weather-image
21°
Jahrgang 2020 Nummer 20

Die Bauernunruhen in Südostbayern 1633

Proteste gegen die Einquartierung der bayerischen Truppen

Blick auf Wasserburg mit Innbrücke und Brucktor.
Kurfürst Maximilian, Porträt von Ulrich Windberger.
Bauern überfallen einen Söldner, Radierung von Hans Ulrich Franckh (1643).

Im Winter 1633, mitten im Dreißigjährigen Krieg, läuteten in vielen Städten und Dörfern im südöstlichen Bayern die Sturmglocken. Sie riefen die Bauern dazu auf, sich gegen die Einquartierung des bayerisch-kaiserlichen Heeres zu wehren, die für den Winter in den Orten zwischen Inn und Salzach geplant war. Einen Vorgeschmack bitterster Art hatte die Bevölkerung bereits in den letzten Wochen bekommen, als das vor allem aus Kroaten und Spaniern bestehende Kriegsvolk ohne vorherige Ankündigung die Dörfer überflutet und beim Durchzug wie die Wilden gehaust hatte.

Die Soldaten der Liga befanden sich nach zwei schmählichen Niederlagen und nach dem Tod Tillys in einem desolaten Zustand. In Breitenfeld und in Rain am Lech waren sie von Gustav Adolf gedemütigt worden. Viele Tote waren auf den Schlachtfeldern geblieben, viele waren verletzt gerade noch einmal davon gekommen. Mit dem Tod des großen Feldherrn Tilly war die Siegeszuversicht geschwunden und hatte der Resignation Platz gemacht. Vorbei war die strenge Zucht, wie sie unter Tilly geherrscht hatte. Willkür, Brutalität und Gewalt gegen die Zivilbevölkerung waren an ihre Stelle getreten. Mit großer Sorge sahen die Bauern dem kommenden Winter entgegen, in dem Reiter und Pferde bei ihnen unterkommen sollten. Um die Einquartierung abzuwenden, erhoben sie sich allenthalben und protestierten lautstark gegen die Obrigkeit.

Die politische Lage in Bayern war seit Mai 1632 kritisch. Die Truppen Gustav Adolfs hatten sich nach der vergeblichen Belagerung von Ingolstadt südwärts gewandt, waren – ohne nennenswerten Widerstand zu finden – in die bayerische Hauptstadt eingefallen und hatten die Residenz geplündert. Kurfürst Maximilian war rechtzeitig mit seinem Hof in das damals bayerische Braunau am Inn ausgewichen und beobachtete von hier besorgt die Unruhen der Bauern.

»Die Aufständischen kamen vom Waginger See, von Teisendorf, von Traunstein und aus dem Chiemgau und der Rosenheimer Gegend in dichten Haufen und zogen unaufhaltsam nordostwärts«, schreibt Oskar Maria Graf. »Auch von Kolbermoor, von Kirchseeon, von der Erdinger Landschaft, von Dörfen über Schwindegg bis Ampfing reichte die verwegene Front. Zuletzt war es ein gewaltiger, furchtbarer Heerbann, der jeden Tag weiter zunahm und an die 12000 zählen mochte. Sie säuberten alle Dörfer, die von der Einquartierung geplagt wurden, und ließen kein Verhandeln, keine Schonung zu. Wer ihnen lebend in die Hände fiel, wurde zerhauen, in den Schnee geworfen, zu Tode geschleift oder blind gestochen.«

Auch im Umkreis von Rosenheim und Aibling, bei Peiss, Hochstädt und Beyharting war es zu neuen Zwischenfällen gekommen. In Pfaffing hatten durchziehende Soldaten den Pfarrer und den Gesellpriester aufgehängt, in Rechtmehring den Pfarrhof mit Vieh und Getreide niedergebrannt, in Aibling einen Wirt ausgeraubt und dann erschlagen. In Kling war das Schlosstor erbrochen und der Vorratskeller geplündert worden. In der Hofmark Griesstätt, die sich nicht dem Aufstand anschließen wollte, wurde den Bauern angedroht, ihnen Haus und Hof abzubrennen, wenn sie daheim blieben, worauf sie dann kräftig mitmachten, wie die Strafregister zeigen.

