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Jahrgang 2020 Nummer 9

Die bayerische Pfarrvisitation anno 1558

Auch die Klöster und Stifte der Region wurden visitiert – Teil II

Der Dom auf der Herreninsel war der Sitz des Chiemseebischofs (Stich von Matthäus Merian, 1644).
Albrecht V., Herzog von Bayern.

Am Samstag, dem 10. September 1558, kamen die Visitatoren auf der Fraueninsel an und sprachen mit der Äbtissin Anna von Closen, die seit drei Jahren ihr Amt bekleidet. Im Kloster sind nur noch vier Konventschwestern, davon ist eine vergreist und taub. Früher waren sie zu 16. Mehrere Schwestern seien in den letzten Jahren ausgetreten. Gegenwärtig habe sie vier junge Novizinnen, ob sie bleiben, wisse man nicht.

Kirchliche Neuerungen kenne sie nicht, sagt die Äbtissin. Die Nonnen gehen jährlich zweimal zur Beichte und Kommunion. Fasten, wallfahren und die Heiligen anrufen seien überflüssig, habe ihr Pfarrer in der Predigt gesagt. Sie lesen täglich ein Kapitel aus der Regel. Im Kloster lebten zwei Kapläne für Gottesdienste und Versorgung der Filiale Gstadt, einstens seien es fünf gewesen.

Der Pfarrer Achatius Schram kommt aus München und wurde in Freising geweiht. Er glaube und lehre nach altem Brauch, auch dass die Kommunion unter einer Gestalt ausreiche. Die Messe ist für ihn ein Opfer für Lebende und Tote. Sein Kaplan Franziskus Meich kommt von Rothenburg am Neckar, war Mönch im Kloster Stams, wurde durch den Krieg vertrieben. Er hat eine Köchin und mehrere Kinder, könne wegen der Kinder die Frau nicht entlassen.

Der Klosterrichter Schedl monierte die laxe Aufsicht über das Personal. Er habe zwei Dienerinnen nachts im Freien gesehen, sie seien »jung und frech«, man solle lieber alte ehrbare Weiber anstellen.

Herrenchiemsee, Baumburg, Gars

Die Pröpste dieser drei Chorherrenstifte waren Archidakone und in ihrem Sprengel zuständig für die Einsetzung und Überwachung der Geistlichen. Sie sollten für den Klerus das Vorbild eines untadeligen Lebenswandels sein, was aber offensichtlich nicht der Fall war.

Der Chiemseer Probst Jakob Franckenberger hat wegen seiner Hinfälligkeit einen Verwalter bekommen und ist nur noch für das geistliche Leben zuständig. Seine Dienerin, mit der er mehrere Kinder hat, arbeitet im klösterlichen Gutshof. Im Stift leben vier Konventualen, etliche versehen die inkorporierten Pfarreien. Unter seiner Regierung ist ein Priester weggegangen, hat eine Nonne mitgenommen. Das wöchentliche Verlesen der Regel und die tägliche Tischlesung wurden eingestellt wegen der wenigen Chorherren.

Der Dekan Sebastian Krueg und der Provisor Christoph Stocker bestätigten das Gesagte. Krueg hat mit einer alten Dienerin einen Sohn, Stocker hat mehrere Kinder.

Erasmus Koch ist Kaplan in Prien und seit 20 Jahren im Stift. Seit acht Jahren habe er eine Köchin und Kinder. Er meine, vor Gott seien Zölibat und Ehe gleichwertig, ebenso die Kommunion unter einer oder zwei Gestalten. Personen, die nach der Kelchkommunion fragen, gingen nach Prutting und werden trotzdem losgesprochen. Die letzte Ölung sei außer Brauch gekommen, Prozessionen gebe es kaum noch.

Jakob Setz und Wolfgang Specker sind Benefiziaten in Aschau und wechseln sich mit dem Predigen ab. Setz wurde vor 26 Jahren geweiht, hat eine Köchin und zwei Kinder. Er lehnt die Kelchkommunion ab, Specker habe 20 Personen den Kelch gereicht, ohne es als heilsnotwendig zu bezeichnen. Er hat den Schülern vor Jahren Luthers Kleinen Katechismus vorgelesen und besitzt fünf verdächtige Bücher, die er abliefert.

In Baumburg und Gars fehlt es an Nachwuchs, in jedem Stift sind jeweils vier Priester plus einige im Außendienst. Der Baumburger Propst Stephan Toblhaimer hat eine Konkubine und zwei Kinder. Einige Baumburger Chorherren gingen zwar zechen, »aber ohne Ärgernis zu erregen«, wie der Propst versichert. Propst Georg Habersperger von Gars hat mit seiner Köchin, die er seit 17 Jahren kennt, drei Kinder gezeugt und für sie neulich »ein Häusl bauen lassen«. Seine Mitbrüder warfen ihm »Eigensinnigkeit« vor und meinten, er wollte »allein seinem eigenen Willen folgen«. Der Chorherr Seydenather hat das Stift verlassen und ist zu den Wiedertäufern gegangen.

