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Jahrgang 2001 Nummer 14

Die Bauernhöfe im Chiemseemoos

Mit sechs Siedlerfamilien wurde vor 50 Jahren ein Anfang gemacht

Baracken im Moor 1950 zur Neuansiedlung der Siebenbürger Flüchtlingsfamilien.

Baracken im Moor 1950 zur Neuansiedlung der Siebenbürger Flüchtlingsfamilien.
Die neuen Häuser im Moor 1951, postalisch nicht »Neuseeland«, sondern »Chiemseemoos«!

Die neuen Häuser im Moor 1951, postalisch nicht »Neuseeland«, sondern »Chiemseemoos«!
Es ist schon eine besondere Landschaft, die zwischen Chiemsee und den nahen Alpen, zwischen Feldwies und Bernau-Felden, langsam hineingewachsen in Jahrtausenden in den einmal bedeutend größeren Chiemsee. Seit Jahrhunderten versuchten die Ansiedler diese Gründe zu verbessern, sie intensiver zu nutzen. Schon bald nach der vorletzten Jahrhundertwende stieg sogar der Staat intensiv ein, baute bei Bernau die hinlänglich bekannte Strafanstalt, die mit Bodenentwässerung und Torfgewinnung das Land verbessern sollte. Senioren erinnern sich sicherlich an diese Zeit, zumal gleich unmittelbar nach 1945, dem Kreigsende, diese Art Bodengewinnung sehr intensiviert wurde.

Erinnert sei auch daran, wie damals die Flüchtlinge und Heimatvertriebenen versuchten, hier auf irgendeiner Art ansässig zu werden, und da bot sich unter diesen Umständen auch dieser Moorgrund zwischen Übersee-Feldwies und Bernau an. Vier Bauernhöfe und eine Nebenerwerbsstelle wurden hier hineingesetzt. Fast fünf Jahrzehnte später betrachtet man es wieder anders. Heute möchte man in diesem Landstrich fast alles unter Landschaftsschutz und Naturschutz stellen! So ändern sich die Zeiten und die Ansichten!

Doch nun zu den Ansiedlern, die vor einem halben Jahrhundert sich hier im Moorgebiet fünf Kilometer westlich von Übersee niederlassen durften. Diese kamen damals als Kriegsflüchtlinge aus Siebenbürgen, wohin sie bereits im Mittelalter aus der Pfalz ausgewandert waren und sich dort angesiedelt hatten. Jedoch 1944, gegen Ende des 2. Weltkrieges, mußten sie Siebenbürgen verlassen. Ende 1944 zogen sie im Treck mit ihren Pferdewagen nach Österreich, mußten aber nach Kriegsende Deutschösterreich auch wieder verlassen, um mit Sack und Pack im Treck weiter nach Westen, Richtung Niederbayern zu ziehen und dann noch weiter bis ins Frankenland. Dort warteten und hofften diese Siebenbürger Sachsen, um irgendwo Boden zu einer Urbarmachung und neuerlichen Ansiedlung zu bekommen. 1949 war es endlich soweit. Sechs Siedlerfamilien erhielten Grund in der Damberger Filzen südlich des Chiemsees, eine Fläche von 78 Hektar. Freilich war dies kein Ackerland. Mit fachlicher Hilfe und in schwerster Arbeit sollten sie hier neu anfangen. Baracken wurden hier in der Wildnis aufgestellt und die Flüchtlinge aus Siebenbürgen freuten sich auf eine neue Heimat im Chiemgau.