Am 2. und 3. Dezember 1633 versammelten sich die Bauern unter viel Lärm und ausgestattet mit primitiven Waffen vor Wasserburg auf beiden Seiten des Inns. Ihr Anführer war der Wagmüller von Babensham, der meist mit einem gewaltigen Schlachtschwert auf der Schulter herumlief. Niemand konnte in die Stadt, die Stadttore waren geschlossen und die Brücke aufgezogen.

Die Unruhen der Bauern hatten natürlich die Obrigkeit in Alarm versetzt. Zwei von Kurfürst Maximilian gebildete Sonderkommissionen sollten das Vordringen der Revoluzzer beobachten und die Rädelsführer feststellen. Bei der engen Verbindung von Staat und Kirche kann es nicht verwundern, dass auch hohe Geistliche in die Kommission berufen wurden. Deren Amtsautorität sollte dazu beitragen, das Gewicht der kurfürstlichen Anordnung zu unterstreichen. Zur Ostkommission gehörte der Abt Sigmund Dullinger von Seeon, zur Westkommission der Abt von Andechs. An die Anführer erging ein Mandat mit der Aufforderung, sofort in ihre Dörfer zurückzukehren. Dieses Mandat sollte von allen Kanzeln in den 17 Gerichten Südbayerns von Wolfratshausen bis Traunstein, von Vilsbiburg bis Aibling bekannt gegeben werden. Im Bauernlager verlas es der bei den Bauern beliebte Wasserburger Kapuziner Chrysostomus.

Der Kurfürst war entschlossen, gegen alle vorzugehen, die dem Mandat zur Umkehr nicht Folge leisteten. Ziviler Ungehorsam war ebenso wie militärischer Ungehorsam ein Staatsverbrechen. Das musste eine Gruppe Bauern spüren, die sich in der Nähe von Ebersberg zusammengerottet und nicht sofort den Rückzug nach Hause angetreten hatten. Der Kurfürst ließ gegen sie spanisches Fußvolk anmarschieren und Artillerie auffahren. Als das Geschützfeuer einsetzte, stoben sie auseinander, mehrere blieben tot liegen.

In Wasserburg tagte ein eigenes Standgericht, das strenge Strafen zur Abschreckung und zur Sühne aussprach. Alle Anführer wurden zum Tode durch den Strang verurteilt. Die Hinrichtung erfolgte an den Gerichtsorten, aus denen der Verurteilte stammte. Der Tote musste drei Wochen zur Abschreckung am Galgen hängen bleiben. Die Todesstrafe wurde auch gegen Totschläger und Gewalttäter verhängt, darunter die Bauern Michael Stibl, Wolf Weybacher und Johann Dunzmaier aus Griesstätt. Sie hatten einen Reiter auf Quar Schicksal traf Michael Mauerberger aus Mörmoosen. Andere kamen mit Auspeitschen, Einstellen ins Militär und Landesverweis auf mehrere Jahre davon. Glück im Unglück hatte der Wagmüller von Babensham, der im Kerker an Fleckfieber erkrankt war und so dem Galgen entkam.

Siegmund Riezler, der bayerische Landeshistoriker, der als erster den von ihm so benannten »Wasserburger Bauernaufstand« untersucht hat, kommt zu dem Urteil, dass der Kurfürst »bei der Sühne des Aufstandes zwar sehr streng vorgegangen ist, aber in vielen Fällen bei reinen Mitläufern doch hat Milde walten lassen«. Es sei nicht ein reiner Aufruhr gewesen, stellt er fest, sondern es war das Aufbäumen der Unterdrückten und Ausgesogenen gegen eine zuchtlose und verwilderte Soldateska.

 

Julius Bittmann

20/2020