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Jahrgang 2020 Nummer 8

Die bayerische Pfarrvisitation anno 1558

Die Bestandsaufnahme der kirchlichen Lage zeigt ein düsteres Bild – Teil I

Martin Luther, Holzschnitt Lucas Cranach.
Herzog Albrecht V., ein Vorkämpfer des katholischen Glaubens.
Haslach, die damalige Mittelpunktpfarrei des Chiemgaus.

In den ersten Septembertagen des Jahres 1556 fuhr eine Kutsche mit vier schwarz gekleideten Männern, begleitet von einem halben Dutzend Reitern, von Salzburg kommend über Teisendorf in Richtung Traunstein. Die vier vornehmen Herren in der Kutsche gehörten zur Delegation des Erzbistums Salzburg, die den Auftrag hatte, die im sogenannten Chiemseebistum gelegenen Pfarreien zu visitieren. Dieses Chiemseebistum gehörte zwar kirchlich zum Erzbistum Salzburg, aber politisch zum Herzogtum Bayern. Der Ranghöchste der Delegation war Christoph Schlattl, der Weihbischof von Chiemsee. Er war begleitet vom Erzbischöflichen Rat Dr. Paueß sowie zwei weiteren, namentlich nicht bekannten hohen Geistlichen, zwei Schreibern sowie weiterem Dienstpersonal. In Traunstein traf man sich mit der im Auftrag des bayerischen Herzogs Albrecht V. angereisten zweiten Hälfte der Delegation. Diese bestand ebenfalls aus vier Mitgliedern, nämlich dem Propst Stephan Toblhammer von Baumburg, dem Landshuter Vitztum Hans Zenger, dem Burghauser Kanzler Simon Eck und dem Professor Georg Theander aus Ingolstadt.

Es war eine lange Geschichte gewesen, bis sich die verantwortlichen Autoritäten in Salzburg und München auf die Abhaltung einer Visitation geeinigt hatten. Dass die kirchlichen Zustände an der Wende vom 15. zum 16. Jahrhundert skandalöse Ausmaße angenommen hatten und die Lehre Martin Luthers immer weiter nach Süden vordrang, bereitete Bischöfen wie weltlichen Herrschern größte Sorgen, doch fehlte es den Bischöfen an der nötigen Konsequenz, den Missständen auf den Leib zu rücken. Dagegen drängten die bayerischen Herzöge Wilhelm IV. (1508 bis 1550) und Albrecht V. (1550 bis 1579) mit aller Energie darauf, in ihrem Land den altbewährten katholischen Glauben zu bewahren und das Vordringen der Reformation notfalls mit Gewalt zu stoppen. In erster Linie musste jedoch ihrer Überzeugung nach der Klerus reformiert und die Kirche von den Gemeinden her erneuert werden. Bereits von der Irrlehre infizierte Personen waren aufzuspüren und zu bestrafen. In der Einheit von Kirche und Staat sahen die Herzöge die wichtigste Voraussetzung für den eigenen Machterhalt.

Für die Visitation der Pfarreien und Klöster war ein Fragenkatalog ausgearbeitet worden mit genauen Anweisungen für das Vorgehen der Kommissare. Der erste Teil bezieht sich auf die Lehre und den Ritus, der zweite auf den Lebensstil der Priester und die sonstigen Verhältnisse in Pfarrei und Schule. Eine Schlüsselrolle spielt in der Befragung der Geistlichen die Kommunion unter beiden Gestalten (»sub utraque«), die sogenannte Kelchkommunion, wie sie von den Lutheranern allgemein praktiziert und von vielen Katholiken gefordert wurde. Herzog Albrecht hatte zwar in einer Deklaration Straffreiheit für jeden verfügt, der sich aus Gewissensgründen für die Kelchkommunion entscheide, doch in der Praxis galten die Utraquisten als häresieverdächtig, ebenso jeder Priester, der die Kelchkommunion spendete. Nach einigen Jahren zog der Herzog seine großzügige Deklaration wieder zurück.

