr, das einst »Antwuhr« genannt wurde. (1) Die Kirche in Antwort ist schon 924 urkundlich erwähnt und als ursprünglich gotische Kirche im 18. Jahrhundert barock umgestaltet worden. Die Stuckatur ist von bemerkenswerter Eleganz und Anmut und mit Stuckaturen berühmter Barockkirchen in dieser Gegend vergleichbar. Wahrscheinlich ist der Meister im Umkreis von Johann Baptist Zimmermann zu vermuten, der auch im Kloster Herrenchiemsee tätig war.

Von Antwort und Mauerkirchen aus geht es in steilen Kurven aufwärts nach Hirnsberg. Die kleine Ortschaft wird von einer gotischen Kirche mit einem Turm von ungewöhnlicher Höhe überragt. Im Inneren beeindruckt die Kirche mit ihrer barocken Stuckverzierung aus dem 18. Jahrhundert. Der Kirchturm ist zum Teil aus den Steinen der ehemaligen Burg Hirnsberg errichtet worden, von der auch die ursprüngliche Burgkapelle in den Bau integriert worden ist. Die hier beheimateten Hirnsberger Grafen waren Ministerialen der Falkensteiner und mit diesen auch verwandtschaftlich verbunden.
Im 12. Jahrhundert teilten sich mehrere Grafenschlechter die Herrschaft über das Land vor den Bergen. Von mehreren Burgen aus in Hirnsberg, Urschalling, Hohenaschau und Flintsberg regierten sie das Land. Im 12. Jahrhundert verließen die Hirnsberger ihre Burg und richteten sich in Hohenaschau ein. Die um 1180 als Herzöge von Bayern etablierten Wittelsbacher suchten die Auseinandersetzung mit den Falkensteinern. 1378 nahmen sie die Burg Hirnsberg ein und zerstörten sie.

Auch die ursprünglich »Hadamars Berg« genannte Burg Hartmannsberg war seit 1150 im Besitz der Falkensteiner Grafen. Sie liegt am romantischen Schlosssee und ist nicht nur ihrer Geschichte wegen, sondern auch als Ausflugsziel von Bad Endorf aus von Interesse. Der Langbürgner See ist an seiner Ostseite durch eine Waldstraße erschlossen, von der aus mehrere Waldwege zum See führen. Auf der Insel im See stand einst die legendäre Zickenburg, die wohl als Fluchtburg diente. Schon zur Zeit der Ungarneinfälle im 10. Jahrhundert wird eine derartige Fluchtburg vermutet. Die Geschichte von Hartmannsberg gleicht der der Burg Hirnsberg. Als 1244 der letzte regierende Falkensteiner im offenen Kampf vom Wittelsbacher Herzog Ludwig besiegt wurde, wurde auch die Burg geschleift. Die Burg wurde später wieder aufgebaut und war Besitztum verschiedener Adelsgeschlechter, zu denen auch die Pienzenauer gehörten. Im 19. Jahrhundert ging das Schloss in bürgerliche Hand über und wurde 1994 vom Landkreis Rosenheim als Kultur- und Ausstellungshaus erworben. So sind Wanderungen in der Umgebung von Bad Endorf auch eine Begegnung mit Zeugnissen einer noch lebendigen Geschichte.

Dieter Dörfler

Benutzte Literatur:
»Der Chiemgau« Dewiel DuMont Kunstführer (1)
Unterlagen aus dem Archiv von Bad Endorf



46/2008