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Jahrgang 2012 Nummer 6

Die Berchtesgadener Almbauern

Eigentümer, Berechtigte, Entrechtete – Ein historischer Rückblick

So, wie am Reiter Steinberg und im Funtenseebereich die freie Schafweide heute noch betrieben wird, wurde der Weidebetrieb über

So, wie am Reiter Steinberg und im Funtenseebereich die freie Schafweide heute noch betrieben wird, wurde der Weidebetrieb über Jahrtausende ausgeübt. Die gebirgsübergreifenden Weidenutzungen am Untersberg, auf der Reiteralm, im Funtenseebereich und im Hagengebirge führten auch zu übergreifender Besiedlung.
Bronzezeitliche Viehglocken (Museum Aussee)

Bronzezeitliche Viehglocken (Museum Aussee)
Übernahmevertrag Berchtesgadens durch das Land Bayern im Jahr 1810

Übernahmevertrag Berchtesgadens durch das Land Bayern im Jahr 1810
Almwirtschaft ist Kulturwirtschaft und Almlandschaften sind die prägendsten Elemente in unserer alpinen Landschaft.

Die Almwirtschaft in unserer Region geht nicht nur Jahrhunderte zurück, sie ist jahrtausendealt. Dies ist durch wissenschaftliche Untersuchungen von Mandl (2008) und Pucher (2010) hinreichend dargelegt. Sogar das Bayerische Staatsministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten räumt mittlerweile offiziell ein: »Die Hochweidewirtschaft ist so alt wie die Landwirtschaft selbst. Sie reicht in den bayerischen Alpen etwa bis zum 3. Jahrtausend vor Christus zurück.«

Die ersten Alm- und Weidenutzungen waren überwiegend freie Nutzungen nach dem Allmendeprinzip, d. h. nach dem Genossenschaftsprinzip. Diese Form hat sich beispielsweise im Freiweidegebiet Loipl und in den sogenannten Freien bis zum heutigen Tag erhalten.

Die von »Bauernprofessor« Andreas Fendt vor über 50 Jahren gemachten Ausführungen sind heute so aktuell und richtig wie seinerzeit:

» Bei der bisher gepflogenen, falschen Darstellung scheint es auch heute noch angebracht, die wahren Gründe für die Entstehung, den Begriff, Wert und die Behandlung von Forstrechten näher zu erläutern. Die urältesten Forstrechte stammen aus der Zeit der ersten Landessiedlung aus dem Miteigentum unserer Vorfahren. Verschiedene Volksstämme (Ergänzung: Basken, Ackerbauern und Viehzüchter, Ostalpenindogermanen, Kelten) sind über unser Land hinweggegangen (Ergänzung: und haben sich niedergelassen). Die Bajuwaren besiedeln (erst) seit Anfang unserer Zeitrechnung unser Bayerland.

Die Flur wurde mit einem Friedzaun umschlossen und stand in Eigennutzung, während alles außerhalb des Zaunes, die sogenannte 'Frei', gemeinschaftliches Eigentum der Dorfgemeinschaft blieb. Nur die gerodeten zur Feldwirtschaft bestimmten Flächen waren Alleineigentum. Die an die errichteten Siedlungen anstoßende Flur dagegen, Wald, Gebirge und Auen wurden gemeinschaftlich auf Bedarf genutzt.

Die Dorfschaften (Gnotschaften) regelten ihre Rechte und Wirtschaftsangelegenheiten in eigener Selbstständigkeit durch Mehrheitsbeschluss. Diese mündliche Form hielt sich bis zum 13. Jahrhundert nach Christus.

Zur Stützung der Königsmacht wurde das Land bald an die Edlen, Beamten und an Kirche, Klöster und Stiftungen für gewährte Hilfe zu Lehen gegeben. Diese freigebige Landverteilung beließ zwar die Bauern auf ihrem bisherigen Besitz, aber nicht mehr als Eigentümer, sondern nur mehr als Nutznießer desselben.«

Wohl aufgrund ständigen Drucks der Bauern, aber auch aufgrund ständiger Geldnöte des Stifts wurde gemäß fürstpröbstlichen Landbriefs von 1377 den Lehensbesitzern der (Rück-)Kauf der Lehen und Almen wieder möglich gemacht. Allein während der Regierungszeit Probst Conrads V. wurden 323 Erbrechtskaufbriefe ausgestellt. Der umfangreiche Rückkauf von Lehen und Almen weist auf das hohe Bedürfnis der Bauern hin, das Eigentum zurückzugewinnen und die Abhängigkeit zu verringern.

