Jahrgang 2009 Nummer 40

Die Baronin Jemima von Tautphoeus

Eine englische Autorin als Burgherrin von Marquartstein

Jemima Montgomery als junges Mädchen

Jemima Montgomery als junges Mädchen
Baronin Jemima von Tautphoeus als Achtzigjährige

Baronin Jemima von Tautphoeus als Achtzigjährige
Alice von Tautphoeus, Jemimas Schwiegertochter

Alice von Tautphoeus, Jemimas Schwiegertochter
Biografie

Jeder Reisende im Chiemgau, der im Achental, von Grassau kommend, auf der B 305 gen Süden fährt, erkennt linker Hand auf einer dem Hochgern vorgelagerten Bergkuppe die Burg Marquartstein. Seit mehr als 900 Jahren erhebt sie sich dort über dem Tal. Viele Jahrhunderte lang war sie der Amtssitz des Pflegers (Landrichters), und zu Beginn des 19. Jahrhunderts wohnte dort einige Jahre lang der zuständige Beamte der Forst- und Salinenverwaltung. Danach verwaiste die Burg. Man brach Mauersteine aus dem Nordflügel heraus für den Bau des neuen Forsthauses im Tal, versteigerte Grundstücksteile, riss die Wirtschaftsgebäude ab und flickte nur mehr notdürftig das schadhafte Dach.

Bis das Jahr 1857 kam. In jenem Jahr kauften Freiherr Cajetan und Freifrau Jemima von Tautphoeus dem bayerischen Staat die Burg ab. Und seitdem ist sie wieder von Leben erfüllt. Jemima von Tautphoeus, geb. Montgomery, aus Irland stammend, war die Autorin von vier erfolgreichen, in Englisch verfassten Romanen. Ihren Einkünften sind der Erhalt und die Renovierung der Burg Marquartstein zu verdanken. Wer war diese Frau?

Geboren wurde Jemima Montgomery in Irland, und zwar am 23. Oktober 1807 im County Donegal im Norden des Landes. Über ihre Schul- oder Ausbildung ist nichts bekannt. Wir wissen, dass ihr Lebensweg sie in den 30er Jahren nach Deutschland führte, wo sie ihren späteren Mann Cajetan von Tautphoeus kennenlernte und 1838 heiratete.

Cajetan wurde 1805 in Dillingen geboren. Er trat nach einem Jura-Studium in den bayerischen Staatsdienst ein. Eine seiner beruflichen Stationen war das Landgericht Traunstein, eine weitere die Landrichterstelle in Reichenhall. Er wurde zum königlichen Kammerherrn ernannt, und später holte ihn der König ins Außenministerium.

Da Cajetan von Tautphoeus ein hochgestellter Beamter aus dem engeren Umfeld des Königs war, wird auch seine Gemahlin in das höfische Leben in München eingebunden gewesen sein. Die Residenzstadt war damals noch überschaubar. Die am Hof beschäftigten Adeligen und ihre Familien standen miteinander in Verbindung: man kannte sich. Die vollständig im Hauptstaatsarchiv erhaltenen Ernennungsurkunden Cajetans tragen nacheinander die persönliche Unterschrift von drei bayerischen Königen: Ludwig I., Max II. Joseph und Ludwig II.

Aus dem Leben der Baronin kennen wir nur wenige Einzelheiten. Die Lektüre ihrer Romane verrät, dass sie das Münchner Alltagsleben, die Pflichten und Vergnügungen adeliger Mittelschicht-Familien, den Alltag auf dem Lande, Fahrten ins Oberland und zum Chiemsee, Aufenthalte in Salzburg oder Seeon, Einzelheiten der Ausbildung junger Mädchen in Pensionaten u.v.a. selbst erfahren hat, da sie sie sehr kenntnisreich beschreibt und in ihre Erzählungen einbindet.

Für das Achental hat sich als entscheidendes biografisches Datum das Jahr 1857 erwiesen, das Jahr des Ankaufs der Burg Marquartstein. Das Ehepaar Tautphoeus konnte nun seinen Hauptwohnsitz München regelmäßig zu längerem Aufenthalt mit der Burg im Chiemgau vertauschen. Ihr Einsatz für die Renovierung der Gebäude zeugt von großem Interesse am Leben in der bayerischen Provinz. Diese Neigung belegen auch viele Romanpassagen.