In einer Beschreibung von damals können wir lesen: »Eine einzigartige Hochmoorlandschaft liegt westlich der Gemeindeflur Übersee-Feldwies, zwischen Autobahn und Eisenbahn, südlich des Chiemsees. Zum Teil noch im Urzustand befindlich, dicht bewachsen mit Latschen, Kiefern und Birken, hätte wohl niemand geglaubt, daß hier bald schmucke Bauernhäuser entstehen werden.«

Für die Siedler folgten harte Monate, ja Jahre, bis im August 1952 Richtfest für vier Bauernhöfe und für eine Nebenerwerbsstelle gefeiert werden konnte. Es galt Trinkwasser zu finden, wozu ein 48 Meter tiefer Brunnen gebohrt werden mußte. Elektrischen Strom gab es natürlich in der Wildnis auch nicht. Das Meliorationsgebiet hatte ein Ausmaß von 60 Hektar und war unberührtes, nicht abgetorftes Hochmoor mit einer Tiefe von einem halben bis zweieinhalben Meter auf Seeton. Von Hand wurden etwa 20 Hektar gerodet und Entwässerungsgraben galt es anzulegen, Wege und Straßen zu bauen und zu bekiesen. Tausende von Tagschichten leisteten die Siedler in mühseliger Handarbeit.

Im August 1952 fand dann Einweihung und Richtfest für diese Chiemseesiedlung statt. Mit Birken, Latschen und Heidekraut schmückte man die stattlichen und allseits bewunderten neuen Höfe. An den Häusern flatterten nicht nur weißblaue bayerische Fahnen, sondern auch Fahnen in Blaurot, Siebenbürgener Fahnen. Dann begab man sich nach Übersee in die zuständige Gemeinde, um dort im Gasthaus zum Hinterwirt zu feiern. Behördenvertreter von München bis nach Traunstein waren gekommen. Der Seniorchef der Siedler, Michael Schuster, fast 90 Jahre alt, sprach die dankenden Worte im Namen der Siedler.

Die neue Siedlung, früher hätte man gesagt der neue Weiler, Ort im Gemeindebereich von Übersee brauchte nun noch einen Namen. Die Gründe westlich von Übersee, Feldwies, hießen übrigens bei den Einheimischen die Schöneggart. Sie gehörten seit dem frühen Mittelalter allen, sie waren Gemeingut, jedermann durfte sein Vieh hintreiben. Nur das Einzäunen war nicht gestattet. Feldwieser Kleinbauern bekamen gerade durch dieses Verbot immer wieder Schwierigkeiten, wollten sie sich von diesem Stück Allgemeingut doch immer wieder einmal mit Hilfe einer kleinen Umzäunung etwas abschneiden. Das änderte sich erst im jungen bayerischen Königreich. Zu König Max Regierungszeit bekam nämlich jeder hiesige Bauer, auch Kleinbauer, in der Schöneggart acht Tagwerk Grund. Auf ersten Landkarten dieser Zeit ist sogar der damalige Königsname festgehalten, und sie sollten zusammenfassend fortan »Maximiliansfeld« heißen. Doch dieser neue Name kam anscheinend nicht an, bis auf den heutigen Tag spricht man von der Schöneggart, wenn man sich westlich von Feldwies in diese Fluren begibt. Lediglich die Moorgrundstücke unmittelbar am Chiemsee gelegen, und wo vor 50 Jahren die Siebenbürger Flüchtlinge sich ansiedeln durften, hatten den Namen »Neuseeland«. Es war verständlich, daß man daher bei der Postanschrift als Ortsteil Übersees den Namen »Neuseeland« angab (Übersee, Neuseeland). Dazu sei noch erinnert, daß es bei Landgemeinden zu dieser Zeit postalisch gesehen noch keine offiziellen Straßennamen gab. Doch nun fühlten sich die Münchner Postbehörden damals übergangen. Postalisch gesehen ist doch »Neuseeland« die große Insel auf der anderen Seite unserer Erdkugel. Sollte jemand in dieser neuen Chiemseesiedlung Post mit der Ortsangabe »Neuseeland« bekommen wollen, wäre es doch möglich, daß ein Postsortierer diesen Brief mit dem Dampfer übers Meer schickte! Daher kam aus München die Aufforderung zur Umbenennung und der mehr oder weniger befehlende Vorschlag für den neuen Ort westlich von Übersee den Namen »Chiemseemoos« zu verwenden.

Josef Metz



14/2001