Nach den vorliegenden Unterlagen dürften in den folgenden Jahrhunderten die Lehens- und Eigentumsverhältnisse innerhalb der Fürstprobstei in einigermaßen geregeltem und akzeptiertem Rahmen abgelaufen sein. Strittig bis zum Ende der Fürstprobstei blieben aber beispielsweise die Landesgrenzen zu Salzburg im Bereich der Zehnkaser am Untersberg.

Mit dem Übergang der Fürstprobstei an das Land Bayern im Jahre 1810 änderten sich die Eigentums- und Rechtsverhältnisse für die Berchtesgadener Bauern erneut. Das Eigentum an den Lehen blieb unbestritten, das Eigentum an den Almen wurde zum jahrzehntelangen Streitthema zwischen den Bauern und den Ministerialen, bzw. der zuständigen örtlichen Salinenadministration.

Es hat den Anschein, dass die vorherrschenden Rechtsvorstellungen und Gepflogenheiten der bayerischen Administration mit dem »langen Atem« der Administration auf den Berchtesgadener Bereich übertragen wurden. Andreas Fendt (»Mit den Lehen auch die Almen gekauft«) stellt diese Vorgänge so dar: »In Altbayern wurden die Erbrechte nur verliehen, im Berchtesgadener Land aber verkauft. Dies macht die Berchtesgadener Sonderstellung aus, die auch von Koch Sternfeld so bestätigt wurde.«

Die bäuerliche Gegenwehr kam nach den zermürbenden Auseinandersetzungen zum Erliegen. In den Liquidationsprotokollen sind die Auseinandersetzungen in Ansätzen erkennbar. Auffällig ist vor allem, dass die Salinenadministration bemüht war, sich das beanspruchte Staatseigentum bestätigen zu lassen. Die vorhandenen Kaufbriefe der Bauern aus der Stiftszeit aber wurden nicht mehr bestätigt. Die Verhältnisse werden auch heute noch überwiegend so interpretiert, wie sie von der schreibkundigen bayerischen Verwaltung seinerzeit gesehen und in entsprechenden Katastern festgehalten wurden.

Interessant und bemerkenswert erscheint jedenfalls, dass die Berchtesgadener Almen, die im Bereich des Landes Salzburgs lagen, im Eigentum der Bauern verblieben. Davon profitierten die Berchtesgadener Bauern im Bereich Dürrfeichten, Kammerling, Litzl und Kallbrunn.

Die Einführung des Forstrechtegesetzes im Jahre 1958 mit der darin enthaltenen Erlöschungsklausel von Forst- und Almrechten nach zehnjähriger Nichtausübung, muss auf die Berchtesgadener Almbauern besonders bitter wirken: Erst Eigentümer, dann Berechtigter und nach zehnjähriger Nichtausübung schließlich Entrechteter.

Inwieweit das Vorgehen der bayerischen Administration vor 200 Jahren heute noch staats- oder zivilrechtlich anfechtbar ist, sei dahingestellt. Dass sich die Berchtesgadener Almbauern aber heute noch als die eigentlichen Almbegründer und Almeigentümer fühlen und mehr Anerkennung und Selbstbestimmung fordern, ist wohl verständlich.

Unabhängig von der Betroffenheit der Almbauern, stellt sich heute eine dringende politische und heimatpflegerische Frage: Ist es nicht an der Zeit, angesichts des markanten Rückgangs der bewirtschafteten Almflächen und der auftreibenden Almbauern, die Erlöschensklausel und die Ablöse von Almrechten zu löschen? Wäre es nicht auch ratsam zum Erhalt unserer alpinen Kulturlandschaft ein Gesetz einzubringen, das die Ausübung der Almwirtschaft erleichtert und unter höchsten Schutz stellt?


Toni Altkofer



6/2012