In einer handschriftlichen Notiz im Familiennachlass lesen wir über die Verbindung der Familie Tautphoeus zur neuen Heimat: »Die Liebe zum bayerischen Gebirge und dessen Bewohnern war dem Freyherrn stets treu geblieben. Im Jahr 1857 hatte er die alte Burg Marquardstein vom königl. Staatsärar erkauft und rüstig an deren Renovation gearbeitet. So wurde der alte, wundervoll schön gelegene Sitz von dessen gänzlichem Verfalle gerettet und dem Besitzer und seiner Familie ein freundlicher Sommeraufenthalt geschaffen.«

Jemima und Cajetan von Tautphoeus hatten einen Sohn, Rudolf Edgeworth von Tautphoeus. Er war königlich-bayerischer Gesandter in Rom, verstarb jedoch bereits 1885 mit 47 Jahren, und zwar zwei Wochen vor seinem Vater. Beide Tote wurden von München mit der Eisenbahn nach Marquartstein überführt und in Unterwössen zu Grabe getragen. Den Särgen folgten zahlreiche Honoratioren aus dem Staatsdienst und dem örtlichen Adel; das Traunsteiner Wochenblatt berichtete ausführlich.

Jemima von Tautphoeus überlebte ihren Gatten wie auch ihren Sohn um acht Jahre. Am 12. November 1893 starb sie an ihrem Witwensitz in München. Ihren Tod erwähnte das Traunsteiner Wochenblatt nur in wenigen Zeilen.

Aus einer Münchner Zeitung ist allerdings ein ausführlicher Nachruf für Jemima von Tautphoeus erhalten, der uns in persönlicher Weise ihre Eigenschaften und insbesondere auch ihre Leistungen als Schriftstellerin nahe bringt. Sie wird als »äußerst liebenswürdige und begabte Schriftstellerin« geschildert, deren Tod »auch eine große Anzahl von Verehrern und Verehrerinnen in Europa, Amerika und Australien schmerzlich« empfunden habe. »Der Freifrau von Tautphoeus dankbar zu sein, hat auch Bayern besondere Ursache, denn ihre Schriften haben die Aufmerksamkeit der Engländer und Amerikaner zuerst auf das bayerische Hochland gelenkt …«

Das literarische Werk

Jemima Montgomery kam als junges Mädchen nach Deutschland. Ihr Aufenthalt, nur als Besuch geplant, dauerte ein Leben lang. Ihre Erlebnisse und Erfahrungen fanden Eingang in ihre insgesamt vier Romane, veröffentlicht zwischen 1850 und 1863. Sie waren auf Englisch geschrieben und erreichten mehrere Auflagen; bald erschienen sie auch auf Deutsch. Und was ganz entscheidend ist: Alle ihre Bücher spielen in Deutschland. Insbesondere München, der Chiemgau, das Werdenfelser Land und Salzburg werden dargestellt und in die Handlung eingewoben. »Sie war die Verfasserin damals vielgelesener Romane, die der anglo-amerikanischen Welt Bayerns Land und Leute in meisterhaften Schilderungen nahebrachten und sie zu zahlreichem Besuch der bayerischen Berge veranlassten« (Helmut von Tautphoeus 1951).

Diese Einschätzung begründete im Achental ihren Ruf als Autorin. Leider sind die Romane weitgehend in Vergessenheit geraten. Sie heute wieder zu lesen, erfordert eine gewisse Ausdauer: es sind viele hundert, gar tausend Romanseiten, die in langen erzählenden Passagen gelegentlich etwas anstrengend wirken. Oder sind es die teilweise steifen gesellschaftlichen Normen, die sich in den Romanen spiegeln und die uns heute fremd sind? Andererseits quellen die Romane der Tautphoeus an vielen Stellen sogar über an Lebendigkeit, Humor und intelligenten Beobachtungen aus dem deutschen Alltag. Deshalb lohnt sich die Lektüre auf jeden Fall.

Da die Romane der Baronin von Tautphoeus – so erfolgreich sie zu ihrer Zeit auch waren – heute nur mehr in Antiquariaten erhältlich und deutsche Übersetzungen noch schwerer zu kaufen sind, stelle ich hier die vier Bücher kurz vor.

