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Jahrgang 2015 Nummer 15

Die bildliche Darstellung der Viktualienpreise von 1817

Vulkanausbruch in Indonesien vor 200 Jahren veränderte die Ernährungslage auf der ganzen Welt

Die Darstellung der Viktualienpreise im Januar 1817; Lithographie von Anton Miller in Traunstein

Am 12. April 1815, vor genau 200 Jahren, veränderte sich die Ernährungslage auf der ganzen Welt aufgrund des Ausbruchs vom Vulkan Tambora in Indonesien. Durch den enormen Ausstoß von Asche in die Atmosphäre veränderte sich die Wetterlage derart, dass man 1816 von einem »Jahr ohne Sommer« gesprochen hat. Wegen der Ernteausfälle brach überall eine große Hungersnot aus.

Aus der Geschichte wissen wir von Krisen durch den Ausbruch des Vesuvs aus dem Jahre 79 nach Christus, bei dem die Städte Pompej und Herculaneum verschüttet wurden. Auch führte der Ausbruch des Vulkans Krakatau im Jahre 1883 in Indonesien zu einer riesigen Katastrophe. Dagegen übertraf allerdings der Ausbruch des Tamboravulkans alle bisher registrierten Schäden seit 22 000 Jahren auf der Welt. Der Vulkanberg auf Tambora hob sich durch den Druck von unten auf eine Höhe von 4300 Meter über dem Meer und schrumpfte dann durch den Ausbruch auf 2850 Meter. Diese gewaltige Auswurfmasse verteilte sich in den oberen Schichten des Himmels über die ganze Erde. Von den Bewohnern in dieser Inselwelt kamen durch die Folgen des Ausbruchs und die darauf folgenden Sturmfluten, durch Hunger und Krankheiten circa 180 000 Personen ums Leben.

Wegen der Verdunkelung der Sonne veränderte sich das Klima derart, dass in zahlreichen europäischen und amerikanischen Staaten Ernteausfälle, Hungersnöte und Wirtschaftskrisen ausbrachen. Viele Menschen in den betroffenen Gebieten beschlossen auszuwandern. In den Vereinigten Staaten von Amerika bewogen Missernten viele Farmersfamilien, aus Neuengland und anderen Küstenstaaten, in den Nordwesten, in die Staaten Ohio, Indiana und Illinois zu ziehen, die dadurch besiedelt wurden.

In Europa waren am stärksten die Gebiete nördlich der Alpen betroffen: Elsass, Deutschschweiz, Baden, Württemberg, Bayern und das österreichische Vorarlberg. Durch die schweren Unwetter traten der Rhein und zahlreiche andere Flüsse über die Ufer. In Frankreich und England kam es zu Aufständen. In der Schweiz musste sogar der Notstand ausgerufen werden. Nachdem Werber der russischen Krone Auswanderwillige eingeladen hatten, hat die Auswanderung nach Südrussland ihren Höhepunkt erreicht. Durch die Ernteausfälle kam es zu einem starken Anstieg der Haferpreise und in der Folge zu einem starken Rückgang des Pferde- und Nutztierbestands, dies führte zur schlimmsten Hungersnot des 19. Jahrhunderts.

Die Getreide- und Hackfruchternte ging durch das nasskalte Wetter im Jahre 1816 bis auf ein Drittel zurück. Die Getreidepreise stiegen in Bayern schnell auf das Dreifache. Auf die Hungerskrise reagierte die bayerische Regierung unter Montgelas nur langsam. Sein zögerliches Verhalten war der Anlass für seine spätere Absetzung. Die Getreideexporte in die Schweiz wurden nicht gestoppt und staatliche Getreideankäufe gab es kaum. Nach Beschreibungen aus der Zentralschweiz war die Hungersnot so groß, dass die Leute die unnatürlichsten, oft ekelhaften, Sachen aßen, um ihren Heißhunger zu stillen. In den Bergregionen hatten die Kinder oft im Gras geweidet wie die Schafe. Das Elend in der Ostschweiz veranlasste den Kaiser Alexander I. von Russland zu einer Spende von 100 000 Rubel und Getreidelieferungen aus Russland.

Im Königreich Württemberg, das von der Klimakatastrophe besonders schwer betroffen war, stiftete der junge König Wilhelm I. 1817 einen landwirtschaftlichen Verein und »Das landwirtschaftliche Fest zu Cannstatt«, aus dem das heutige Cannstatter Volksfest entstand und eine landwirtschaftliche Unterrichtsanstalt, aus der die Universität Hohenheim hervorging. Die damalige Königin Katharina von Württemberg leitete den Wohltätigkeitsverein für Hunger- und Katastrophenhilfe, aus dem dann 1818 die Gründung der »Württembergischen Sparkasse« hervorging.

In Deutschland wurde der Chemiker Justus von Liebig durch die Erinnerungen an die Hungersnöte zu seinen Untersuchungen über die Bedingungen des Pflanzenwachstums angeregt. Dazu entwickelte er die organische Chemie und führte die Mineraldüngung ein, die zu einer Steigerung der Erträge in der Landwirtschaft führte. Durch das Pferdesterben infolge der Futtermittelknappheit nach der Tambora-Eruption wurde in Frankreich die Entwicklung der »Draisine«, einem Vorläufer des Fahrrads gefördert.

Im Anschluss an den Vulkanausbruch waren die Sonnenuntergänge des Biedermeier in Europa, von nie dagewesener Pracht, in allen Schattierungen von Rot, Orange und Violett, gelegentlich auch in Blau- und Grüntönen. Die grandiosen Abendstimmungen inspirierten die englischen Landschaftsmaler und bildeten sich auch in den Farbtönen der Werke von Carl Spitzweg ab.

Durch Ernteausfälle, Hamsterkäufe, mangelnde Einfuhren von Grundnahrungsmitteln aus der Landwirtschaft von anderen Ländern, stiegen die Preise in unbezahlbare Höhen an. Um zu geordneten Preisen für die Nahrungsmittel auf den Märkten und Schrannen zurückzukehren, wurden in dem darauffolgenden Jahre 1817 im Königreich Bayern einheitliche Preise in Gulden (fl) und Kreuzer (kr) für alle Güter aus der Landwirtschaft und des Handels, des täglichen Verbrauchs festgelegt.

Die bildlichen Darstellungen erleichterten den Händlern und Käufern die Berechnung der Güter.


Hubert Steiner, Ortsheimatpfleger Chieming

 

15/2015