Haslach mit Traunstein, Erlstätt und Nußdorf

Am Mittwoch, dem 7. September, begannen die Befragungen in Haslach, der damaligen Mittelpunktpfarrei, bei dem Pfarrer Erasmus Feml. »Er stamme aus der Nähe von Wolfratshausen, habe in Ingolstadt studiert und wurde mit 31 Jahren geweiht«, sagte er. Bei ihm seien drei Gesellpriester (Kapläne). Er habe circa 1800 Kommunikanten. Zu Haslach gehörten die Filialen Traunstein, Erlstätt und Nußdorf. Für seine Predigten verwende er die alten bewährten katholischen Bücher und lasse in der Messe die alten Gesänge singen. Doch in der Stadt singe man »neue Psalmen«. Er und seine Priester besuchten selten eine Wirtschaft, wenn er trinken wolle, lasse er sich den Wein ins Haus bringen. Getanzt habe er nie. Er habe eine Köchin von 60 Jahren und mit ihr drei Kinder. Fahrende Buchhändler gäbe es hier nur an Markttagen.

Auch der Zechprobst (Kirchenpfleger) wurde befragt. Über den Pfarrer gebe es keine Klage, sagte er. Messe und Predigt halte er nach altem Brauch, ebenso die Taufe. In der Sakristei befanden sich fünf Kelche, sechs Messgewänder und ein Chormantel. Pfarrer in Traunstein St. Oswald war Balthasar Raidorffer, 60 Jahre alt, in Salzburg zum Priester geweiht und seit 20 Jahren in Traunstein. Er lehne die Kelchkommunion für Laiern ab, habe sie nie gereicht. Die Bevölkerung beteilige sich wenig an Bittgängen und ähnlichen Andachten. Er habe eine Köchin, aber keine Kinder. Gemäß dem Stiftungsbrief müsse er für die Bauern einen Stier halten, was er gern abschaffen möchte. Sein Benefiziatenhaus sei baufällig, doch wegen seinem geringen Einkommen und der Teuerung könne er es nicht reparieren.

Der Benefiziat Johannes Hainricher wurde vor 36 Jahren in Salzburg geweiht und hat in Pittenhart seine Primiz gefeiert. Ist aus Salzburg weggegangen, weil er dort »die Meß nicht mehr nach altem Brauch« feiern konnte. Für seine Predigten benutze er alte katholische Bücher, er kenne aber Leute in der Stadt, die »lutherische Bücher« haben und und ihre Familien darin unterweisen, seine Predigt befolgen sie wenig. Die Gläubigen kommen an Werktagen nicht in die Kirche, wohl aber am Sonntag. Die Kelchkommunion reiche er nicht, »wiewohl man sie begehre«. Die Priesterehe könne er nicht loben, weil sie von der Kirche verboten sei. Er selbst habe eine »Dienerin« von 60 Jahren und mit ihr etliche Kinder. Zu St. Oswald gehören noch die zwei Benefiziatenstellen von Nußdorf und Grabenstätt.

Der Erlstätter Kooperator Johannes Stubenweg, wurde vor elf Jahren in Freising geweiht, Primiz in Altomünster. Er predigt nach katholischen Büchern und besitze kein verbotenes Buch. Doch bei der Besichtigung wurden bei ihm drei lutherische Schriften gefunden. Er hat weder eine Köchin noch Kinder, doch ziehe er drei Waisenkinder um Gottes Willen auf.

Nußdorf und Grabenstätt

Sebastian Spanbrugker, Kooperator in Nußdorf, 66 Jahre, Primiz in Fridolfing. Seine Köchin ist vor acht Jahren gestorben. Nußdorf habe keinen Pfarrhof, er lebe in Traunstein bei seiner verheirateten Tochter.

Vikar Georg Thähertingrer von Grabenstätt wurde 1518 in Salzburg geweiht. Das Dorf habe circa 400 Kommunikanten, die meisten gehen zweimal jährlich zur Beichte. An eine Firmung könne er sich nicht erinnern. Vor zwei Jahren habe er eine Köchin genommen, »sich mit derselben vergessen« und ein Kind gezeugt.

Benefizia ist Willibald Reinmann, Studium und Primiz in Eichstätt (1549). Von seiner Köchin hat er zwei Kinder. Als er krank war, hat er sie als Pflegerin genommen. Besitzt viele schöne Bücher, darunter zwei verdächtige, die beschlagnahmt wurden.

Surberg, Hart, Chieming

Johannes Ingenhover in Surberg stammt aus der Gegend von Freising, hat in Ingolstadt und Wien studiert und wurde in Trient zum Priester geweiht. Er hat aus Interesse lutherische Bücher gelesen, sich aber nicht verführen lassen, erklärte er. Ein Teil der Pfarrkinder verlange die Generalbeichte statt der Einzelbeichte. Er predige dagegen, könne aber wenig ausrichten. Wenn jemand in der geschlossenen Zeit heirate, erlaube die weltliche Obrigkeit bei der Hochzeit das Tanzen und Musizieren – er sei dagegen machtlos. Mit seiner 30-jährigen Köchin habe er drei Kinder. Verspricht, sich künftig priesterlicher verhalten zu wollen.

