Jahrgang 2009 Nummer 22

Die Burgl von Hittenkirchen

Ein Besuch bei der Pfarrersköchin

Wer mit der Bahn von Traunstein nach München fährt, erblickt zwischen Bernau und Prien auf der linken Seite hinter bewaldeten Höhen das Kirchlein von Hittenkirchen. Wenn ich gelegentlich dort vorbeikomme, fällt mir immer die Geschichte mit der Burgl ein. In der Zeit vor dem Krieg diente sie als Hausmädchen bei einem Ehepaar, das zusammen mit meinen Schwiegereltern Mitglied eines renommierten Kegelklubs in Traunstein war. Gegenseitige Einladungen brachten es mit sich, dass sich schließlich auch zwischen der Burgl und dem Hausmädchen meiner Schwiegereltern, der allbekannten Malie, eine herzliche Freundschaft entspann. Damals begab es sich, dass Burgl am Kropf operiert werden musste. Treu sorgend empfahl sie ihre Herrschaft an eine weitbekannte und sehr gelobte Kapazität, die übrigens zu jener Zeit auch meinen Vater von diesem ungeliebten Anhängsel in routinierter Art und Weise befreite.

Die Wirren des Krieges waren es wohl, die unsere gute Burgl schließlich an den Pfarrhof von Hittenkirchen verschlugen, wo sie fortan den Kochlöffel schwang. Sie war ein liebenswerter, freundlicher, bäuerlicher Mensch, versehen mit allen Attributen einer guten Haut, wie man so zu sagen pflegte. Aber an den Nachwirkungen der seinerzeitigen Operation litt sie noch immer. Sie verlor nämlich dabei fast ihre Stimme. Ihr Sprechen glich mehr einem Flüstern, das gelegentlich von einem Krächzen im höchsten Diskant begleitet wurde.

Eines Tages kurz nach Ende des Krieges äußerte Malie den Wunsch, wieder einmal ihre alte Freundin zu besuchen. Wir, mein Schwiegervater, Malie, meine Frau und ich, setzten uns also in das Auto und fuhren lustig und froh gen Hittenkirchen. Unsere gute Laune war beschwingt von der Vorfreude auf eine Tasse Kaffee, der ja zu dieser Zeit noch eine Rarität war. Nach einer herzlichen Begrüßung setzten wir uns an den schön gedeckten Tisch, dessen Mitte ein großer Apfelkuchen zierte. Bald dampfte das erhoffte, sagenhafte Aroma aus den Tassen und es begann ein echter Kaffeeklatsch. Aus alten und neuen Zeiten wurde erzählt, wobei natürlich Burgls Interesse hauptsächlich den Traunsteiner Verhältnissen galt. Plötzlich begann sie zu erzählen. Kürzlich sei der Arzt, der sie seinerzeit operiert hatte, zu Besuch hier beim Pfarrer gewesen. Bei der dritten Tasse Kaffee fragte er sie, warum sie so schrecklich heiser sei. Sie antwortete ihm, dass sie vor vielen Jahren bei der Kropfoperation ihre Stimme verloren hätte. Da meinte der Doktor kopfschüttelnd, was denn das für ein Depp gewesen wäre, der sie operiert hätte. Darauf habe sie gesagt: Ja Sie, Herr Doktor! In unserem schallenden Gelächter ging die weitere Rede der Burgl unter. So erfuhren wir nie, welches Gesicht der gute Doktor bei dieser Blamage wohl gemacht hat.

Schon lange sind sie heimgegangen, die Burgl, der Doktor, die Malie und auch mein Schwiegervater. Sicher sitzen sie jetzt an ihrer himmlischen Kaffeetafel, lachen herzlich über diese Geschichte und freuen sich auf die Stunde, in der auch ich einst bei ihnen sein werde.

Reinhold Bendel



22/2009