The Initials/Die Anfangsbuchstaben (1850): Dieses erste Buch erzählt von den Studienjahren eines jungen Engländers in Süddeutschland, von seinen deutschen Bekannten und von seiner Liebe zu einer Münchnerin.

Cyrilla/Cyrilla (1853): Das zweite Buch ist vor allem eine Darstellung von gesellschaftlichen Zwängen, Missverständnissen und den daraus resultierenden dramatischen Lebenssituationen aus der Zeit um 1830. Im Mittelpunkt eines Bigamie-Falles steht eine junge deutsche Adelige. Orte der Handlung sind Salzburg und eine nicht näher zu identifizierende Residenzstadt in Norddeutschland.

Quits/Quitt (1857): Im dritten Roman ist wieder eine junge Adelige die Hauptfigur der Handlung, diesmal eine Engländerin, die nach Deutschland reist und aufgeschlossen Land und Leute beobachtet. Der Schriftstellerin bieten sich hier viele Gelegenheiten für detailreiche Naturschilderungen und für die Darstellung der sozialen und ökonomischen Umstände im Werdenfelser Land um 1850.

At Odds/Uneins (1863): Zeit der Handlung dieses vierten und letzten Romans von Jemima von Tautphoeus ist das erste Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts. Sie bettet eine Liebesgeschichte ein in die politisch unruhigen Jahre der Napoleonischen Kriege in Süddeutschland und Tirol. Wieder dreht sich die Handlung um eine Adelsfamilie.

Soweit der Überblick über die Romane der Baronin von Tautphoeus, der Burgherrin von Marquartstein. Eine kleine Kostprobe gefällig? Schon mit den ersten Zeilen ihres letzten Romans entführt uns die Autorin in den Chiemgau: »Am Ende der großen bayerischen Ebene, die sich südöstlich von München in Richtung der österreichischen Grenze erstreckt, liegt ein ausgedehnter und wunderbarer See namens Chiemsee, in dessen Nachbarschaft, viele Meilen ringsum, es eine Zahl weiterer kleiner oder gar winziger Seen gibt, die aller Wahrscheinlichkeit nach vor etlichen Jahrhunderten zusammen eine riesige Wasserfläche bildeten….« Mehr wird hier nicht verraten. Ja, sie hat ihre Wahlheimat gut gekannt, die englische Baronin aus Marquartstein.

Spuren im Achental

Es war dem erfolgreichen literarischen Schaffen der englischen Autorin Jemima von Tautphoeus zu verdanken, dass die Burg Marquartstein Mitte des 19. Jahrhunderts vor dem Verfall gerettet werden konnte. Zwischen Biografie und Werk gibt es manche Verknüpfung. Hier einige Beispiele: Die Schriftstellerin war in den 1840er Jahren mit dem Schreiben des Romans »The Initials« (Die Anfangsbuchstaben) beschäftigt. Dort schildert sie ein Schloss (»Hohenfels«). Mit diesem Bau aus dem Roman wird verschiedentlich die Marquartsteiner Burg in Verbindung gebracht. Die Beschreibung verweist jedoch auf Niedernfels: »… ein Wohnhaus von bescheidenem Ausmaß mit einem hohen Dach, das zwei dunkel getönte, massive, eckige Türme hatte … [Es bot] einen weiten Blick auf Wälder, Berge und ein Stück vom Chiemsee…«

Zum Zustand der Burg Marquartstein selbst hören wir aus einer Schrift aus den 1860er Jahren: »Mit Ausnahme des früheren Kastengebäudes ist das Schloß wieder wohnbar hergestellt, und wird von dem Besitzer, der mit Bereitwilligkeit anständigen Besuchern die entzückende Aussicht vom Balkon des Schlosses zu geniessen gewährt, während der Sommermonate bewohnt.« Auf diese Weise erfahren wir, dass die Eheleute Tautphoeus zumindest im Sommer in Marquartstein lebten und dass sie offensichtlich recht aufgeschlossen waren. Es sind im Nachlass der Familie Fotografien von den Innenräumen der Burg vorhanden, die die Ausstattung im üppigen Stil des 19. Jahrhunderts veranschaulichen.

Welche späteren Ereignisse lassen die Erinnerung an die Baronin im Achental lebendig bleiben? Nach dem Tod der Eltern Tautphoeus 1885 bzw. 1893, deren einziger Sohn Rudolf bereits vor ihnen verstorben war, übernahm dessen Witwe Alice de Sonnino das Erbe, so dass sich eine anhaltende Verbindung zwischen dem Achental und Italien entwickelte.