Pfarrer von Hart ist der Benediktinermönch Wolfgang Merrxeysen aus dem Kloster Seeon, geweiht in Salzburg. Bei herumfahrenden Händlern habe er lutherische Schriften gesehen, aber keine gekauft. Er beschäftige eine 40-jährige Dienerin für den Haushalt und das Vieh, sie ist nicht seine Konkubine und er hat kein Kind. Aus seinem Kloster Seeon seien vor einiger Zeit sechs Mönche ausgetreten wegen sexueller Vergehen.

Pfarrer in Chieming ist Sebastian Stetner aus Waging. Studium in Ingolstadt, Primiz in Waging. Hat seit 11 Jahren eine Köchin und mit ihr vier Kinder, ist bereit, sie zu entlassen. In seinem Schrank wurden sieben lutherische Bücher gefunden und beschlagnahmt.

Vachendorf, Prien, Aschau

Pfarrer in Vachendorf ist Johannes Burckstaller aus Burghausen und seit 34 Jahren Priester. Er predigt und zelebriert nach altem Brauch und hat 2000 Kommunikanten. Von seiner 44 Jahre alten Köchin habe er 14 Kinder. Zur Pfarrei gehören die Filialen Miesenbach, Siegsdorf, Kammer und Bernhaupten Vor 20 Jahren seien fünf Priester da gewesen, jetzt sei er allein. Sein letzter Kaplan wurde wegen »Leichtfertigkeit« entlassen. Zuweilen helfen Geistliche aus Traunstein aus. Wie der Zechprobst sagt, hält der Pfarrer seine Kinder fest zur Arbeit an.

Der Priener Pfarrer Erasmus Koch ist ein Mönch von Herrenchiemsee. Hat 2100 Kommunionkinder. 60 Personen haben von ihm die Kelchkommunion begehrt. Nach seiner Ablehnung seien sie nach Prutting gegangen und haben dort den Kelch bekommen. Mit zwei weiteren Geistlichen versorge er die Filialen Bernau, Aschau, Umrathshausen, Sachrang, Frasdorf und Hüttenkirchen. Früher seien sie zu neunt gewesen. Er lebe seit acht Jahren mit seiner Köchin zusammen und habe einige Kinder. Nach seiner Meinung seien Priesterehe und Zölibat vor Gott gleichwertig.

Jakobus Setz ist Benefiziat in Aschau zusammen mit seinem Mitbruder Wolfgang Specker. Er stammt aus der Rosenheimer Gegend und wurde vor 26 Jahren in Salzburg geweiht. Mit seiner Köchin habe er zwei Kinder. 18 Personen haben von ihm unter Berufung auf »die fürstliche Erlaubnis« die Kelchkommunion gefordert, er habe sie abgewiesen. Sein Mitbruder Wolfgang sei seit 18 Jahren Priester und stammt aus Wildenwart. Er habe keine Köchin und keine Kinder. Vor Jahren habe er den Schülern den Kleinen Katechismus von Luther vorgelesen und in diesem Jahr 20 Personen die Kelchkommunion gereicht. Bei der Besichtigung wurden bei ihm fünf verdächtige Bücher gefunden und eingezogen. Der Pfarrer Martin Roth in Sachrang studierte in Ingolstadt und wurde vor drei Jahren in Augsburg geweiht. Er mahne das Volk zum Beten und erteile die Generallossprechung. Die Institution der Messe bezweifle er, er habe gelesen, sie sei vom Papst eingesetzt worden. Nach seiner Meinung sei im Brot nur der Leib und im Wein nur das Blut Christi. In seiner Pfarrei könne kein Mensch lesen und schreiben. Die Letzte Ölung habe er nie gespendet. Er habe eine Köchin von 40 Jahren, sie sei aber nicht sein Weib, er schlafe gleichwohl bei ihr, denn er habe nur ein Bett.

Antonius Schuehel, Kaplan in Prien, stammt von Rosenheim. Für die Predigt benutzt er ein katholisches und ein evangelisches Buch, das er weggeben will. Er habe in drei Filialen 600 Kommunikanten, drei gehen nach Aschau zur Kelchkommunion.

 

Julius Bittmann

Teil II in den Chiemgau-Blättern Nr. 9/2020 vom 29. 2. 2020

8/2020