Kloster Seeon

Am 16. September nahm die Delegation bei den Benediktinern in Seeon das Frühstück ein. Dann wurde der Konvent zusammengerufen. Abt Heinrich Hunger hat fünf Konventualen und vier Novizen. Die tägliche Lesung aus der Regel und die Tischlesung werden eingehalten, Frauenbekanntschaften nicht geduldet. Wie der Prior Frater Maurus versichert, höre der Abt auf die Meinung der Mönche. Bei einem Novizen wurden zwei lutherische Gebetbücher gefunden, ein weiteres verdächtiges Buch gab der Prior heraus.

Rohrdorf und Samerberg

Pfarrer in Rohrdorf ist Marcus Kriechpämer, der vor 18 Jahren in Freising geweiht wurde. Er hat eine Köchin und drei Kinder. Sein früherer Kaplan habe ohne sein Vorwissen an sechs Personen die Kelchkommunion ausgeteilt und sei deshalb aus Bayern ausgewiesen worden. Gegenwärtig ist Gregor Lang aus Ingolstadt Kaplan. Er wohne im Pfarrhof, ohne Köchin. Zu Rohrdorf gehören neun Kirchen. Im Pfarrhof wurden zehn verdächtige Bücher gefunden und beschlagnahmt.

In Grassau ist Caspar Stocker seit acht Jahren Pfarrer – und Johann Schertzl Kaplan. Die Gläubigen lehnen die Ohrenbeichte ab und verlangen die Generalbeichte. Beide Geistliche haben Frauen und Kinder. Von 2000 Kommunikanten haben drei die Kelchkommunion verlangt. Statt der Einzelbeichte wollen viele die Generalbeichte und sind nicht davon abzubringen.

Obing

Der Obinger Pfarrer Vitus Stadler empfing in Salzburg die Priesterweihe und beachtete in allem die kirchlichen Vorschriften, habe jedoch eine Köchin und zwei Kinder. Sein Kaplan Balthasar Rainhartinger stammt aus der Nähe von Freising. In der Pfarrei würde man nach seiner Meinung viele verbotene Schriften finden, wenn man danach suche.

Trostberg

Pfarrer Wolfgang Weigele stammt aus Franken und wurde in Augsburg geweiht. Er kann keine Papiere vorzeigen und die Lossprechungsformel nicht richtig wiedergeben. Viele Pfarrkinder verlangen die Kelchkommunion, kommen im Geheimen mit Predigern zusammen. Manche Personen sterben ohne Sakramente. Die letzte Firmung liege 30 Jahre zurück. Oft kommen fahrende Händler und verkaufen Schriften. Die Kommissare ordnen an, der Pfarrer müsse seine Papiere nachreichen. Sein Kaplan Dionys Harder aus Tittmoning sagt, der Pfarrer rede spöttisch über die Messe, manche bezweifeln, ob er überhaupt geweiht sei. Zuweilen betrinke er sich, dann setzte man ihn auf ein Ross und die Straßenbuben laufen ihm nach mit Geschrei.

Nicht visitiert wurde die dem Augustinerchorherrenstift Chiemsee inkorporierte Pfarrei Prutting, weil der dortige Pfarrer Kaspar Esterer noch vor der Visitation abgesetzt und nach Salzburg gebracht worden war, um seine Rechtgläubigkeit zu prüfen. Unter Esterers Leitung war Prutting ein bevorzugtes Ziel für Gläubige gewesen, denen in ihrer Pfarrei die Kommunion unter beiderlei Gestalt verwehrt wurde.

Ergebnis der Visitation

Die Pfarrvisitation von 1558 vermittelt kein einheitliches Bild vom Zustand der Pfarreien im bayerischen Teil des Erzbistums Salzburg einschließlich des Chiemseebistums, urteilt der Kirchenhistoriker Reiner Braun, der Herausgeber der Visitationsprotokolle (1991). Die Ideen der Reformation seien nur vereinzelt bei einigen Priestern und Laien festgestellt worden, aufs Ganze gesehen bestimme die »alte, katholische Lehre« noch das Leben in den Pfarreien.

Wesentliche Kennzeichen der religiösen Situation in Stadt und Land:

• Starke Abnahme der Welt- und Ordenspriester.

• Schwacher religiöser Bildungsstand der Geistlichen.

• Fast vollständiges Erliegen des klösterlichen Lebens bei allen Ordensgemeinschaften.

• Enorme Verbreitung des Konkubinates.

• Rückgang vieler Frömmigkeitsformen (Wallfahrten, Marienverehrung, Anrufung der Heiligen).

• Vernachlässigung der Firmung.

• Zunehmende Forderung nach der Kelchkommunion und der Generalbeichte.

Das Protokoll der Visitation wurde zu einem ausführlichen Schlussbericht verarbeitet, der dem Erzbischof von Salzburg und dem bayerischen Herzog Albrecht zugestellt wurde. Bei den »Salzburger Congregationstagen« im Jahre 1562 berieten Abordnungen der Bischöfe und des Herzogs über die zu ergreifenden Maßnahmen zur Abwehr der Reformation und zur Erneuerung der Kirche. Um den Streit um den Laienkelch zu versachlichen, stellte Albrecht V. seinen Genuss frei von Strafe und erreichte vom Papst, dass er für fünf Jahre allgemein genehmigt wurde. Der gleichzeitig geäußerte Wunsch nach Abschaffung des Zölibats wurde dagegen abgelehnt.

 

Julius Bittmann

Teil I in den Chiemgau-Blättern Nr. 8/2020 vom 22. 2. 2020

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