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Jahrgang 2012 Nummer 28

Die Basilika zeigt Altersschäden

Die große Wallfahrtskirche von Altötting muss saniert werden

Statt der Türme erhielt die Basilika einen Dachreiter. Zur Zeit ist sie eingerüstet.
Die heilige Anna am Hochaltarbild trägt die Züge der Gemahlin von Prinzregent Luitpold, dem Stifter des Altars.
Protektor der Basilika war Prinz Ludwig von Bayern, der spätere König Ludwig III.

Die St. Anna-Basilika in Altötting ist nicht nur die größte Kirche in der Wallfahrtsstadt, sondern die größte der im 20. Jahrhundert in Deutschland gebauten Kirchen überhaupt: 83 Meter lang, 24 Meter hoch, Gewölbebreite 27 Meter, Fassungsvermögen: 8000 Personen. Keinen Superlativ kann jedoch ihr kunstgeschichtlicher Wert beanspruchen. »Der im Neo-Barock errichtete Bau gilt in Fachkreisen als künstlerisch nicht besonders wertvoll«, stellt der Kapuzinerpater Dr. Franz X. Hoedl fest. Das sei aber auch nicht der erste Zweck eines katholischen Gotteshauses, gibt er zu bedenken. Wertvoll sei die Basilika dadurch, weil sie der Wallfahrt durch ihre Größe wertvolle Dienste leiste und weil sie dem einfachen Volk doch auch manche Anregung zu bieten vermöge.

Seit einigen Wochen ist die Basilika eingerüstet. Erhebliche Außen- und Innenschäden machen eine gründliche Sanierung des vor hundert Jahren erbauten Gotteshauses unvermeidlich. Der Sanierungskatalog ist umfangreich: Beseitigung der Putzschäden an der Außenwand, Reinigung der Altarbilder, Erneuerung der Portalsockel und des Dachreiters, Sanierung der Raumschale im Innenbereich, Erneuerung von Heizung und Elektroinstallation, Austausch von Fenstern und Türen, Einbau von WC-Anlagen. Der Kostenaufwand wird wohl mindestens fünf Millionen Euro betragen, sagt Kapuzinerpater Werner Labus. Die Außenrenovierung soll bis zum Herbst dieses Jahres dauern, dann geht es an die wesentlich aufwändigere Innenrenovierung.

Grund für den Bau der Basilika war der rasante Anstieg der Altötting- Wallfahrer zu Beginn des 20. Jahrhunderts, veranlasst durch den Anschluss der Stadt an das Eisenbahnnetz. Die vorhandenen Kirchen konnten die per Zug anreisenden Pilgerscharen nicht mehr fassen. So entschloss man sich zum Bau einer großen Wallfahrerkirche. Bauherr war Joseph Anton Kessler, der Guardian (Vorsteher) des Altöttinger Kapuzinerklosters St. Anna, den Bauplatz, auf dem erst noch ein Bauernhof abgerissen werden musste, bezahlte die Marianische Männerkongregation. Als Protektor der Basilika konnte Kronprinz Ludwig von Bayern, der spätere König Ludwig III., gewonnen werden. Architekt war Johann Schott aus München, der vor allem in Niederbayern zahlreiche Sakralbauten geschaffen hatte. Nach der Vollendung des Baus wurde Schott von Prinzregent Luitpold in den persönlichen Adelsstand erhoben, von der Kirche mit dem St. Michaelsorden ausgezeichnet.

Schott legte seinem Plan die Klosterkirche von Fürstenfeldbruck zugrunde. Am 30. Mai 1910 gingen an die einhundert Arbeiter mit Pickel und Schaufel daran, die Fundamente auszuheben und in einer Stärke von drei Metern eine gewaltige Betonmasse einzulassen. Der Grundstein ist im Aufgang zum Presbyterium auf der rechten Seite sichtbar eingemauert. Nach einer Bauzeit von zweieinhalb Jahren wurde die Kirche am 13. Oktober 1912 vom Passauer Bischof eingeweiht.