Das Paar hatte zwei Töchter, Eleonora (*1869) und Margherita (* 1870). In der weiteren Erbfolge ging der Marquartsteiner Besitz an Eleonora, verh. Pecori-Giraldi, über.

Sie scheint mit ihrer großen Familie – sie hatte sieben Kinder – immer wieder die Sommermonate in Marquartstein verbracht zu haben. Ein Foto, das Familienmitglieder und Gäste auf der kleinen Treppe im Innenhof der Burg zeigt, gibt davon einen Eindruck.

Mit Ausbruch des 1. Weltkrieges waren die sommerlichen Besuche der italienischen Familie in der gewohnten Weise nicht mehr möglich, da Eleonora mit einem italienischen General verheiratet war. Der Besitz wurde zunächst amtlich beschlagnahmt, dann der Familie wieder zurückgegeben. Gräfin Pecori-Giraldi entschloss sich zur Vermietung der Burg. 1928 pachtete Herrmann Harless das Anwesen, der die Räume bis 1958 für das von ihm begründete Landschulheim nutzte. Danach wurde es verkauft und blieb in (zunächst wechselndem) Privatbesitz.

Der bayerische Zweig der Familie Tautphoeus, nämlich Cajetans Neffe Albrecht und seine Frau, waren weiterhin mit dem Achental verbunden.

Von ihren drei Kindern Edwin, Helmut und Marietta blieb die Tochter bis zu ihrem eigenen Tode im Marquartsteiner Weberhäusl (inzwischen abgerissen) wohnen. Nur unwillig überließ ihr die italienische Cousine das Wohnrecht. Sie habe zu weiterer Unterstützung nicht die Mittel, da der Unterhalt der Burg viel Geld verschlinge: »… schon meine Mutter und Großmutter haben große Summen für das Restaurieren des Schlosses ausgegeben.« Die Miete reiche nicht einmal aus, um Steuern und Abgaben zu bezahlen. Marietta von Tautphoeus wurde 1944 in Marquartstein begraben. Man nannte sie auch »die Kirchenbaroness«.

Die ursprüngliche Tautphoeus-Grabstelle in Unterwössen, beschrieben als »die vergitterte Familiengruft der Tautphoeus«, ist seit dem Um- und Ausbau der Kirche 1963 nicht mehr vorhanden. Jedoch konnte die Grabplatte mit den Namen und Daten von Cajetan und Jemima von Tautphoeus sowie ihrem Sohn erhalten bleiben. 2008 wurde sie im Zusammenhang mit der Fassadenrenovierung gereinigt, restauriert und wieder angebracht. Sie befindet sich heute an der Außenwand der Kirche.

Noch eine weitere Verbindung zwischen der Familie Tautphoeus und dem Achental ist erkennbar: Das heutige Wappen der Gemeinde Marquartstein geht zurück auf einen Entwurf des Großneffen von Cajetan und Jemima. So fand das Engagement derer, die die Burg im 19. Jahrhundert wieder herrichten ließen, im Marquartsteiner Gemeindewappen seit dem 20. Jahrhundert eine verdiente Erinnerung.

Hätte es Jemima von Tautphoeus nicht gegeben, existierte das markante Bauwerk über der Ache bei Marquartstein vermutlich nur mehr als Ruine. So aber stellt die Burg ein heute noch eindrucksvolles Symbol für den Lebensweg und den Erfolg der englischen Schriftstellerin im Achental dar. Uns Menschen des 21. Jahrhunderts bleiben zur Erinnerung nicht nur die Romane aus ihrer Feder, sondern auch zahlreiche weitere Spuren im Achental. Sie erinnern an das lange Leben einer interessanten, weitgereisten, gebildeten und auch sehr humorvollen Persönlichkeit: Jemima von Tautphoeus war eine Europäerin aus dem Chiemgau.


Uta Grabmüller

Hinweis:
Siehe auch die Publikation: Uta Grabmüller, Eine englische Schriftstellerin auf Burg Marquartstein: Baronin Jemima von Tautphoeus, Heft 2 der »Achentaler Hefte«, herausgegeben vom Heimat- und Geschichtsverein Achental, 2009.



40/2009