Das auf der Hauptfassade realisierte Bildprogramm ist ganz auf die heilige Anna, die Patronin der Kirche und auf ihre Vorfahren abgestimmt. Im oberen Giebelfeld sieht man eine »Anna Selbdritt«: Maria überreicht der Mutter Anna das Jesuskind. Die vier mächtigen Steinfiguren im Mittelfeld repräsentieren ihre Ahnen: Adam, Abraham, Isai und David. Das Material für die Statuen stammt aus dem Bayerischen Wald. Aus der großen Entfernung kann sich der Betrachter kaum vorstellen, dass jede Figur vier Meter hoch ist und mehr als 100 Zentner wiegt. Über dem Mittelportal aus Marmor liest man auf einem von Engeln getragenen Schriftband den Namen »Sankt Anna«, über den zwei Seitenportalen die Ehrentitel »Mutter der Gottesgebärerin« und »Ahnfrau Christi«.

Der mächtige Hochaltar wurde von Prinzregent Luitpold gestiftet. Er ist im unteren Teil eine Mosaikarbeit aus wertvollen Marmorarten. Das Altarbild, ein Werk des Münchner Akademieprofessors Leonhard Thoma, stellt eine Art Huldigung an den edlen Stifter dar. Es zeigt die heilige Anna und ihre Tochter Maria als junges Mädchen. St. Anna trägt die Züge von Prinzessin Augusta, der bereits 1864 verstorbenen Gattin des Prinzregenten. Ihr zur Seite steht der Prinzregent selbst, an seiner Hand hält er den jugendlichen Prinzen Luitpold von Bayern. Ganz links steht Papst Pius X., der die Kirche zur Päpstlichen Basilika erhoben hat. Über dem Bild thront das bayerische Königswappen. Die zwei Heiligenfiguren links und rechts zeigen die Päpste Gregor den Großen und Leo den Großen, darüber die Brustbilder von Petrus und Paulus.

Alle Altarbilder sind Auftragsarbeiten von seinerzeit namhaften Kirchenmalern, etwa Kaspar Schleibner und Wilhelm Kolmsperger (München), Rupert Lickleder (Rosenheim), Anton Veiter (Klagenfurt) und Philipp Schumacher, dem Illustrator einer weit verbreiteten bayerischen Schulbibel. Die Bildthemen waren vom dafür zuständigen Planungsrat ausgewählt, der auch bestimmte, welche historischen oder lebenden Personen auf den Bildern darzustellen seien. Der Besucher kann prüfen, wieweit er im Erkennen bekannter Persönlichkeiten firm ist.

So sind etwa auf dem Antonius-Altar eine Reihe Terziaren (Mitglieder des Dritten Ordens) zu sehen, außer König Ludwig von Frankreich und der heiligen Elisabeth von Thüringen auch Rudolf von Habsburg, Italiens größter Dichter Dante, der Maler Raffael, Columbus, der Entdecker Amerikas, Papst Leo XIII. und die Wittelsbacher- Prinzessin Mathilde, Herzogin von Coburg. Interessant ist, dass der Antonius- Altar von Freiherr von Cramer-Klett auf Burg Hohenaschau gestiftet wurde. Der Freiherr war ein großer Wohltäter der Kirche, der seinerzeit auch die Neugründung von Kloster Ettal ermöglicht hat. Zum Dank ist er auf dem Altarbild in der Altöttinger Basilika nicht nur als frommer Beter zu sehen, auch sein Wappen thront über dem Altar.

Weil die Kirche den Ehrentitel einer päpstlichen Basilika trägt, ist über dem Hauptportal das Wappen von Papst Benedikt XVI. angebracht. In der Vorhalle sieht man die Wappen seiner acht Vorgänger von Pius X. bis zu Johannes Paul II. Zu Lebzeiten des jeweiligen Papstes befand sich sein Wappen über dem Hauptportal, nach seinem Tod wanderte es in die Vorhalle, um dem Wappen seines Nachfolgers Platz zu machen. So wird es auch dem Wappen unseres jetzigen Heiligen Vaters ergehen.


Julius Bittmann

 


28/2012